Berlin ab 50…

… und jünger

Alchemie – die Suche nach dem Weltgeheimnis

Meine Begeisterung über die selten zu sehenden, wirklich  hochwertigen Exponate, die die   Staatlichen Museen zu Berlin in Kooperation mit dem Getty Research Institute, Los Angeles in der Ausstellung „ Alchemie. Die große Kunst“ zeigen,  sei fairerweise an den Anfang des Berichts gestellt.

Carl Spitzweg.Der Alchimist, um 1860 (c) Staatsgalerie Stuttgart

Und dann muss ich sogleich Kritik üben: Für alle Leser „über 50“ ist die Licht-und Schriftgestaltung der Ausstellung eine Herausforderung. Zu der aus konservatorischen Gründen verständlichen Abdunkelungen des gesamten Raumes  passen einfach nicht kleine Schrifttafeln in (kleiner) weißer Schrift auf schwarzem Grund, direkt neben den in Vitrinen ausgestellten Exponaten, die dazu zwingen, förmlich in die Vitrinen  zu kriechen, wenn da nicht das Glas wäre. Hier würde ein elektronischer Guide oder zumindest  Leuchttafeln mit den Beschreibungen Abhilfe schaffen. Sehr schade, dadurch verlor die Ausstellung für mich enorm.

Auch die Katalogbox als alchemistischer Zettelkasten ist zwar  eine vermeintlich originelle Idee, aber unhandlich-unpraktisch und wird vermutlich nach mehrmaligen „Durcharbeiten“ ohne akribische Rück-Ablage im Chaos enden und entsorgt werden. Dafür waren mir 29,00 € zu viel Geld. Auch auf den sonst üblichen Flyer wurde verzichtet. Also kaum eine Chance, sich auf die Ausstellung vorzubereiten, wenn man der Beschilderung optisch nicht folgen kann.

Ausschnitt/Der Alchemist, nach Pieter Bruegel d.Ä, 1558 © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Da ich mich als pharmaziegeschichtlich Interessierter mit dem Thema etwas auskenne, war ich immer wieder hoch erfreut, mir bekannte Bücher, Graphiken und Bilder einmal im Original zu sehen. Doch worum geht es überhaupt? 230 Objekte aus drei Jahrtausenden beleuchten das Verhältnis und die postulierte innere Verbindung von Kunst und Alchemie. Es werden nicht nur alchemistische Schriften und Gegenstände gezeigt, sondern auch Kunstwerke, die Alchemisten als Protagonisten ihrer Zunft in ihrer Zeit kritisch zeigen und  – neuere – Kunstwerke, die  quasi alchemistische Verfahren für den künstlerischen Prozess nutzen.

Natascha Sonnenschein. Paradies der Künstlichkeit, 2001 (c) Natascha Sonnenschein/VH Bild-Kunst, Bonn 2017

Der Begriff Alchemie hat arabischen Ursprung (Artikel „al“)  und wurde wohl im 2. Jahrhundert in Alexandria als Ableitung des griechischen Wortes „Chymeia“ (Metallgießen) geprägt.  Die handwerkliche Praxis reicht aber 5000 Jahre zurück, was Sammlungsstücke aus Ägypten beweisen. Unser tradierter Begriff „Alchemie“ verbindet  damit chemische Versuche im  späten Mittelalter zu  „Metalltransmutationen“, mit der die Verwandlung einfacher Metalle in Edelmetalle (Gold) mit Hilfe eines Steins des Weisen, dem  „Lapis philosophorum“, gelingen würde. Jedoch nicht nur schnödes Treiben nach Gold und Reichtum war eine Triebfeder der Alchemisten. Nein, es ging auch um die  Nachahmung des göttlichen Schöpfungsaktes, um die eigene Schöpfung eines „Homunculus“. Eine Idee, die sich bis in heutige philosophisch-ethische  Diskussionen  – wie  z.B. um das Gen Schaf Dolly – nachverfolgen lässt. Der  alchemistische Ansatz, Materie als Teil der natürlichen Schöpfung in ein künstlerisches Ergebnis zu „transmutieren“, führt zu den hier gezeigten Ergebnissen zeitgenössischer Kunst, womit die Ausstellung die Wesensverwandtschaft von Kunst und Alchemie belegen will. Doch in der frühen Neuzeit wandelte sich der philosophische Anspruch in einen zuvörderst materiellen: Die verschuldeten barocken Fürsten setzten ihre Hoffnung auf das Gold der Alchemisten und betrieben Laboratorien.  Willkommene „Nebenprodukt“ der vergeblichen Versuche waren z.B.  Goldrubinglas (Alchemist Kunkel auf der Pfaueninsel in Berlin, dazu einmal später mehr) und die Porzellan-Nacherfindung  durch den Apothekergehilfen Böttger. Auch das heute noch benutzte  Abführmittel Glaubersalz ist so ein Nebenprodukt (Johann Rudolf Glauber, 1604-1670, Begründer der chemischen Industrie). Die Alchemie konnte die auf sie gesetzten Hoffnungen natürlich nie einlösen, hat aber durch ihre experimentellen Arbeiten die Entwicklung von Chemie und Pharmazie sehr gefördert, wobei der  Übergang von Alchemie zu Chemie, von Hokuspokus zur Wissenschaft fließend war.

Und doch möchte ich, trotz der eingangs geäußerten Kritik, die Ausstellung, die noch bis zum 23.07.2017 im Berliner Kulturforum zu sehen ist, den Lesern empfehlen. Allerdings sollte man sich vorher auf der gelungenen Webseite des Museums über das Thema informieren: http://www.smb.museum/ausstellungen/detail/alchemie-die-grosse-kunst.html

Und da mein Titel des Beitrags zwei Ausstellungen – in Berlin und Halle  – verbindet, hier noch der Hinweis auf eine zweite Ausstellung zum selben Thema: Im Landesmuseum für Vorgeschichte (der Heimstatt der Himmelsscheibe) in Halle  ist noch bis 05. Juni diesen Jahres die Ausstellung „Die Suche nach dem Weltgeheimnis“ zu sehen. Die Ausstellung zeigt seltene Stücke aus einem Wittenberger Alchemistenlabor aus dem 16.Jahrhundert, die bei Ausgrabungen 2012 gefunden wurden.http://www.lda-lsa.de/landesmuseum_fuer_vorgeschichte/sonderausstellungen/ .

Mehr darüber nach meinem Besuch der Ausstellung!
Ihr mw

In Sicht: 100 Jahre Groß-Berlin

In Sicht: 100 Jahre Groß-Berlin

Unter diesem Motto stand eine Tagung des Deutschen Werkbundes in Vorbereitung des 100-jährigen Jubiläums der Bildung der Einheitsgemeinde (Groß-)Berlin am  15. und 16. März im Ludwig Erhard Haus in der Fasanenstraße.  Der Blick führte nicht nur zurück zum  Gründungsbeschluss von  Groß-Berlins am 27. April 1920 durch die Preußische Landesversammlung, sondern auch in die Zukunftsplanung für eine lebenswerte, polyzentrische Stadt.

Wie im Diskussionsbeitrag eines Bloggers zum Bericht über das „Doppelte Berlin“ angemerkt, wird die im April  vom Bundestag  verabschiedete Novelle des Baurechts neue  Perspektiven für ein räumlich dichtes  Miteinander von Gewerbe und Wohnen, von Arbeits- und Lebensräumen eröffnen. Die „Nutzungsgemischte Stadt der kurzen Wege“, die Berlin ja einmal war, wird wieder belebt. Stadtbaudirektoren  aus Wien, London, Potsdam und Berlin  City Ost und City West berichteten ihre Erfahrungen mit neuen Stadtstrukturen.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz

Durch die Gründung Groß-Berlins entstand die Metropole Berlin, so wie wir sie heute kennen und lieben. Daran  konnten auch die Germania-Planungen in der NS-Zeit und die Trennung der Stadt nichts ändern, wenn auch  die Schwergewichte  Zentrum Ost/Alexanderplatz  und Zentrum West/Breitscheidplatz  vom alten Zentrum  Unter den Linden wegführten. Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber unsere Besucher, die das erste  Mal oder selten nach Berlin kommen, sind jedes Mal verwirrt, dass es kein eindeutig identifizierbares Berliner Zentrum gibt. Die Stadt wird meist als undurchschaubar wahrgenommen  und eine gewisse Orientierungslosigkeit ist die  Folge. Wenn Zeit ist, hilft ein Blick vom Fernsehturm  für die grobe Orientierung in das alte Berlin und die eingemeindeten Vorstädte. Der Zusammenschluss von 1920  hatte ja eine Vielzahl von großen und kleinen lokalen Zentren mit schönen Plätzen, Rathäusern, Parks der Stadt Berlin zugeschlagen und diese lokalen Zentren geben mir immer das Gefühl in einer kleinen Stadt, meinem Kiez, zu wohnen.  Also eine Großstadt, die aus vielen Kleinstädten besteht.

Noch einige interessante Details zu anstehenden Jubiläum.  Die  Beschlussfassung  am 27.April 1920 zur Einheitsgemeinde  Groß-Berlin 1920 erfolgte recht knapp. Die Gegner waren die nationalen, Parteien und das Zentrum,  während SPD und USPD dafür waren. In den Vorkriegsjahren hatten die Landgemeinden alle Versuche der Großstadtbildung sabotiert, da sie die Dominanz Berlins fürchteten. So ähnlich wie bei der Abstimmung über eine Länderfusion Berlin-Brandenburg.

Rathaus Schmargendorf, ab 1920 gehörte auch Schmargendorf zu Groß-Berlin

Mit dem Inkrafttreten des Beschlusses am  1.Oktober 1920  betrug die Stadtfläche 878 km² (vorher 66 km²), die in20 fortlaufend nummerierte  Bezirke aufgeteilt war. Die Bevölkerung wuchs von 1,9 auf fast 3,9 Millionen. Groß-Berlin war damit flächenmäßig die zweitgrößten Stadt der Welt (nach Los Angeles) und von der  Einwohnerzahl – hinter London und New York –die  drittgrößte Stadt der Erde.

2030 soll Berlin wieder so viel Einwohner haben wie 1920, ist aber dann Im Vergleich zu anderen Großstädten  wie Mexiko-City, London oder New York (9 Mio.)  und  Kairo (11 Mio.) eher eine kleinere Großstadt.

Bis zum Jubiläum werden noch einige sicher sehr interessante Veranstaltungen (zum Beispiel der  Hermann-Henselmann-Stiftung)  sich mit der Zukunft der Stadt Berlin, der Wohnungssituation, der Infrastruktur und dem Verkehr beschäftigen. Berlinab50 will versuchen, Sie rechtzeitig zu informieren!

mw

 

Ein Recht auf den Wind im Haar

Ich radel ausgesprochen gerne – wenn es das Wetter erlaubt.  Es ist eine schöne Art, sich fortzubewegen. Nicht zu schnell, so dass man etwas von seiner Umgebung mitbekommt, durch die man sich bewegt, nicht zu langsam, so dass man einige Kilometer zurücklegen kann – und der Wind einem durch die Locken bläst.

Im Moment bin ich nach einer Meniskusoperation  allerdings immer noch nicht wieder einsatzfähig, laufe noch auf Krücken und sehne mich nach einer „Ausfahrt“. Geduld, Geduld wird mir immer wieder gesagt – ok sage ich mir, also Geduld, aber bald bin ich nicht mehr zu halten. Geduld ist nicht meine Disziplin, aber ich weiß, sie wird nur auf eine kurze Probe gestellt und sie wird sich lohnen. Danach bin ich wieder fit für viele Radausflüge und wenn die Temperaturen wieder ansteigen und langsam stabil bleiben, beginnt auch meine Saison.

Aber was passiert, wenn die Mobilität das Radfahren nicht mehr zulässt? Dazu möchte ich Ihnen kurz eine neue Idee vorstellen:

2013 wurde in Kopenhagen ein Projekt ins Leben gerufenen, das inzwischen einige Nachahmer gefunden hat: „Cykling uden alder“.  Auch die Arbeitsgruppe NEUE ARBEIT der Diakonie Essen wurde inspiriert durch Kopenhagens „Radeln ohne Alter“ und ihre Idee wurde für den Deutschen Fahrradpreis 2017 nominiert. Es geht darum, alten Menschen, die nicht mehr so mobil sind, „das Recht auf Wind im Haar“ zu ermöglichen. Es sind Radausflüge von mindestens einer bis 3-4 Stunden, Vergnügungsfahrten, keine Besorgungsfahrten. So kann man zum Beispiel bis vor die Türe eines Museums (dort gibt’s meistens Rollstühle),  in das Wohnviertel seiner Kindheit, an einen See oder in ein Café in einem besonderen Park gefahren werden.  Vier Rikschas sind in der „Grünen Hauptstadt Europas 2017“ momentan unterwegs:  zwei davon sind  Radkutschen bei denen die Senioren hinter dem Fahrer sitzen (Christiania-Rikschas), eine Rikscha, bei dem die Gäste vor dem Fahrer platziert sind, und eine weitere, bei dem der Gast in einem Rollstuhl vor dem Fahrer transportiert wird.

Angesprochen wurden Seniorenzentren auf das kostenlose Projekt und „Radeln ohne Alter“ erntete großes Interesse. Seit 1. August 2016 fahren nun montags bis Freitag Senioren zu Orten, wo sie sonst nicht mehr hinkommen, an der frischen Luft und in einem Tempo, dass sehen und nachdenken ermöglicht. Glücksgefühle pur! Daneben ist das Essener Projekt ist auch Teil einer Beschäftigungsmaßnahme. So radelt z.B. ein 59-jähriger, der zu alt für einen Job ist, hier für kleines Geld Senioren durch Essen – für ihn, dem diese Ausflüge das Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden, ist dies ebenso ein Gewinn wie für viele in ihrem Aktionsradius eingeschränkte Menschen.

Der  Weltverband von „Radeln ohne Alter“ , der CWA Kopenhagen, benennt auf der Internetseite den Zweck dieses Projekt so: „Wir träumen davon, zusammen eine Welt zu erschaffen, in der der Zugang zu aktiver Mitbürgerschaft bei unseren älteren Mitbürgern Glück erschafft; wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, ein aktiver Teil der Gesellschaft und der örtlichen Gemeinde zu bleiben. (….) Auf diese Art bauen wir Brücken zwischen den Generationen und stärken Vertrauen, Respekt und den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.“  Was für eine schöne Idee!

Neben Essen gibt es in Deutschland weitere 13 Standorte, und auch Berlin hat einen. Der 2015 gegründete Verein in Berlin arbeitet mit fünf verschiedene Trägern von Senioren- und Pflegeheimen zusammen, insgesamt gibt es 6 Räder und speziell ausgebildete Fahrer. In Berlin sind es nur ehrenamtliche „Piloten“.  Noch fehlt die finanzielle und personelle Möglichkeit, das Angebot auch über diese momentanen Kooperationen hinaus zu vergrößern. Aber ich hoffe sehr, dass diese Idee sich schnell verbreitet und damit vielleicht auch Förderer aktiviert. Es wär doch schön, wenn sich die Seniorenrikschas in Berlin durchsetzen würden! Mehr Infos finden Sie unter: http://radelnohnealter.de/kontakt.

Bisher gibt es für RoA in Deutschland keinerlei staatliche Förderung. Umso wichtiger sind breites gesellschaftliches Engagement und natürlich Spenden! RoA ist gemeinnützig anerkannt und natürlich kann man auch Fördermitglied werden.

Viel Wind im Haar wünscht

go

Fotos (c) RoA

 

Bahnbrechende Frauen

Sie erinnern sich vielleicht, dass ich für Biografien empfänglich bin. Und nun gibt es drei neue Bücher auf meiner Leseliste –

Leipzig, Buchmesse. Wie immer genoss ich die Atmosphäre dieses Lesefestes, ließ mich von einer zur anderen Lesung treiben, besuchten den ausgesprochen ästhetischen und originellen Stand von Litauen, das Schwerpunkt-Land, und hörte eine Diskussion über Maria Theresia  mit der Autorin der neuesten Biografie, die den Leipziger Buchpreis 2017 in der Sparte Sachbuch/Essayistik erhielt. Es sei, so befand die Jury, eine „bahnbrechende“ Biografie. Die Historikerin beschreibe dieses Leben der Kaiserin Maria Theresia, die das Geschäft des Regierens als ihre persönliche Aufgabe ernst nahm, als Inszenierung eines Spiels in vielen verschiedenen, aber gleichzeitigen Rollen.  Und es gelänge Barbara Stollberg-Rilinger eine ganze Epoche durch diese Gestalt zu erschließen. Also höre ich  – als Österreicherin gehört dies quasi zum „Pflichtprogramm“ – gespannt dem Gespräch mit der Historikerin zu. Allerdings höre ich nun, dass die Monarchin der Autorin „täglich unsympathischer“ wurde und sie breitet dafür viele Beispiele vor der Ohren ihrer Zuhörer aus. Das Bild „meiner“ Kaiserin bröckelte, je länger ich Stollberg-Rilinger zuhörte. So recht weiß ich nicht mehr, ob ich dieses Buch lesen will. Aber „bahnbrechend“ ist schon ein großes Kompliment und sozusagen auf „historischer Augenhöhe“ die Zeit der großen Habsburgerin serviert zu bekommen, kann ich mir nicht entgehen lassen.

Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit, Barbara Stollberg-Rilinger, Verlag C.H.Beck

 

Die Lebensgeschichte einer anderen emanzipierten Frau habe ich mir auch vorgenommen:  Maria Sybilla Merian. Am 13.Januar 2017 war ihr 300. Todestag, am 2.April ihr 230.Geburstag. Neben der künstlerischen Qualität und ihrem Forschergeist interessiert mich besonders ihre Fahrt nach Südamerika.  Im Sommer 1699 schifft sich Maria Sybille mit ihrer jüngsten Tochter Dorothea Maria  auf einem Handelsschiff ein, um im Dschungel Insekten zu beobachten, zu erforschen  und zu dokumentieren – ohne männliche Begleitung! Forschungsreisen waren zu dieser Zeit praktisch unbekannt. Auch Maria Sibylla Merian’s Reisepläne wurden kaum ernstgenommen, erst als ihre Forschungsergebnisse später in Europa bekannt wurde, begriff die Welt,  unter welch vergleichsweise schwierigen Umständen in den Urwäldern von Surinam eine Reihe bislang unbekannter Tiere und Pflanzen von ihr entdeckt wurden, deren Entwicklung zu studieren und zu dokumentieren dieser Frau gelungen ist*.  Unabhängig von den wissenschaftlichen Resultaten waren es vor allem die äußeren Umstände der Reise, die für Aufsehen sorgten. Eine Frau um 1700, ohne männlichen Schutz, allein von ihrer Tochter begleitet, wochenlang auf einem Handelsschiff unterwegs, um zwei Jahre lang tagsüber in Begleitung einiger Indianer bei feucht-heißem Klima in äquatornahen Urwäldern ihrer wissenschaftlichen Arbeit nachzugehen – allein schon diese Leistung verschaffte ihr in Europa nachhaltig Ruhm und Respekt. Zwei Jahre vor ihrem Tod erlitt sie einen Schlaganfall und konnte sich danach nur noch im Rollstuhl fortbewegen. Sie starb 1717 im Alter von 69 Jahren in Amsterdam. Im Totenregister wurde sie als „unvermögend“ bezeichnet. Man beerdigte sie in einem Armengrab, das heute nicht mehr aufzufinden ist.

Maria Sybilla Merians Schmetterlinge, Kate Haerd, Gerstenberg 

 

Und noch eine „starke Frau“ hat es mir angetan: Emma Herwegh. Auch sie hat ein Jubiläum dieses Jahr. Vor 200 Jahren, am 10.Mai 1817 wurde sie in Berlin geboren. Haben Sie schon mal etwas von ihr gehört? Ich jedenfalls nicht. Sie ist die Frau von Georg Herwegh, zu seiner Zeit ein gefeierter Dichter und leidenschaftlicher Verfechter der Revolution 1848.  Seine „Gedichte eines Lebendigen“, Revolutionslieder, hatten es der jungen Emma Siegmund angetan. Bereits drei Wochen nach ihrem Kennenlernen war sie verlobt mit Georg, einige Monate später verheiratet. Sie leben in Paris und versuchen von dort aus 1848 der badischen Revolution zu Hilfe zu kommen. Emma als einzige Frau unter achthundert Männern war aktiv dabei. Der Feldzug scheiterte, Herwegh wird verspottet und bald verblasst sein Ruhm. 1875 stirbt  er, von der Öffentlichkeit vergessen. Emma, im Wohlstand aufgewachsen, lebt als Witwe unter ärmlichen Umständen in Paris. Die ihr zugedachte Rolle als braves Töchterchen hat sie nie erfüllt, sie fiel wohl zeitlebens aus der Rolle. Sie begeisterte sich für die Französische Revolution, trug gerne Männerkleidung und verehrte George Sand. In ihrem Tagebuch bekamen Männern, die ihren Weg kreuzten,  keine freundlichen Worte, nur das Lebenswerk ihres Georg hielt sie hoch. Fast am Ende ihres Lebens konnte sie den jungen Frank Wedekind dazu bringen, sich für das Werk Georg Herwegh einzusetzen. Ihre Lebenserinnerungen an  Marx, Heine, Bakunin, Feuerbach und Freiligrath, Garibaldi Turgenjew und Wagner und ihr Charme taten sicher ihr übriges. Die Tochter eines jüdischen Kaufmanns war kein braves Töchterlein, sondern eine Vorkämpferin der Frauenrechtsbewegung.

Die Freiheit der Emma Herwegh,  Dirk Kurbjuweit, Hanser Verlag

 Meine Vorfreude auf den Sommer wächst, denn dann werde ich Zeit und Muße haben, mich mit diesen drei Damen zu beschäftigen.

Bleiben Sie neugierig

go

*Das Kupferstichkabinett widmet dieser emanzipierten Naturforscherin eine Ausstellung:   Maria Sibylla Merian und die Tradition des Blumenbildes, 07. April bis 02. Juli 2017, Dienstag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               

“Nekropole Berlin – Neukölln 1945”

Wie schon berichtet, bin ich eifriger Friedhofs-Flaneur  und kenne auch die   Neuköllner Friedhofs-landschaft mit ihren 16 Friedhöfen, ohne alle besucht zu haben. Es gibt allein hier ca.  15.000 einzelne Kriegsgräber und zwei Sammelgräber mit Toten des Krieges sowie Opfern der NS-Gewaltherrschaft. In ganz Berlin gibt es übrigens Einzelgräber und Massengräber, in denen 136.000 Tote des Zweiten Weltkriegs ruhen.  Deshalb finde ich eine gerade angekündigte multimediale Ausstellung “Nekropole Berlin – Neukölln 1945” sehr spannend, weil sie die öffentliche Wahrnehmung der dort bestatteten Kriegstoten einfordert.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist die »Schlacht um Berlin« im April bis Anfang Mai 1945, mit der vor 72 Jahren der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation des NS-Staates endete.  Die Ausstellung, die an verschiedenen Orten stattfindet, beginnt am  16. April 2017 und endet am 2. Mai 2017, dem Jahrestag der  Kapitulation Berlins. Die Vernissage mit einer Podiumsdiskussion und einer Lesung  von  Günter Lamprecht, der als Berliner Zeitzeuge aus seinen Erinnerungen liest,  findet am 25. April 2017 im Kulturstall Schloss Britz statt. Eine Anmeldung wird empfohlen (siehe link unten). Die  Fotografien, digitale Grafiken und crossmediale Installationen werden an fünf Projektstandorten in Neukölln (Friedhof Columbiadamm), Karlshorst (Deutsch-Russisches Museum) und in Charlottenburg (Landeszentrale für politische Bildung im Amerikahaus) gezeigt.

Wer hat diese ungewöhnliche und sehr modern-medial aufbereitete Ausstellung gemacht?  Die Idee kam  von Studenten der Beuth-Hochschule, die beim Gang über einen Friedhof die bei Kriegsende  gleichaltrigen Opfer wahrnahmen. Architektur-Masterklassen der Beuth Hochschule für Technik Berlin haben dann von 2015 bis 2016 in Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Landesverband Berlin, dem Deutsch-Russischen Museum in Karlshorst, dem Bezirksamt und dem Museum Neukölln sowie unter Mitwirkung von  Sponsoren ein multimediales Forschungsprojekt bearbeitet, dessen Ergebnis die „Schlacht um Berlin” im Frühjahr 1945 visuell in die heutige Zeit transportiert.

Dadurch sollen die  Toten aus dieser Zeit, die auf Berliner  Friedhöfen ruhen, aber in der öffentlichen Wahrnehmung wenig präsent sind, ein Gesicht bekommen und es soll zugleich eine Mahnung und Anregung zur Beschäftigung mit dem Thema Krieg und Gewaltherrschaft  sein. Der Bezug auf antike Nekropolen (Totenstädte) wie  Amarna, Theben und Hierapolis wurde von den Ausstellungsmachern bewusst gewählt, um die „urbane Schicht inmitten des täglichen Lebens“ sichtbar zu machen.“ Weitere Informationen über “Nekropole Berlin – Neukölln 1945” sind unter folgendem link zu finden: http://nekropolen-projekt-berlin-neukoelln-1945.de/de_DE/http://nekropolen-projekt-berlin-neukoelln-1945.de/de_DE/

Diese ungewöhnliche Kombination von digitalen Medien und real gebauten Entwürfen der Beuth-Studenten sollten sie sich nicht entgehen lassen.

Meint mw

PS: Auf dem landeseigenen Friedhof Columbiadamm 122 -140 in Neukölln wurden schon die Gefallenen der Befreiungskriege 1813 beigesetzt. Er war bis zur Auflösung der Berliner Garnison 1922 ein Garnisonkirchhof und in der Weimarer Republik haben hier  Angehörige verschiedener Regimenter Denkmale für die Toten des 1. Weltkrieges aufgestellt.

 

Das Osterlachen

Österliche Bräuche

Österliche Bräuche sind vielfältig und eine Mischung aus lokalen Riten, archaischen Ritualen zu Frühling und Feuer und christlichen Symbolen.

Ein gänzlich in Vergessenheit geratener  christlicher Brauch  ist  das „Osterlachen“, lateinisch „ Risus paschalis“, mit dem man Tod und Schrecken trotzt. Seinen  Ursprung hatte es im Spätmittelalter, in dem von der Kanzel am Ostersonntag  – nach der Auferstehung – der Pfarrer seine Gemeinde durch eine lustige Geschichte  zum Lachen brachte, um den Sieg des Lebens über den Tod zu demonstrieren und Freude zu verbreiten.  Also, bringen sie ihre Mitmenschen Ostern ordentlich zum Lachen, den Tod und Schrecken haben wir in der Welt zuhauf.

Das Osterfest ist eigentlich das höchste Fest der christlichen Kirche. Durch das konsumorientierte Weihnachtsfest ist Ostern jedoch  selbst in christlichen Kreisen in den Hintergrund geraten. Da die  Auferstehung Jesu als Überwindung des Todes eine Kernbotschaft  des christlichen Glauben ist, bietet das österliche Brauchtum eine Vielzahl von auch aus anderen Kulturkreisen adaptierten Symbolen, die den Sieg über den Tod verdeutlichen. Die katholische Meßliturgie der Osternacht  zum Sonntag z.B. beginnt mit einer Lichtfeier, in deren Mittelpunkt die Osterkerze steht, die am Osterfeuer  vor der Kirche entzündet wird. Das aufflammende Osterlicht symbolisiert die Auferstehung und das Ende der Dunkelheit des Grabes. Korrekterweise soll das Feuer nicht mit Streichhölzern angezündet werden, sondern mit  Funken aus Feuersteinen, um an die steinerne Grabeshöhle Christi zu erinnern. Mit dem Ruf „Lumen Christi“ (das Licht Christ) beginnt dann die Prozession in die Kirche, die im tiefen Dunkel liegt. War es vor 30 Jahren nur in katholische Gemeinden üblich, feiern nun  auch evangelische Gemeinden die Osternacht in dieser Weise. Frühjahrsfeuer sind in allen Kulturen verbreitet, soll doch damit der Winter vertrieben und das Feuer  an den heimischen Herd geholt werden. Die Osterfeuer in  brandenburgischen Dörfern sind wohl  kaum christlich initiiert, sondern volkstümlicher Anlass zum reichlichen Trinken.

Auch der Brauch Ostereier zu färben, hat sehr alte Wurzeln. Im Totenbuch, einer mythologischen  Sammlung des alten Ägyptens, wird berichtet, dass Horus, der Sohn von Osiris, Eier aus Karneol mit Lapislazuli bemalte. In vielen Schöpfungsmythen verkörpert das Ei den Ursprung des Lebens. In der christlichen Mythologie verweist das Ei auf Tod und Auferstehung. Der  Volksmund hält es da eher mit Wilhelm Busch „Das weiß ein jeder, wer’s auch sei: Gesund und stärkend ist das Ei.“  Bei Luther (das muss dieses Jahr unbedingt erwähnt werden) schlägt sich der Brauch der Ostereier schon in sprichwörtlichen Redewendungen nieder: „ Man muss über diese Sache noch dreimal Ostereier essen“. Auch das Bemalen und Schmücken der Ostereier ist in dieser Zeit schon üblich. Bis heute werden bei den Sorben in der Lausitz  bunte Ostereier in Ritz-, Kratz- und Ätztechnik ornamental geschmückt. In der Lausitz wird auch das beliebte „Waleien“ gespielt. Bunt gefärbte Eier werden an Abhängen mit dem Ziel hinabgerollt, alle Eier, die dabei getroffen werden, zu gewinnen.

Und wann kommt nun der Osterhase ins Spiel?  Die Häsin (und nicht der Hase) wird  als kultisches Symbol der Fruchtbarkeit schon bei den Ägyptern verehrt, in Indien und  China war die Häsin Symbol für Tod und Wiedergeburt. Bei Dürers „Heiliger Familie“  ist ein Hase mit auf dem Bild und seit dem 17. Jahrhundert ist es in Süddeutschland  üblich, die Eier zu verstecken und sie dem Hasen zuzuschreiben. Aber erst im 20. Jahrhundert trat in ganz Europa der Osterhase als Eierbringer seinen Siegeszug an. Aber immer daran denken, eigentlich bringt die Häsin die Eier! Denn auch beim Schenken schenkt die Frau dem Mann das Ei. In Nordeuropa versteckten frühe die Mädchen die Eier in ihrem Kleid und der Freund (nur der!) durfte suchen.  Ein wichtiges, bisher unbearbeitetes Thema der  Genderwissenschaften.

Im Sinne von Goethes „Osterspaziergang“ wünschen wir Ihnen ein fröhliches Osterfest!

mw/go

Die Adonisröschen blühen!

Ein Ausflugsziel zu Ostern

Die Blüte der Adonisröschen hat Ende März begonnen. Die goldgelb blühenden, unter  Naturschutz stehenden Steppenpflanzen sind an der Oder in Lebus, Podelzig und Mallnow zu bewundern. Die Hauptblütezeit ist Mitte April. Die Blühzeiten an den einzelnen Standorten sind jedoch etwas unterschiedlich, je nach Sonnenlage. Das Amt Lebus informierte bereits am März über Orte und Anfahrten:  http://www.amt-lebus.de/news/index.php?rubrik=1&news=383268&typ=1

Wer die Adonisröschen-Gebiete in Lebus erwandern will, fährt auf der B 112 südlich von Lebus bis zur Abfahrt Unterkrug und dort bis zum ausgeschilderten Parkplatz. Von dort aus führt der Adonisröschen-Themenpfad zu den Oderbergen, wo die Blumen stehen. Der Rundweg, dauert etwa 1,5 Stunden. Bei guter Kondition kann man – soweit die alte Oder Niedrigwasser hat- über die Wiesen bis nach Lebus wandern. In Lebus gibt es zwei Gasstätten und ein Eiscafé. Es gibt aber auch die Möglichkeit, mit Bahn und Bus anzureisen. So hält  die Regionalbahn  RB 60 zwischen Frankfurt/Oder und Eberswalde in der Blütezeit extra im Bahnhof Schönfließ. Ein anderer Vorschlag führt von Berlin mit dem RE 1 bis Frankfurt, dann geht es weiter mit dem Bus Linie 968 oder 969 bis Haltestelle Lebus-Siedlung. Die Wege sind gut ausgeschildert („Natura Trail“).

Auch gibt es nach dem Besuch der wegen ihren Steppenrasenvegetation auch „Pontische Hänge “ genannten Oderhänge in Mallnow die Möglichkeit, im Mallnower Haustiergarten Ziegen, Ponys, Esel und viel Geflügel zu besuchen. Auch ein Osterhase soll  sich dort aufhalten. Die Naturscheune im Hautiergarten bietet viele Informationen zum Oderbruch, zu Flora und Fauna.

Die Adonisröschen (Adonis vernalis) sind eine Pflanzengattung in der Familie der Hahnenfußgewächse und stammen ursprünglich aus westasiatischen Steppengebieten. Ihr Vorkommen im Oderbruch ist der Eiszeit zu verdanken Die  Pflanze wurde früher als Heilmittel genutzt. Wegen ihres Gehalts an herzwirksamen Glykosiden (wie im Fingerhut) wird sie nicht mehr verwendet, lediglich in der Homöopathie spielt sie in großen Verdünnungen (Potenzen) noch  eine gewisse Rolle. Namensgeber der Pflanze ist Adonis, der Liebhaber von Aphrodite, der von einem Eber getötet und von Aphrodite  in eine blutrote Blüte verwandelt wurde. Nun, hier ist sie gelb, aber es gibt auch rotblühende Arten in Westasien.

Ein Ausflug, der sich lohnt.

Meint mw

Fotos (c) R.S.

Barockes Kleinod mitten in der Tristess

Osterspaziergang zum Nicolaihaus in Mitte

Kennen Sie die Brüderstraße  in Mitte? Sie ist nach den hier einmal ansässigen Dominikaner Mönchen benannt. Zwischen  der Sperlingsgasse,  hinter dem ehemaligen Staatsratsgebäude und heutiger Managerhochschule ESMT, und der Scharrenstraße an dem als Platz nicht erkennbaren Petriplatz (Ausgrabungen derzeit) und damit an der vielbefahrenen Getraudenstraße gelegen. Durch Plattenbauten aus der DDR-Zeit ist sie allerdings völlig gesichtslos geworden. Zwei barocke Häuser sind jedoch erhalten: Das Galgenhaus in der Nummer 10 und das Nicolai-Haus in der Nummer 13.

Im Haus Nummer  13 lebte und arbeitete  von 1787 bis zu seinem Tod 1811 der  Berliner Verleger und Schriftsteller Friedrich Nicolai, ein Freund von  Lessing, Zelter  und Moses Mendelssohn,  und ein berühmter  Vertreter der  Aufklärung. Sein Haus war als Verlagsort (Nicolaische Verlagsbuchhandlung)  und  Wohnhaus zugleich ein Treffpunkt der Berliner Aufklärung. Schadow, Schinkel,  Hufeland, Chodowiecki  und Theodor Körner verkehrten hier. Die restaurierten Empfangsräume im Vorderhaus sowie ein museal eingerichteter Raum zum Lebenswerk und der Sammlung Nicolais erinnern an diese wichtige Epoche in der Geschichte Berlins.

Das  Nicolaihaus  ist nicht nur eines der wenigen erhaltenen barocken Bürgerhäuser, sondern eines der ältesten Wohnbauten Berlins. Nach teilweiser Zerstörung im Krieg und Wiederaufbau war es ab 1950 Sitz des Zentralinstituts  für Denkmalschutz der DDR. Bei der 1967 erfolgten Umsetzung des denkmalgeschützten Ermelerhauses  von der Breiten Straße  an das Märkische Ufer wurde das klassizistische Weydinger-Treppenhaus hier eingebaut. Nach der Wende wurde das Gebäude Eigentum des Landes Berlin. Der Suhrkamp –Verlag wollte  2010 seinen Sitz aus Frankfurt hierher verlegen, doch als sich die Pläne zerschlugen, erwarb 2011 die Stiftung Denkmalschutz das Haus als Sitz der Stiftung und lies es aufwendig restaurieren. Eine große Unterstützung war dabei die Spende des Ehepaars Köhn, die in einen Nicolai-Fond floss.

Zum 283. Geburtstag Nicolais öffnete am 18. März 2016 die Stiftung im Rahmen eines Tags der offenen Tür zum ersten Mal ihre Tore für die Berliner. Und nun ist es bald wieder soweit:  Am Ostersonntag,  den 16. April 2017 und dann wieder  im Mai (am 07.05 und 21.05.) kann das Nicolai-Haus von 14-17 Uhr besichtigt werden.  So zeigt unter anderem ein schönes  Stadtmodell der Brüderstraße die Entwicklung dieses Bereichs in der historischen Mitte. Zu ihrer Entstehungszeit  war die Verbindung vom Königlichen Schloss zum Petrikirche eine der begehrtesten Wohnlagen in der Residenzstadt. Falls Sie noch nie in der Gegend waren, bekommen Sie aber keine Schreck: Kriegszerstörungen  und die Abräumung der historischen Bauten in der Altstadt zu DDR-Zeiten  haben die Strukturen hier  vollkommen verändert, eigentlich zerstört.  Das Viertel zwischen  Friedrichsgracht, Sperlingsgasse und Gertraudenstraße ist besonders an den Wochenenden trist.

Trotzdem einen schönen Osterspaziergang

wünscht mw

Für den Leser, der mehr wissen will: Das Buch „Das Nicolaihaus – Brüderstraße 13 in Berlin“ von Marlies Ebert und Uwe Hecker war lange Zeit vergriffen. 2016  ist das 96-seitige Büchlein im Bonner Verlag Monumente Publikationen, dem Verlag der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, leicht verändert nachgedruckt worden.

Die unsterbliche Familie Salz

Die unsterbliche Familie Salz – ein Buchtipp

Zugegeben der Roman, der zwischen 1914 und 2027  spielt, hat nichts mit Berlin zu tun und seine Figuren sind auch nicht alle „ab 50“, aber es ist doch eine so besondere Familiengeschichte, dass ich Ihnen kurz diesen Buchtipp geben möchte.

„Die unsterbliche Familie Salz“ erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Familie, deren Psychogramm  im Kontext der Historie intensiv aufgeblättert wird:  „Herr Salz“ und seine Frau Rosa bewirtschaften in München den berühmten „Löwenbräukeller“, seine Tochter Lola ist 9 Jahre alt. 1914 kauft das autoritäre Familienoberhaupt ziemlich spontan ein Hotel in Leipzig, den prächtigen „Fürstenhof“. Das Hotel  wird, auch wenn es der Familie Salz kein Glück bringt, über alle Zeiten hinweg der gedachte Mittelpunkt der Familie sein.

Rosa verlässt München nur sehr widerwillig, „Herr Salz“ verändert ziemlich schnell sein Verhalten, die Familiensituation im Luxushotel ist alles andere als harmonisch.  Nach der Geburt eines Sohnes schwächelt Rosa lange Zeit und stirbt schließlich doch unerwartet. Der Tod bleibt für alle bis auf Lola mysteriös, ein ungeheurer Vorwurf steht im Raum, und Lola landet in einem katholisches Erziehungsheim. Erst als alte Dame wird sie den Fürstenhof  wieder betreten, das Hotel bleibt für Jahrzehnte vermintes Gebiet. Sie wird Schauspielerin in Karlsruhe, heiratet dort einen Kollegen, allerdings nur unter der Bedingung,  dass sie ihren Familiennamen weiter behalten darf, denn  „Es liege ihr viel daran zu beweisen, dass der Name Salz auch von guten Menschen getragen werden kann“. Ein Satz von großer Aussagekraft. In den Wirren des 2.Weltkrieges flüchtet Lola mit ihren beiden Kindern durch das Deutsche Reich und es gäbe mehrere Gelegenheit, im Fürstenhof rettende Zuflucht zu finden – doch Lola bleibt unerbittlich.  Erst als ihr Sohn Kurt das Hotel, das in der DDR Staatseigentum wurde, nach der Wende wieder in den Familienbesitz zurück bringt, kehrt die hochbetagte Lola in den Fürstenhof zurück. Jetzt regiert Lola über das Hotel – und eine tief zerrüttete Familie Salz. Ihre Urenkelin wird versuchen, die Schatten der Familie aufzulösen und sie zu versöhnen…

Der Roman erzählt auf höchst eigenwillige Art die Geschehnisse rund um die Familie –  im Wandel der Zeiten und in den Versuchen, der eigenen Geschichte zu entkommen. Die Geheimnisse einer Familie legen sich wie unsichtbare Schatten von einer Generation auf die nächste – auch wenn jeder versucht, sein Leben in ein ganz neues Licht zu rücken.

Dem Autor Christopher Kloeble gelingt auf eindrucksvolle Weise, die Familien-Banden nachvollziehbar zu erzählen, auch indem er jeder Generation (entsprechende Zeitsprünge gibt es)  eine eigene (Erzähl)Perspektive schenkt. Einiges ist durchaus biografisch.

Ich habe lange nicht mehr einen so interessanten Roman über das „Konstrukt“ Familie gelesen, über Prägungen, Geheimnisse, Verdrängtes  und  die Spurensuche nach „Nicht-Erzähltem“, das trotzdem präsent ist.

Wie gesagt, auch ohne „Berlin“ und „ab 50“ – gönnen Sie sich dieses Buch und bleiben Sie neugierig, auch oder vor allem bei Familiengeschichten.

go

Die unsterbliche Familie Salz, Christopher Kloeble, dtv, 2016

 

 

Berliner Adressbücher

 

Ein den Berlinern leider zu wenig bekannter, aber einfach zu hebender Schatz.

Die 128 digitalisierten Berliner Adressbücher (mit 385.000! digitalisierten und bildbearbeiteten Seiten mit Index-Daten) aus der Zeit von 1799 bis 1943 sind auf der Webseite der Zentral- und Landes Bibliothek für jedermann einsehbar: https://www.zlb.de/besondere-angebote/berliner-adressbuecher.html.

Die Sammlung ist von großem zeitgeschichtlichem und dokumentarischem Wert und kann z.B. auch bei der Familienforschung hilfreich sein. Ferdinand hat hier im Blog vor zwei Jahren in sechs spannenden Beiträgen zur Familiengeschichte über die unterschiedlichen „Findhilfsmittel“ berichtet (https://berlinab50.com/2015/02/16/familienforschung-teil-1-der-anfang/). Die Adressbücher gaben mir aber in einem anderen Zusammenhang Informationen preis: Da ich bisher immer in Gebäuden, die vor 1930 errichtet wurden, gewohnt habe, galt bei meinen letzten Umzügen die erste Recherche der Geschichte des jeweiligen Hauses. In den letzten zwei Mietshäusern (in Johannisthal und Schmargendorf) lernte ich noch langjährige, vor 1940 geborene Mieterinnen kennen, deren Eltern schon in dem Haus wohnten. Da „erwachten“ die trockenen Daten, über die ich gleich noch berichten werde, zum Leben und Geschichten über Geschichten wurden erzählt.

Was erwartet sie bei der online Suche? Die Adressbücher enthalten nur die Namen der männlichen Haushaltsvorstände. Ehefrauen spielen erst als Witwe eine Rolle, wenn der Haushaltsvorstand „hinüber“ ist. Neben dem Namen ist oft auch die Berufsbezeichnung vorhanden. Die Adressbücher enthalten auch Straßenkarten, was dann immer hilfreich ist, wenn sich die Nummerierung der Straßen (in Berlin besonders kompliziert, da mehrere Systeme) geändert hat. Man kann nach Namen und nach Straßen suchen. Da Berlin als Groß-Berlin erst seit 1920 existiert, muss man davor z.B. Charlottenburger oder Schmargendorfer Straßen in den Vororten suchen. Der Eintrag war verpflichtend und der Hauseigentümer musste die Daten seiner Mieter liefern. Der Eigentümer war ebenfalls mit Wohnadresse verzeichnet. Auch Angaben zu Branchen und Behörden, Verbänden und Vereinen, Sehenswürdigkeiten, Verkehrsverbindungen, Fahrpreise, Theater, Konzert- u.a. Säle und Geschäftsanzeigen sind hier zu finden. Die Verfolgung der Juden ist auch hier ablesbar, die Zwangsnamen Sarah und Israel tauchen auf, Telefonanschlüsse verschwinden und plötzlich sind auch die Menschen nicht mehr im Adressbuch. Ein wichtiges Zeitzeugnis für die Ermittlungen im Vorfeld einer geplanten Stolperstein-Verlegung.

Herrschaftlich…

Nun zu meinen Erlebnissen: War die alte Dame in Johannisthal noch etwas verstört über meine Frage, wann der Herr Vater Oberamtsrat wurde, so gab Frau Woelk, die 1917 in Schmargendorf bei Berlin im abgebildeten Haus im ersten Stock rechts (mit Balkon) geboren wurde, mir 2012 noch ausgiebig Auskunft, als ich ihr Namen aus dem Adressbuch nannte.

Doch zuerst zu den Fakten: Das Haus wurde am Rande des Grunewalds 1905 im Dorf Schmargendorf als herrschaftliches Wohnhaus für vier Mietparteien gebaut. Jede Partei hatte ein Stockwerk für sich, mit Mittelbau und zwei -wenn auch kurzen – Seitenflügeln. Dienstbotenaufgänge gab es nicht. Das Treppenhaus war opulent. Im Jahr 1906 wohnten nur zwei Mieter (eine Witwe und ein Weichensteller) hier. Das Haus war damit nur zur Hälfte bewohnt, so dass das Renditeobjekt nichts abwarf und die Rentierswitwe Schulze auf Abhilfe sann. Die erwarteten Wohlhabenden blieben aus, da die Stadt zu weit weg war, und so wurde 1908 das Haus umgebaut und neun Wohnungen und ein kleiner Laden entstanden. Ab 1909 sind dann zwischen acht und zwölf Mieter bis 1943 (dann enden als Kriegsfolge die Adressbücher) nachweisbar. Da hier die Mieter länger wohnten, sind schöne soziale Beobachtungen möglich. Herr Sprang war z.B. 1909 Büroassistent, 1910 schon Kaufmann, 1916 Büroassistent des Berliner Magistrats, 1920 Bürosekretär, 1923 Stadt- Oberbürosekretär, 1927 Stadtoberinspektor und das blieb er, bis er 1940 als Stadtoberinspektor i.R. geführt wurde. Das Haus war ein Haus der kleinen Leute, die Wohnungen zwischen 50 und 80 Quadratmeter groß und es gab viele Kinder. Mitte der 1920-er Jahre gab es in dem Haus über 20 Kinder, so erzählte Frau Woelk, die in den umliegenden Kleingärten herumtobten.

…opulent

Frau Woelks Vater hatte 1916 als Eisenbahnsekretär begonnen und war zuletzt Reichsbahnoberinspektor i.R, bevor er 1941 starb. 1942 wurde das Haus von einer Bombe getroffen und der linke Seitenflügel zum Teil zerstört.

Frau Woelk war bis zu ihrem Tod im Winter 2014 recht auskunftsfreudig. Allerdings versetzte sie Weihnachten 2012 die Hausbewohner in Schrecken. Sie hatte anlässlich ihres 95-ten Geburtstages ein Interview mit einer großformatigen Berliner Zeitung und empfahl uns, die Zeitung zu kaufen. Mein Nachbar kam mit bleichem Gesicht und zeigte mir den Aufmacher „Sie war die Verkosterin von Adolf Hitler“. Die Geschichte war aber anders als vermutet: Sie musste im Führerhauptquartier Wolfsschanze mit anderen Frauen Proben der Lebensmittellieferungen verkosten, da es Gerüchte gab, dass die Alliierten Hitler vergiften wollten.

Nach dem Bericht begann der große Ansturm der internationalen Fernsehsender und Zeitschriften auf unser Haus, denn „Sex and Hitler sells“. Schauen Sie auf YouTube oder auch in WIKI nach Margot Woelk und sie werden mehr erfahren. Oder im Blog unter: https://berlinab50.com/2013/09/09/geburtstagsuberraschung/

 

Findet mw

Fotos(c) mw