Berlin ab 50…

… und jünger

Willkommen in der Wildnis – ein Filmtipp

CAPTAIN FANTASTIC – Einmal Wildnis und zurück

Gleich vorweg gesagt, ich mag Viggo Mortenson, der „Aragorn“ aus den „Herr der Ringe“-Filme. Jetzt ist ein neuer Film Filmplakatmit ihm in den Kinos angelaufen: CAPTAIN FANTASTIC – EINMAL WILDNIS UND ZURÜCK. Nach Lektüre der Filmbeschreibung und Betrachtung eines Trailers  war ich schon auf dem Weg ins Kino.

Der hochgebildete Ben lebt aus Überzeugung mit seinen sechs Kindern in der Einsamkeit der Berge im Nordwesten Amerikas. Er unterrichtet sie selbst und bringt ihnen nicht nur ein überdurchschnittliches Wissen bei, sondern auch wie man jagt und in der Wildnis überlebt. Als seine Frau stirbt, ist er gezwungen, mitsamt den Sprösslinge seine selbst geschaffene Aussteigeridylle zu verlassen und der realen Welt entgegenzutreten. In ihrem alten, klapprigen Bus macht sich die Familie auf den Weg quer durch die USA zur Beerdigung, die bei den captain fantasticGroßeltern stattfinden soll. Ihre Reise ist voller komischer wie dramatischer Momente, die Bens Freiheitsideale und seine Vorstellungen von Erziehung nachhaltig infrage stellen.

Diese Beschreibung  aus dem Pressetext  hat bei mir die Assoziation „Komödie mit Tiefgang“ ausgelöst.  Das ist auch nicht ganz falsch, aber für mich war er mehr:  Es ist ein Plädoyer für ein selbstbestimmtes Leben. Ein Film der ermutigt, seCaptain_Fantastic__Einmal_Wildnis_und_zurueck_Szenenbilder_07.600x600inen eigenen Weg zu finden, auch  – oder gerade dann – wenn er unbequem ist. Die Botschaft mach es Dir nicht zu leicht gibt der Vater auch einem seiner Söhne mit auf den Weg. Seine individuelle Lebensweise zu finden, beinhaltet natürlich auch heftige Auseinandersetzungen, die weh tun und schmerzen, die aber immer wieder an den Wesenskern hCaptain_Fantastic__Einmal_Wildnis_und_zurueck_Szenenbilder_09.600x600eranführen. Diese durchaus ernsthaften Fragen werden mit einem sehr angenehmen Humor erzählt, begleitet von mitreißender Musik – und natürlich einem großartigen Viggo Mortensen. Mich hat der Film tief berührt. Dieser Arthouse-Film, den ich Ihnen nur empfehlen kann,  ist ein besonderes Vergnügen.

Ihre  AvS

 

Fotos (c) universum film

 

 

 

 

Die Kunst der Straße

Die ersten Straßenkünstler, an die ich mich erinnere, waren die Pflastermaler. Mit farbiger Kreide malten sie Quadratmeter große Gemälde auf die Gehwegplatten. Meist an prominenten Plätzen der Metropolen wie Paris und London, aber auch in Berlin. Manchmal sogar in den Fußgängerzonen kleinerer Städte. Meist entlehnten sie ihre Motive der klassischen Malerei und nicht selten entstanden Repliken weltberühmter Bilder, wie dem Mädchen mit dem Perlenohrring oder gar der Sixtinischen Madonna. Wahre Meister ihres Fachs waren diese Straßenmaler und womöglich hatten sie ihr Handwerk sogar in einer Kunstschule erlernt.Paris_nq_Pflastermaler

Die ganze Pracht eines solchen Bildes wurde leider vom nächsten Regen oder einem Sprengwagen der Stadtwerke davon gespült, was ich sehr bedauerte.

Auch heute noch sieht man gelegentlich einen Pflastermaler, doch sind sie merklich im Rückzug, wenn nicht gar im Aussterben.

Abgelöst, man könnte auch sagen verdrängt, wurden sie von den Graffitikünstlern. Der Griff zur Sprühdose war wohl nur die logische Folge einer sich beschleunigenden Welt. Sprühdosen sind die Düsenflugzeuge der Malerei, Kreide oder Pinsel eher Relikte einer vergangenen Zeit.Graffito_k

Graffitikünstler sprühen lieber auf Wände als auf das Straßenpflaster, was wahrscheinlich auf die Eigenheit von Farbsprühdosen zurückzuführen ist, welche sich nur in aufrechter Position restlos entleeren lassen. Ärgerlich ist allerdings, dass sich die Sprühfarben auf Kunstharzbasis nicht ohne erheblichen Aufwand wieder entfernen lassen, was die Hausbesitzer zu Feinden der Graffitikünstler werden ließ. So mussten letztere sich schließlich im Schutz der Dunkelheit an die Arbeit machen, was sich auch auf die Kunstmotive auswirkte. Aus detailreichen klassischen Gemälden der früheren Pflastermaler wurden hektisch-bizarre Abstraktionen. Für den schlaftrunkenen Betrachter, der sie morgens auf seinem Weg zur Arbeit entdeckt, nur schwer zu deuten. Doch bevor jener eine Antwort findet, ist die S-Bahn auch schon daran vorbei gefahren. Graffitikunst ist flüchtig und regt, von seltenen Ausnahmen einmal abgesehen, nur selten zur vertieften Kunstbetrachtung an.

Verhunzt werden die Graffiti-Kunstwerke meist von vandalisierenden Schmierern, vor deren „Tags“ genannten Krickeleien heutzutage keine Wand mehr sicher ist.

Wer die freie künstlerische Geste weniger beherrscht, greift zur Schablone. Humorvolles, Kritisches oder gar Politisches lässt sich per Schablone massenhaft verbreiten. Schablonenkunst ist inzwischen zum eigenen Genre geworden und unterscheidet sich vom künstlerischen Graffito wie das Billyregal vom kunstgetischlerten Eichemöbel. Trotzdem kann Schablonenkunst aussagekräftig oder gar witzig sein.Schablonenkunst

Andere Straßenkünstler bringen uns mit Korkenmännchen zum Schmunzeln, die auf Straßenschildern balancieren, oder verpassen den sonst recht traurigen Stümpfen gefällter Straßenbäume ein Gesicht.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Eher rückläufig ist das Bestricken und Behäkeln von Straßenbäumen, Laternen oder Verteilerkästen, was eine Zeit lang recht verbreitet war. Social Knitwork nennt sich eine solche Initiative in Berlin-Friedenau und gibt mit ihrem Namen auch die Absicht preis: Kontaktpflege bei gemeinsamer Handarbeit mit dem Zweck, sich auszutauschen und dabei die Hände nicht ruhen zu lassen.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Doch Straßenkunst beschränkt sich nicht auf Gegenständliches: Ein Poet spricht mich an, der ich gerade ein Glas Wein auf dem Rüdesheimer Platz genieße. Ob ich ein Gedicht hören möchte. Natürlich will ich das. Mit Worten und Gesten malt er für mich ein Bild bunter Schmetterlinge in die Luft in einer Mischung aus Gedicht und Poetry slam. Den Euro hat er sich ehrlich verdient.

Eine junge Frau, etwas altmodisch gekleidet und einem Pappkoffer in der Hand, blickt sich suchend um und fragt mich, der ich auf einer niedrigen Mauer sitzend gerade ein wenig verschnaufe, ob ich ihr behilflich sein könne. Sie habe eine Verabredung auf einem fremden Planeten und wolle von diesem Platz aus starten. In derartigen Fällen hilft man natürlich gern, und ich wäre der letzte, der hierzu nicht zur Verfügung stünde. AstronautinEs entwickelt sich eine Performance aus umständlichen Vorbereitungen zu einem Raumflug, verrückt-naiven Dialogen, einer improvisierten Umkleidekabine aus dem Inhalt ihres Koffers und endet schließlich in einer Metamorphose von einer Landpomeranze zur Astronautin in schillerndem Raumanzug. Natürlich haben sich längst weitere Zuschauer um uns gebildet, und als sich die Astronautin lachend ihre Haube vom Kopf reißt, ihr Haar schüttelt und sich für meine „Mitwirkung“ bedankt, gilt der Beifall ein bisschen auch mir.

Wenn Sie jetzt lächeln, haben die Straßenkünstler ihr Ziel erreicht: Uns zu erfreuen und dabei vielleicht einen kleinen Obolus zu verdienen. Lächeln Sie doch einfach weiter…

Ferdinand

P.S. Falls Sie jetzt einwenden, die Musik sei doch auch Straßenkunst: Das stimmt, steht jedoch auf einem anderen Blatt und vielleicht auch demnächst an dieser Stelle.

Fotos (c) Privat

Otto Lilienthals kleiner Bruder

Ein Erfinder geht leer aus

Otto Lilienthal ist als  Flugpionier  – auch sein tragisches Ende – wohl allen bekannt. Sein Bruder Gustav ist im kollektiven Gedächtnis eher nicht verankert. Dagegen sinanker (4)d seine schönsten Erfindungen, der Steinbaukasten und der Stabil-Baukasten sicher beim älteren Leser mit schönen Kindheitserinnerungen verbunden.

Gustav Lilienthal war als Architekt, Tüftler und Erfinder, Flugforscher und  Abenteurer, auch als Sozialreformer  und Siedlungs-Mitgründer („Freie Scholle“ und „Eden“) in seinem langem Leben  – geboren 1849,  ist er 84 Jahre alt geworden – tätig.

anker (5)Da er Wahlberliner war und seine im Tudor- Stil gebauten burgähnlichen Villen in Lichterfelde West heute noch zu bestaunen sind, scheint es mir richtig, kurz über die für Gustav Lilienthals selbst so glücklose Erfindung eines Spielzeugs zu berichten: den Steinbaukastens.

1877 erfand er die kleinen glatten Bausteine, die aus  Quarzsand, Leinöl, Kreide und Farbpigmenten  in einer Formpresse hergestellt wurden und dann bei 100 Grad trockneten. Grundformen der Steine waren der Würfel in seinen Teilen und Vielfachen und andere mathematische Körper wie Zylinder, Pyramide und deren Schnittvarianten. Hier erkennt  man den Baumeister und Architekten Lilienthal!  Allein durch die Schwere der Steine ermöglichte die Statik größere Bauten. In Baukästen verpackt, versuchte er mit wenig Erfolg, Kunden dafür zu finden. Da dies nicht gelang, verkaufte er 1880 seine anker (2)Erfindung an den aus dem Rheinland stammenden  Friedrich Adolf Richter, der seit 1876 im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt eine  Pharmazeutische Fabrik betrieb, die auch allerlei anderes wie Druckerzeugnisse, Spielwaren und Schokolade herstellte. Heute würde man sagen, Richter  diversifizierte sein Unternehmen. Der äußerst geschäftstüchtige Kaufmann Richter  lies die Erfindung unter seinem Namen patentieren. Über ein Stufen- und Ergänzungssystem wurde das  heute älteste Systemspielzeug der Welt, also lange vor LEGO geschaffen. Ausführliche Bauanleitungen („Architektonische Vorlageblätter“ und das Heft „Der geschickte Baumeister“) aus der Richter´schen Kunstanstalt erleichterten dem kleinen Baumeister die Konstruktion. Der kleinste Kasten enthielt 19 Steine, der größte Kasten 3681 Steine, die alle aufeinander aufbauten und austauschbar waren. Die  großkalibrige Serie hatte als Richtmaß den Würfel von 25mm (davon gab es 600 verschieden Steine), die kleinkalibrige Serie 20 mm. „Richters Anker –Steinbaukasten“ wurde eine eingetragene Schutzmarke. Richter bewarb intensiv seine Produkte und gründete überall in Europa Niederlassungen und er  warb mit Kaisern, Königen und Fürsten als Abnehmer. Der 1880 nach Australien ausgewanderte Gustav Lilienthal  (auch dort erfolglos ) kam 1885 zurück und versuchte noch einmal sein Glück mit Produktion und Vertrieb des Baukastens. Da hatte er aber nicht mit Herrn Richter gerechnet, der einen Patentstreit  anstrengte und  gewann, in dessen Folge Lilienthal die Produktion verboten wurde. Doch Gustav war ja Erfinder und in der Folge entwarf er den ersten Konstruktionsbaukasten (Stabil-Baukasten) und ein „Bau-Spiel“ aus Wellpappe und Modellierbögen. Der große Reichtum des  Fabrikbesitzers  Richter blieb ihm auch mit diesen Erfindungen verwehrt. Immerhin hat er ein Ehrengrab des Landes Berlin auf dem Lichterfelder Friedhof.

In der DDR wurden in der  nach 1950 verstaatlichte Firma – nun „VEB Anker Steinbaukästen“ – noch  zwischen 1953 und 1963 Bausteine nach dem alten Verfahren anker (3)hergestellt.  1995 wurde mit Unterstützung des Landes Thüringen und der EU die Produktion der Anker-Steinbaukästen wieder aufgenommen http://www.ankerstein.de/index.php?option=com_content&task=view&id=8&Itemid=12.  Die naturbelassenen  Grundmaterialien sind geblieben, ebenso der Herstellungsprozess. Gegenwärtig werden 17 verschieden Baukästen hergestellt. Beginnend mit Grundkästen, wächst mit jedem Zusatzkasten  Anzahl und Formvielfalt der Steine.

Mein Tipp, für alle die jung geblieben sind und gerne bauen: Den Bausatz des Brandenburger Tors  aus 121 Ankerbausteinen (mit kannelierten Steinen für die Säulen)  gibt’s für 149,00 €. Oder lieber  erst mal mit dem Starter- Set für 28,50  anfangen?

Viel Spaß wünscht

Ihr mw

Fotos (c) mw

 

Aufgespießt: Lasst mir meine Autonomie!

Wenn ich die Diskussion über die geplante Gesetzesänderung zur  Arzneimittelerforschung verfolge, habe ich ein ungutes Gefühl. Sie verläuft für mich nicht gut – ich fühle mich bevormundet!.

In der Sache geht es um Folgendes: Die CDU und ihr Gesundheitsminister Hermann Gröhe haben einen Gesetzentwurf vorgelegt, bei dem es um die Frage geht: Soll es zukünftig möglich sein, Arzneistudien an Patienten vorzunehmen, die selbst nicht mehr einwilligen können und denen die Ergebnisse der Studien auch nicht mehr nutzen?

Klar: Wenn Sie nur diese „nackte“ Frage lesen, werden Sie alle vehement antworten – und das würde ich auch -, dass das natürlich nicht möglich sein darf. Das müssten vor allem wir aus unserer Vergangenheit im Kern unterbinden.

Aber: Wenn Sie den Hintergrund kennen, denken Sie vielleicht anders. Ich zumindest tue es – ebenfalls vehement.

Der Entwurf sieht vor – entgegen der bisherigen Regelung -, dass z.B. Demenzkanke an „gruppennützigen“ Studien teilnehmen können. Gruppennützig heißt u.a., dass die Teilnehmer selbst von den Ergebnissen der Studien nicht mehr profitieren, sondern erst spätere Generationen, z.B. die Kinder, Enkelkinder, wenn sie denselben genetischen Defekt in sich tragen.  Bislang sind solche Arzneistudien an nicht mehr einwilligungsfähigen Patienten nur dann erlaubt, wenn sie dem Kranken selbst nutzen.

Der entscheidende Punkt, der mich davon überzeugt, dass die angedachte Regelung sinnvoll und richtig ist, ist die gesetzliche Hürde, die vor dieser Möglichkeit steht: Ich muss mich im noch einwilligungsfähigen Zustand im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte schriftlich zu dieser Art von Studien bereit erklärt haben. Und wenn später der Fall eintritt, muss mein gesetzlicher Vertreter dieser Teilnahme erneut zustimmen – nach ausführlicher Beratung durch einen Arzt.

Das ist im Großen und Ganzen die Ausgangslage.  Nun regt sich Widerspruch gegen diese Änderung. Und dieser Widerspruch bzw. die Begründungen sind es, die mich um meine Autonomie fürchten lassen. Sie lautet so: Meine  frühere Einwilligung soll deshalb nicht gelten, weil ich zu dem Zeitpunkt nicht weiß, woran ich in zehn oder 15 Jahre erkranke (wohlgemerkt: es geht nicht um geistig Behinderte, nicht um Kinder, sondern um die Krankheit Demenz, in welcher Form auch immer). Diese Begründung folgt im Grundsatz der Diskussion, die es schon bei die Regelung der Sterbehilfe gegeben hat und die sich zusammenfassen lässt unter dem Stichwort „Anti-Utilitarismus-Argument“: Niemand dürfe das Gefühl haben, etwas tun zu müssen, um die Gesellschaft von der „Last“ zu befreien.

Ich habe mich als voll entscheidungsfähiger Mensch entschlossen, den Kampf gegen diese schwere Erkrankung zu unterstützen, indem ich mich  – in Kenntnis der Umstände (dass mir selbst die Studie nicht mehr helfen kann) –  für eine Teilnahme entscheide, wenn der Fall eintritt. Warum wird mir dieses Recht abgesprochen? Warum meinen die Gegner dieses Gesetzentwurfs, sie wüssten besser als ich, was gut für mich ist und was ich mit meinem Leben machen möchte? Das ist bevormundend, paternalistisch, übergriffig.

Meine Niere darf ich spenden, einen Organspendeausweis bei mir zu tragen, wird mir anempfohlen, eine Behandlung darf ich abbrechen – das alles wird mir zugestanden. Und das ist gut so!

Es wird mir aber nicht zugestanden,  dass ich mich im gesunden Zustand dafür entscheide, der Forschung zu helfen bzw. allen anderen, die nach mir kommen und  ebenfalls erkranken.

Die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen muss m.E. gewahrt bleiben, auch wenn sie manchen zu weit ausgelegt erscheint.

Ich allein möchte entscheiden, ob ich meine Organe für das Leben anderer Menschen  spende. Ich allein möchte entscheiden, ob nach meinem Tod mein Körper zu Studienzwecken genutzt wird. Ich allein möchte entscheiden, wie im Falle einer schweren Erkrankung weiter behandelt wird. Und das alles darf ich auch.

Ich allein möchte aber auch entscheiden können, ob ich mich für Studien der beschriebenen Art zur Verfügung stelle oder nicht. Aber das wird mir nicht zugestanden, wenn es nach den Gegner dieses Gesetzentwurfs geht.

Autonomie, Entscheidungsfreiheit – lasst sie mir bitte!

 

Und bleiben Sie mir gewogen.

 

I.B.F.

 

Quellen:FAS, 3. Juli 2016; SZ

 

 

Flamenco unterm Sternenhimmel

Nächtlicher Parkbesuch bei Kerzen- und Fackelschein

Wie in jedem Jahr, findet am kommenden Samstag, 2013_Rathenow 125dem 20.08. die „Serenade unterm Sternenhimmel“ in Rathenow statt.

Rathenow ist eine Kreisstadt ca. 70 km westlich von Berlin, mit dem Auto, aber auch mit der Bahn, bequem zu erreichen. Dort gibt es den Optikpark, eine Parkanlage, die im letzten Jahr die Bundesgartenschau und vor 11 Jahren eine Landesgartenschau beherbergte. Der alljährliche Veranstaltungs-Höhepunkt  ist die Nacht der Illuminationen und Kleinkünstler. Im gesamten Park werden in der Dämmerung hunderte Kerzen und Fackeln angezündet und verwandeln ihn in eine verwunschene Traumlandschaft. Beim Durchwandeln ertönen immer wieder neue Klänge von den unterschiedlichsten Kleinkunstgruppen, die im ganzen 2013_Rathenow 152Park verteilt auf Bühnen ihr Können darbieten. In diesem Jahr werden unter anderem Jazz, Blues- und Folktöne erklingen. Einer Akkordeonspielerin, einem Volkszitherspieler und einer Engelssopranistin dürfen wir lauschen, zwei Feuershows werden unsere Aufmerksamkeit fesseln, eine Erzählerin trägt Texte vor und verwandelt den Park mit Harfenuntermalung zu einem poetischen Naturerlebnis. Eingeleitet wird der Abend durch eine Flamenco-Show auf der Hauptbühne.

Wie ich finde liegt die Besonderheit beim Park in der Größe. Mit seinen 9ha ist er überschaubar groß. Dadurch erklingen an allen Ecken immer wieder neue Töne und es entstehen überraschende 2013_Rathenow 190Eindrücke. Die Atmosphäre ist bezaubernd und ein wenig geheimnisvoll. Ein großes Highlight ist natürlich die nächtliche, fackelbeschienene Floßfahrt auf einem alten Havelkanal.  Ein anderes das immer sehr besondere Abschlussfeuerwerk.

Ich freue mich auf jeden Fall sehr auf das nächtliche Flanieren,2013_Rathenow 150 begleitet von meist wirklich sehr guten Kleinkunstakteuren. Vielleicht teffen wir uns ja?

Ihre AvS

Weitere Informationen finden Sie unter http://www.optikpark-rathenow.de

Das Leben ist kein Ponyhof

Kampf gegen die Depression

Meine Freundin, nennen wir sie Vera, leidet seit einigen Jahren an Depression. In den ersten Jahren war sie damit beschäftigt, sich generell mit der Krankheit auseinanderzusetzten und sie in ihr Leben zu integrierDepression1en. Dazu gehörte auch ein Rentenantrag, der bewilligt wurde. Und die medikamentöse Einstellung, damit sie ihren Alltag überhaupt bewältigen konnte. Ich hatte das Gefühl, sie hatte sich mit der Krankheit abgefunden und sie akzeptiert.

Im letzten Jahr sahen wir im Kino einen Film über einen Mann, der ebenfalls mit dieser Krankheit zu kämpfen hat. In diesem Film wurde thematisiert, dass Depression heilbar ist. Ich hatte den Eindruck, dass Vera immer davon ausgegangen war, dass diese Krankheit, mehr oder weniger auf die chemischen Prozesse im Gehirn zurückzuführen ist, und man sie hinnehmen muss. Nun fing sie an, einen anderen Blickwinkel zu entwickeln. Im Laufe des Jahres suchte sie sich eine Reha Kur in einer psychosomatischen Klinik. Da ich aus eigener Erfahrung weiß, wie viele Verletzungen aus der Kindheit aufgearbeitet und geheilt werden können, habe ich sie darin nur unterstützt. Sie war Ende letzten Jahres lange in dieser Kur und es war neben allen guten und schönen Erfahrungen eine anstrengende Zeit. Die Auseinandersetzung mit den Wunden der Vergangenheit ist verdammt schmerzhaft.  Als sie wieder zurück in Berlin war, kam sie mir sehr verletzlich vor, als hätte sie eine Wunde, die noch offen, aber auf dem Weg der Heilung ist. Sie sprach viel und sehr ambitioniert über die Kur und äußerte den Wunsch, den nun eingeschlagenen Weg fortzusetzten. Leider ging es ihr nicht sofort spürbar besser. Mir kam es so vor, als würde  die Krankheit um ihr Überleben kämpfen. Mit allen Mitteln versuchte sie sich gegen Veras Heilungsbemühungen durchzusetzen.  Und Vera hielt dem Kampf stand. Sie suchte sich eine Gesprächsgruppe sowie eine Therapeutin und war voller Mut. Dann bemerkte eine Freundin  zu Vera, dass sie nicht viel von Therapien halte. MeDepression 2nschen mit Therapie-Erfahrung wären oft sehr selbstbezogen und der Kontakt zu ihnen durchaus schwer. Ich hielt den Atem an. Der Kampf gegen sich selber ist schwierig genug. Wenn dann noch die Angst dazukommt, seine bisherigen Freunde zu verlieren, wird es extrem.

Lange Zeit habe ich Vera dann nicht gesehen. Verabredungen sagte sie ab, mit dem Hinweis, dass es ihr nicht gut gehe. Ich drückte ihr die Daumen, dass sie den Kampf gewinnt. Letzte Woche habe ich sie dann endlich wieder getroffen. Mit neuer Frisur und neuer Brille wartete sie im Restaurant auf mich. Sie sah aus, wie das blühende Leben. Ich war verwirrt. So eine strahlende Verwandlung hatte ich nicht erwartet, nicht in so kurzer Zeit. Relativ schnell klärte sie mich auf. Sie hat ihre Antidepressiva-Medikation wieder erhöht. Ihre Therapiebemühungen hat sie abgebrochen. Dafür sprach sie wieder über Serotonin und Neurotransmitter.

idyelleVerstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich freue mich, wenn sie sich gut fühlt, und das mit einem veränderten Äußeren auch nach außen trägt. Ich hätte ihr nur gewünscht, dass sie es schafft, sich ihrer Verwundungen zu stellen und ganz durch ihren Schmerz zu gehen. Aber mir kommt es so vor, als wären wir dazu immer weniger in der Lage. Wir sind die Generation Wellness. Wir sorgen dafür, dass wir im wellbeing verweilen. So einfach und angenehm wie möglich, ohne Komplikationen und Störungen. Das ist allerdings nur das, was  uns die Werbung vorgaukelt. Das richtige Leben funktioniert so leider nicht. Das bringt Schicksalsschläge und Herausforderungen mit sich. Und die wollen gesehen werden. Und nicht zurückgedrängt mit unseren ganzen Ablenkungsmanövern und Süchten, die wir entwickeln, nur um nicht hinzuschauen. Vom Fernsehen über Shoppen bis hin zu Alkohol und Beruhigungsmittel. Ich wünsche uns allen etwas mehr innere Größe und Stärke, damit wir auch die schweren Zeiten unseres Lebens aufrecht meistern. Denn eines ist so sicher, wie das Amen in der Kirche: sie kommen, die Prüfungen des Lebens. Wie sagt doch mein 20jähriger Sohn schon so treffend: Das Leben ist kein Ponyhof. Oder mit den Worten von Marcel Proust ausgedrückt: Das Glück ist einzig heilsam für den Leib, die Kräfte des Geistes jedoch bringt der Schmerz zur Entfaltung.

In diesem Sinne bleibe ich

Ihre AvS

 

 

 

Kinotipp: WILLKOMMEN IM HOTEL MAMA

Mit dem etwas platten Titel WILLKOMMEN IM HOTEL MAMA (der mich eher einen Teenie-Film erwarten ließ oder eine deutsche Poster_Willkommen im Hotel MamaTV-Komödie)  kommt heute am 11.August 2016 eine witzige französische Komödie in unsere Kinos, die ich Ihnen gerne empfehlen möchte.

Die temperamentvolle Jacqueline (gespielt von Josiane Balasko) genießt ihr komfortables Leben als Witwe im Ruhestand in einer beschaulichen Stadt in der Provence. Seit vielen Jahren führt die dreifache Mutter eine heimliche Liebesbeziehung mit ihrem Nachbarn Jean. Als ihre 40-jährige Tochter Stéphanie (Alexandra Lamy) von heute auf morgen Job und Wohnung verliert, nimmt Jacqueline sie bei sich auf.  Nun müssen die beiden Damen erst wieder lernen, miteinander auf kleinstem Raum auszukommen. Jaqueline behandelt ihre Tochter wie ein kleines Kind, die dagegen wirbelt den ruhigen Alltag ihrer Mutter mehr durcheinander  als sie ahnt. Denn die Treffen mit ihrem Liebhaber Jean sollen heimlich bleiben, aber seit Stéphanie im Haus ist, kommt Jacqueline in Erklärungsnotstand. Da ist Einfallsreichtum gefragt, um den unangenehmen Fragen ihrer Tochter aus dem Weg zu gehen. Nun  dreht sich das Verhältnis  um – plötzlich wirkt Stéphanie sorgenvoll wie eine Gluckenmutter,  die WIHM©AlamodeFilm#3Mutter  dagegen wie eine pubertierende 17jährige. Trotz  fantasievoller  Ausreden kann Jacqueline nicht verhindern, dass ihre nächtlichen Eskapaden für wilde Spekulationen und so manch komische Verwechslung sorgen. Als Jacqueline dann aber doch beschließt, Jean und ihre Kinder bei einem Abendessen endlich miteinander bekannt zu machen, ist das Familienchaos perfekt.

Durch die sehr genaue und überaus liebevolle Beobachtung von Menschen und Lebensumständen gelingt dem Regisseur Eric Lavaine eine kluge, mit französischen Leichtigkeit gespielte Komödie – unterstützt von großartigen Schauspieler, die dies mit feinen Mitteln umzusetzen wissen. Der klassischen Mutter-Tochter-Konflikt wird durch Aufhebung der Rollen ad absurdum geführt – sehr zum Vergnügen von uns Zuschauern. Obwohl ich den Film im Originalton mit deutschen Untertiteln gesehen habe, war ich von den pointierten, spritzigen und humorvollen Dialogen begeistert – und von der schauspielerischen Leistung der beiden Hauptdarstellerinnen sowieso. Nie wird die Haltung der Figuren denunziert, nie wirkt eine Situation lächerlich oder peinlich. Und die Träume, Wünsche und Bedürfnisse der 60plus Generation ist wunderbar differenziert erzählt. Für mich ein Wohlfühl-Film, der mich mit einem Schmunzeln entließ und dem Gefühl, verstanden worden zu sein.

Bleiben Sie neugierig!

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Fotos (c) Alamode Film

 

 

Gegenstimmen

Im Martin-Gropius Bau Berlin ist seit dem 16.7. die Ausstellung „Gegenstimmen“ (16.7. – 26.9.2016) zu sehen. Träger ist die Deutsche Gesellschaft e.V. (is@deutsche-gesellschaft-ev.de), Kuratoren sind Eugen Blume und Christoph Tannert. Die Ausstellung wird von einem Begleitprogramm (Symposien, Lesungen, Diskussionen, Konzert) ergänzt.

 

GEGENSTIMMEN –  Kunst in der DDR 1976 – 1989

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Performance Via Lewandowsky. Berlin, 1989 © Jochen Wermann

Die Ausstellung beleuchtet das vielseitige Schaffen von kritischen und nicht-staatstragenden Künstlern. In unterschiedlichen Sparten (Malerei, Skulptur, Installation, Fotografie) wird die Wechselwirkung zwischen „Geist“ (künstlerischer Freiheit) und „Macht“ (repressiven Regime) aufgespürt und gezeigt, wie unterschiedlich Künstler ihrer eigenen Haltung und System-Absage Ausdruck gaben. In der westdeutschen Museumslandschaft ist Kunst mit DDR Bezug kaum vertreten. Diese Lücke versucht die Ausstellung – im Sinne der Deutschen Gesellschaft e.V. – zu schließen.

Als der Liedermacher Wolf Biermann 1976 ausgebürgert wurde, entstand in der DDR eine Oppositionsbewegung, die es bis dahin so nicht gegeben hatte, in der Kritiker und Verweigerer revolutionäre Prozesse in Gang setzten. Vertreter aus Kunst und Kultur fanden zu einer gemeinsamen Sprache. Alles, was danach entstanden ist, war politisch. Künstler kommunizierten „in anderen Räumen“. Aus einer lethargischen Stimmung der Angst und Angstlosigkeit heraus nabelten sich Künstler von der Staatsdoktrin ab und setzten ein „die Kunst ist frei“ dagegen nach dem Motto: „Freiheit wird nicht kommen, sie wird sich herausgenommen“. In vorwiegend privaten Räumen fanden Kunstausstellungen, Lesungen und Performances statt, man zoFlyerg sich mehr und mehr ins Private zurück. „Im Gedächtnis derer, die daran teil hatten, war es die beste Zeit“ , sagt Wolfgang Engler, heute Rektor der Schauspielschule Ernst Busch.

Aus einer Palette von Gegenstimmen bekommen in der Ausstellung nunmehr 80 Künstler  die Anerkennung, die ihnen damals verwehrt geblieben ist.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin
Öffnungszeiten Mi bis Mo 10 – 19 Uhr /Di geschlossen.
Eintritt 8€/ermäßigt 4€ – frei bis 16 Jahre

Hinweise auf ein noch interessantes Begleitprogramm – jeweils 19h im Martin-Gropius-Bau Berlin, Eintritt frei

  • 12.08.  Lichter aus dem Hintergrund – Film und Diskussion mit Regisseurin  Helga     Reidemeister
  • 02.09.  Zwischen Liebe und Zorn – Film und Diskussion mit Fotograf Harald Hauswald
  • 09.09.  Engelbecken – Film und Diskussion mit den Regisseuren Gamma Bak und Steffen Reck
  • 16.09.  Liebe – Lesung und Diskussion mit Michael G. Fritz und Peter Wawerzinek

I.A.

 

 

 

 

Meine Reise in die Vergangenheit

Eine Reise  in ein erobertes Gebiet

Am Tag nach meinem Theaterbesuch habe auch ich das Oderbruch erobert. Rein visuell und vom „Ross“ aus.

Das Oderbruch wurde 1747 von König Friedrich II  ohne einen Schuss odererobert. Er hat einfach nur ein großes Odergebiet trocken legen lassen. Die Oder erhielt ein neues, begradigtes Flussbett: 60 km wurden eingedeicht und Sumpfgebiete trockengelegt. Aus einer sumpfiger Wildnis wurde eines der fruchtbarsten Ackerbaugebiete und eine neue preußische Provinz, die sich aufgrund ihres Fischreichtums und wertvollen Ackerbodens zur Kornkammer Preußens und zur Speisekammer Berlins entwickelte.

In Zollbrücke, neben dem Theater am Rand, entdeckte ich im kleinen gemütlichen Gasthaus, dem Gasthaus Zollbrücke, einen Fahrrad-Verleih. Ich lieh mir ein modernes Fahrrad, leicht zu fahren, mit komfortabler Gangschaltung für jedes Tempo. Als erstes entdeckte ich einen Storch in seinem typischen großen runden Nest auf einem hohen Pfahl. Für einen Großstadtmenschen eine seltene Begegnung. Ein leicht zu fahrender Weg liegt vor mir: Ganz obeoderbruch wiesen auf dem Deich, immer geradeaus, keine Hügel, kaum Kurven, nur Natur. Schon nach einer kleinen Weile war ich mit allen Sinnen im Oderbruch. Zu meiner rechten die satten grünen Wiesen, ab und zu mal ein großer Strauch oder Baum, kleine Rinnsale oder Kanäle und ein blauer Himmel wie ein Schlag Sahne oben drauf. Links von mir zog die Oder ihren nicht langsamen Weg in Richtung Ostsee. Vorgelagert noch die eingedeichten Wiesen, die bei Hochwasser die Oder aufnehmen. Meine Ohren stellen sich auf „Stereo“:  Der rechte Kanal spielt die Sinfonie der verschiedenartigsten Vögel. Piepsen, Zwitschern, Tirilieren begleiten die Solo- oder Chorauftritte der Vogelschar. Ganz anders der linke Kanal. Das Quaken der Frösche, ein Brummen, Summen und Zirpen der Wiesenbewohner ergeben zusammen eine ganz neue Musikrichtung. Zu all diesen Eindrücken kam der Geruch von saftigem Grün, die klare Luft und das leichte Schaukeln der Gräser, Sträucher und Büsche am Rande. Die Fahrt ging weiter, fähreimmer geradeaus bis zum Horizont.  Das Schild „Zur Fähre“ machte mich allerdings neugierig und ich bog  nach links ab,  ca. zwei- bis dreihundert Meter zu einer kleinen Autofähre am Ende der L 34. Eine kleinen Schaufelradfähre für max. 5 PKW in drei Minuten über die Oder nach Gozdowice in Polen.

Drüben auf der anderen Oderseite lebte meine Oma im Ort Zäckerick, heute Siekierki. Mit dem Wirt vom Gasthaus Zollbrücke kam ich beim Mittagsessen ins Gespräch. Er holte daraufhin ein Buch, eine Dokumentation aus seinem Bücherbestand. Mit den Namen der Familien, Hausbesitzer, Berufe, Höfe, Größe, alles über die damaligen Einwohner und den Ort Zäckerick bis 1945. Tatsächlich entdeckte ich auch den Namen von Emil Gabriel, meinem Opa, laut Suchdienst Rotes Kreuz  nach Verschleppung als Zivilgefangener in der Gefangenschaft verstorben.  Ich hatte drei Schwarz/weiß-Bilder mit Büttenrand mitgebracht, weil ich doch einmal gucken wollte, ob das Haus meiner Großeltern und meiner Mutter noch zu finden wäre. Das Buch des Wirts bestätigte dies.P1050569 - Kopie

So fuhr ich am Nachmittag mit dem Auto über die Brücke in Hohenwutzen nach Polen, nach Siekierki.  Leider gab es wenig wieder zu erkennen. Die Kirche gab es nicht mehr und das ganze Dorf an der Oder hat sein Aussehen so stark verändert, dass ich selbst nach genauesten Angaben wirklich nur erahnen konnte, welches Haus meiner Familie mal gehört haben könnte. Nur das alte Gerippe der Eisenbahnbrücke war noch erhalten, teilweise. Dies war dann auch ein Abschluss auf meiner Reise in die Vergangenheit, die nun wirklich von der Zukunft bestimmt wird, und so soll es auch sein.

Nun ging es weiter zur schon beschriebenen kleinen Fähre (2 Personen ein PKW für 3,25 € !!) In drei Minuten zurück  von der „Rundreise“ Polen – Deutschland.  Auf dem Rückweg nach Berlin übernachtete ich in Neulietzegöricke, dem ältesten Kolonistendorf im Oderbruch. Nette Gastgeber und ein Dorfgasthaus „Zum feuchten Willi“. Der Name stammt noch aus DEFA-Zeiten und ist bis heute geblieben. Die Bewohner sind stolz auf diesen Drehort. Eine kleine Kirche und viele Fachwerkhäuser runden das Dorfbild ab.  Am Morgen mache ich noch ein paar interessante Pausen auf dem Weg nach Berlin zurück. Als erstes in Altranft, das Dorf meiner Kindheit: Das schlossartige Gut der Grafen von Hacke mit dem von Lenné im englischen Stil gestaltete Park. In Ruhe noch einmal ein paar Schritte durch das Gelände, bevor es weitergeht nach Bad Freienwalde. Ein Bäder- und Kurort, die älteste Kurstadt in Brandenburg. Sehenswert der kleine Kurpark ebenfalls von Lenné angelegt und das Kurhaus, die Fachkschanzelinik für Moorbäder. Gleich nebenan befindet sich das nördlichste Skizentrum Deutschlands. Unglaublich, aber wahr. Eine große Schanze (Turmhöhe 38 m) und drei kleinere, auf denen ein reger Sommerbetrieb stattfindet. Der Blick vom Jahnstadion auf die Schanzen ist fantastisch und lohnenswert. Der nächste Stopp sollte unbedingt am Schiffshebewerk Niederfinow sein. Der alte wuchtige, imposante Stskigebietahlbau, mit seiner  Entstehungsgeschichte von 1906 bis 1927 und der folgenden Bauzeit von 1927 bis 1934, ist immer noch in Betrieb. Gönnen Sie sich auch ruhig einen Blick von ganz oben auf der Anlage in 60 m Höhe über das Oderbruch und mehr. Imposant. Die Troglänge ist auf 84 m begrenzt. Ein neues Hebewerk entsteht zur Zeit (Grundsteinlegung 2009) genau neben dem alten technischen Wunderwerk. Es wird gebraucht damit größere Schiffe mit bis zu 110 m Länge passieren können.  Schließen Sie nun mit einem süßem Leckerbissen eine Reise in eine der schönsten Landschaften östlich von Berlin ab. Sie finden in Eberswalde, direkt am Markt 2, das Kaffeehaus Gustav. Der Name stammt vom Erfinder des Eberswalder Spritzkuchens Gustav Louis Zietemann.  Hier gibt es Candlelight- oder Champagner Frühstück, aber Sie können sich auch einfach einen Kaffee und die Spritzkuchenköstlichkeit genießen, im Herzen der Altstadt mit Blick auf die Maria Magdalenen Kirche, draußen bei „Gustav“.

Kurz vor Berlin, am Rande von Deutschland gibt es viel zu sehen.

ihr brd

Fotos (c) brd

 

 

Neu gelesen (4): Der veruntreute Himmel von Franz Werfel

Ferdinand braucht keinen Thriller, um beim Lesen einen Thrill zu bekommen. Manchmal genügt ihm zur Erzeugung einer Gänsehaut ein Klassiker. Diesmal „stolperte“ er über ein spannendes Buch von Franz Werfel.

Ich traf auf Teta Linek in einer Telefonzelle. Haben Sie denn kein Handy, werden Sie mich jetzt fragen, dass Sie eine Fernsprechzelle aufsuchen müssen, um zu telefonieren. Zumal es von denen kaum noch welche gibt. Selbstverständlich besitze ich ein Mobiltelefon, doch in Telefonzellen geht man heutzutage eher, um Bücher auszutauschen. Dort, in einer solchen Zelle, fiel mir ein Buch mit altmodischem Halblederrücken auf, in seinem Innern ein schönes, heraldisches Ex libris eines Herrn Hans S., eine Ausgabe von 1959, erschienen im Bertelsmann Lesering.

Die Geschichte einer Magd, so bescheiden betitelt Franz Werfel seinen Roman, den er kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 im Pariser Exil geschrieben hat.

Ich hatte das Buch schon einmal vor Jahren gelesen und den Handlungsstrang noch recht gut in Erinnerung, nicht mehr jedoch das, was Werfel in dem vielschichtigen Werk eigentlich zu sagen hat.

Teta Linek, eine Köchin und Hausangestellte, beschließt in ihren mittleren Jahren einen Lebensplan, der bis ins Jenseits reicht. Ihr Neffe Moimir, ein angehender Student der Theologie, soll ihr bei der Verwirklichung nützlich sein, weshalb sie ihn auf seinem Weg ins Priesteramt finanziell unterstützt. In einer Mischung von Tiefgläubigkeit und Leichtgläubigkeit wird sie zum Opfer von hinterhältiger Täuschung und Betrug. Ihr Plan, dereinst durch Moimir als geweihtem Priester einen Platz im himmlischen Paradies zu gewinnen, wird zur Lebenslüge, an der sie selbst dann noch festhält, als sie die Schändlichkeit ahnend dem Neffen schließlich auf die Spur kommt.

Nach ihrer Enttäuschung und dem Bruch mit Moimir findet sie in dem jungen Kaplan Johannes Seydel, der ihr bei einer Ohnmacht beisteht und der sie später auf einer Pilgerreise nach Rom begleitet, ein neues Ziel für ihre besitzergreifende Nächstenliebe, für die sie als Gegenleistung nichts anderes erwartet als den himmlischen Frieden.

Werfel entlarvt mit begeisternder Erzählkunst und leiser Ironie, die niemals bloßstellt, die Egoismen, die sich hinter der Nächstenliebe verbergen. Moimir und Seydel, der eine hinterhältig und durchtrieben, der andere aufrichtig und von echtem Glauben, verschmelzen in Tetas letzter Stunde zu ein und derselben Person. Teta aber erreicht ihr Ziel schließlich doch durch ihr unerschütterliches Festhalten an dem einst getroffenen Entschluß und sie erlebt am Ende ihres Lebens ihren größten Triumph.

Der Roman ergreift keine Partei, weder für die Gläubigen noch für die Zweifler. Ein wunderbares Buch und jedem Leser zu empfehlen, der über die „ungeheuren Fragen unseres Lebens“ [Werfel] und unser „Woher – Wohin – Warum“, nachdenkt.

Einmal – so schreibt Werfel im Epilog – wenn uns Technik, Sport und Realgesinnung zum Hals heraushängen werden, dann wird die Sehnsucht nach diesem Feuer, die Sehnsucht nach einem metaphysischen Bewusstsein die fortgeschrittenste Empfindung einer verwegenen Avantgarde sein.

Schöner kann man wirklich nicht schreiben…

Ferdinand

Fotos (c) Ferdinand

 

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