Berlin ab 50…

… und jünger

Isoldes Filmtipp: DANIEL HOPE – Der Klang des Lebens

DANIEL HOPE – DER KLANG DES LEBEN

Dokumentarfilm von Nahuel Lopez. Deutschland/Schweiz 2017, 104 Min./ OmU.

Kinostart am 19. Oktober 2017

 

Daniel Hope wurde 1973 in Südafrika geboren. Seine Eltern verließen 1975 der Apartheid wegen das Land und wanderten über Frankreich nach England aus, wo sie in London in unmittelbarer Nähe von Yehudin Menuhins Wohnort ihr neues Domizil fanden. Die Mutter wurde dann die Sekretärin von Yehudin Menuhin und ein fast märchenhaft anmutender Aufstieg begann als der vierjährige Daniel durch vor allem Menuhins Inspiration und seiner Beschäftigung mit der Violine zum heute vielfältigsten und bedeutendsten Geiger seiner Generation aufstieg.

In England studierte er am Royal College of Music und wurde 2002 jüngstes Mitglied des legendären Beaux Arts Trios. Heute lebt Daniel Hope in Berlin, ist Music Director des Zürcher renommierten Kammerorchesters, und moderiert wöchentlich die Autorensendungen WDR3 ‚persönlich mit Daniel Hope‘ –  sein Konzert am 17.12. in der Alten Oper in Frankfurt,“Vivaldi Recomposed“, ist bereits ausverkauft.

Das Buch“Familienstücke“, das er zusammen mit der Berlinerin Susanne Schädlich schrieb, wurde zu einem autobiografischen Dokument, in dem er nach seinen jüdischen Wurzeln und sich selbst sucht – man kann es zugleich auch als Vorlage zu dem Film verstehen.

Der Regisseurs Nahuel Lopez, dessen Eltern auch ihr Geburtsland Chile wegen politischer Umstände verlassen mussten, traf sich mit Daniel Hope in Berlin.  Angelehnt an dessen gerade erschienenen Albums „Escape to Paradise“, auf  dem er sich mit dem Thema Exil und Musik beschäftigt und dem Phänomen nachgeht, was Exil mit den Menschen, mit der Gesellschaft und letztlich mit der Kunst macht, erzählt Lopez in seinem Film die Geschichte einer Heimatsuche und Identitätsfindung, von der Flucht bis hin zu einem großen Happy End. „Man versucht wegzukommen und  e s  holt einen wieder ein“, sagt Daniel Hope an einer Stelle im Film –  und somit ist ein fast universell zu nennender, spannender Film entstanden.

Unbedingt ansehen!

I.A.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das schlechte Gewissen….

Seit einigen Monaten bin ich nun „im Ruhestand“. Ich war gut vorbereitet, dachte ich. Ich wusste, was ich alles tun will, freute mich sehr auf den neuen Lebensabschnitt. Auf viel Zeit, nur für mich. Schließlich brachte meine freiberufliche Tätigkeit ein  „Immer bereit sein“ mit sich. Diese ununterbrochene Anspannung war natürlich nervenaufreibend, auch wenn mein Beruf mir (meistens)  großer Freude bereitet hat.

Dann war er da, der Rentenbeginn … ungläubig fast feierte ich den „ersten Tag“.

Aller beruflichen Bürden ledig schmiss ich mich also auf neue Aktivitäten. Als erstes habe ich meine Wohnung halbwegs auf den Kopf gestellt – was wohl viele frische Rentner tun, wie ich inzwischen erfahren habe. Meine Tage waren ausfüllt:  Fußboden und Küche neu,  Wohnzimmer gemalert – Gespräche mit Handwerkern. Dann das Arbeitszimmer:  PC überholt, Bücher und Arbeitsmaterial weggeworfen, Umgestaltung überlegt.  Eine kleine Pause. Und da kam es schon um die Ecke, mein schlechtes Gewissen….

Es begann mit dem Wegwerfen der beruflichen Papiere. Zweifel, Fragen, Erinnerungen kamen hoch, nicht immer angenehme. Trotz allem, ich habe wie geplant radikal weggeworfen. Tonnenweise landete Altpapier und alte VHS-Kassetten im Wertstoffhof.  Einigermaßen zufrieden  habe ich mir gesagt, so, nun darfst du aber auch eine Pause einlegen. Nach einer halben Stunde  Zeitunglesen, kam es, mein altes, gut bekanntes schlechtes Gewissen, das mich immer angetrieben hat, etwas zu tun.

Ich musste mir bewusst vorsagen, du darfst ab jetzt, ohne schlechtes  Gewissen.  Aber so einfach lässt sich, wie Sie sicher auch wissen, ein schlechtes Gewissen nicht vertreiben. Es begleitete mich offen und verdeckt, es ist ein zäher Geselle, ihn zu bekämpfen bedeutet Arbeit (Gottseidank, schon wieder „Arbeit“).  Ich empfand es schwierig, nach 45 Arbeitsjahren, die ich immer viel und gerne gearbeitet habe – Abendabitur, Studium plus Arbeit, einen aufreibenden, zeitintensiven Job, Selbständigkeit -,  mich plötzlich „in den Ruhestand“ zu begeben. „Ruhe“ gab’s bis dato ein paar Tage im Jahr, als „wohlverdienten“ Urlaub. Aber nun darf ich „Ruhe“ geben – ohne sie mir „wohlzuverdienen“. Theoretisch einfach, praktisch nicht ganz so.

Und es geht gar nicht darum, die Stunden meines Tages zu füllen.  Es ist nicht das Problem, mit der Zeit etwas anzufangen  – im Gegenteil.  Meine Interessen sind vielfältig und ich habe bereits  viele Pläne gemacht. Nein, es geht um die innere Haltung. Die Überlegungen, eine Aufgabe zu haben, eine Bestätigung zu finden, nicht in eine Schwarzes Loch fallen usw. –  sie alle waren ins Kalkül gezogen. Aber meine „Falle“  war eine ganz andere:

Lesen, Lesen, Lesen – war eines meiner erklärten Ziele.  Es liegen inzwischen Bücher hochgetürmt in meinem Arbeitszimmer und warten aufs Lesen.  ABER, Lesen gehörte für mich bis dato zur „Arbeit“.  Nun habe ich aber diesen Arbeitsabschnitt ad acta gelegt, also ist Lesen nun zum „reinen Vergnügen“ geworden. In meinem bisherigen Leben gab es dies aber bisher selten. Bücher gehörten Zeit meines Lebens zur Arbeit:  Nicht nur in der  Schule und im Studium, sondern auch im Beruf. Und ich zumindest lese ganz anders, wenn ich zielgerichtet lesen muss oder „einfach so“.  Ich brauche also eine neue  Herangehensweise, die trainiert werden muss. Jahrzehntelang war ich auf Arbeit geeicht, tagein tagaus,  tagtäglich –  und kannte das Nichtstun, die Langsamkeit, die Geruhsamkeit kaum, und schon gar nicht mit einem Buch in der Hand.

Auf dies  hat mich aber erst mein schlechtes Gewissen gebracht. Ich muss mich also in einen anderen Modus bringen. Durchbrechen konnte ich dies tatsächlich erst durch eine Reise –  Abstand von zuhause, durch das Gewinnen neuer Eindrücke, durch ausgefüllte Tage mit Wandern, Lesen und Genießen – und dem Lesen von Lion Feuchtwangers Roman „Die hässliche Herzogin Margarete Maultasch“.  Vor Ort, im Land der Margarete von Tirol (die vermutlich gar nicht so hässlich war) konnte ich lesen – ohne an Arbeit zu denken. Was für ein wunderbares Gefühl! Ich werde versuche, es mir zu bewahren…

Fazit: Auch „Ruhestand“ muss gelernt werden – und ein schlechtes Gewissen hat immer auch sein Gutes.

Haben Sie ähnliche Erfahrungen oder ganz andere, mich würde es interessieren.

Vor allem aber, bleiben Sie neugierig
go

Gratulation – und die Kinder von Tschernobyl

Ich gehöre zu einer Gruppe, der Christen und Nichtchristen, vom Schüler bis zum Rentner, Menschen aus den verschiedensten Berufen angehören, die seit 1990 jedes Jahr Kinder aus der nach dem Supergau von Tschernobyl verstrahlten Region um die weißrussische Stadt Gomel zu einem mehrwöchigen Erholungsaufenthalt nach Deutschland holen. Realisiert und finanziert wird alles über ehrenamtliche Arbeit und Spenden.

Wie in jedem Jahr hatten wir auch in diesem Jahr an einem Samstag Mitte August unsere Spender zu einem „Tag der offenen Tür“ in unser Camp in Hirschluch/Land Brandenburg eingeladen. Die Kinder führten ein in den Tagen vorher einstudiertes Programm auf. Eigentlich sollen es gesunde Kinder aus Familien mit behinderten Kindern sein, die zu uns kommen, damit sich ihr Immunsystem in den wenigen Wochen in unverstrahlter Umgebung bei unverstrahltem Essen erholen und stabilisieren kann. Trotzdem haben auch viele dieser „eigentlich gesunden“ Kinder gesundheitliche Probleme, sind in der Entwicklung zurückgeblieben, spastische Erkrankungen nehmen zu. Und gerade deshalb ist es immer wieder berührend zu sehen, welche Talente in den Kindern schlummern. Sie bekamen tosenden Applaus.

Nach dem Programm hatten wir eine Ärztin zu einem Vortrag über die Folgen des Reaktorunglücks von Tschernobyl eingeladen. Frau Dr. Dörte Siedentopf berichtete über die Spätfolgen der verschiedenen freigesetzten Isotope, was Plutonium, Jod, Strontium oder Cäsium auch nach ihren Halbwertzeiten noch bewirken, wie Letzteres in der Placenta der Frauen eingelagert wird und was das für die dann geborenen Kinder bedeutet. Vieles davon können wir an unseren Gastkindern sehen.

Leidenschaftlich berichtet diese Ärztin dann noch über ihr Engagement gegen einen anderen Einsatz von Atom. Sie gehört nicht nur zu einer ähnlichen Gruppe wie die unsere, sie arbeitet auch bei „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung e. V. (IPPNW)“ mit. Zum Schluss fragte sie in die Runde:  Wussten Sie es?

Und sie gab die Antwort gleich selbst:  Am 7. Juli haben 122 Staaten einem Vertrag über ein Verbot von Atomwaffen zugestimmt.  Unter der Führung der österreichischen Regierung entstand die diplomatische Initiative „Humanitäre Selbstverpflichtung“ für eine Verbotsinitiative der UNO. Damit akzeptiert die internationale Gemeinschaft nicht länger den Sonderstatus der Atommächte. Das zukünftig völkerrechtlich verbindende Abkommen verbietet neben der Herstellung, dem Einsatz, dem Besitz von Atomwaffen auch die Androhung ihres Einsatzes und die Stationierung in anderen Staaten. Die Niederlande enthielt sich und Singapur stimmte dagegen. Die Atommächte hatten an den Verhandlungen nicht teilgenommen. „Wir haben nicht vor, den Vertrag zu unterschreiben, zu ratifizieren oder Teil davon zu werden“, erklärten die Atommächte Frankreich, Großbritannien und USA.

(c) VB

Wussten Sie es?  
Deutschland hat als NATO-Mitglied in der UN gegen ein Atomwaffenverbot gestimmt und nahm noch nicht einmal an den Verhandlungen teil, da die nukleare Abschreckung zur Strategie des Bündnisses gehört.

Wussten Sie es?
85 % der BundesbürgerInnen sind für den Abzug der Atomwaffen aus Deutschland, 93 % befürworten ein Verbot.

Wussten Sie es?
1.800 Atomwaffen sind noch immer in Alarmbereitschaft und die Atomwaffen in Deutschland werden aktuell aufgerüstet.

Ich hatte nichts in meiner Tageszeitung gelesen, nichts in anderen Medien gelesen, gesehen oder gehört.
Das ist jetzt anders. Die Organisation, die diese Vertragsbewegung wesentlich initiiert hat – ICAN – hat jetzt den diesjährigen Friedensnobelpreis bekommen. ICAN (Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen) ist ein Bündnis aus etwa 450 Organisationen und Friedensgruppen. Dr. Ron McCoy, ein malaysischer Arzt und Vorsitzender des IPPNW, zu der auch unsere Referentin gehört, hatte zuerst die Idee für eine internationale Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen.

Wenn auch Sie und viele andere, wie auch ich, bisher nichts von dieser UN-Initiative wussten, dann dürfte das jetzt anders sein. Außer ICAN für den Erhalt des Friedensnobelpreises muss man auch dem Nobelpreiskomitee für diese Wahl gratulieren.
Mit diesem Preis wächst der Druck auf die bisherigen Vertragsverweigerer und damit auch auf die zukünftige neue Bundesregierung.

Zurück zu unserem „Tag der offenen Tür: Unsere Kinder spielen an diesem Tag ihr Spiel zu Ende, tanzen und singen mit Hingabe. Zum Schluss schallt uns ihr lautes Спасибо (Danke) entgegen.

„Zuerst fühlen die Menschen das Notwendige, dann achten sie auf das Nützliche, darauf bemerken sie das Bequeme, weiterhin erfreuen sie sich an dem Gefälligen, später verdirbt sie der Luxus, schließlich werden sie toll und zerstören die Erde.“

– sagte 1725 Giambattista Vico (gefunden in: Roger Willemsen, Wer wir waren, Fischer Verlag Frankfurt/Main, 2016).

Liebe Leser, weitere Informationen finden Sie unter www.ippnw.de  und www.aktionskreis-kinder-von-tschernobyl.de.

Informieren Sie sich –  wünscht sich VB

Fotos (c) Aktionskreis „Kinder von Tschernobyl“

Empfehlung fürs nächste Jahr

Schön war‘ s   – der 10. Kultour-Rundgang in Friedenau!

Falls Sie nicht dabei waren und die Südwestpassage noch gar nicht kennen, ich kann  Ihnen nur empfehlen, einen Besuch im nächsten Jahr einzuplanen. Es ist ein besonderes Flair, dem man sich nur unschwer entziehen kann.

70 Ateliers, 70 mal Vielfalt, 70 mal Friedenau. Mit Hilfe der informativ gestalteten Broschüre kann man sich einen Rundgang selbst zusammenstellen –  nach Lage, nach Künstlern,  nach Material etc. – und sich so einen kleinen Eindruck der Kreativen Szene in Friedenau verschaffen. Da ich nicht viel Zeit hatte, habe ich nur ungefähr 10 Ateliers am Samstag Nachmittag besucht  – und finde es neben den künstlerischen Aussagen und Ansprüchen  immer wieder spannend, zu sehen,  wo die Ateliers liegen – in großen oder kleinen Wohnungen, in Kellern, Treppenhäusern oder in Souterrains.

Bei aller Vielfalt und Unvergleichbarkeit  fiel mir,  zumindest bei den von mir besuchten, ein gemeinsamer Nenner auf:  Die therapeutische Kraft, die dem kreativen Prozeß zugeschrieben wird, scheint schier unerschöpflich. Neben den Objekten der Künstler selbst begegneten mir unzählige Angebote für Malkurse, Skulpturseminare, Farb-Aufstellungen, Holz- und Ton-Workshops  – mit und ohne therapeutischen Ansatz, mit und ohne Esoterik. Es gibt sie für Kinder, Jugendliche, Flüchtlinge, SeniorenInnen, für Montagsmaler, Familien, Frauen, Traumatisierte und und und….

Überrascht war ich über die vielen  Besucher, die  trotz Regenwetters mit fröhlichen Gesichtern durch die Friedenauer Strassen zogen, von einem Atelier  zum nächsten Künstler.

Bis zum nächsten Jahr!  Ihre go

Eine Postkarte erzählt

Durch Zufall fiel mir diese Postkarte  aus der Mitte der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts  in die Hände und ein älterer  Herr und Zeitzeuge machte mich auf die Dinge aufmerksam, die man nur sieht, wenn man sie weiß. Ich war beeindruckt  und erzähle es Ihnen gern weiter:

Die Postkarte zeigt den Blick vom Mehringdamm in die Yorckstraße  in Kreuzberg 1955. Seit 1864 gab es hier die Belle-Alliance-Straße (Schlacht bei Waterloo 1815, Belle Alliance war der Name eines Gasthofs und das Hauptquartier der Preußen und wurde synonym für Waterloo benutzt), die 1946 zum Mehringdamm (nach dem Schriftsteller und SPD-, später KPD- Mitglied Franz Mehring) umbenannt wurde. Kreuzberg lag im  amerikanischen Sektor. Das Rathaus rechts in der Yorckstraße ist einer der ersten Neubauten West-Berlins. Das zehngeschossige Gebäude aus den Jahren 1950/1951 von Willy Kreuer ist ein typischer Nachkriegsbau mit schlichter Fassadengestaltung. Die 2017 leider geschlossene Kantine im 10.Stock war legendär. Kreuer war ein Architekt der Nachkriegsmoderne, dem Berlin außerdem die Amerika-Gedenkbibliothek (gemeinsam mit Fritz Bornemann), die Bibliothek im Hauptgebäude der TU  und das ADAC –Haus in der Bundesallee verdankt.

Der Bus Nr. 19 im Vordergrund stammt aus der ersten Doppelstockserie nach dem Krieg mit „Unterflurmotor“ statt Motorhaube und ist von  Büssing (Braunschweig), Modell D2U.  Leider konnte ich seine Route nicht recherchieren, vielleicht fuhr er wie der heutigen M19? Das Modell D2U wurde  ein  regelrechtes »Markenzeichen« der Inselstadt West-Berlin und ist auf vielen Postkarten aus dieser Zeit zu sehen. Er hatte drei Türen sowie einen Schaffnerplatz im Heck. In Ost-Berlin  fuhren damals  die Do 56 Doppeldeckerbusse mit „Schnauze“ aus dem sächsischen Werdau.

Das Taxi ist  ein Mercedes Typ 170 V mit Dieselantrieb, der 1937 auf dem Markt kam und auch nach dem 2. Weltkrieg bis  1953 unverändert   weitergebaut wurde. Erst 1953  wurde dieses Modell durch den völlig neu konstruierten W 120 abgelöst.

Links vorn steht  ein Tempo 400 (Vidal & Co. Harburg, Zweizylinder-Zweitakt mit 400 Kubikzentimeter und  12 PS; kostete damals 3300 DM)  und dahinter ein Goliath G750, 13 – 14 PS von Borgward Bremen mit Hinterachs-Kardan. Beide waren die gängigsten, weil billigsten Fuhrwerke für den Kleingewerbetreibenden und fielen in der Rechtskurve gern um. Vor dem 2. Weltkrieg durften Kraftfahrzeuge mit weniger als vier Rädern und einem Hubraum von unter als 200 Kubikzentimetern ohne Führerschein gefahren werden und waren steuerfrei. Sie waren daher sehr beliebt. Hier ist der Hubraum höher, ob auch zu dieser Zeit ohne Führerschein gefahren werden durfte, war meinem Zeitzeugen nicht bekannt. Beide Firmen gibt es seit den 60iger Jahren nicht mehr.

Im Vordergrund der Wegweiser mit Orten, die zum Teil nicht mehr im Nachkriegsdeutschland lagen.  Ein weiterer (für Reichsstraße 1) mit Kilometerangaben nach Königsberg und Danzig ist nicht zu sehen, weil er in Fahrtrichtung dahinter steht. Er war für die „Machthaber in Pankow“ in der „SBZ“ stets Beweis für den westdeutschen Revanchismus in Westberlin. Heute steht  er der Revanchismus? im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Alle Herren- und es sind nur Herren zu sehen- tragen einen Hut. Im Vordergrund die Herren in klassischer Ausstattung mit Popeline-Regenmantel und flacher Aktentasche (für Stullen und Zeitung), die auf dem Weg ins Büro sind. Oder warten sie auf die Straßenbahn Nr. 3., die,  die von der Osloer Straße über die Yorckstraße Richtung Neukölln/ Hermannplatz  fuhr?

Auf der linken Seite ist vorn in der Häuserzeile ein Stück der  1907 im neugotischen Stil erbauten katholische St. Bonifatius Pfarrkirche (Vorderhausfassade) zu sehen. Die Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört, brannte aber vollständig aus und wurde schon 1946 wieder genutzt. Katholische Kirchen durften in der Kaiserzeit in Berlin nie freistehend gebaut werden, dieses Privileg war der evangelischen Staatskirche vorbehalten. Übrigens eine Folge des „Kulturkampfs“ unter Bismarck.  Dahinter die Türmchen gehören zu einem Wohnhaus neben Riemer´s Hofgarten.

Wie hier aufgezeigt, ist der  Goethe zugeschriebe Satz: „Man sieht nur, was man weiß“, keine leere Floskel. Dinge fallen uns auf, sobald wir Hintergrundwissen darüber haben und es anwenden können.

Das zweite Bild ist der Zustand im Juli 2017. Schauen Sie auch hier genauer  hin.

Meint mw

Fotos (c) mw

Südwestpassage – ein Kultour-Tipp

Liebe Kunstfreunde,

am kommenden Wochenende, dem 7. und 8. Oktober 2017, findet zum zehnten Mal die Südwestpassage Kultour statt.

In 70 Ateliers bietet sich die Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen der Friedenauer Kunstszene zu werfen und mit den Künstlern in Kontakt zu kommen.
In der Zentrale der PSD-Bank am Renée-Sintenis-Platz werden Sie mit einem Glas Sekt begrüßt und finden dort einen Katalog samt Übersichtsplan, nach dem Sie Ihren Rundgang individuell gestalten können.

Natürlich würde ich mich freuen, wenn Sie dabei auch in meinem Atelier in der Wilhelmshöher Straße 2 (Katalognr. 63) vorbeischauen würden. Hier erfahren Sie etwas über Charakterköpfe und das Holz, aus dem sie geschnitzt sind. Skulpturen aus Olivenholz, Eiche, Kirsche oder Ahorn, jedes Holz ist anders und ent wickelt in der Bearbeitung seine eigene Schönheit und Individualität. Eine Holzskulptur ist nie reproduzierbar, denn jedes Stück ist ein Kompromiss, den der Künstler mit dem Holz eingehen muss. Ich lade Sie herzlich ein zum gedankenvollen Betrachten und haptischen Erleben, denn das Berühren der Werke ist ausdrücklich erlaubt.

Außerdem empfehle ich eine geführte Tour durch ausgewählte  Ateliers mit einer der Kunsthistorikerinnen und empfehle dafür aus eigener Erfahrung Andrea Schraepler, die das mit besonderem Engagement, Humor und Kunstgespür bewerkstelligt.

Die Öffnungszeiten:  Samstag, 7.10., von 15 – 21 Uhr und  Sonntag, 8.10., von 13 – 19 Uhr.  Alles Weitere finden Sie im Online-Katalog unter www.suedwestpassage.com

Wir sehen uns!
Peter Birkholz

Fotos (c) mw

 

Ein fürstliches Erlebnis

Da ich mich ja – wie Sie sich vielleicht erinnern – in meiner neuen freien Zeit mit interessanten Biografien beschäftigen will, habe ich mir die Empfehlung von mw  in „Konkurrenz unter Gartenkünstlern“ vom 21.Juli 2017  https://berlinab50.com/2017/07/21/knickern-aber-darf-man-gar-nicht  zu Herzen genommen und nicht nur den „Grünen Fürsten“* gelesen, sondern habe mich auch auf den Weg nach Schloss Branitz gemacht.

Der Stamm- und Alterssitz des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau ist bezaubernd.  Branitz, nur ein Sechstel so groß wie Schloss Muskau, ist es ein geradezu gemütliches Schloss – mit Bibliothek, Orientalischem Raum, Römischen Bad und natürlich ein paar Zimmer für königliche Besucher.

Lange wartete der Fürst auf einen Besuch von Königin Augusta, dann kam sie an einem Julitag im Jahre 1864, wenn auch nur für einen Tag. Die Frau von König Wilhelm I. war von Branitz begeistert und  der greise Pückler war sehr zufrieden: „Die Königin selbst sah ich nie froher und zufriedener, voll all ihrer eigenthümlichen  Grazie, und wie um zehn Jahre verjüngt“. Eine kleine Ausstellung „Augusta – die  Königin zu Gast in Branitz“ ist noch bis 31.Oktober 2017 in den oben Räumen des Schlosses zu sehen.

Die Terrasse rund um das Schloss ist auf Initiative von Lucie von Pückler-Muskau, der geschiedenen Frau des Fürsten, angelegt worden und wertet das Gebäude enorm auf. Sie ist sozusagen das Vorzimmer des Pleasure Grounds, das Garten-Zimmer.

Der Fürst verkaufte nach vielen emotionalen Wehen 1845 das überschuldete Schloss Muskau, um endlich mal ohne Geldnöte zu sein. Er nahm seinen Sitz auf  Schloss Branitz, das sich in einem ziemlich desolaten Zustand befand. Die Umbauarbeiten leitete nach anfänglichem Zögern Gottfried Semper und er machte im Laufe der Jahre in Schmuckstück im Tudorstil daraus. Mindestens so dringlich war für den grünen Fürsten die Parkanlage. Aus einer flachen, nur von alten Obstbäumen bestandenen Gegend wird der 60jährige Pückler –  noch einmal ganz vor vorne anfangend –  eine der schönsten Gartenanlagen im englischen Stil auf dem Kontinent zaubern. Seine Park-Vorstellungen umzusetzen verschlang allerdings wiederum eine enorme Summe seines Geldes, so dass ihn bis zum Ende seines Lebens Geldsorgen nicht losließen. Das gärtnerische Meisterwerk begreift der heutige Besucher erst, wenn man er es mit der  Niederlausitzer Landschaft vergleicht, die platt und eben ist, und bedenkt, dass damals der Blick vom Schloss auf die qualmenden Fabrikschlote des Industriestädtchens Cottbus fiel.  Für Pückler unerträglich. So lässt er Seen ausheben – wie den Schlangensee, Pyramidensee,  Schlosssee und den Schwarzen See, „Berge“ aufschütten – unter anderem die Mondberge, die Schilfberge mit Heiligem Berg und den Hermannsberg, der mit 15 Metern die höchste Erhebung des Parks ist, etwa 300 000 Bäume, zum Teil 50 Jahre alte Bäume setzen  und als Krönung 1862 eine Land- und eine Seepyramide errichten. Die Landvariante hat er Lucie zugedacht, die allerdings nach ihrem Tod 1854 auf dem Branitzer Dorffriedhof beigesetzt wurde. Für sich selbst hat er  – wie um die Voraussage einer Wahrsagerin zu erfüllen – ein Grabmal von Wasser umgeben anlegen lassen, eine ägyptische Pyramide im See. 1871 wird er dort beigesetzt, Graf Heinrich von Pückler, sein Erbe,  ließ Lucie einige Jahre später ebenfalls dort beisetzen.

Da der äußere Teil ein Volkspark, also für jedermann zugänglich war, wurde quasi als Sichtschutz eine „italienische Mauer“ zum öffentlichen Park hin gebaut. Dekorieren ließ er sie  mit Terrakotta-Reliefs des damals berühmtesten Bildhauers Bertel Thorvaldsen, den er 1808 in Rom kennengelernt hat. Zum Flanieren wurde eine wunderschöne Pergola angelegt und mit Skulpturen aus der griechischen Mythologie bestückt. Für Pücklers Gäste, die hier lustwandelten, waren all die Geschichte der Tonbilder und Figuren  mit den Themen von Liebe, Melancholie und Vergänglichkeit allgegenwärtig und so entstand ein „erotisch-vanitatisches“ Kabinett.

Neben einer Art Gedenkraum im ersten Stock für seine abessinische junge Geliebte Machbuba, die in Muskau begraben liegt,  findet man in Sichtweite des Schlosses auch das Grab seiner arabischen Lieblingsstute  “ Hier ruht Adschameh – meine vortreffliche arabische Stute, brav, schön und klug“.

Der Park ist eine herrliche grüne Lunge, ein schön angelegter Garten und auf seine Art ein Märchenbuch – denn auf Schritt und Tritt begegnen dem Besucher eigenwillige, bizarre oder rührende Geschichten aus dem Leben Pücklers – genauso wie der exaltierte „grüne Fürst“ vermutlich war.

Eine Reise  – ca. 130 km von Berlin entfernt – ist er allemal wert.

Bleiben Sie neugierig, es lohnt sich!
go

Fotos (c) go

* Heinz Ohff, DER GRÜNE FÜRST  – Das abenteuerliche Leben des Hermann Fürst-Pückler, Piper Verlag,  2000, 9.Auflage

Wir tanken neue Ideen….

Auch wir machen eine kleine Sommer/Herbst-Pause. Anfang Oktober sind wir wieder mit neuen Berichten für Sie da und freuen uns, Ihnen dann  alle paar Tage wieder unterschiedliche Themen anzubieten, stets aus der Sicht der Generation „Über 50“, wie es der Titel unseres Blogs verspricht.

Vielleicht wollen Sie in dieser Zeit alte Beiträge suchen und für den Fall, dass Sie nicht so genau wissen, wie sie dies finden, hier noch einmal eine „kleine Gebrauchtsanweisung“:

Die kurze Abfolge unserer Beiträge bietet Ihnen, wie es sich für einen Blog gehört, immer wieder Neues, hat aber auch den Nachteil, dass die Vorangegangenen schnell vom Bildschirm und damit aus dem Blickfeld verschwinden. Die letzten fünf  Artikel sehen Sie oben rechts aufgelistet, wenn Sie einen älteren Text suchen, einen bestimmten Autor oder ein bestimmtes Thema, dann verwenden Sie das Suchfeld rechts oben, um aus fast 650  lesenswerten Beiträgen das für Sie Interessanteste  zu finden.

Sie können Autoren –  wie zum Beispiel I.A., mw, brd, PB, go und einige mehr  –  eingeben oder ein Stichwort wie z.B. „Schwanenwerder“ oder „Isoldes Filmtipps“ und bekommen dann die entsprechenden Titel und die ersten fünf Zeilen zu sehen. So wissen Sie schnell und übersichtlich die verschiedenen Beiträge und finden hoffentlich den, den Sie suchten. Dann klicken Sie  auf „weiterlesen“ und bekommen den gesamten Artikel zum Nachlesen.

Vielleicht wissen Sie auch noch das Erscheinungsdatum, dann können Sie im Archiv stöbern und finden dort nach Monat und Jahr die eingestellten Beiträge.

Alle Autoren freuen sich natürlich über einen Kommentar. Wenn Sie also Lust haben, klicken Sie oben unter der Überschrift „Hinterlasse einen Kommentar“ an. Am Ende des Beitrags erscheint nun ein Kästchen „Kommentar verfassen“. Kaum haben Sie begonnen in dieses Feld zu schreiben, möchten wir auch wissen, wer uns schreibt. D.h. Sie werden gebeten, Ihren Namen zu schreiben, der zusammen mit Ihrem Kommentar erscheint – daher sollte es gar nicht Ihr ganzer Name sein, es können genauso Initialen oder nur der Vorname sein.  Nun benötigen wir noch eine Emailadresse (die aber nicht mit erscheinen wird!) – und  wenn Sie dies ausgefüllt haben, klicken Sie auf „Kommentar absenden“.  Meistens wird er gleich freigeschaltet, manchmal braucht es eine Weile. Verloren geht er aber nicht.

Und falls Sie selbst über Schreibtalent verfügen und mitmachen wollen, dann schreiben Sie uns einfach eine Email unter berlinab50@gmail.com

Bis zum Oktober in alter Frische und mit neuen Ideen

Ihr

Blog-Team  Berlinab50

Tattoo in Edinburgh

Mitte August habe ich Ihnen einen kleinen Reisebericht zu einem Tattoo versprochen.  Aber keine Angst, ich bin auch nicht „bemalt“ –  mit Schmetterling im Dekolleté oder Anker auf dem Oberarm – zurückgekommen.

Nein, als musikalischer Mensch habe ich mir  The Royal Edinburgh Military Tattoo gegönnt, ein Musikfestival der Extraklasse. Der Name Tattoo heißt so ähnlich wie „Zapfenstreich“ und ist aus dem holländischen abgeleitet, wo Tap do  so viel bedeutet wie „Zapfen zu“. Jetzt schenkt der Wirt nichts mehr aus und es ist Feierabend. Also Sie merken schon, dieses Musikfestival hat nichts mit der „Verschönerung“ unserer Haut zu tun.

Der Beginn, Punkt 21 Uhr, wird nicht eingeläutet, sondern mit donnerndem Lärm überquerten zwei Düsenjäger in Überschallgeschwindigkeit das hoch über Edinburgh gelegene Castle (Fly over). Eigentlich war das der einzige militärische Moment. Ähnlich spektakulär endete das Tattoo. Sämtliche Teilnehmer marschierten noch einmal in die Mitte der Aufführungsstätte. Die britische Hymne God Save the Queen wird gespielt und danach das schottische Lied Auld Lang Syne. Hoch oben auf den Zinnen der Burg spielt ein Dudelsackspieler allein ein Lied zum Gedenken an die Gefallenen der Armee. Es sind sehr beeindruckende und emotionale Momente. Zum Schlussausmarsch erklingt dann ebenfalls traditionell das Stück Scotland the Brave. Mit diesem dann heiteren Lied verließen die Zuschauer die Veranstaltung und man kann sich vorstellen, wie voll es nun in den umliegenden Pubs wurde.

Jedes Jahr gibt es ein anderes Konzept, allerdings immer mit Bezügen zur Geschichte Schottlands. Es ist schon überwältigend, wenn die 1000 Musiker und Tänzer auf den Platz vor dem Castle einmarschieren. Der Klang von Dudelsack, Trommeln, und Trompeten. Ein musikalischer und optischer Genuss.

Der Vorhang ist die Dunkelheit. Fast immer wenn eine Gruppe ihren Auftritt beendete, wurden die Lichter gedimmt, das Castle war dann eine Projektionsfläche für den nächsten Auftritt. Wie aus dem Nichts marschierte die nächste Gruppe auf.  Eine Musikgruppe aus Indien, Fanfaren aus Frankreich, Geiger von den Shetland, Musiker aus Amerika, Dance Company aus Schottland und sogar eine Japanische Kapelle.

Jede Gruppe  in ihrer traditionellen Kleidung. Beeindruckend die indischen Turbans, die Geiger und Tänzer von Riverdance, die Fanfarenzüge der Franzosen, die großen Tubas der Amerikaner oder die Kimonos der Japaner. Selbstverständlich fehlen nicht die Bagpipes und die Trommler der verschiedensten schottischen Einheiten. Der Kilt ist die besondere Kleidung der Schotten. Das typische Karomuster (Tartan) ist bekannt und jedes Karomuster ist für einen bestimmten Clan (Familie, Stamm) vorgesehen. Dazu gehört die auffällige Tasche, die weißen Strümpfe, spezielle Kopfbedeckungen, Schuhe geschnürt und sogar Sockenhalter. Die Frage, die immer wieder auftaucht ist natürlich die nach dem „Darunter“! Tatsächlich trägt man den Kilt so oder so. Aus hygienischen Gründen jedoch meist mit „Darunter“.

Die Abwechslung und das Tempo der Veranstaltung machen den Reiz des Spektakels aus.

Die Altstadt rund um das Castle ist dicht an dicht mit historischen Restaurants und Pubs gefüllt. Es macht einfach Spaß inmitten dieser vielen Menschen, aus aller Welt zu Gast zu sein und sich treiben zu lassen. Sie werden sich an Ihre Englischlehrerin aus einer fernen Vergangenheit erinnern und die Vokabeln von damals fallen, wie der tägliche Regen in dieser Stadt, auf einmal vom Himmel.

Interessant wird es auch, wenn sie dann noch bei einem schottischen Bier – Scottish Ale – mit einem Edinburgher ins Gespräch kommen.  Über dieses Getränk sollte unser kompetenter Bier-Blog- Schreiber mw mal berichten, ich empfehle jedoch unbedingt vorher eine Reise nach Schottland!

Der Monat August ist der Hauptfestivalmonat in Edinburgh. Es gibt  –  das Kunst Festival mit Ausstellungen mit Bildern und Skulpturen;  das internationale Festival mit Musik, Schauspiel und Tanz; das Fringe Festival, das schräge Festival der Straßenperformance; das Book Festival mit Lesungen und Buchvorstellungen.  All diese Festivals finden zur selben Zeit statt und man kann sich nun vorstellen, warum die Stadt so voller Menschen ist. Trotzdem: Toll, interessant, sehenswert und schön. Eine friedliche und freundliche Atmosphäre ist vorherrschend. Leider ist die heutige Zeit so, dass man hier und dort auch Schutzmaßnahmen in Form von vorbereiteten Straßensperrungen nicht übersehen konnte.

Viele Seiten würde es brauchen, wenn ich über alles berichten wollte. Zum Schluss möchte ich jedoch der Stadt Edinburgh mein Kompliment aussprechen: über die Organisation, den Ablauf und die Vielfältigkeit der Veranstaltungen, die Menschen aus aller Welt besuchen sollten. Unseren Bloglesern empfehle ich eine Rundreise in Schottland mit weiteren landschaftlichen Höhepunkten und reizvollen Seen und Schlössern und zum Ende der Reise… Na ja, Sie wissen sicherlich schon…

Ihr brd

Fotos (c) brd

 

 

Berlin in Münster

Begonnen hatte alles damit, dass in Münster Anfang der Siebziger die „öffentliche Meinung“ den Ankauf einer modernen Skulptur verhinderte. 1977 planten dann  Klaus Bußmann (Direktor des Westfälischen Landesmuseums für Kunst- und Kulturgeschichte)  und Kaspar König aus „aufklärerischen Gründen“ eine Skulpturenausstellung, um die Münsteraner in die Moderne zu führen. In diesem Jahr findet  nun inzwischen zum fünften Mal seit 1977 in Münster eine Open Air-Schau mit Skulpturen im öffentlichen Raum- genannt „Skulptur- Projekte“- statt.

Der Stein des Anstoßes war damals eine kinetische Skulptur des amerikanischen Künstler George Rickyn, die als Leihgabe in der Neuen Nationalgalerie in West-Berlin stand.  Das dann doch die „Drei rotierenden Quadrate“ den Weg nach Münster fanden, ist der Westdeutschen Landesbank zu verdanken, die 1975 das  Kunstwerk kaufte und der Stadt schenkte.  Hier ist nun schon der erste Bezug zu Berlin, weitere werden folgen. Bis zum 10. Oktober und damit zeitgleich mit der Documenta in Kassel  ist die Ausstellung im städtischen Raum von Münster zu sehen. Das  hervorragend gemachte Begleitheft  „Gebrauchsanweisung“ zum Skulptur –Projekt gibt Hinweise für das „Selbstdenken“ und Entdecken moderner Kunst und ist  erfreulich „un-erzieherisch“ hinsichtlich der eigenen Meinungsbildung so wie die ganze Schau  – im Gegensatz zu der immer einem kuratorischen Konzept unterworfenen  Documenta.  Mir hat diese Einbettung von moderner Kunst ins Stadtbild  sehr gefallen.

Der zweite Bezug zu Berlin eröffnete sich uns dann in der Skulptur „ Bogenschütze (Archer)“ von Henry Moore, der vor dem eleganten Neubau des Landesmuseums für Kunst und Kultur vor einem riesigen Tieflader mit schwarzer Umzugskiste steht. Die trägt die Aufschrift „ Fragile (zerbrechlich)“. Nanu, wie kommt der „Archer“ aus Berlin hier her? Der stand doch seit 1966 vor der Neuen Nationalgalerie, bis sie 2014  wegen  umfangreicher Sanierungsarbeiten geschlossen wurde. Wurde er entführt? Nein, eine Leihgabe Berlins , die die Konzept-Künstler Cosima von Bonin (Köln)  und Tom Burr hier als Installation aufgestellt haben. Übrigens stammen einige der Objekte von Berliner Künstlern. Das für meinen Geschmack witzigste Exponat  ist von der  türkischen Künstlerin Ayşe Erkmen, die in Berlin und Istanbul arbeitet. „On Water“ (siehe Abbildungen) ist  ein Steg, der eine  Verbindung zwischen den beiden bis heute unterschiedlich genutzten Seiten des Münsteraner Binnenhafens (Dortmund-Ems-Kanal), dem  nördlich gelegenen „Kreativufer“ mit der noch  industriell geprägten Südseite schafft. Je nach Pegelstand werden Füße oder auch die Waden nass und aus der Ferne sieht es aus, als ob die Besucher über Wasser laufen, da es kein Geländer gibt. Wie Buddha und Jesus über Wasser laufen macht Spaß!

Und noch einen Berlin-Bezug habe ich gefunden: am Hauptbahnhof steht seit 1963 der „Berliner Bär“ von Arnold Schlick (1896- 1978). Die Tafel vor der Skulptur erinnert an die Teilung Berlins und symbolisiert die Verbundenheit Münsters mit Berlin. Nach  August Gaul (1869-1921) und Renée Sintenis (1888-1965)  war Schlick ein  bedeutender Tierplastiker und Münster hat einige seiner schöne Werke stehen (z.B. Gänseplastik am Humborgweg). Soviel zum Bezug Münsters auf Berlin !

Die Stadt hat aus den Skulptur-Ausstellungen eine Vielzahl von Kunstwerken im öffentlichen Raum behalten, auch aus diesem Jahr sind einige Objekt zum Ankauf vorgesehen. Dazu werden natürlich  nicht die vielfältigen Performance-Projekte gehören, die den Zuschauer/Besucher aktiv einbeziehen und sei es als Stichwortgeber.

Münster, die Stadt des Westfälischen Friedens (1645/48) ist unbedingt einen Besuch wert, auch nach Abschluss des „Skulptur-Projekts“. Der Aasee, der grüne Gürtel mit dem Botanischen Garten, die ausgebauten Radwege zu den in der Nähe befindlichen zahlreichen Wasserschlösser können jeden Radfahrer begeistern.

Fahren Sie hin, meint mw

PS: Und von einer Verbindung habe ich gelesen – Wie die „Westfälischen Nachrichten“ am 1.8.2017 mitteilten, hat Münster bei der zuständigen Bundesbehörde einen Antrag für einen Cannabis-Modellversuch gestellt. Sollte er genehmigt werden, dann werden per Zufallsprinzip 200 Münsteraner ermittelt, von denen die Hälfte ein Jahr lang kostenlos Cannabis erhält. Hier versucht Münster wie Berlin (-Kreuzberg) zu sein. Hat bisher in Kreuzberg aber nicht geklappt.

Fotos (c) mw