Berlin ab 50…

… und jünger

Wie wollen wir im Alter leben?

Vielleicht erinnern Sie sich noch: Vor einiger Zeit habe ich mir Gedanken gemacht, wie wir, wie ich im Alter wohnen möchte.

Schon damals ist mir klar geworden, dass es eigentlich um etwas viel Umfassenderes geht, nämlich um Frage, wie ich leben möchte, welche Vorstellungen ich habe von meinem ganz persönlichen Leben jetzt im Alter.

Früher, als ich noch ein gutes Stück vom Ruhestand entfernt war, aber doch schon nahe genug, um mir Gedanken über die spätere finanzielle Situation zu machen, schien es mir, als ginge es einzig darum, meinen Lebensstandard und meine Lebensumstände zu halten. Es sollte möglichst alles so weitergehen, nur eben mit mehr Zeit und weniger Verpflichtungen. Wenn Sie wollen, so träumte ich wohl von paradiesischen Verhältnissen.

Vielleicht ist es das beständige Älterwerden, das mir – trotz allgegenwärtiger Verheißungen, dass die 70 die neuen 50 sind – immer häufiger Grenzen und Verschleiß aufzeigt, dass ich mich frage, ob ich meine Lebensumstände wirklich so beibehalten will und kann. Sind es noch die jährlichen großen und kleinen Reisen ins In- und Ausland, die mich glücklich machen? Oder besser gefragt: Müssen es die Reisen sein, damit ich mich zufrieden fühle? Ist es wirklich für mein Lebensgefühl wichtig, mich mit Freunden zu treffen, bei denen ich gar nicht so sicher bin, ob sie für mich wirklich meine „Freunde“ sind. Sind es nicht eher Kontakte, die sich beruflich oder anderweitig zufällig ergeben haben, aber eben doch nicht tiefer gehen? Wäre es nicht sinnvoller – im wahrsten Sinne des Wortes –, alten Freunden mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen Von denen ich weiß, dass sie mir auch im hohen Alter zur Seite stehen, so wie ich hoffentlich für sie da sein kann?

Weniger ist mehr – dieses Motto hat zurzeit Konjunktur: Konsumverzicht, was wohl in den meisten Fällen heißt: nicht mehr 20 Paar neue Schuhe, sondern „nur“ noch zehn. Nicht mehr Lebensmittel einkaufen als wirklich notwendig und weniger exotische, sondern heimische. Nicht mehr ständige den allerneuesten Trends nachlaufen, sondern auch einmal überflüssiges Shopping einfach streichen. Es gibt natürlich auch den radikalen Schnitt, also Nahrungsmittel aus der Tonne, keine Nutzung von Verkehrsmitteln, ohne Geld durchs Leben kommen und so weiter.

Das allerdings ist nun auch nicht das, was ich mir für mich vorstellen kann. Mein Leben ganz auf den Kopf und in Frage zu stellen – darum geht es mir auch nicht.

Worum es mir geht, ist vielleicht am besten mit Reduktion, Konzentration auf das Wesentliche zu beschreiben. Denn eines spüre ich schon eine ganze Weile: Das Leben wird immer unsicher bleiben, daran ändert auch die – finanzielle – Vorsorge nichts. Es wird immer Unvorhersehbares geschehen; das zu erkennen, reicht ein Blick in die Wirklichkeit. Gewissheiten gibt es nicht mehr. Auch keine Sicherheit.

Aber eines zu erreichen ist möglich, und das ist jetzt mein Ziel: flexibel zu sein, nicht an Dingen festzuhalten, die nicht wirklich wichtig sind, alten Gewohnheiten nicht einfach blind zu folgen. Mit einem Wort: loslassen können. Und damit die Angst in Schach zu halten, dass die Welt über mir zusammenbricht.

Wir haben bei uns an der Wand eine Grafikreihe von Fred Sandback, einem amerikanischen Künstler (1943 – 2003) hängen. Es sind sechs Zeichnungen, die auf den ersten Blick unvollendet scheinen. Es sind dünne Linien, die zwar miteinander verbunden sind, aber nie ein Ganzes ergeben. Der „Raum“, in den sie gestellt sind, wirkt dennoch „gefüllt“; er hat eine Struktur bekommen, die zugleich durchlässig und in sich geschlossen ist.

Diese Zeichnungen sind für mich ein Sinnbild für eine Reduktion, die gelungen ist. Sie gibt halt, aber lässt Raum. So wünsche ich mir, könnte ich mein letztes Lebensdrittel gestalten.

Vielleicht schaffe ich es – wenn Sie mir gewogen bleiben.

I.B.F.

Weihnachten rückt näher…

Heute ist der 1.Dezember. Das erste Türchen des Adventskalenders darf geöffnet werden – und damit beginnt die Zeit der Vorfreude auf Heilig Abend, auf den 24.Dezember.

Wie Sie sich vielleicht erinnern, sammele ich schon seit vielen Jahren Adventskalender („Vorfreuden!“, 21.12.2015) und sie hängen bei mir das ganze Jahr über – aus Platzgründen nur ein Teil der Sammlung – zur Freude aller Kinder, die mich besuchen, und zum Erstaunen der Erwachsenen. Besonders ein Handwerker, der jedes Jahr im November die Heizungstherme wartet, freut sich immer wieder aufs Neue, dass sie zum einen noch hängen und zum anderen, dass sein „Lieblingskalender“ (einer mit Väterchen Frost) auch noch hängt… wir teilen für einen Moment unsere kindliche Freude an der Adventszeit.

Ich sammele seit fast 35 Jahren. Und ich sammele nur diejenigen, die ich selbst aufgemacht habe. Also keine historischen, keine alten und keine „fremden“.

Die ersten gedruckten Kalender gibt es seit der Jahrhundertwende und wurden für die ungeduldigen Kinder entwickelt, um die Zeit bis zum Weihnachtsfest zu verkürzen. Auch in den frühen 80er Jahren, in denen meine Sammelleidenschaft begann, waren sie nur für Kinder gedacht. Ich war also eigentlich schon viel zu alt, um Adventskalender zu bekommen. Aber meine Mutter verschenkte und verschickte sie gerne – die Bären im Wald, die Bären schmücken den Christbaum, die Bären backen – es gab sie in allen Formaten, als Postkarte, als Briefkarte, im DIN A 3-Format bis ganz winzig.

Kaum hatten meine Familie und meine Freunde bemerkt, dass ich keinen der Kalender wegwerfe, bekam ich jedes Jahr zum Geburtstag, der nur 8 Tage vor dem 1.Dezember liegt, Adventskalender – große, kleine, gefüllte, welche zum Aufstellen, zum Aufhängen, zum Ausrollen etc.. Wenn ich meine Exemplare chronologisch betrachte, stelle ich gewisse Moden fest. Nach den Bären kam die Maler – Hundertwasser, Larsson, Wiener Werkstatt , dann kam die Alpenländische Idylle oder fremde Länder bis hin zum nostalgischen Stall in Bethlehem. Auch Puh der Bär, und Felix der Hase, hängen bei mir.

Inzwischen gibt es Adventskalender für groß und klein, für Hund und Katze, für jedes Alter und für jeden Geschmack, sogar mit Blindenschrift – vom Bierkalender über StarWars, für die Shopping Queen und die Beauty-Interessierte, von Lego- bis zum Teekalender. Es ist sicherlich Geschmackssache, wie man sich die Vorfreude auf Weihnachten gestaltet, ich persönlich bin für die kleinen Überraschungen, die ich hinter dem Türchen auf Papier gedruckt entdecke.

Seitdem ich vor zwei Wochen die Stätten des Christentums in Israel und Palästina besuchte, habe ich einen neuen Blick auf die Geschichte des neuen und alten Testaments gewonnen. Und dies färbt selbst auf den Adventskalender-Blick ab. Plötzlich gefallen mir die Sujets mit Palmen und Wüstensand, die mir vorher eher als Exoten vorkamen. Meine kindliche Erinnerung, dass Weihnachten eng verbunden ist mit Schnee, glitzernden Tannenspitzen und Kerzenschein schwindet, hat Platz gemacht für Wüstensand, Hitze und die herbe Schönheit der judäischen Wüste.

Dieses Jahr habe zum Geburtstag fünf Adventskalender bekommen – ich muss also 5 Minuten früher aufstehen, um über die Runde zu kommen. Neben dem Motiv „König Ludwig II und seine Cousine Sissi warten vor Neuschwanstein auf Weihnachten“‚ gibt es Bach vor der Thomaskirche in Leipzig und eine kleine Schokolade mit 24 Stückchen, für jeden Tag eines. Dieses Modell wird also Weihnachten nicht mehr erleben.

Ach, und fast hätte ich es vergessen – seit mehreren Jahren gibt es bei mir einen elektronischen Adventskalender, bei dem hinter jedem Türchen eine kleine Geschichte erzählt wird, ich aber auch Kränze und einen Weihnachtsbaum schmücken, Puzzles machen oder über die gespielte Musik in der Bibliothek nachlesen kann. Gerne würde ich sie alle sammeln, aber da sagt mein Rechner nein, also hebe ich lediglich den Vorjahreskalender auf – bis er durch den Neuen abgelöst wird.

So freue ich mich auf die tägliche kleine Überraschung und mit jeden Türchen rückt Weihnachten näher.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Adventszeit

und bleiben Sie neugierig

go

Fotos(c) go

Kochen für die Wissenschaft

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin untersucht zum ersten Mal in Deutschland großflächig, in welchen durchschnittlichen Konzentrationen bestimmte Stoffe in frisch zubereiteten Lebensmitteln enthalten sind und ob gesundheitliche Risiken durch die Verarbeitung und Zubereitung von Lebensmitteln entstehen können. Die Studie dient ausschließlich der Gehaltsermittlung bestimmter Stoffe in zum Verzehr zubereiteten, „verzehrsfertigen“ Lebensmitteln. Sie untersucht nicht das Ernährungsverhalten der Verbraucher. Allerdings sind derartige Verzehrs-Studien ihre Grundlage: Die Auswahl der frisch zubereiteten Lebensmittel erfolgt auf Basis von bereits vorliegenden Verzehrs-Studien , wodurch sichergestellt ist , dass die durchschnittlich am meisten verzehrten Lebensmittel einbezogen werden, so dass mehr als 90 Prozent des Gesamtverzehrs abgedeckt sind. Analysiert werden die Lebensmittel auf etwa 300 Stoffe wie Pestizide, Tierarzneimittel aber auch Nährstoffe oder Vitamine. Die Lebensmittel werden, nachdem sie – wie im wirklichen Leben – frisch gekocht, gebacken, frittiert oder gebraten wurden, auf diese Stoffe untersucht. Dazu gab es deutschlandweit bislang keine Untersuchungen. Dabei soll ermittelt werden, was zum Beispiel mit einem Lebensmittel durch den Verarbeitungsprozess passiert, wie sich zum Beispiel ein (erlaubter) Pflanzenschutzmittelrückstand verhält und wieviel im Endprodukt noch enthalten ist. Die Studie ist die weltweit umfangreichste ihrer Art und wird bis ins Jahr 2021 gehen. Die Kosten des Vorhabens von insgesamt 13 Millionen Euro werden durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf der Grundlage eines Beschlusses des Deutschen Bundestages getragen. In der zwei jährigen Vorbereitungsphase wurde versucht, häufig verwendete und beliebte Kochrezepte zu ermitteln, um eine repräsentative Speisenzubereitung sicherzustellen. Spezielle (vegetarische) und altersgemäße unterschiedliche Essgewohnheiten werden bei der Menüauswahl berücksichtigt. Ob der Veganismus als zeitgemäße Essenreligion auch berücksichtigt wird, ist mir nicht bekannt. Ebenso wurden die analytisch zu bestimmenden Stoffe, bei denen es sich um nützliche Stoffe wie Nährstoffe, pharmakologisch wirksame Substanzen, aber auch um möglicherweise unerwünschte Stoffe wie Stoffe, die z.B. beim Braten erst entstehen (Acrylamid, ein Kanzerogen!) und Pflanzenschutzmittelrückstände handelt, durch Experten ausgewählt. Auch auf Stoffe aus der Umwelt wie z.B. Dioxin und Schimmelpilzgifte (Mykotoxine) werden die Speisen untersucht. Auf der WEB -Seite des BfR ist die Stoffliste verlinkt (http://www.bfr.bund.de/cm/343/bfr-meal-studie-vorlaufige-stoffliste.pdf).

Wie muss man sich das Ganze nun vorstellen? Vier Köche bereiten in der Versuchsküche des BfR aus den gekauften Zutaten nach Rezepten fertige Speisen oder auch Kuchen zu. Dabei werden unterschiedliche Rezepte z.B. für einen Bohneneintopf mit unterschiedlichen Zutaten (biologischer Anbau/konventionelle Erzeugung oder geschält/ungeschält hergestellt. Um den analytischen Aufwand überschaubar zu halten, werden dann die Proben „gepoolt“: Für jedes Lebensmittel wird eine repräsentative Probe bereit gestellt, die dann nicht etwa verzehrt sondern zerkleinert (homogenisiert) wird , um sicher zu stellen , dass die in der Probe vorliegenden Stoffe gleichmäßig verteilt sind. Danach beginnt die aufwendige Analytik. Die analytischen Methoden für diese Untersuchungen sind inzwischen sehr gut, die Nachweisgrenze geht bis in Größenordnungen von Nano-(10 hoch Minus 9) oder Picogramm (10 hoch Minus 12). Der Fortschritt der Analytik hat allerdings auch seine Schattenseiten, denn durch die Verschiebung der Nachweisgrenzen kommt das Gefühl auf, überall und zu jeder Zeit gefährlichen Stoffen ausgesetzt zu sein. Deshalb ist es entscheidend herauszufinden, wie hoch die Konzentration unerwünschter Stoffe tatsächlich ist und wieviel bei einer normalen Ernährung aufgenommen wird, denn nicht jede Substanz führt automatisch zu einer Erkrankung, es komme dabei darauf an, in welchen Mengen sie den Körper erreicht. Die Dosis macht das Gift, wie schon Paracelsus wusste.

Mit den Ergebnissen sollen zukünftig fundierte Empfehlungen für die Zubereitung gesunder Ernährung gegeben werden, die sich bislang oft nur auf empirische Daten stützen konnten. Wenn die durchschnittliche Aufnahme eines Stoffes bekannt ist, kann außerdem – im Falle eines plötzlichen Auftretens von unerwünschten Stoffen – das gesundheitliche Risiko dieser Stoffe exakter ermittelt und die die Politik dadurch besser bei Lebensmittelkrisen beraten werden.

Verfolgt man die Diskussion in Medien, so scheint unser „tägliches Gift“ beim Mittagessen eine unabwendbare Realität zu sein. Die Risiken des modernen Lebens erscheinen auch hier ungleich größer als der Zugewinn an Lebensqualität. Dass die Studienergebnisse einmal helfen werden, irrationale Ängste zu überwinden und wir uns nur noch vor dem „Richtigen“ fürchten, wünscht sich

mw

Fotos (c) mw

Bescheidenheit ist eine Zier

Immer im November fahren wir an das Grab meiner Schwiegermutter auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf, vor den Toren Berlins. Ich liebe diesen Friedhof. Seine Weitläufigkeit hat etwas Einzigartiges. An manchen Stellen fühle ich mich wie in einem Wald, in dem Grabsteine in das Unterholz eingelassen wurden. Oft schimmert, von der Sonne beschienen, eine kleine Pagode oder ein prunkvolles Mausoleum durch das Blätterwerk hindurch. Die meisten sehr alt, teilweise marode. Die mit Efeu- und Moos überzogenen Steine zeugen von einer anderen Zeit. Aber auch eine neuartige, wie ich finde, sehr schöne Art der letzten Ruhe, wird hier angeboten, die Bestattung unter Bäumen. Nach Auswahl eines Baumes wird die Urne unmittelbar daneben beigesetzt. Eine kleine schlichte Grabplatte, auf der der Name des Verstorbenen erfasst ist, wird direkt neben dem Baum in die Erde eingelassen. So entsteht nach und nach ein Friedwald, der so gut zu Stahnsdorf passt. Neue, kleine Grabplatten befinden sich neben alten und verwitterten, teilweise umgestürzten oder beschädigten Grabsteinen aus alten, längst vergangenen Zeiten. Beim letzten Spaziergang durch den Friedwald fiel mir ein blumengeschmücktes Grab ins Auge. Bei näherem Hinsehen fand ich heraus, dass es das Grab von Manfred Krug war. Ein so bekannter Schauspieler der deutschen Film- und Fernsehlandschaft wählt diese bescheidene Begräbnisart. Das hat mich auf besondere Weise angerührt, in unserer heutigen Zeit, in der Bescheidenheit gerade bei den Großen und Mächtigen unserer Gesellschaft immer seltener anzutreffen ist. Aber auch im Rest der Bevölkerung ist Bescheidenheit bei Weitem keine Zier mehr. Die Meisten leben nach dem Motto „weiter kommste ohne ihr“.

Es fängt doch schon im Supermarkt an. Die Drängeleien um eine neu geöffnete Kasse kennt jeder, alle finden es doof, aber die Meisten machen mit. Und es hört bestimmt nicht beim Thema Weihnachten auf. Die Kommerzialisierung in dieser Zeit geht ins Uferlose. Uns allen stände etwas mehr Mäßigung gut zu Gesicht. Und das nicht nur im Materiellen, sondern auch im zwischenmenschlichen Bereich. Auch hier wünsche ich mir öfter etwas mehr Zurückhaltung. Die Demut, mein Gegenüber wirklich auch mal anzuschauen, wahrzunehmen, wer da vor mir steht und ihn auszuhalten, auch wenn er anders ist. Ohne ihm oder ihr gleich die eigenen Meinungen oder Ansichten überstülpen zu wollen. Mich selber etwas zurücknehmen, mich selber bescheiden, bestimmt nicht die schlechteste Art, sich der Adventszeit zu nähern.

Eine etwas bescheidenere Vorweihnachtszeit wünscht

Ihre AvS

Fotos (c) AvS

Endlich Großeltern!

Die eigenen Kinder sind längst aus dem Haus. Während der Ausbildung oder des Studiums kommen sie noch häufig ins Elternhaus. Sie nutzen ihre Besuche auch gerne um alte Freunde zu treffen, genießen die Annehmlichkeiten im „Hotel Mama“ und nabeln sich natürlicherweise langsam weiter ab. Irgendwann sind sie dann verbandelt und kommen zu zweit, nun uns Eltern „besuchen“, nicht mehr nach Hause. Wir werden in die neue Wohnung eingeladen und besuchen Kind und Schwiegerkind. Wäre es jetzt nicht Zeit für Enkelkinder, denken wir, aber das sprechen wir natürlich nicht aus. Es ist ja nicht unsere Entscheidung und heute werden die Paare ja sowieso später Eltern.

Wieder einmal sind wir bei unseren Kindern eingeladen. Der neue Esstisch wird eingeweiht. Sohn und Schwiegertochter stehen beide in der Küche, es wird gemeinsam gekocht. Auch das war bei uns irgendwie anders. Mein Sohn trägt die Suppe auf, denn Schüsseln auf dem Tisch sind „out“. Wir loben das neue Rezept und die Kochkünste und beginnen zu löffeln. Erwartungsvoll und schmunzelnd werden wir beobachtet, irgendwie seltsam gespannt. Da entdeckt mein schneller essender Mann auf dem doch eigentlich weißen Tellergrund Schriftzeichen. „Opa“, und mein schräg gehaltener Teller zeigt nun deutlich das Wort „Oma“. Jetzt begreifen wir endlich! Gemeinsam strahlen wir um die Wette, Umarmungen folgen. Termine werden abgefragt, und ach ja, unsere Schwiegertochter wollte heute keinen Wein, sondern nur Wasser, das hätte uns doch auffallen müssen.

Es wird ein sehr vergnügter Abend. Anekdoten aus der Kindheit werden erzählt: „Weißt du noch…damals im Kindergarten… Viele Erinnerungen werden ausgetauscht. Wir sind voller Vorfreude auf das neue Menschlein, ist es doch immer wieder ein kleines Wunder.

Nun werden auch wir wohl zu der Gruppe der Alten gehören, die ungebeten und sehr stolz Kinderfotos herumzeigen. Natürlich wird unser Enkel ein ganz besonderes Kind.

AR

OXFORD – Dahlem, die Zweite

Wissenschaftsstandort Dahlem (Teil 2)

Schön, dass Sie auch beim zweiten Teil des Herbstspaziergangs dabei sind:

Wir laufen nun Richtung U-Bahnhof Thielplatz und sehen links in der Brümmerstraße  74 die ehemalige Dienstvilla des Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) aus dem Jahr 1926 wohnhaus-harnack(Architekt: Ernst Sattler), die der Theologe und Kirchenhistoriker  Adolf von Harnack bis 1930 bewohnte.  Als Präsident (1911 – 1930) und Vertrauter des Kaisers  schlug  er  – zur  Erneuerung der Wissenschaftsorganisation in der Grundlagenforschung  –  die Gründung der KWG (1911)  vor, um Deutschlands Weltgeltung  in der Konkurrenz der Großstaaten zu sichern. Damit ist sein Wirken mit der Bedeutung Wilhelm von Humboldts und der Gründung der Berliner Universität 1809 vergleichbar. Sein Nachfolger war der Nobelpreisträger Max Planck von 1930-1936 und noch einmal von 1945-1946 (in Göttingen).  Harnacks  Sohn Ernst wurde wegen der Beteiligung am Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet, ebenso sein Neffe Arvid Harnack.

Gehen wir  die Brümmerstraße links weiter, erreichen wir an der Ecke Ihne Straße (nach dem bereits erwähnten Hofarchitekten benannt)  das „Harnack Haus“ der Max-Planck-Gesellschaft, dashartnack 1926 als Vortrags- und wissenschaftliches Begegnungszentrum eröffnet wurde . Entgegen einem Verbot der NS-Regierung wurde hier  am 29. Januar 1935 von Max Planck eine Trauerfeier für den genau ein Jahr zuvor verstorbenen Fritz Haber abgehalten, Hauptredner war Otto Hahn. Das Regime revanchierte sich und entzog der KWG das Gebäude und eröffnete bereits im Februar 1935 hier das Reichsfilmarchiv. Nach dem Krieg war  hier der US- Offiziersklub „Harnack House“ und seit Mauerfall und Abzug der Alleierten gehört das Haus der Max-Planck-Gesellschaft.

Nun weiter entlang der Ihne- Straße bis zur Nummer 22. Hier befand sich das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (heute  beherbergt es den Fachbereich Politische Wissenschaft des  Otto-Suhr-Institut der kwi-anthropologieFreien Universität). Geleitet wurde es von Prof. Eugen Fischer (eugenischer Theoretiker  des „unwerten“ Lebens) und seit 1942 von Prof. Otmar Freiherr von Verschuer (1896-1969). Dessen Assistent Dr. Josef Mengele war zu dieser Zeit in  Ausschwitz  als Lagerarzt tätig. Beide Institutsleiter waren intensiv in die „rassenhygienische Beratung“ des NS-Staates  und sogar in Beratungen  zur  „Endlösung der Judenfrage“ eingebunden. Nach dem Krieg konnten sowohl Fischer als auch von Verschuer ihre Karriere in Westdeutschland fortsetzen. Bei der sehr verspäteten Aufarbeitung  (erst ab 1998) der Geschichte der KWG als Vorläufer der Max-Planck-Gesellschaft  wurden entsetzliche  Menschen- Versuche bekannt, die das Institut in Auftrag gab. So untersuchte eine Mitarbeiterin des Instituts 1943 acht „Zigeunerkinder“, die als Zwillinge Besonderheiten der Irisfarbe aufwiesen. Später wurden von  Josef Mengele aus Ausschwitz die sechzehn präparierten Augäpfel an das Institut geschickt.

ford-bauNun gehen wir an der Kreuzung Ihne-/Garystraße links zum Henry Ford-Bau der Freien Universität, der wie die angrenzende  Bibliothek  von 1952 bis 1954  durch die Berliner Architekten Franz Heinrich Sobotka und Gustav  Müller im Stil der Neuen Sachlichkeit  errichtet  wurde. Die Baukosten wurden von der Henry-Ford Stiftung übernommen. 1963 erhielt J.F. Kennedy hier die Ehrendoktorwürde. Ab  1966 war der Bau Schauplatz der Studentenproteste, auch Rudi Dutschke sprach hier.

Auf der gegenüberliegenden Seite, Garystraße 30, befindet sich das Otto –Warburg Haus. 1930  nach dem Vorbild eines märkischen Herrenhauses in Groß Kreutz als KW- Institut für Zellphysiologie kwi-zellphysiologieerrichtet, ist es heute Sitz des 1975 gegründeten Archivs der Max-Planck-Gesellschaft.  Auch die Akten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft sowie zahlreiche Nachlässe herausragender Wissenschaftler befinden sich hier. Otto Warburg (1883-1970) war der Gründer – und bis  1967 Direktor des Instituts. Im Jahr 1931 erhielt er den Nobelpreis für die Entdeckung der Natur und Funktion des Atmungsferments Cytochromoxidase in der mitochondrialen Atmungskette. Vor dem Haus steht das Denkmal des Chemikers und Universitätsprofessors Emil Fischer, des Nobelpreisträgers von 1902.

In der Direktorenvilla Garystraße 18  wohnte bis zu seinem Tod Otto Warburg mit Jacob Heiss, seinem persönlichen Sekretär in einer Partnerschaft.wohnhaus-warburg Beide sind auf dem Dahlemer Friedhof beigesetzt.

Nun befinden wir uns wieder gegenüber des ehemaligen Kaiserlichen-/Reichs-und Bundesgesundheitsamtes in der Thielallee und können  den Heimweg antreten.

Kommen Sie gut nach Hause  und bis zum nächsten Mal

Ihr mw

Fotos (c) mw

 

 

 

 

Philosophieren heißt Sterben lernen

Philosophieren heißt Sterben lernen, hat der französische Philosoph Michel de Montaigne (1533 bis 1592) in einem seiner Essays geschrieben. Er meinte damit, dass man bei allem Handeln und Tun die eigene Endlichkeit nicht aus den Augen verlieren sollte.

Heutzutage gaukeln die Werbung, die Medien, das Internet und schließlich sogar wir selbst uns eine Welt vor, in der der Tod kaum vorkommt, und so haben wir ihn weitgehend aus unserem Denken verbannt. Nur bei Sterbefällen im engeren Umfeld oder in Träumen begegnet er uns überhaupt. Selbst die Horrormeldungen in den Nachrichten über die Opfer von Krieg und Gewalt bringen uns kaum mit der eigenen Endlichkeit in Verbindung. Die Distanz der Bilder ist zu groß.

Neuerdings häufen sich Zeitungsartikel über Sterbehilfe, Palliativmedizin und ein selbst bestimmtes Lebensende. Ärzte, Geistliche, Juristen und Politiker diskutieren ihre unterschiedlichen Sichten auf das Unabänderliche und kommen doch zu keinem Konsens. Ab einem gewissen Alter möge man sich mit Fragen des Erbes und der Nachfolge beschäftigen so heißt es dann, und man solle Bankvollmachten erteilen sowie eine Vorsorgevollmacht und gleich noch eine Patientenverfügung unterschreiben.

Der Gedanke, eines Tages hilflos dahin zu vegetieren, vielleicht sogar angeschlossen an Maschinen mit Schläuchen und Leitungen, über die wir künstlich ernährt, unser Herzschlag und die Atmung reguliert werden, macht uns zu schaffen.

Kein Wunder, dass daraus der Wunsch entsteht, bei klarem Verstand die richtige Entscheidung über unser Lebensende zu treffen. Doch kann man sein Sterben aus Sicht der Gegenwart überhaupt planen?

Gut – für die Situation nach dem Tod ist alles klar: Ein Testament, Anweisungen, wie mit der persönlichen Habe umzugehen sei, welche Verträge aufgelöst und welche verlängert werden müssen…

Doch wie steht es mit dem Sterben selbst? Wann ist der Moment erreicht, von dem an andere für mich entscheiden müssen und werde ich ihn kommen sehen? Und wenn es mit mir wirklich zu Ende geht, werden dann die heute getroffenen Entscheidungen noch die richtigen sein?

Sind wir überhaupt jene von Vernunft gesteuerten Wesen, die nach gegenwärtiger Faktenlage, also dem Gesundheitszustand und medizinischen Prognosen und Statistiken, eine Entscheidung über die Umstände unseres Lebensendes treffen können?

Neurowissenschaftler haben längst heraus gefunden, dass das, was wir für Vernunft halten, nichts anderes ist als Illusion, Zufall oder Emotion. Jedes Handeln, jeder Wille entsteht aus dem Geflecht unserer Neuronen und die vernetzen sich nach dem Prinzip des Zufalls, bestenfalls nach unseren individuellen Lebenserfahrungen. Doch eigentlich hätte es zu dieser Erkenntnis keiner modernen Neurowissenschaft bedurft. Montaigne schreibt dazu: „Ich habe bisher kein ausgeprägteres […] Mirakel gesehen als mich selbst.“ Er selbst also traute seiner Vernunft am wenigsten.

Unsere Entscheidung, im Fall der Fälle lebenserhaltende Maßnahmen abzulehnen oder sie zu fordern, wird von nichts anderem gesteuert als von den uns gegenwärtig beherrschenden Gedanken, die wir für rational halten. Im entscheidenden Moment können die ganz anders sein.

Das Gespür, wann unser Leben zu Ende geht, haben wir weitgehend verloren. Meine Großmutter hatte es möglicherweise noch. Als sie fühlte, ihr Leben ginge zu Ende, begann sie, ihren Letzten Willen aufzuschreiben und schrieb auch einige Briefe an ihre Kinder. Das Wort Tod kommt darin nicht vor, doch klar wird, worum es ihr ging. Sie wollte ihre Liebe und Verantwortung für die Familie an ihre Kinder und Enkel weitergeben, so lange sie dazu noch in der Lage war. Sie war keinesfalls krank, als sie diese Zeilen schrieb, doch schon zwei Wochen später starb sie einen schnellen Herztod. Hatte sie ihr Ende gefühlt und hatte ihr die lebenslange gedankliche Beschäftigung mit dem Tod den Weggang erleichtert? Ich glaube ja.

Als ihr Herz stehen blieb, vor über einem halben Jahrhundert, war ihr Leben in dieser Sekunde erloschen. Heute ist das nicht mehr so klar. Es gibt Rettungsdienste, die in Minuten zur Stelle sind, der nächste Defibrillator, mit dem man ein Herz wieder zum Schlagen bringen kann, ist nicht weit entfernt. Der Todeszeitpunkt ist keine unveränderliche Größe mehr, so dass sich damit ganze Ethikkommissionen befassen, ohne zu einer befriedigenden Antwort auf die Frage zu kommen, wann ein Leben zu Ende geht.

Montaigne hat aus seiner ständigen Beschäftigung mit der Endlichkeit auch neue Kraft für sein Leben geschöpft. Er liebte das Leben, machte weite Reisen, selbst in dem Bewusstsein, unterwegs möglicherweise an Krankheit, Gewalttat oder Entbehrung zu sterben. Dennoch reiste er. Genesung aus schwerer Krankheit – er litt unter Nierenkoliken – empfand er als Geschenk des Lebens. Und bevor er im Jahr 1592 im Alter von nicht einmal 60 Jahren starb, hatte er aus seiner Sicht ein erfülltes Leben gelebt.

Beziehen wir die Endlichkeit unseres Dasein besser in unser Handeln ein, sprechen offen darüber und treffen die Entscheidungen, die unseren Nachkommen nach dem Tag X das Leben erleichtern. Doch seien wir uns auch dessen bewusst, dass unser Wille von heute in unserer Todesstunde jegliche Bedeutung verliert.

Nachdenkliche Worte? – kann sein. An einem Novembertag darf man einmal über den Tod nachdenken, sollte es sogar.

Carpe diem,

Ihr PB

Fotos (c): privat (1), PB (2,3)

Zwei Tipps, die eines gemeinsam haben

Sie stimulieren unsere Sinne und lassen uns ein wenig in eine andere – vergangene –Welt eintauchen. Sie machen Spaß!

Tipp Nummer 1

Dieser Tipp allerdings ist nur möglich, weil wir in einer ganz modernen Welt leben: in einer Welt des world wide web bzw. des Internets.

Vor allem die Kunstsinnigen unter den Blogleserinnen und –lesern werden interessiert, vielleicht sogar begeistert sein. Und wenn sie sich noch dazu für die Kunst des Bauhauses begeistern können und speziell für Paul Klee, dürfte die Freude perfekt sein.

Das Zentrum Paul Klee hat es geschafft, die Notizbücher von Klee, die er in den Jahren 1921 und 1931 geschrieben hat, online verfügbar zu machen. Und das sind immerhin rund 3900 Seiten!

Die Notizbücher sind von einigem Gewicht: Sie sind als Grundlage der Lehre Klees am Bauhaus zu verstehen. Alle Prinzipien, die für das Design von Bedeutung sind, sind hier versammelt und auf sehr haptische Weise nachlesbar. Haptisch deshalb, weil die Texte nicht nur als Faksimile gescannt, sondern auch transkribiert wurden.

Die Texte haben mich intellektuell sehr gefordert und ich habe – zugegeben – keineswegs alles verstanden. Was mich umso mehr zu der Erkenntnis gebracht hat, dass sich komplizierte Zusammenhänge durch die Kunst der Umsetzung in schlichte und überzeugende, zeitlose Formen auflösen können. Das hat mich beeindruckt!

Nun die „Fund“stelle im doppelten Sinn des Wortes: www.kleegestaltunglehre.zpk.org

Tipp Nummer 2 oder: Die Entdeckung geheimer Orte

Eigentlich ist der Tipp in erster Linie für Hobbyfotografen gedacht. Aber als ich gelesen habe, was dahinter steckt, war ich keineswegs mehr überzeugt, dass sich nur sie dafür interessieren. Jede und jeder, der ein Faible hat, vergangenen Welten nachzuspüren und Geschichte auferstehen zu lassen, wird an dem Tipp seine Freude haben.

Es geht, wie gesagt, um geheime Orte, lost places. Sie sind normalerweise nicht mehr zugänglich und schon beinahe vergessen, aber durch eine Initiative eines Berliner Veranstalters der Gegenwart wieder öffentlich gemacht worden.

Go2know, so heißt der Veranstalter, und er hat deutschlandweit diese „lost places“ aufgespürt und macht sie zu bestimmten Terminen zugänglich. Es sind kleine überschaubare Gruppen, die von den Veranstaltern zusammengestellt werden, und nach einer Einführung sich selbst, ihrer Kamera und ihrem Auge überlassen sind. Geführt und doch individuell – ein schönes Konzept.

In der Quelle, aus der ich diesen Tipp habe, wird die Neue Hakeburg in Kleinmachnow erkundet. Sie hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, nach der Wende allerdings fand man keine funktionierende Aufgabe mehr für das Schloss. Bis eben go2know sie entdeckte und als einen ihrer lost places in das Programm aufnahm.

Was der Veranstalter noch bietet: Schauen Sie selbst: www.go2know.de

Das waren meine „aufgelesenen“ Tipps. Und wenn Sie Ihnen nicht gefallen: Schade, aber bitte, bleiben Sie mir gewogen?

I.B.F.

Tipp 2 aufgelesen in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 2. 10.2016

Fotos (c) I.B.F., PB

Isoldes Filmtipp: TRANSIT HAVANNA – von Daniel Abma

Transidentität ist seit der Antike bekannt, eine wissenschaftlich fundierte Betrachtung prägte aber erst Anfang des 20. Jahrhunderts Magnus Hirschfeld mit dem Begriff „Seelische Transsexualität“.

Mit seinem Dokumentarfilm sind dem niederländischen jungen Regisseur drei lebendige Porträts von Menschen gelungen, die außerhalb des gesellschaftlichen Fokus in Kuba leben. Da ihr Geschlecht nicht mit ihrem gefühlten Geschlecht übereinstimmt, wollen sie sich umwandeln lassen.

Der Film, mit einer ruhigen Handkamera von Johannes Pau gedreht, ist von großer Glaubwürdigkeit. Er erzählt wie Transsexualität und Sozialismus zusammengehen, zeigt auf eine natürliche Art, wie sich die kubanische Gesellschaft im Umbruch und Wandel befindet.

Trotz aller Schwierigkeiten schwingt in dem Film eine große Lebens- und Überlebensfreude mit. Er ist somit auch eine Hymne ans Leben, denn auch stimmiger Sex ist ein wichtiges Ziel und ein Teil der Menschenrechte, soziale Aversion und Feindseligkeit haben da keinen Platz!

Zur Premiere im Kino „Xenon“ waren neben dem Regisseur und dem Kameramann auch der Buchautor Alex Bakker anwesend, sie stellten sich den Fragen der Besucher. Der Film wird in fünf Berliner Kinos gezeigt!

Anhang:

Zu dem Thema wurde gerade noch der Spielfilm „VIVA“ des irischen Regisseurs R. Paddy Breath gezeigt, der auch auf Kuba gedreht wurde (Kinostart war im September 2016).

I.A.

Happy Birthday, IRo

Viele kennen Irene Rodrian  vermutlich bislang nur als Krimi-ireneSchriftstellerin.  Seit 50 Jahren schreibt Irene Rodrian und war die erste deutsche weibliche Autorin, die Kriminalgeschichten  erzählte.  Ich habe sie vor vielen, vielen Jahren kennen- und schätzen gelernt.  Ihr Humor, der von der  „Berliner Schnauze“  geprägt ist,  und ihre liebevolle  Beobachtung menschlichen Verhaltens  machen  ihre Kriminalromane, Theaterstücke und Drehbücher so besonders.  Auch die Jugend- und Kinderliteratur   spiegeln  ihre Menschenliebe  wider. Übrigens, der in der DDR bekannte Berliner Kinderbuchautor Fred Rodrian (1926-1985) war ein Cousin.

Letztesformentera Jahr  kam nun als Taschenbuch ein erfrischend anderes Rezeptbuch  von ihr heraus, das ich nur empfehlen kann – ganz ohne mörderische Absichten. Ich habe schon einige Male danach gekocht  –  und alle haben überlebt. Ich sammel Kochbücher mit Leidenschaft, ich koche viel nach und habe inzwischen zwei Bibliotheken – eine in der Küche, wo ich immer nachschlagen kann, wenn ich etwas suche, und eine im Wohnzimmer, wo ich die vielen schön illustrierten Kochbücher stehen haben.  Als Augenweide. Als Bilderbuch. Denn die inzwischen unzählbaren Kochbücher überschlagen sich mit den schönsten, ästhetischsten, appetitlichsten Fotos, die ja mehr zum Blättern als zum Gebrauch in der Küche geeignet sind.
Irene Rodrians FORMENTERA GENIESSEN ist erfrischend anders – es bebildert die guten, einfachen, unkomplizierten Inselküchen-Rezepte mit fröhliche Zeichnungen & Aquarelle, die Spaß machen und kongenial zu dieser Sammlung authentischer Gerichte passen.Sozusagen als Bonusmaterial bekommen wir auch noch Irene Rodrians Insel offeriert – in ihrer so wunderbar lakonischen, ironischen Art zu erzählen. Wie gesagt, ein ganz besonderes Kochbuch! Für „downshifters“, für die Aussteiger in die Einfachheit,  in der Küche bestens geeignet. Es steht bei mir in die „Küchen-Bibliothek“.

Vor vier Jahren hat sie Formentera, ihren Lieblingswohnsitz seit 1966, verlassen und  lebt nun wieder ganzjährig in München, gleich in Uni-Nähe, was zu der ewig jung gebliebenen Autorin  auch passt.  Alleine an diesem Buch erkennt man, dass Irene Rodrian ein Genussmensch ist, der einen guten Wein schätzt und gerne gut isst. Genauso sind auch ihre Bücher –  voll Freude und liebevoller Neugier begegnet sie ihren Figuren  und erzählt mit Humor und feiner Ironie fantasievolle  Geschichte.

1967 gewann sie mit ihrem ersten Roman „Tod in St. Pauli“, den sie anonym einreichte,  als erste Frau den renommierten Edgar Wallace Preis desirene-4 Goldmann-Verlags. Was heute gar nicht mehr vorstellbar ist, damals wurden   Krimis noch nicht als  zur „Literatur„  zugehörig akzeptiert.  Neben  Hansjörg Martin, Friedhelm Werremeier und Michael Molsner leistete Irene Rodrian viel dafür, dass die Kriminalgeschichte als Genre anerkannt wurde.  Irene Rodrian hat bis heute 28 Kriminalromane veröffentlicht, zuerst bei Rowohlt in der „Gelben Reihe“, später bei Heyne. Ihre Figuren – in fast allen früheren Krimis spielen Männer die Hauptrolle – sind die „Schwachen, Mutlosen, die sich nicht zur Wehr setzten und deshalb eine Katastrophe auslösen. (…) Sie schildert gestörte Beziehungen und die Unfähigkeit , sich in sozialen  und psychischen Schwierigkeiten zu artikulieren und sie beschreibt, wie ein Außenseiter in eine scheinbar behütete , als sicher empfunden Welt einbricht  und  den schönen Schein zerstört “ schreibt Rudi Kost in seinem Autorenporträt  1992 von IRo, so ihr Kürzel.  Mit den fünf  Ermittlerinnen der Detektei  Llimona in der „Barcelona-Krimi-Reihe“  wechselten die Hauptfiguren ihr Geschlecht. Den Begriff „Frauenkrimi“ lehnt sie allerdings dafür ab, es ist für sie nur ein Modewort ohne große Bedeutung. Inzwischen gibt es vier Krimis aus Barcelona.

2007 wurde Ireneehrenglauser Rodrian als Würdigung ihrer  Autorenschaft im Genre deutschsprachiger Kriminalromane mit dem  „Ehrenglauser„ des  Friedrich-Glauser-Preises  ausgezeichnet. Der Schweizer Friederich  Glauser (1896-1938) gilt mit seinen fünf „Wachtmeister-Studer- Romanen“ als  Ahnherr der deutschsprachigen Krimiszene.

Wer mehr über die Irene Rodrian und ihre  Bücher wissen möchte, wird auf ihrer Homepage fündig  http://www.irenerodrian.de.

Heute, am 12.November, feiert die Autorin und gebürtige Berlinerin Irene Rodrian Geburtstag und wir wünschen ihr – eine unserer treuesten Blog-Leserin –  alles Gute.

go und mw

Fotos (c) mw