Berlin ab 50…

… und jünger

Sonnenstrahlen

Der Frühling kommt, die Sonne zeigt sich und wir sind alle froh, die grauen Winterszeiten hinter uns zu lassen. Gute Laune kommt auf, Unternehmungslust, der grüne Daumen juckt den Gärtner in uns. Die Wellenlängen der Sonne, die die biologisch erwünschten Wirkungen der energiereichen ultravioletten Strahlen, wie zum Beispiel die Vitamin D-Synthese in der Haut bewirken, sind gleichzeitig aber auch besonders wirksam im Hinblick auf Sonnenbrand und das Hautkrebsrisiko. Chronische Wirkungen wie die Linsentrübung des Auges (Grauer Star), die frühzeitige Hautalterung und der Hautkrebs sind heute infolge eines geänderten Freizeit- und Sozialverhaltens dreimal so häufig wie 1980. Die Schädigung der Haut und der DNA kann bereits bei Dosen auftreten, bei denen noch keine sichtbare Schädigung wie Sonnenbrand und Rötung vorliegen. Keine Wirkung ohne Nebenwirkung; inwieweit wir das Pendel Gefahr versus Nutzen zur sicheren Seite verschieben, liegt bei uns-in unserem Verhalten und auch bei der richtigen Nutzung von Sonnenschutz. Und hier kommen nun die Sonnenschutzmittel ins Spiel. Der auf die Haut aufgetragene Sonnenschutz sollte sowohl UVA- als auch UVB- Wellenlängen umfassen, um vor sämtlichen schädlichen Effekten von UV-Strahlung zu schützen.

Das Umweltbundesamt in Dessau, aber auch andere Institutionen, Apotheken und Ärzte informieren über die korrekte Verwendung von Sonnenschutzmitteln: http://www.umweltbundesamt.de/daten/umwelt-gesundheit/solare-uv-strahlung#textpart-1

Gemäß EU-Kosmetik-Verordnung werden 30 exakt definierte, organische chemische Verbindungen (UV-Filter) als sicher für den Menschen in den empfohlenen Verwendungen angesehen, davon werden 18 Stoffe häufig, zumeist in Mischungen, für einen optimale Schutz verwendet. Die synthetisch hergestellten Stoff haben die notwendigen Stoffeigenschaften wie Wasserbeständigkeit, um das sofortige Abwaschen zu verhindern; ausreichende Absorption im UV-Bereich mit hoher Sonnenstabilität , um eine lange und hohe Schutzwirkung zu entfalten und gute Auftrags-Eigenschaften auf die Haut – kein Auskristallisieren, keine Rückstände. So lieben wir unsere Sonnenmilch und durch die Kombination verschiedener Filter sind lange Schutzzeiten (LSF= Lichtschutzfaktor) erreichbar. Der hoch erwünschte Schutzeffekt gegen UV-Strahlen hat aber seinen Preis. Beim Design von UV-Filtern mit den eben beschriebenen gewünschten Eigenschaften kommt es zum unauflöslichen Konflikt mit der Umwelt. Sicher erinnern sie sich – besonders an kleinen stillen Seen – an die auf der Oberfläche als Lache schwimmenden Sonnenschutzrückstände am Ende eines Badetags.

Aber auch der Eintrag über Kläranlagen führt zu Problemen: die UV-Filter können wegen der geringen Wasserlöslichkeit, ihrer Stabilität gegenüber Sonnenlicht und der geringen Bioabbaubarkeit sich in der Umwelt akkumulieren. Auch neu zu entwickelnde UV-Filter kämen nicht an den Erfordernissen des Lichtschutzes vorbei: Eigenschaften, die gleichzeitig die Umwelt belasten. Das an sich zu begrüßende Tierversuchsverbot für Kosmetika verhindert allerdings die Entwicklung neuer UV-Filter, da es derzeit noch keine tierversuchsfreien Ersatzmethoden für die Bioanreicherung und für viele andere toxikologische Effekte gibt. In den letzten Jahren haben nun verschiedene europäische Umweltinstitutionen, wie auch das UBA begonnen, einzelne UV-Filter aus der Kosmetika-Verordnung als besonders gefährlich für die Umwelt zu identifizieren und zu regulieren (zu verbieten). Langfristiges Ziel scheint es zu sein, alle organischen UV-Filter als umweltgefährliche Stoffe zu verbannen. In Zelltests und Tierversuchen zeigte sich außerdem, dass einige UV-Filter in der Umwelt wie Hormone wirken und wahrscheinlich schädliche Effekte auf Lebensgemeinschaften in Gewässern haben. Ein nicht hinzunehmender Eintrag in die Umwelt. Und hier ist das Dilemma: Krebsschutz vs. Umweltschutz. Und im UBA ist das Dilemma sogar im Webauftritt nachzuvollziehen. Im ersten Link empfiehlt das UBA dermalen Sonnenschutz, gleichzeitig weist es in einem anderen Bereich auf die Umweltgefahren der UV-Filter hin und beschreibt seine Bemühungen zum Verbot: https://www.umweltbundesamt.de/themen/sonnenschutz-hormone-eincremen.

Doch halt, einen Tag später war der link nicht mehr erreichbar: „Zugriff verweigert, registrieren sie sich“. Sollte das UBA den Widerspruch gemerkt haben?

Auch in der Wissenschaft ist die Realität komplex und nicht „0“ oder „1“; nicht nur „schwarz“ oder „weiß“, sondern meistens eher grau. Eine Chemikalie kann segensreich und „böse“ zugleich sein.

Ein unauflösbares Dilemma und gleichzeitig ein schönes Beispiel für die Komplexität von Sachverhalten, die so gar nicht dem heute so gern bemühten Schwarzweiß-Schema entsprechen.

Meint mw

Die Schildbürger

Leistikow-Blick – „verschönt“

Bei meinen gelegentlichen Spaziergängen um den Schlachtensee ist mir aufgefallen, wie viele Schilder es am Seeufer gibt. Wer eigentlich macht sich die Gedanken über das, worüber die Bevölkerung – hier speziell die „Erholungssuchenden“ – damit aufgeklärt werden sollen? Könnte den Spaziergängern die Schönheit eines märkischen Gewässers möglicherweise entgehen, wenn sie nicht mit Schildern darauf hingewiesen würden?

Von Eulen und Tulpen… die Liebe des Schilderaufstellers zur Natur.

Da gibt es die dreieckigen Schilder „Eule“ und „Tulpe“, die auf ein Landschaftsschutzgebiet beziehungsweise eine Geschützte Grünanlage hinweisen, letzteres sogar ergänzt mit dem Datum des gesetzlichen Inkrafttretens. Wichtige Hinweise also, den Blick für die Landschaft neu zu schärfen und sich Gedanken darüber zu machen, dass gesetzgebende Kräfte schon viel früher als man selbst von deren Schönheit ergriffen waren und dieses Empfinden in einem Gesetzestext vom 24. November 1997 für die Nachwelt festgehalten haben. Gerne hätte ich den Gesetzestext jetzt zur Hand, um daraus vielleicht auf meinem Spaziergang zu deklamieren, ganz wie bei Goethes Osterspaziergang, doch wo in meinem Bücherregal stand er zuletzt?

An anderer Stelle des Sees äußern sich die Schilderaufsteller feinsinniger zur Schönheit der Landschaft und haben die großformatige Reproduktion eines Bildes von Walter Leistikow aufgestellt. Es lädt ein zu gedankenvollen Betrachtungen über das Einst und Jetzt. Damals, als das Bild entstand, gab es hier sicherlich noch keine Schilder. Leistikow starb 1908, fast 90 Jahre vor dem Gesetz, welches die Grünanlagen heutzutage schützt.

Und auch die EU… gibt ihren Senf dazu

Die Umweltbehörde der EU im fernen Brüssel hat sich Gedanken über den Gewässerschutz gemacht und informiert darüber mit gleich drei großformatigen Schildern: Es handele sich hier um ein „EU-Badegewässer“, also offensichtlich um kein gewöhnliches. In einem langen Text (langatmig wäre gemein) wird auf den EU-Gewässerschutz verwiesen und dass man vernünftigerweise darauf achten möge, diesen See nicht zu verunreinigen. Ob diejenigen, die so etwas machen, sich diesen Text vor ihrem frevelhaften Tun durchlesen, um gar davon abzulassen, wage ich zu bezweifeln.

 

 

Auch Nullen…

…kann man multiplizieren

Gleich dutzendfach wendet sich die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz in ihrer Eigenschaft als Oberste Naturschutzbehörde an die lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger und bittet um „Verständnis für vorübergehend notwendige Maßnahmen“ zur Renaturierung der Uferbereiche, die durch „Umwelteinflüsse“ stark geschädigt worden seien. Sehr rücksichtsvoll die Formulierungen, denn solche schädigenden Umwelteinflüsse werden wohl überwiegend den „Erholungssuchenden“ selbst zuzuschreiben sein. Ob der liebe Mitbürger sich von solchen Schildern in seinem schädigenden Handeln wohl beeinflussen lässt?

Andere Schilder weisen auf die Erlaubnis des Radfahrens hin, soweit die Fußgänger davon nicht beeinträchtigt werden und weitere Schilder sind längst verblichen, mit Graffiti beschmiert, überklebt oder ganz demoliert worden. An die 50 Stück habe ich am Seeufer gezählt und dabei nicht einmal jene mitgerechnet, die sich mit dem ständig wechselnden „Hundeverbot“ beschäftigen.

Doppelt gemoppelt hält besser.

 

 

Wer sind diese Leute in den Verwaltungen, die solche Schilder aufstellen und wer entscheidet darüber? Wer „gestaltet“ deren Inhalte und – vor allem – wer glaubt daran, dass sie gelesen und sich „Erholungssuchende“ jeglicher Couleur daran halten werden? Oft sind solche Schilder nur die Zielscheibe von Aggression und Vandalismus.

Schulen verrotten, Einwohnermeldeämter klagen über zu wenig Personal, doch in den entlegeneren Etagen der Bezirksämter scheint es Verwaltungsangestellte zu geben, die nichts anderes tun, als neue Schilder zu planen und Aufträge für deren Anfertigung und Aufstellung zu erteilen. Für diesen zweifelhaften Zweck scheint genügend Geld vorhanden zu sein, denn das Aufstellen eines Schildes kostet. Schätzt man die Kosten pro Schild einschließlich Verwaltungsaufwand, Anfahrt und Fundamentierung um die 1.000 Euro, so wird man mit dieser Annahme nicht ganz falsch liegen. Eine zweifelhafte „Wertschöpfung“.

Was man dem Spaziergänger mit auf den Weg gibt…

Auch Schilder können eine Umweltverschmutzung sein, zumindest eine optische, und spätestens dann, wenn sie umkippen und ins Wasser fallen, sogar eine biologische.

Lassen Sie sich ihren nächsten Spaziergang um den Schlachtensee nicht von solchen Gedanken vermiesen.

Ferdinand

 

 

 

Isoldes Filmtipp: FENCES

Denzel Washington ist gemeinsam mit Todd Black und Scott Rudin für die Produktion verantwortlich und übernahm dann noch die Regie und die Hauptrolle.

Der Film ist seit Februar in den Kinos, leider nur noch im Bali und im CinemaxX am Potsdamer Platz zu sehen.

Drama, basierend auf dem Pulitzer preisgekröntem, gleichnamigen Roman des amerikanischen Autors August Wilson. USA 2016. 136 Min., mit Denzel Washington, Viola Davis und Stephen Henderson

„Geh nicht durchs Leben und denk drüber nach, ob dich jemand mag oder nicht – sorg lieber dafür, dass man dich anständig behandelt.“

Nachdem der junge Afroamerikaner Troy aufgrund rassistisch motivierter Ausgrenzungen seine Baseballkarriere beenden musste, versucht er als Müllmann seine Familie über Wasser zu halten.

In Zeiten der jungen Bürgerrechtsbewegung in Amerika der 1950er Jahre kämpfte er gegen Diskriminierung und die Herausforderungen des Lebens. So versucht er immer wieder Barrieren und Grenzen zu überwinden, an denen er aber meistens scheitert. Entstanden ist das packende Psychogramm eines Menschen in der Krise, das man sich unbedingt ansehen sollte!

‚Die Geschichte lässt erkennen, wie sehr sich gesellschaftliche Realitäten in Menschen einschreiben und in ihren persönlichen Schicksalen widerspiegeln‘ (kinozeit).

I.A.

 

Eine Entdeckungsreise nach Leipzig

Bücher gehören zu meinem Leben. Jede Art von Buch. Vom Kinderbuch bis zum Sachbuch, vom Fotobildband bis zum Roman, von der Belletristik bis zur hohen Literatur. Selbst Hörbücher gehören dazu. Also haben sich bei mir viele Bücher angesammelt. Denn Wegwerfen ist für mich immer noch Frevel.

Nun gehe ich am 1.Juli in Rente – und ich freue mich drauf.  Und das bedeutet für mich auch, den alten Ballast wegzuwerfen, damit der neue Abschnitt frisch aufgeräumt starten kann.  Nun stellt sich aber die Frage, von welchen Büchern will und kann ich mich trennen und  wohin gebe ich sie. Alte Bücher haben ja keinen materiellen Wert, dann müssten sie schon sehr alt sein. Also verschenken an Bücherboxxen, an BücherZellen, Bücherschränke, Verschenkregale. Das eine oder andere werde ich verkaufen bei buchmaxe, momox, rebuy oder bücher-ankauf.de.

Gut, mein Arbeitszimmer wird also umgestaltet, die alten Bücher aus meinem „vorherigen Leben“ haben neue Orte gefunden. Ein neuer Abschnitt beginnt. Was mache ich dann mit meinen freien Stunden? Ich weiß, dass ich mich unter gar keinen Umständen mit Themen meines Berufslebens weiter herumschlagen will. Das ist vorbei und die Zäsur wird der Rentenbeginn sein.

Nein, ich möchte mich mit etwas ganz und gar anderem beschäftigen. Heraldik, Sternenkunde, Landschaftsarchitektur und viel Lesen, einfach nur Lesen – ohne mir zu überlegen, warum ich gerade dieses Buch lesen und ob man aus diesem Stoff etwas machen kann, einen Spielfilm, eine Dokumentation oder ein Theaterstück. Ziel-loses lesen, allein die Vorstellung bereitet mir großes Vergnügen. Ich habe dies seit meinem Studium nicht mehr gemacht.  Und doch habe ich vor ein paar Tagen meinem Mann vorgeschlagen, dass ich ihm einmal in der Woche eine Art „private lecture“ zu einem Thema halte, mit dem ich mich die letzten Tage beschäftigt habe. So ziel-los also doch nicht.

Um meine Vorfreude auf das Lesen so richtig anzuheizen, werde ich dieses Jahr mal wieder auf die  Leipziger Buchmesse fahren, die vom 23.-26.März stattfindet.  Ich mag diese Veranstaltung rund ums Buch und empfinde die Atmosphäre bei aller Größe immer noch familiär und überaus sympathisch. Besonders ist auch das Konzept „Leipzig liest„, das es so seit 1992 gibt.  Autoren und ihre Bücher  werden an den verschiedensten   Orten in der ganzen Stadt vorgestellt. Es ist eine literarische Entdeckungsreise durch die Welt und in die Welt des Buches. Lasen und diskutierten am Anfang 80 Autoren an knapp 160 Leipziger Orten,  sind es dieses Jahr  3.300 Autoren und Mitwirkende in 3.400 Veranstaltungen an 571 Bühnen/Orten, davon 411 in der Stadt. Das ist die Qual der Wahl groß.

Ich werde  also die eine oder andere Lesung besuchen, werde durch die Messehallen schlendern bis mir die Füße wehtun, bei den Buchmesse-Bloggern vorbeigehen, meine Augen offen halten nach Büchern, die ich in ein paar Monaten lesen will, möglicherweise mit neuen Ideen, auf jeden Fall aber mit viel Information im Gepäck wieder in den Zug nach Berlin steigen.  Mein Fokus liegt im Moment auf Biografien. Mal sehen, ob das nach meinem Besuch in Leipzig  noch so bleibt oder ob sich eine neue Faszination auftut.  Auf jeden Fall werde ich am nächsten Tag zu meiner Buchhandlung des Vertrauens gehen und neue Bücher bestellen, da bin ich sicher.

Dieses Lesefest der Leipziger Buchmesse ist von Berlin mit Bahn und Auto gut erreichbar und mehr Infos finden Sie unter:http://www.leipziger-buchmesse.de.

Vielleicht sehen wir uns dort und bis dahin bleiben Sie neugierg, gerade wenn es um Bücher geht.

go

Fotos (c) LBM, go

Hungerkünstler

Die Nachricht im Tagesspiegel vom 7. März .2017 „ Knochige Models in Porno-Pose“, die von extrem mageren Models in der Werbekampagne von Yves Saint Laurent berichtet, ist für mich Anlass, hier einmal über die große und kurze Zeit heute vergessener „Sensations-Künstler“ im Berlin der 1920-er Jahre zu berichten: die der Hungerkünstler.

Im Nachkriegs-Berlin, von Arbeitslosigkeit, Inflation und Armut geprägt, herrschte ein ausgesprochener „Vergnügungshunger“ mit Sehnsucht nach dem Sensationellen und Außergewöhnlichen. Da kamen die Schausteller, die durch öffentliche Zurschaustellung ihres Hungerns Geld verdienten, gerade recht, auch wenn uns das heute angesichts der Nachkriegsarmut eher zynisch erscheint. Berlin war das Eldorado der öffentlich dargebotenen „Hungerrekorde“.

 

Am 13.Februar 1926 trat in dem Lokal Krokodil in der Friedrichstrasse am Oranienburger Tor der 25-jährige Siegfried Herz aus Krefeld unter dem Künstlernamen „Jolly“ seine auf 44 Tage angelegte Hungerkur in einem versiegelten Glaskäfig an. Bei der Veranstaltung wurden am Ende 350.000 bezahlende Besucher gezählt, der Reingewinn soll 130.000 RM betragen haben, was heute ca. 470.000 € entspräche. Der Erfolg stachelte nun andere „Künstler“ an, zumal es dazu ja keinerlei Ausbildung bedurfte. Ventago, Fastello, Harry Nelson (Reinhold Illmer), Wahlmann und auch eine Frau (Daisy) versuchten nun in Berlin den Rekord zu überbieten. Daisy stellte dabei einen neuen Hunger-Weltrekord in der Frauen-Liga mit 34 Tagen auf.

Aber auch in anderen Städten – und nicht nur in Deutschland – trat ein regelrechtes „Hungerfieber“ auf. Manche „Hungerkünstler“ unterbrachen entnervt ihre Darstellung, dann zeigten die Illustrierten den Künstler beim Ausbruch aus seinem Käfig. Jedoch sollten die Mitbewerber nie wieder den finanziellen Gewinn von Jolly erreichen, es blieb meist bei maximal 2.000 RM. Nur Harry Nelson verdiente 35.000 RM, aber sein Agent unterschlug sie. Außerdem kam der Verdacht auf, dass die „Hungerkünstler“ trotz aller Isolation sich doch heimlich ernährten. So soll „Jolly“ in der Nacht von seinen Angestellten mit dünnen Metallröhren über kleine Öffnungen in seinem Glaskäfig mit Nahrung versorgt worden sein. Jolly, der den Schwindel zugab, musste 1.000 RM Strafe bezahlen, nun ja – bei 130.000 RM Gewinn kein Problem. Aber die Öffentlichkeit wurde misstrauisch und das Interesse an der „Hungerkunst“ flaute bereits 1927 wieder ab. Grund dafür dürften auch Todesfälle bei Rekordversuchen gewesen sein. Auch verboten die Polizeibehörden nun derartig „unmoralische“ Veranstaltungen. Die öffentliche Meinung hatte sich schnell gewandelt. Das Kino war nun die neue Unterhaltung und Ablenkung.

Franz Kafka schrieb übrigens schon 1922 seine sarkastische Erzählung „Ein Hungerkünstler“, in der sein Protagonist im Käfig im Zirkus vergessen wird und stirbt.

Insoweit ist die krankhafte Sucht nach Sensationellem, Originellem, um Auffallen um jeden unmoralischen Preis – wie die Werbekampagne von Yves Saint Laurent – nichts Neues.

Findet mw

Treppauf, treppab

Friedenauer Treppenhauskonzerte

Am gestrigen Sonnabend fanden nun wie angekündigt die ersten Friedenauer Treppenhauskonzerte statt. Die Idee dazu stammt vom Verein Südwestpassage e.V., der bereits seit zehn Jahren die Friedenauer Kunstszene belebt, als da sind die jährliche Kultour mit über 70 offenen Ateliers, die Friedenauer Lesenacht, das Kurzfilmfestival Friedenale oder die Couchpoetos.

Fast unerwartet wurden die gestrigen Treppenhauskonzerte ein voller Erfolg, der drei der vier Veranstaltungsorte, meist ganz normale Treppenaufgänge, fast zum Bersten brachte. Ein paar hundert Zuhörer zwängten sich in die teilweise überfüllten Treppenhäuser und motivierten mit ihrem Beifall und ihrem Enthusiasmus die Musiker und Sänger zu Höchstleistungen trotz erschwerter Bedingungen. In einem Fall mussten die Fenster geöffnet werden, um die Zuhörer auf der Straße an der Musik teilhaben zu lassen.

Doch von vorn:

Im weitläufigen Treppenhaus der Sekundarschule am Perelsplatz sangen zwölf Vokalistinnen Lieder von Komponisten wie Heinrich Poos, Jaques Ibert oder Debussy unter dem Dirigat von Peter Uehling. Fast feierliche Stimmung, ein andächtiges Publikum und kräftiger Beifall.

Das anschließende Konzert der drei Hornisten Eva Päplow, Diana During und Christoph Latzel im Hinterhaus der Handjerystraße 18 konnten die meisten Zuhörer wegen Überfüllung nur im Freien stehend durch die geöffneten Fenster „genießen“, schade.

Weiter ging es im Treppenhaus Hähnelstraße 8 mit Schumann-Liedern, vorgetragen vom Cello-Duo TOLKAR, Franziska Kraft und Bo Wiget und der begeisternden Sopranistin Andrea Chudak. Frenetischer Beifall und strahlende Musiker. Wer hier wen mitriss bleibt ungeklärt.

Im Treppenhaus der Niedstraße 7 dann ein „stiller“ Gitarrist, Jan-Paul Reimann, mit ausgewählten Werken spanischer und südamerikanischer Komponisten. Das Publikum, dicht gepackt wie die Ölsardinen, andächtig und sediert, doch nicht nur von der Musik, mehr noch vom Luftmangel. Bis zum Ende hielt ich nicht durch.

Fazit: Ein unerwarteter Erfolg nach einer wunderbaren Idee, die unbedingt eine Fortsetzung finden sollte, doch bitte in entsprechend geräumigen Treppenhäusern, die „halbe Treppe“ reicht nicht mehr.

Ich gratuliere!

PB

Fotos(c) PB

Machen Sie mit!

 

Gesucht werden…

Menschen jeden Alters, die Freude am Schreiben und dabei etwas zu sagen haben und die aktiv in unserem Team mitmachen wollen. Es gibt weder Hierarchien, Vorgaben noch Protokolle. Wir treffen uns einmal im Monat zu einer Redaktionsbesprechung um Themen und Ziele abzustimmen.


Wer wir sind
Die „Redaktion“ von berlinab50 besteht derzeit aus ca. fünf weiblichen und männlichen Mitgliedern. Wir sind alle über 50 Jahre alt, teilweise noch im Beruf, teilweise auch schon im Leben „danach“ (um das Wort Ruhestand zu vermeiden). Zum Team gehören Wissenschaftler, Autoren, Künstler und „ganz normale Leute“.


Was wir wollen

Wir schreiben über Themen die uns interessieren – über Kunst und Kultur, über Architektur und Stadtgeschichte, über Reisen und Bücher, über uns in Berlin. Wir machen uns Gedanken über die Stadt, in der wir als ein Teil der immer älter werdenden Gesellschaft leben, unser Blick auf Berlin ist mal neugierig und mal fragend, aber immer wollen wir unseren Lesern interessante Perspektiven bieten.

Wir wollen Tipps geben, zu Dingen, über die noch nicht schon anderswo ausführlich informiert wurde, und Hinweise, die möglicherweise in der Vielzahl der Ereignisse untergehen. Wir haben Freude und Spaß, unsere Gedanken, Beobachtungen und Erfahrungen zu Papier zu bringen.

Falls Ihr Interesse geweckt ist, melden Sie sich einfach per Mail unter berlinab50@gmail.com

Vielleicht haben Sie Lust, einfach mal „hinein zu schnuppern“ und bei der nächsten „Redaktionssitzung“ dabei zu sein.

Wir freuen uns auf Sie!

Ihr Team von berlinab50

 

Die letzten Dinge

Es ist eben Tatsache, dass es für uns Alten keine Zukunft mehr gibt, aber auch wenn man auf viele Dinge verzichten muss, kann man sich jedoch die gegenwärtige Zeit noch recht angenehm vertreiben“ schrieb Clara (80 Jahre alt) als Kommentar auf den Blog Artikel „ Bin ich nun wirklich alt?“ von I.B.F.(https://berlinab50.com/2017/02/24/bin-ich-nun-wirklich-alt/) und das hat mich – wie auch der Artikel von I.B.F. – betroffen gemacht. Soll ich „die Tatsache, dass die Zukunft eigentlich keine mehr (für mich) ist“- fürchten oder eher, wie I.B.F. dann als versöhnliches Resultat ihrer Überlegungen schreibt, mich mit meinem Leben aussöhnen und mit dem Unabänderlichen bewusst leben, so ganz ohne Vorwurf und Larmoyanz?

Ich kann Clara folgen und bewundere ihren Lebensmut trotz aller gesundheitlicher Beeinträchtigungen. Die erwähnte „gegenwärtige Zeit“ und die „fehlende Zukunft“ klingen für mich allerdings nach einem „Wartesaal“ im Vorfeld des Todes und lösen bei mir Unbehagen aus. Gute Laune und Fröhlichkeit sind zwar eine Temperamentseigenschaft, können aber das Leben – frei nach Kant – erleichtern: „ So soll man beschwerliche, aber notwendige Arbeit in guter Laune verrichten, ja selbst in guter Laune sterben, denn all dieses verliert seinen Wert dadurch, dass es in übler Stimmung begangen oder erlitten wird“. „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit“ sagt der Prediger Salomo (Pred. 3, 14).

Der Mensch hat, im Gegensatz zu allen anderen Lebenswesen, eine Vorstellung von der Endlichkeit seines Seins. In Zeiten der Pest, der allgemeinen Unsicherheit durch Krieg und Willkür, war es ganz normal, am Morgen eines jeden Tages mit seinem Ableben, unabhängig vom Alter, zu rechnen, worauf ja der Spruch des Augustiner-Mönchs Thomas von Kempen zurückgeht: „Wenn die Morgenstunde kommt, so rechne darauf, dass du die Abendstunde nicht erlebst“ und „ Selig, wer sein Sterben immer vor Augen hat und täglich bereit ist“. Dergleichen Gedanken sind heute eher abwegig und verpönt.

Warum ich darüber jetzt nachdenke? Der Blog-Beitrag hat auch mich nun wieder an die Endlichkeit meiner Existenz erinnert. Ich bin 62 Jahre alt und habe mich schon seit langem – zuerst nur aus kunsthistorischem Interesse – mit dem Sterben und den Letzten Dingen befasst, durch Literatur (z.B. Studs Terkel „ Gespräche um Leben und Tod“), mit Filmen wie Stefan Haupt´s „Elisabeth Kübler-Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen“, dann durch zahllose, auch heute noch gern durchgeführte Friedhofspaziergänge aus Interesse an der Gestaltung der Gräber, an den beigesetzten Personen und an der Natur und später durch eigene Erfahrungen des Abschieds von Eltern und „alten“ Freunden.

Wobei mein frühes Interesse am Tod bei vielen Freunden mit Skepsis und Unverständnis gesehen wurde.

Die wesentlichen Festlegungen zum Ableben – einschließlich zur Organspende bei Unfall – sind getroffen, ich habe „mein Haus bestellt“, wie man früher gesagt hätte. Und trotzdem fühle ich mich nicht auf einer imaginären Warteliste. Was bleibt, ist der Wunsch, jenseits der „gelben Creme aus der Apotheke“ und „Lifta, dem Treppenlift“ hoffentlich noch lange ein unruhiges, interessiertes, waches Leben bei hoffentlich guter Gesundheit zu führen, ohne die Endlichkeit aus dem Auge zu verlieren und darüber zu klagen.

Meint mw

Fotos(c) mw

Treppenhauskonzerte in Friedenau

Sie kennen aus früheren Beiträgen längst die Südwestpassage Kultour, ein Kunstereignis in Berlin-Friedenau, das immer Anfang Oktober stattfindet. Tausende von Besuchern werfen einen Blick hinter die Kulissen der Maler, Bildhauer und Fotografen. Bis dahin allerdings ist es noch lange hin, und an den Herbst mag man jetzt sowieso noch nicht denken.

In allernächster Zeit jedoch findet am gleichen Ort ein anderes, kaum minder interessantes Ereignis statt:

Die Friedenauer Treppenhauskonzerte.

Die Idee: Im Frühjahr soll es „treppauf“ gehen und das mit entsprechender Begleitmusik. In gleich vier ausgewählten Treppenhäusern des attraktiven Berliner Stadtviertels mit den schönen alten Häusern aus der Gründerzeit wird musiziert. Die Konzerte dauern immer eine halbe Stunde und dann geht es weiter zur nächsten Treppe.
Die Konzerte finden (nur) am Samstag, dem 18. März von 17 bis 20 Uhr statt und sie beginnen im Treppenhaus Perelsplatz 6-9 mit den (acht) Vokalistinnen.
Weitere Stationen sind das Hinterhaus der Handjerystraße 18, die Hähnelstraße 8 und die Niedstraße 7.
Das überwiegend klassische Musikprogramm von Bach bis Schumann und die genauen Spielzeiten erfahren Sie im Internet unter suedwestpassage.com

Eintrittskarten gibt es am Spielort für 10 € / 8 € ermäßigt.

Dicht dran: U- und S-Bahn Bundesplatz

PB

HIERONYMUS BOSCH

Eine Ausstellung, die keine Ausstellung ist? Diese Frage stellte sich mir als ich Bilder von Hieronymus Bosch in der Alten Münze Berlin sah. Es war ein Erlebnis, ein Event der besonderen Art.

Ich bin Liebhaber von großformatigen Bildern, untermalender Musik , und bewegten, animierten Bildern. Mich faszinieren Bilder als große Projektionen auf Pop Konzerten ebenso wie die Projektionen von Berlin leuchtet, das Festival of Lights oder auch gute große Werbeplakate.

Seit einigen Jahren bringe ich meinen Urlaubsbildern das Laufen bei. Dadurch erlebe ich die schönen Momente einer Reise noch einmal und auch intensiver. Besonders danach das Genießen auf dem Großbild TV. Das muss der Grund gewesen sein, weshalb ich mir diese Ausstellung, die keine ist, ansehen musste.

Der komplette Name dieser sogenannten Ausstellung lautet Hieronymus Bosch Visions Alive. Dieses „Erlebnis“ besteht aus drei Räumen. Im ersten dürfen Sie den Eintritt von 12,50 €, Ermäßigt 9,50 € entrichten. Die freundliche Dame am Eingang informierte mich kurz, wie ich den Besuch gestalten solle: Zuerst alle Räume langsam durchschreiten und die Bilder nur nebenbei wahrnehmen. Im letzten, den dritten Raum dann informieren, lesen und sich mit dem Maler beschäftigen.

Jetzt lief ich los. Im Eingangsbereich befindet sich auch der obligatorische Museumsshop mit den „Andenken“ an diesen Besuch. Danach empfing mich die Dunkelheit. Schwarz. Der erste Raum war erfüllt von gedämpfter, auf- und abschwellender Musik. Großformatige Motive waren an allen Wänden zu sehen. Desgleichen im zweiten Raum.

Nun im dritten, dem Einführungsbereich, sah ich verschiedene Informationen, die ich mir genau betrachtete, durchlas und selbst interaktiv gestaltete.

Besonders hat mir die Darstellung des Triptychons Der Garten der Lüste gefallen. Ein Wimmelbild, wie man heutzutage sagen würde. Links der Garten Eden, in der Mitte der Garten der Lüste, rechts die Hölle. Originalgröße 2,20 x 3,90 Meter.

Dieses Bild wurde auf einem waagerechten sehr großen Touchscreen gezeigt. Versehen mit Markierungen, die bei Berührung diesen Bildausschnitt auf der gesamten Fläche sichtbar machten. Zusätzlich konnte noch per Touch eine Erklärung eingeblendet werden. Diese Aktionen wurden gleichzeitig auf die Wand davor übertragen, so dass die Zuschauer hinter dem Aktiven mitsehen und mitlesen konnten.

Im selben Raum befanden sich an einer Wand 66 Informationstafeln mit den Jahreszahlen von 1450 bis 1516 (die Zeit Malers). In jedem Jahr eine Besonderheit. Es wurden z.B. Albrecht Dürer, Leonardo Da Vinci, Martin Luther, Christoph Kolumbus, Vasco da Gama, oder die Fertigstellung der Mona Lisa beschrieben. Dadurch erhielt ich eine Vorstellung von den Ereignissen und dem Geschehen in dieser Zeit. Sieben große Tafeln erläuterten die 7 Todsünden: schriftlich aber animiert. Über den Maler selbst werde ich hier nicht berichten. Dafür finden Sie in den einschlägigen Medien viele Beiträge.

Nach den Informationen, die ich als nicht so wissender Kunstkenner und Historiker sehr hilfreich empfand, ging ich in die beiden Haupträume.

Was hat mich nun so fasziniert? Die Musik, Töne, Geräusche, zart und untermalend. Die Projektionen riesig, groß, abwechslungsreich, überblendet, viel Symbolik, Ausschnitte, Details. Animierte Bildteile, wie Vögel, die über die Leinwände fliegen, Arme die sich bewegen, Blätter die fallen, Tiere, die durch das Bild laufen, Flocken, Blitze und andere Effekte.

Alle vier Wände werden bebildert ohne sich gegenseitig zu stören und ohne sich zu ergänzen. In der Mitte gab es ein paar Bänke ohne Lehne, ein paar Stühle seitlich und ein paar sog. Sitzsäcke auf denen man es sich sehr bequem machen konnte. Zwischendurch ruhig einmal aufstehen und ein paar Schritte gehen – museal wandeln, um die Perspektive auf Kunst und Zuschauer zu verändern. Aber immer wieder vom Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton beeindrucken lassen.

Die Werke sind rätselhaft, kaum erklärbar, phantastische Bilder aus einer Welt vor 500 Jahren in der Deutung eines rätselhaften Visionärs seiner Zeit. Die Details können verstörend, grausam oder unverständlich wirken. Nach 500 Jahren sind die Phänomene, die Symbolik, viele Rätsel noch immer nicht gelöst . Aber wie der „Ausstellungstitel“ sagt: lebendige Visionen. Das macht auch für mich das phantasievolle Betrachten so spannend. Deshalb meine Empfehlung: Noch bis zum 4. Juni die Gelegenheit zu einem Besuch nutzen. Sie nehmen Eindrücke mit, die Sie noch nicht kannten. Viel Spaß dabei und schreiben Sie mir dann Ihren Kommentar.

brd

Fotos(c) brd, mw