Berlin ab 50…

… und jünger

Lassen Sie das Gras wachsen!

„Rasenstück“ von A.Dürer

Sie freuen sich auch auf den Sommer –  wenn nur diese Bienen nicht wären….? Bei der nächsten lästigen Biene denken Sie einfach: „wichtiges Nutztier“ – vielleicht hilft das, die „summende Gefahr“ ein wenig anders zu sehen.

Offiziell steht sie an dritte Stelle – nach dem Rind und dem Schwein, aber ohne sie würden Mensch und Tier vermutlich schnell verhungern. Ohne die Biene, die etwa 80% der Pflanzen bestäubt, von denen wir uns ernähren, würden Mensch und Tier nicht überleben. Dies bedenkend bekommt das Schlagwort vom „Bienensterben“ doch etwas recht bedrohliches. Und dies gilt für Honig- wie für Wildbienen.

Für die Reduzierung der Honigbienen-Völker gibt es mehrere Gründe,  aber viele sind von uns Menschen gemacht.

Vieles hat damit begonnen, dass wir lieber zum billigen Honig greifen als zum teuren heimischen Produkt. Mit diesem, meist aus Asien importierten Lebensmittel begann der Niedergang der Imker, die Zahl der Bienenvölker in Deutschland hat sich seit 1990 halbiert. Gleichzeitig floriert der Handel mit „Königinnen“ – womit wir uns auch die Varroa-Milbe aus Indonesien  sozusagen ins Haus gebracht haben. Inzwischen hat sich  die Milbe weltweit verbreitet – nur die Antarktis ist noch milbenfrei. Auch ein Symptom unserer  Globalisierung.

Ein weiterer Grund ist der Klimawandel. Die Milbe, die in den Brutzellen der Bienen sitzt, ernährt sich in der Zeit, in der Bienen ihren Nachwuchs aufziehen. Dies beendet der erste Frost. Früher war das meist schon im Oktober, November. Inzwischen setzt der erste Frost meist viel später ein, so wie diesen Winter – da kam er erst im Januar. Dies bedeuten geradezu paradiesischer Zustände für die Varroa-Milbe.

Und wenn das Frühjahr so spät einsetzt wie dieses Jahr, mag auch die Biene – so sie den Winter überhaupt überlebt hat – nicht vor die Türe ihres Hauses krabbeln, geschweige denn fliegen. Als im April zwar die Obstbäume blühten, war es den Bienen aber einfach zu kalt. Daher werden wir heuer ungefähr 70% der Obsternte einbüßen – für die Obstbauern und dann für uns Verbraucher eine Katastrophe. Wenn die Biene nicht fliegt, stehen wir schon im Sommer vor leeren Obstkisten und später vor sauteuren Äpfeln.

Das Länderinstitut für Bienenkunde Hohen Neuendorf e.V. (LIB)*,  eine gemeinsam von den fünf Bundesländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Berlin getragene Forschungseinrichtung,  forscht nun nach der Honigbiene, die Herausforderung der Zukunft bewältigt, der Milbe wie dem langen Winter trotzt. Und wir können nur hoffen, dass die intelligente Biene, die die Milbe vor die Türe setzt,  gefunden wird und sich vermehren kann.

Noch etwas Interessantes in diesem Zusammenhang:  Berlin, wo sich die Bienen offensichtlich wohl fühlen, hat sich zur bienenreichsten Region in Europa entwickelt. In Brandenburg dagegen herrscht „Bestäubungsnotstand“.  Die Berliner Imker sollten  einen Ausflug mit ihren Kisten ins Umland von Berlin machen – dass wäre wirkliche Nachbarschaftshilfe.

Aber auch wir – ob mit oder ohne eigenem Bienenvolk – können einen Beitrag zum Erhalt der Biene leisten. Greifen Sie beim nächsten Honigkauf nach dem heimischen Produkt, das dem Preis nach ein Luxusprodukt ist und genießen Sie jeden süßen Tropfen dreifach.

Auch die wilden Verwandten der Honigbiene sind in großem Ausmaß vom Aussterben bedroht  – und dies ist noch mehr durch den Menschen verursacht. Riesige Monokulturen, Einsatz von zu viel Bioziden, Vernichtung von Wildpflanzen, Klimawandel – all das  raubt der Wildbiene Nahrung und Nistplatzmöglichkeiten. Wildbienen erzeugen für uns zwar keinen Honig, sind aber doch überaus wichtige Bestäuber von Kultur- und Wildpflanzen.

Daher die Bitte aller Bienen: Mähen sie Ihren Rasen nicht schon im Frühjahr kurz! Lassen Sie das Gras mal wachsen und blühen,  lassen Sie in Ihrem Garten und auf dem Balkon Pflanzen blühen wie zum Beispiel Kapuzinerkresse, Glockenblume, Wandelröschen, Lavendel, Margeriten oder die Sonnenblumen. Im Gegensatz zur dekorativen Geranie sind dies alles Pflanzen,die Bienen mögen. Und vielleicht stellen Sie sogar ein Bienenhotel auf. Dann müssen Bienen im Sommer nicht verhungern….und dafür leistet sie unschätzbare Dienste für uns Menschen.

Erfreuen Sie sich an jeder Biene, denn wenn das Bienensterben so weiter geht, werden wir bald  – wie es uns die Chinesen bereits vorgemacht haben –  im Frühjahr auf die Leiter steigen müssen, um die Arbeit der Bienen zu übernehmen und mit dem Pinsel die Blüten zu bestäuben. Oder uns bleibt irgendwann nur noch als Erinnerung an die Biene der  Gefüllte Butter-Bienenstich.

In diesem Sinne bleiben Sie neugierig und lassen Sie das Gras wachsen

go

*Das 1923 in Berlin-Dahlem gegründete Institut für Bienenkunde wurde nach der Teilung Berlins der TU Berlin /West zugeordnet. Aus diesem Grund baute die Humbo

ldt -Uni / Ost 1952  als Ersatz in Hohen Neuendorf bei Berlin die  Abteilung Bienenkunde und Seidenbau des Instituts für Geflügel- und Kleintierzucht auf. Bienenforschung und Bienenhaltung sind mit diesem Standort seitdem fest verbunden. https://www2.hu-berlin.de/bienenkunde/index.php?id=64  und für Ihre Enkel gibt es auch dort auch ein „Bienenspiel“ .

Passwörter – und mein digitaler Nachlass

Ich habe heute begonnen, „mein Haus zu bestellen“ ( vgl. auch „Die letzten Dinge“ im März 2017 – https://berlinab50.com/2017/03/16/gedanken-ueber-die-letzten-dinge), um genauer zu sein, ich habe meinen „digitalen Nachlass“ geregelt.

Erfahrungen zeigen, dass  wenig Menschen, die soziale Netzwerke benutzen und/oder  gar eine eigene Website haben, sich Gedanken machen, wer und wie ihre Seiten nach ihrem Tod abmelden oder löschen. Wer ordentlich ist, hat alle seine Passwörter, die er in seinem „digitalen Leben“ benutzt, aufgeschrieben und zu seiner Patientenverfügung oder zu seinem Testament gelegt. Damit hat er seinen Nachkommen einen großen Gefallen getan, denn so können sie schnell und unkompliziert  auch diese Seite löschen. Man kann aber auch bereits im Vorfeld einiges dafür tun.

Ich habe zum Beispiel eine Website, einen  Facebook account und google Konten. Was aber passiert, wenn ich sterbe? Bei einem verstorbenen Freund war die Website eine lange Zeit über seinen Tod hinaus im Netz zu finden. Zuerst stimmte es mich traurig, dann war ich peinlich berührt und irgendwann empfand ich es beklemmend.  Dies geschah, weil niemand wusste, wie man diese Seite aus dem Netz wieder eliminieren kann. Auch sein Facebook Konto blieb lange aktiv, weil niemand auf die Idee kam, sich nicht nur um sein Bankkonto, sondern auch um dieses digitale Konto zu kümmern. Und natürlich war auch das Passwort nicht bekannt.  Das hätte man vielleicht noch umgehen können, wenn man das Passwort für seinen Email Account gewusst hätte.  Inzwischen weiß ich, dass  93% der Facebook Nutzer sich noch nie um diese Frage gekümmert haben.

Heute raffte ich mich endlich auf, mich um mein  Digitales Erbe zu kümmern. Zuerst mein Facebook Konto: Hier finde ich unter „Einstellungen /Konto verwalten/Sicherheitseinstellungen“ einen Button „Dein Nachlasskontakt“. Ein Klick. Nun kann ich eine Person meines Vertrauens benennen, die sich nach dem Ableben um meinen Account kümmern soll. Natürlich muss sie auch bei Facebook einen account besitzen. Ich gebe also einen Namen ein, sogleich öffnet sich eine mail  mit einer entsprechenden Nachricht an diese Adresse, die ich ergänzen und ändern kann.  Nun wird diese Person von meinem Wunsch verständigt. Sie hat dann die Qual der Wahl nach meinem Tod zu überlegen, ob er den Account sozusagen als Erinnerungsplatz noch ein wenig aufrecht erhalten will und irgendwann löscht oder gleich löscht. Ich hatte auch die Option, mein Konto gleich nach meinem Tod löschen zu lassen. Wie Facebook allerdings erfährt, dass ich, wenn ich eine Zeitlang nicht aktiv war, nicht faul und desinteressiert bin, sondern tot bin, weiß ich nicht. Irgendjemand muss es melden… klingt mir zu umständlich. ich wählte also der erste Variante -und hoffe, der Freund fällt nicht tot um, wenn er meine FB-Nachricht bekommt.

Bei Goggle gibt es so etwas ähnliches – den „Kontoinaktivität-Manager“. Man kann ihn für seine Konto/en aktivieren. Ein Klick und ich werde mit viel Information konfrontiert. Zuerst muss ich eine Wartefrist einstellen. Ich kann zwischen 3,6,9 und 12 Monaten wählen. Wenn ich mich also zum Beispiel nach einem Jahr nicht mehr auf meinem Konto bewegt habe, wird entweder ein Freund benachrichtig oder das Konto gelöscht.  Das kann ich bestimmen. Ich habe als Wartezeit 6 Monate eingestellt, weil ich mir vorstelle, dass ich, wenn ich ein halbes Jahr mein Mailkonto nicht anrühre, sterbenskrank bin. Sollte ich mich also einige Monate nicht auf meinem Google Konto bewegt haben, werde ich zwei Monate bevor diese 6 Monats-Frist abläuft, noch einmal angeschrieben. Lebe ich, kann ich reagieren, wenn nicht, wird ein Freund nach Ablauf der 6 Monate verständigt. Ich gebe also meine Wünsche dem „Inaktivitätsmanager“ an,  nun bekomme ich eine Codenummern via Telefon und muss sie nun dem Manager angeben. Nach dieser Verifizierung ist das Procedere abgeschlossen.

Ich habe mir beide Aktivitäten ausgedruckt und lege sie zu meiner Patientenverfügung und dem Testament. Dabei fällt mir ein, dass ich bei Gelegenheit auch meine aktuellen Passwörter für  meine verschiedenen Aktivitäten im Netz – ordentlich zusammenschrieben –  dort deponieren sollte. Schließlich will ja nicht, dass mein Mann, der übrigens kein Facebook Konto hat, ständig von diversen Firmen angeschrieben wird und nichts abmelden kann. Und genauso soll er in der Lage sein, sich in den Blog einzuwählen ….

In diesem Sinne – bleiben Sie neugierig

go

„Die gemordete Stadt“

„Die gemordete Stadt“

Wolf Jobst Siedlers (1926- 2013) Standardwerk zu den Sünden der Stadtplanung  aus dem Jahr 1964 ist als Überschrift hier nur exemplarisch für eine fehlgeleitete Berliner Baupolitik, die aktuell am Beispiel der Beschädigung der Friedrichswerder´schen Kirche in Mitte zu besichtigen ist.

Die zwischen 1824 und 1831 nach den Plänen Schinkels gebaute Kirche gilt trotz ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg als einziges öffentliches Gebäude Schinkels in Berlin, das innen wie außen weitgehend originalgetreu erhalten bzw. wiederhergestellt ist. Die Kirche wurde nach 1980 wieder aufgebaut  und gehörte seit der  750-Jahrfeier Berlins  im Jahr 1987 als Skulpturen- und Schinkel-Museum zu den Staatlichen Ost-Berliner Museen.

Die  vom Senat im Jahr 2000  gestattete Bebauung des westlichen Nachbargrundstücks, auf dem  zu DDR-Zeiten die intakten Häuser abgerissen wurden, mit vier, die Westfassade der Kirche total verschattenden fünfstöckigen Häusern in nur fünf Metern Abstand, wurde lange nicht realisiert. Erst  2011 wurde mit der nachträglichen Genehmigung des Baus  von Tiefgaragen die Anlage realisiert und damit begann die Kirche in ihren Grundfesten zu wanken.

Schon 2012 wurde von erheblichen Zerstörungen und Rissen im Innern der Kirche berichtet. Nur ein den ganzen Innenraum der Kirche füllendes Gerüst verhinderte letztlich den Einsturz. Inzwischen ist die Kirche gesichert (Betoneinspritzungen) und die musealen Bestände wie Skulpturen und Bilder sind entfernt.  Nun droht  eine neue Gefahr durch die derzeitige Bebauung der  östlichen Seite, auch wenn der Abstand zur Kirche größer ist.  Kultursenator Lederer (Die Linke) betonte im Januar 2017, dass es auch trotz aller Sicherungsmaßnahmen unklar sei, ob das Baudenkmal dauerhaft erhalten werden könne und ob eine museale Nutzung jemals wieder möglich ist. Wie geschmackvoll, elegant und harmonisch das Gesamtensemble  „Kronprinzengärten“  die Kirche bedrängen, muss man sich ansehen, um es zu glauben. Ein Sieg des Monetären über das Geistig-Geistliche – finden sie nicht auch? Der Quadratmeterpreis liegt derzeit bei 16.000 €.

Von der Niederlagstrasse (welch passend- sprechender Begriff für die derzeitige städtebauliche  Situation) über den benachbarten Schinkelplatz  ist der Schlossneubau zu sehen. Dahinter liegt zwischen  Spreeufer und S-Bahnhof Alexanderplatz eine riesige Freifläche, auf dem sich die ältesten Quartiere des Berliner Teils der Doppelstadt Berlin-Cölln befanden. Auf dem Teil bis zur Spandauer Straße wird zurzeit heftig an der U-Bahn gebaut. Im Krieg schwer zerstört, ließ die Führung der DDR im Marienviertel die erhaltenen Gebäude bis auf die Marienkirche abreißen, um das Idealbild der sozialistischen Stadt ohne Vergangenheit zu bauen. Alle Spuren des bürgerlichen Berlin sind hier ausgelöscht. Die städtischen Besitzverhältnisse, die in der NS-Zeit auch durch Arisierung von Häusern geschaffen wurden, sind unverändert erhalten. Eine Restitution hat es nie gegeben.  Die Stadt Berlin als Eigentümer kann hier selbst entscheiden, was aus der Brache werden soll. Die Diskussion um die Architektur der DDR an dieser Stelle, deren  Erhaltung oder Abriss im Wechselspiel mit der Wiederherstellung einzelner abgerissener Altbauten,  läuft seit Jahren, und so wie es aussieht, werden die Bewahrer des Status quo wohl die Oberhand behalten. Die Freifläche des  Marienviertels wird vermutlich als Beispiel kompletter Geschichtsauslöschung in Folge der DDR-Ideologie für alle Zeiten bewahrt oder mit belanglosen Zweckbauten bebaut werden. Nur dass es so von den Berlin-Besuchern nicht wahrgenommen wird, da sie die alte Stadt nicht kennen.  Hier im Blog wurde vor zwei Jahre über die Diskussion bereits berichtet („Misstraut den Grünanlagen“ https://berlinab50.com/2015/02/20/misstraut-den-grunanlagen/).

Das nächste Mal ein Bericht zum Stand des Wiederaufbaus der benachbarten Schinkel´schen Bauakademie, für den der Deutsche Bundestag mehr als 60 Millionen Euro im Haushalt des Bundesbauministeriums bereitgestellt hat.

Verspricht mw

Urlaubsgrüße – handschriftlich

Die Postkarte

Freuen Sie sich auch so wie ich, wenn Sie von Ihren Freundschaften oder Verwandten eine Postkarte erhalten? Ich meine eine richtige Postkarte, so ca. 10 x 15 cm  groß, mit einem Buntbild auf der Vorderseite und die Rückseite mit richtiger handgeschriebener Schreibschrift? Eben keine E-Card, whats app, E-Mail o.ä. elektronische Nachrichten auf Ihrem Tragtelefon (Viele Menschen besitzen ja sogar ein Smartphone!).

Während meiner letzten Reise fiel mir dieser fast vergessene schöne Vorgang ein und ich fasste den Gedanken: Jetzt werden Postkarten geschrieben. Ich ahnte jedoch sofort, wie viel Mühe es machen könnte.  Trotzdem – also, wo gibt es Postkarten? Ich erinnerte mich an die großen runden Drahtgestelle auf der Straße, in denen mehr oder weniger ausgeblichene Postkarten zu sehen waren. Also auf zum nächsten Laden.  Ein Zeitungsladen: Da hinten in der Ecke, erklärte mir der Verkäufer in einer mir noch nicht verständlichen Sprache ( nicht wirklich schlimm, ich befand mich ja im Ausland). Die fotografische Qualität hat mich nicht überzeugt, was ja nicht verwunderlich ist beim Standort: „hinten Ecke“. Also weiter. Tatsächlich, nur drei Läden weiter, fand ich einen gut sortierten Souvenirladen mit vielen schönen Postkarten und genauso vielen bunten Motiven. Was für eine Entscheidungsqual. Es gab sogar Karten mit neun und mehr Bildchen darauf. Ich glaube, ich muss es nicht beschreiben: Ort von links, von rechts, Kirche immer in der Mitte, mit Bergen, mit Strand, Sand, Steine, evtl. aber mit Blumen oder nur die Hotels. Es gab sogar Postkarten mit sehr wenig bekleideten Damen, wohl eher nicht aus der Gegend, aber als heimlicher Hingucker auch für den Empfänger (ein Schelm, der böses dabei denkt). Ich kaufte 10 Postkarten und Briefmarken.

Jetzt aber ran an die Postkarten. Die Auswahl erdrückte mich fast. Welche Postkarte für Maren in München, welche Karte für Bernd in Bad Berneck welche besonders schöne Karte für die Nachbarin Barbara in Berlin. Usw. usw. Im Hotel auf dem Balkon, bei herrlichem Sonnenstand und später -untergang, saß ich nun vor meinen Postkarten. Erst mal sortieren, dachte ich. Welche Karte soll an wen geschickt werden. Irgendwie war es mir dann doch egal und fing einfach an zu schreiben.

Pause – was möchte ich überhaupt schreiben? Das Wetter ist schön? Das Essen schmeckt? Der Strand ist heiß? Das Hotel ist vom Feinsten? Es regnet nur selten? Das sind doch alles Selbstverständlichkeiten für einen gebuchten Urlaubsaufenthalt. Diese Infos muss ich doch nicht extra versenden!

Dass die Bedienung manchmal etwas muffelig ist, die Strandliegen und Schirme doch ins Geld gehen, das schreibe ich lieber nicht. Will mir doch keinen erhobenen Zeigefinger einfangen, nach dem Motto: „Hab ich Dir doch gleich gesagt. Fahr doch lieber nach „Irgenwo“, da kenne ich mich aus. Da ist es billig und gut.“ (Nebenbei, da fahre ich bestimmt nicht hin).

Jetzt ist der Punkt gekommen, da überlege ich, was hat mir denn meine Freundschaft auf den Urlaubskarten mitgeteilt? Leere, mir fällt nichts mehr davon ein, trotz einer ganzen Woche Urlaub.

Wäre es nicht schön,  jetzt nach den vorgedruckten Urlaubskarten greifen zu können, die mit den Kästchen zum ankreuzen :
Wetter: gut, verregnet, Sturm;
Sonne: selten, manchmal bedeckt, meist verhangen;
Hotel: schön, sauber, hässlich;
Strand in der Nähe, weiß, heiß, schmutzig.
Warum gibt es diese Karten nicht mehr?

Da, ein Geistesblitz: Schreibe eine Karte mit allem Dir persönlich Wichtigem und übernimm den Text auf die anderen Postkarten. (Nur zur Erinnerung: kopieren und einfügen!) Nun musste ich mich nur noch mit der einzigen Möglichkeit begnügen, meine Urlaubspost zu individualisieren.

Das Schreiben auf der Hochglanzkarte also auf der Vorderseite. mit dem Kuli das ist immer noch beschwerlich, dafür aber informativ. Ein Kreuz, mit dem Zusatz: Dies ist mein Hotel, oder sogar mein Zimmer! So, endlich fertig.

Briefmarke drauf und am nächsten Tag zum Briefkasten. Theoretisch hätte ich meine Urlaubspost auch an der Rezeption abgeben können. Ich hörte aber eines Morgens das nette Fräulein hinter dem Tresen zu einem Gast sagen, dass die Post hier nur einmal in der Woche abgeholt wird. Na toll, da bin ich ja schon wieder zu Hause. Also Briefkasten. Auf dem Weg zu meiner teuren Strandliege kam ich –  oh Wunder – an zwei Briefkästen vorbei. Der erste grün, der zweite rot. Das erinnerte mich an Deutschland. Welcher Kasten ist der richtige. Da kein Kasten mit mir reden wollte und auch die vielen Schriftzeichen mir unverständlich erschienen, entschloss ich mich für Rot! Richtig? Es gab nun kein Zurück mehr.

Gut gelaunt bin ich wieder zuhause angekommen. Ausgeruht und zufrieden, aber mit der Frage im Hinterkopf, was machen wohl Deine Postkarten. Bernd rief mich nach einer Woche an und meldete Vollzug. Meine Nachbarin Barbara fragte mich nach drei Wochen, ob ich schon wieder vereist war, und Maren in München wird sich ziemlich sicher bei meinem nächsten Besuch  für die Postkarte bedanken und fragen: „Na – wie war denn eigentlich Dein Urlaub in …? Wo warst Du nochmal?“

Falls es Ihnen ähnlich erging, schreiben Sie doch einfach einen Kommentar.

Ihr brd

Isoldes Filmtipp: Drei Dokumentarfilme über Schule und Lernen

Drei Filmtipps, wovon zwei demnächst ins Kino kommen und eine Langzeitdokumentation als DVD erscheinen wird. In allen drei Filmen geht es um Schule und Lernen in verschieden angewandten Methoden.

 

– offizielles Filmplakat –

BERLIN REBEL HIGH SCHOOL
Nur das Ziel ist der Weg

Deutschland 2016,  Dok.-Film. 92 Min. R.: Alexander Kleider. Ab 11.5. im Kino

Der Filmemacher hat Berliner „Underdogs“ in einer Berliner Schule für Erwachsenenbildung (SFE) auf ihrem Weg zum Abitur begleitet und auch deren Lehrer porträtiert. Alexander Kleider war selbst Schüler der SFE und machte dort  im Jahre 2000 sein Abitur. Aufgrund seines Vertrauensverhältnisses hat sich die Vollversammlung für ein Filmprojekt bereit erklärt. Die Schule ist ein basisdemokratisches Projekt: kein Direktor, keine Noten. Bezahlt werden die Lehrkräfte von den Schülern, die gemeinsam über alle organisatorischen Fragen abstimmen. Damit ist die Schule erfolgreich geworden und schafft es nach oben in den Schulwettbewerben. Alle Schüler, die auf die Kreuzberger Schule gehen, haben irgendwann die Schule „geschmissen“ und deshalb oftmals die letzte Chance, das Abitur zu schaffen.

Alexander Kleider  erzählt mit viel Witz und Humor von einer radikal anderen Idee von Schule, die Freiheit und Gemeinschaftlichkeit zusammenbringt. „Er lässt seine Protagonisten für sich sprechen und arbeitet präzise heraus, dass Spaß und Lernen sich nicht ausschließen, dass Konkurrenz nicht zum Erfolg führen muss und antiautoritär nicht Laissez-faire bedeutet.“(INDIEKINO).  Nominiert für den Deutschen Filmpreis und  verdient das Prädikat „Besonders wertvoll“

 

– offizielles Filmplakat –

ZWISCHEN DEN STÜHLEN

Deutschland 2016. Dok.-Film. 102 Min. R.: Jakob Schmidt. Ab 18.5. in den Kinos

„Ich möchte Lehrer sein, bei dem man merkt, du strengst dich an und es kommt was zurück“, das sagt Katja, eine der drei angehenden Lehrer, die Jacob Schmidt durch ihr Referendariat, den praktischen Teil der Ausbildung von Lehrern für das staatliche Schulsystem, begleitet.Sie lehren, während sie selbst noch lernen und vergeben Noten, während sie selbst benotet werden. In dieser ersten Testphase ihres Lehrerseins müssen Katja, Anna und Ralf den Schulalltag bewältigen, Schüler motivieren und benoten, strukturiert Wissen vermitteln, sich Gehör verschaffen  und sind unterschiedlicher, wie man nur sein kann. Sie zweifeln, hinterfragen, möchten am liebsten aufgeben… .

Daraus ist ein spannenden Film entstanden. Und mit Empathie ist man bei den Protagonisten und nimmt teil auch an deren inneren Prozessen des sich Entscheiden müssens, was nach der Prüfung kommt.

 

DVD Tipp:  Die erste Langzeitdokumentation über Waldorfschüler

Eine Filmreihe von Maria Knilli. Laufzeit: 2x 90 und 1x 106 Minuten. 3 DVD’s im Schuber, Start der 3. DVD ist der 16. Mai 2017.

DVD 1: Guten Morgen , liebe Kinder – Die ersten drei Jahre in der Waldorfschule
DVD 2: Eine Brücke in die Welt – Vierte bis sechste Klasse in der Waldorfschule
DVD 3: Auf meinem Weg – Siebte und achte Klasse in der Waldorfschule

Ein fundierter Einblick in die Waldorfpädagogik – der  emphatische Blick der Filmemacherin auf die Kinder ist beispielhaft.“  (Walter Riethmüller, Bund der Freien Waldorfschulen, Stuttgart)

 

I.A.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Apotheke und viele Geschichten

Nun bin auch ich in einem Alter, in welchem der Besuch einer Apotheke zum Alltag gehört. Obwohl Internet-affin, ziehe ich doch den Besuch der Apotheke meines Vertrauens im Kiez mit kleiner Konversation über „dies und das“ der anonymen Bestellung vor, so, wie ich es auch bei „meiner“ Buchhandlung halte.

Ich bin noch in einer Zeit groß geworden, wo der Gang mit der Mutter zur Apotheke solche Eindrücke auslöste, wie sie Kurt Tucholsky in der Weltbühne bereits 1930 beschrieb: „Manche Leute gehen in fremden Orten immer erst in den Ratskeller, – ich gehe in die Apotheken. …Hier ist alles geborgen in Töpfchen und Flaschen mit uns unbekannten Namen, ein seltsam anheimelndes Reich wundersamer Säfte und Tinkturen… und immer riecht es nach strengen und herben Sachen“.

(c) Stefan Wolski

Aber diese Zeiten sind lange vorbei und die Apotheke ist längst nicht mehr, wie Tucholsky meinte, „das Heiligenbild des ungläubigen kleinen Mannes“. Dafür gibt es jetzt aber den Veganismus als heilsbringende Religion. Wenn sie noch einmal ein bisschen von dem alten Gefühl erleben möchten, sollten sie die Berlin-Apotheke am Hackeschen Markt in der Rosenthaler Straße 46/47 besuchen. Diese Apotheke birgt viele Geheimnisse, von denen ich einige kurz schildern möchte. Die Einrichtung aus mit Ahorn kassettiertem amerikanischen Nussbaum mit den vielen Dutzend Fächern und schönen Schränken und dem aus Rokokozeiten anmutenden Deckengemälde mit Rosen streuenden Engeln stammt aus dem Jahre 1886. Man spürt unmittelbar den Reichtum und den Stolz des Besitzers, Apotheker Carl Arnold Marggraff, eines Stadtverordneten und Ehrenbürger Berlins .

Die Offizin ist noch genauso erhalten, wie auf dem Bild von 1932 gezeigt. Die heutige „Berlin Apotheke“ hieß seit ihrer Gründung im Jahr 1732 bis 1954 „Rothe Apotheke“, vermutlich wegen der roten Fensterläden. In der DDR-Zeit, nachdem man den ehemalig jüdischen Besitz kurzerhand verstaatlicht hatte, erhielt sie von ihrer damaligen Leiterin den Namen „Berolina-Apotheke“, weil sie es nicht so mit den „Roten“ hatte. Wirklich, das ist bezeugt!

2006 wurde die nach der Wende privatisierte, ehemals staatliche Berolina-Apotheke weiterverkauft und trägt als Teil einer Apothekenkette seitdem den originellen Namen „Berlin-Apotheke“. Die Apotheke hatte viele prominente Besitzer, neben Marggraff, der sich gemeinsam mit Robert Koch für die Anlage der Kanalisation in Berlin einsetze, auch ein Mitglied der jüdischen Buchhändlerfamilie Hertz von 1822-1837. Und hier ereignete sich ein familiäres Drama – ein Ehebruch – der 100 Jahre später einen Teil der jüdischen Verlegerfamilie Springer vor Deportation und Ermordung schützten sollte.

Die Frau von Johann Jacob Hertz, Marianne Hertz, hatte ein Verhältnis mit dem der Familie verbundenen Dichter Adelbert von Chamisso (1781–1838). Aus dieser Verbindung stammte Wilhelm Ludwig Hertz (geboren 1822) – der Ehemann legalisierte den Seitensprung. Die Tochter des Chamisso-Sohns heiratete 1879 den 1850 in Berlin geborenen Verleger Fritz Springer. Fritz Springer gehörte zu zweiten Generation der Verlegerfamilie Julius Springer. Deren Verlag war bis zur Enteignung durch die Nationalsozialisten der führende deutsche Wissenschaftsverlag.

Die „Arisierung“ der eigenen Abstammung über den Ahnen Chamisso rettete zahlreiche Mitglieder der Familien Hertz und Springer, nicht jedoch Fritz Springer. Als am 20.1.1944 die Gestapo den 94-jährigen in seinem Landhaus in der Kolonie Alsen (Wannsee) abholen wollte, nahm er Gift. Ein Stolperstein in der Straße zum Löwen 12 erinnert an ihn.

Auch der letzte Besitzer der Apotheke (seit 1907) vor der Arisierung, Wilhelm Wartenberg, war jüdischer Abstammung und ein angesehener Berliner Bürger, langjähriger Vorsitzender des Apothekervereins und Mitglied des Reichsgesundheitsrates. Er ließ das Haus 1928 mit vorgeblendeter Fassade „bauhausmäßig“ aufpeppen. 1939 wurden Haus und Apotheke arisiert. Wartenberg starb 1942 vor der Deportation, sein Sohn Fritz konnte emigrieren. Die Apotheke übernahm ein NS-Apotheker, der sich am 3.5.1945 mit seiner Tochter in der Apotheke das Leben nahm, nachdem er den „Endsieg“ nicht erleben konnte. Nutznießer der Arisierung des Hauses war die österreichische Schauspielerin Liane Haid (1895-2000), die 1990, nach der Wende, aus der Schweiz allen Ernstes um Rückübertragung „ihres“ Eigentums aus DDR-Besitz bat. Das Haus ihres Großvaters erhielt jedoch die Tochter des 1983 in London verstorbenen Sohnes Fritz zurück und nach Plänen des Frankfurter Architekten Alfred Jacoby wurde das arg heruntergekommene Gebäude restauriert.

Ach ja, es gab auch noch vor Klärung des Restitution den Versuch der „heißen Sanierung“ durch stadtbekannte Immobilienhaie, die aber abgewehrt werden konnte (siehe Abbildung). Und zum Springer-Verlag ist noch anzumerken, dass die Revolutionäre 1968 im alten West-Berlin Springer-Hamburg und Springer-Wissenschaft nicht unterscheiden konnten und auch im Wissenschaftsverlag Randale machten. Nun ja, für die Revolution muss man ein heißes Herz, aber nicht unbedingt Verstand haben.

Sicher haben auch sie ihre „Lieblingsapotheke“. Schreiben sie doch mal über ihre Erfahrungen.

Meint mw

Fotos (c) mw

Weintrinken – Wellness für die grauen Zellen

„Weintrinken ist besser fürs Gehirn als Rechnen

unter einer Bedingung„*.  Trotz der nachgeschobenen Einschränkung machte mich diese Schlagzeile neugierig. Kurz zusammenfasst lese ich, Weintrinken regt unser Gehirn an. Nun ist dies nicht die cart blanche für den Konsum mindestens einer Flasche Wein am Abend, aber es ist eine neue interessante These:

Der amerikanische Wissenschaftler Gordon Shepherd von der Medizinischen Fakultät der renommierten Universität Yale behauptet in seinem kürzlich erschienen Buch  „Neuroenology: How the Brain Creates the Tast of Wine“, dass das Gehirn selbst den Geschmack von Wein erzeugt und damit Höchstleistungen erbringt.

Weinfreunde wussten es irgendwie immer schon, dass Weintrinken gar nicht so schlecht ist. Selbst in der renommierten Schroth-Kur wird in der Trinkverordnung der Weinkonsum zwar nicht zwingend, aber durchaus für gut befunden. Immerhin dürfen da Männer ein halben Liter pro Trinktag, die Frauen  „ein Viertele“ trinken. Wissenschaftlich, dies ist längst nachgewiesen,  wirkt Wein – in moderaten Mengen – gesundheitsfördernd. Er regt die Durchblutung und den Stoffwechsel an, soll Herzinfarkte und Schlaganfälle vorbeugen.

Abgesehen von diesen gesundheitlichen Aspekt  hat nun der amerikanische Professor die (gewagte?) These aufgestellt, dass Weintrinken das ideale Training für unser Gehirn sei. Natürlich unter bestimmten Voraussetzungen und natürlich geht es nicht darum, Hauptsache viel Alkohol zu trinken. Wenn Sie also denken, jeden Abend eine Flasche Wein macht sie fit im Kopf, dann irren Sie sich.  Schon der unvermeidliche „Kater“ am nächsten Tag sollte Sie also davon abhalten. Nein, es geht um den ersten Schluck eines Weins, den sie verkosten.

Nun sollten Sie den Wein nicht einfach schlucken, sondern dem Duft  und dem Geschmack des ersten Schlucks nachgehen. Als erstes riecht der Weinprofi  am Glas, um die „Nase“ des zu verkostenden Weins aufzunehmen und einzuordnen. Ein Geruch von Brombeeren, Holz, Lakritz oder Johannisbeere.  Dies rege das Zentrales Nervensystem bereits enorm an. Dieser Duft-Einordnung folgt der erste Schluck. Unter Weinkennern heißt es, man müsse den ersten Schluck „beißen“.  Denn dadurch wird die Flüssigkeit durch Mundhöhle gewirbelt, die Schleimhäute benetzt und so Abertausende von Geschmacks- und Geruchsnerven angeregt. Und genau  jetzt,  so der Professor, hat unser Gehirn ordentlich zu tun und leistet damit mehr als wenn wir zum Beispiel in einem Konzert sitzen und der Musik zuhören oder eben auch eine Matheaufgabe lösen. Es erfordere „außerordentliche Kontrolle über einen der größten Muskel im Körper“.

Shepherd hat jahrelang geforscht, wie das menschliche Gehirn Geschmack verarbeitet. Demnach ist Geschmack sehr viel subjektiver als angenommen. Shepherds Forschung belegt, dass Geschmack stark durch Erinnerungen und Emotionen geprägt wird.

Die Beurteilung eines Weins sagt also mehr über den Trinkenden aus als über den Wein selbst. „Der Geschmack ist nicht im Wein, der Geschmack wird vom Gehirn des Weintrinkenden kreiert!“ lautet die These von Shepherd.

Chateau d`Etroyes

Dies kann ich aus meiner „Wein-Erfahrung“ nur bestätigen.  Löst eine „Nase“ oder der Geschmack bei mir eine unangenehme Assoziation aus, kann er noch so viele Parker-Punkte, Goldmedaillen oder Prädikate haben, schon ist es nicht mehr „mein Wein“.

Also vergessen sie das ganze Programm des „Gehirnjoggings“ und das Lösen von Matherätseln,  organisieren Sie eine Weinprobe mit Freunden, das ist richtig Futter fürs Gehirn.

Prost und bleiben Sie neugierig

go

 

*Quelle: Stern online, April 2017

Fotos (c) mw/go

Alchemie – die Suche nach dem Weltgeheimnis

Meine Begeisterung über die selten zu sehenden, wirklich  hochwertigen Exponate, die die   Staatlichen Museen zu Berlin in Kooperation mit dem Getty Research Institute, Los Angeles in der Ausstellung „ Alchemie. Die große Kunst“ zeigen,  sei fairerweise an den Anfang des Berichts gestellt.

Carl Spitzweg.Der Alchimist, um 1860 (c) Staatsgalerie Stuttgart

Und dann muss ich sogleich Kritik üben: Für alle Leser „über 50“ ist die Licht-und Schriftgestaltung der Ausstellung eine Herausforderung. Zu der aus konservatorischen Gründen verständlichen Abdunkelungen des gesamten Raumes  passen einfach nicht kleine Schrifttafeln in (kleiner) weißer Schrift auf schwarzem Grund, direkt neben den in Vitrinen ausgestellten Exponaten, die dazu zwingen, förmlich in die Vitrinen  zu kriechen, wenn da nicht das Glas wäre. Hier würde ein elektronischer Guide oder zumindest  Leuchttafeln mit den Beschreibungen Abhilfe schaffen. Sehr schade, dadurch verlor die Ausstellung für mich enorm.

Auch die Katalogbox als alchemistischer Zettelkasten ist zwar  eine vermeintlich originelle Idee, aber unhandlich-unpraktisch und wird vermutlich nach mehrmaligen „Durcharbeiten“ ohne akribische Rück-Ablage im Chaos enden und entsorgt werden. Dafür waren mir 29,00 € zu viel Geld. Auch auf den sonst üblichen Flyer wurde verzichtet. Also kaum eine Chance, sich auf die Ausstellung vorzubereiten, wenn man der Beschilderung optisch nicht folgen kann.

Ausschnitt/Der Alchemist, nach Pieter Bruegel d.Ä, 1558 © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Da ich mich als pharmaziegeschichtlich Interessierter mit dem Thema etwas auskenne, war ich immer wieder hoch erfreut, mir bekannte Bücher, Graphiken und Bilder einmal im Original zu sehen. Doch worum geht es überhaupt? 230 Objekte aus drei Jahrtausenden beleuchten das Verhältnis und die postulierte innere Verbindung von Kunst und Alchemie. Es werden nicht nur alchemistische Schriften und Gegenstände gezeigt, sondern auch Kunstwerke, die Alchemisten als Protagonisten ihrer Zunft in ihrer Zeit kritisch zeigen und  – neuere – Kunstwerke, die  quasi alchemistische Verfahren für den künstlerischen Prozess nutzen.

Natascha Sonnenschein. Paradies der Künstlichkeit, 2001 (c) Natascha Sonnenschein/VH Bild-Kunst, Bonn 2017

Der Begriff Alchemie hat arabischen Ursprung (Artikel „al“)  und wurde wohl im 2. Jahrhundert in Alexandria als Ableitung des griechischen Wortes „Chymeia“ (Metallgießen) geprägt.  Die handwerkliche Praxis reicht aber 5000 Jahre zurück, was Sammlungsstücke aus Ägypten beweisen. Unser tradierter Begriff „Alchemie“ verbindet  damit chemische Versuche im  späten Mittelalter zu  „Metalltransmutationen“, mit der die Verwandlung einfacher Metalle in Edelmetalle (Gold) mit Hilfe eines Steins des Weisen, dem  „Lapis philosophorum“, gelingen würde. Jedoch nicht nur schnödes Treiben nach Gold und Reichtum war eine Triebfeder der Alchemisten. Nein, es ging auch um die  Nachahmung des göttlichen Schöpfungsaktes, um die eigene Schöpfung eines „Homunculus“. Eine Idee, die sich bis in heutige philosophisch-ethische  Diskussionen  – wie  z.B. um das Gen Schaf Dolly – nachverfolgen lässt. Der  alchemistische Ansatz, Materie als Teil der natürlichen Schöpfung in ein künstlerisches Ergebnis zu „transmutieren“, führt zu den hier gezeigten Ergebnissen zeitgenössischer Kunst, womit die Ausstellung die Wesensverwandtschaft von Kunst und Alchemie belegen will. Doch in der frühen Neuzeit wandelte sich der philosophische Anspruch in einen zuvörderst materiellen: Die verschuldeten barocken Fürsten setzten ihre Hoffnung auf das Gold der Alchemisten und betrieben Laboratorien.  Willkommene „Nebenprodukt“ der vergeblichen Versuche waren z.B.  Goldrubinglas (Alchemist Kunkel auf der Pfaueninsel in Berlin, dazu einmal später mehr) und die Porzellan-Nacherfindung  durch den Apothekergehilfen Böttger. Auch das heute noch benutzte  Abführmittel Glaubersalz ist so ein Nebenprodukt (Johann Rudolf Glauber, 1604-1670, Begründer der chemischen Industrie). Die Alchemie konnte die auf sie gesetzten Hoffnungen natürlich nie einlösen, hat aber durch ihre experimentellen Arbeiten die Entwicklung von Chemie und Pharmazie sehr gefördert, wobei der  Übergang von Alchemie zu Chemie, von Hokuspokus zur Wissenschaft fließend war.

Und doch möchte ich, trotz der eingangs geäußerten Kritik, die Ausstellung, die noch bis zum 23.07.2017 im Berliner Kulturforum zu sehen ist, den Lesern empfehlen. Allerdings sollte man sich vorher auf der gelungenen Webseite des Museums über das Thema informieren: http://www.smb.museum/ausstellungen/detail/alchemie-die-grosse-kunst.html

Und da mein Titel des Beitrags zwei Ausstellungen – in Berlin und Halle  – verbindet, hier noch der Hinweis auf eine zweite Ausstellung zum selben Thema: Im Landesmuseum für Vorgeschichte (der Heimstatt der Himmelsscheibe) in Halle  ist noch bis 05. Juni diesen Jahres die Ausstellung „Die Suche nach dem Weltgeheimnis“ zu sehen. Die Ausstellung zeigt seltene Stücke aus einem Wittenberger Alchemistenlabor aus dem 16.Jahrhundert, die bei Ausgrabungen 2012 gefunden wurden.http://www.lda-lsa.de/landesmuseum_fuer_vorgeschichte/sonderausstellungen/ .

Mehr darüber nach meinem Besuch der Ausstellung!
Ihr mw

In Sicht: 100 Jahre Groß-Berlin

In Sicht: 100 Jahre Groß-Berlin

Unter diesem Motto stand eine Tagung des Deutschen Werkbundes in Vorbereitung des 100-jährigen Jubiläums der Bildung der Einheitsgemeinde (Groß-)Berlin am  15. und 16. März im Ludwig Erhard Haus in der Fasanenstraße.  Der Blick führte nicht nur zurück zum  Gründungsbeschluss von  Groß-Berlins am 27. April 1920 durch die Preußische Landesversammlung, sondern auch in die Zukunftsplanung für eine lebenswerte, polyzentrische Stadt.

Wie im Diskussionsbeitrag eines Bloggers zum Bericht über das „Doppelte Berlin“ angemerkt, wird die im April  vom Bundestag  verabschiedete Novelle des Baurechts neue  Perspektiven für ein räumlich dichtes  Miteinander von Gewerbe und Wohnen, von Arbeits- und Lebensräumen eröffnen. Die „Nutzungsgemischte Stadt der kurzen Wege“, die Berlin ja einmal war, wird wieder belebt. Stadtbaudirektoren  aus Wien, London, Potsdam und Berlin  City Ost und City West berichteten ihre Erfahrungen mit neuen Stadtstrukturen.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz

Durch die Gründung Groß-Berlins entstand die Metropole Berlin, so wie wir sie heute kennen und lieben. Daran  konnten auch die Germania-Planungen in der NS-Zeit und die Trennung der Stadt nichts ändern, wenn auch  die Schwergewichte  Zentrum Ost/Alexanderplatz  und Zentrum West/Breitscheidplatz  vom alten Zentrum  Unter den Linden wegführten. Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber unsere Besucher, die das erste  Mal oder selten nach Berlin kommen, sind jedes Mal verwirrt, dass es kein eindeutig identifizierbares Berliner Zentrum gibt. Die Stadt wird meist als undurchschaubar wahrgenommen  und eine gewisse Orientierungslosigkeit ist die  Folge. Wenn Zeit ist, hilft ein Blick vom Fernsehturm  für die grobe Orientierung in das alte Berlin und die eingemeindeten Vorstädte. Der Zusammenschluss von 1920  hatte ja eine Vielzahl von großen und kleinen lokalen Zentren mit schönen Plätzen, Rathäusern, Parks der Stadt Berlin zugeschlagen und diese lokalen Zentren geben mir immer das Gefühl in einer kleinen Stadt, meinem Kiez, zu wohnen.  Also eine Großstadt, die aus vielen Kleinstädten besteht.

Noch einige interessante Details zu anstehenden Jubiläum.  Die  Beschlussfassung  am 27.April 1920 zur Einheitsgemeinde  Groß-Berlin 1920 erfolgte recht knapp. Die Gegner waren die nationalen, Parteien und das Zentrum,  während SPD und USPD dafür waren. In den Vorkriegsjahren hatten die Landgemeinden alle Versuche der Großstadtbildung sabotiert, da sie die Dominanz Berlins fürchteten. So ähnlich wie bei der Abstimmung über eine Länderfusion Berlin-Brandenburg.

Rathaus Schmargendorf, ab 1920 gehörte auch Schmargendorf zu Groß-Berlin

Mit dem Inkrafttreten des Beschlusses am  1.Oktober 1920  betrug die Stadtfläche 878 km² (vorher 66 km²), die in20 fortlaufend nummerierte  Bezirke aufgeteilt war. Die Bevölkerung wuchs von 1,9 auf fast 3,9 Millionen. Groß-Berlin war damit flächenmäßig die zweitgrößten Stadt der Welt (nach Los Angeles) und von der  Einwohnerzahl – hinter London und New York –die  drittgrößte Stadt der Erde.

2030 soll Berlin wieder so viel Einwohner haben wie 1920, ist aber dann Im Vergleich zu anderen Großstädten  wie Mexiko-City, London oder New York (9 Mio.)  und  Kairo (11 Mio.) eher eine kleinere Großstadt.

Bis zum Jubiläum werden noch einige sicher sehr interessante Veranstaltungen (zum Beispiel der  Hermann-Henselmann-Stiftung)  sich mit der Zukunft der Stadt Berlin, der Wohnungssituation, der Infrastruktur und dem Verkehr beschäftigen. Berlinab50 will versuchen, Sie rechtzeitig zu informieren!

mw

 

Ein Recht auf den Wind im Haar

Ich radel ausgesprochen gerne – wenn es das Wetter erlaubt.  Es ist eine schöne Art, sich fortzubewegen. Nicht zu schnell, so dass man etwas von seiner Umgebung mitbekommt, durch die man sich bewegt, nicht zu langsam, so dass man einige Kilometer zurücklegen kann – und der Wind einem durch die Locken bläst.

Im Moment bin ich nach einer Meniskusoperation  allerdings immer noch nicht wieder einsatzfähig, laufe noch auf Krücken und sehne mich nach einer „Ausfahrt“. Geduld, Geduld wird mir immer wieder gesagt – ok sage ich mir, also Geduld, aber bald bin ich nicht mehr zu halten. Geduld ist nicht meine Disziplin, aber ich weiß, sie wird nur auf eine kurze Probe gestellt und sie wird sich lohnen. Danach bin ich wieder fit für viele Radausflüge und wenn die Temperaturen wieder ansteigen und langsam stabil bleiben, beginnt auch meine Saison.

Aber was passiert, wenn die Mobilität das Radfahren nicht mehr zulässt? Dazu möchte ich Ihnen kurz eine neue Idee vorstellen:

2013 wurde in Kopenhagen ein Projekt ins Leben gerufenen, das inzwischen einige Nachahmer gefunden hat: „Cykling uden alder“.  Auch die Arbeitsgruppe NEUE ARBEIT der Diakonie Essen wurde inspiriert durch Kopenhagens „Radeln ohne Alter“ und ihre Idee wurde für den Deutschen Fahrradpreis 2017 nominiert. Es geht darum, alten Menschen, die nicht mehr so mobil sind, „das Recht auf Wind im Haar“ zu ermöglichen. Es sind Radausflüge von mindestens einer bis 3-4 Stunden, Vergnügungsfahrten, keine Besorgungsfahrten. So kann man zum Beispiel bis vor die Türe eines Museums (dort gibt’s meistens Rollstühle),  in das Wohnviertel seiner Kindheit, an einen See oder in ein Café in einem besonderen Park gefahren werden.  Vier Rikschas sind in der „Grünen Hauptstadt Europas 2017“ momentan unterwegs:  zwei davon sind  Radkutschen bei denen die Senioren hinter dem Fahrer sitzen (Christiania-Rikschas), eine Rikscha, bei dem die Gäste vor dem Fahrer platziert sind, und eine weitere, bei dem der Gast in einem Rollstuhl vor dem Fahrer transportiert wird.

Angesprochen wurden Seniorenzentren auf das kostenlose Projekt und „Radeln ohne Alter“ erntete großes Interesse. Seit 1. August 2016 fahren nun montags bis Freitag Senioren zu Orten, wo sie sonst nicht mehr hinkommen, an der frischen Luft und in einem Tempo, dass sehen und nachdenken ermöglicht. Glücksgefühle pur! Daneben ist das Essener Projekt ist auch Teil einer Beschäftigungsmaßnahme. So radelt z.B. ein 59-jähriger, der zu alt für einen Job ist, hier für kleines Geld Senioren durch Essen – für ihn, dem diese Ausflüge das Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden, ist dies ebenso ein Gewinn wie für viele in ihrem Aktionsradius eingeschränkte Menschen.

Der  Weltverband von „Radeln ohne Alter“ , der CWA Kopenhagen, benennt auf der Internetseite den Zweck dieses Projekt so: „Wir träumen davon, zusammen eine Welt zu erschaffen, in der der Zugang zu aktiver Mitbürgerschaft bei unseren älteren Mitbürgern Glück erschafft; wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, ein aktiver Teil der Gesellschaft und der örtlichen Gemeinde zu bleiben. (….) Auf diese Art bauen wir Brücken zwischen den Generationen und stärken Vertrauen, Respekt und den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.“  Was für eine schöne Idee!

Neben Essen gibt es in Deutschland weitere 13 Standorte, und auch Berlin hat einen. Der 2015 gegründete Verein in Berlin arbeitet mit fünf verschiedene Trägern von Senioren- und Pflegeheimen zusammen, insgesamt gibt es 6 Räder und speziell ausgebildete Fahrer. In Berlin sind es nur ehrenamtliche „Piloten“.  Noch fehlt die finanzielle und personelle Möglichkeit, das Angebot auch über diese momentanen Kooperationen hinaus zu vergrößern. Aber ich hoffe sehr, dass diese Idee sich schnell verbreitet und damit vielleicht auch Förderer aktiviert. Es wär doch schön, wenn sich die Seniorenrikschas in Berlin durchsetzen würden! Mehr Infos finden Sie unter: http://radelnohnealter.de/kontakt.

Bisher gibt es für RoA in Deutschland keinerlei staatliche Förderung. Umso wichtiger sind breites gesellschaftliches Engagement und natürlich Spenden! RoA ist gemeinnützig anerkannt und natürlich kann man auch Fördermitglied werden.

Viel Wind im Haar wünscht

go

Fotos (c) RoA