Berlin ab 50…

… und jünger

BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (1)

Berliner Theaterleben nach dem Krieg (1): „Die Stimme der Kritik“

ca. 1987/88 (c) dpa

Das Theaterleben, das nach dem Krieg im zerstörten Berlin entstand, hätte niemand voraussagen können, waren doch eine Vielzahl namhafter Künstlern, teils auch jüdischer Abstammung, nicht mehr am Leben oder emigriert. Dennoch war der Hunger nach kultureller Auseinandersetzung mit der Literatur und dem Zeitgeschehen enorm. Und zur Beförderung der Theaterangebote war es unerlässlich, einen begeisterten und theaterbesessenen Kritiker zu haben. Und da gab es „Die Stimme der Kritik“ in der Person eines Friedrich Luft, der sich selbst einmal in seiner sonntäglichen Rundfunksendung 1946 seinen Hörern wie folgt vorstellte: „Luft ist mein Name. Friedrich Luft. Ich bin 1,86 groß, dunkelblond, wiege 122 Pfund, habe Deutsch, Englisch, Geschichte und Kunst studiert, bin geboren im Jahre 1911, bin theaterbesessen und kinofreudig und beziehe die Lebensmittel der Stufe II. Zu allem trage ich den letzten Anzug, den ich aus dem Krieg gerettet habe, und eine Hornbrille auf der Nase.“ Und in dieser Sendung meldete er sich mit seinem unnachahmlichen Stil, komprimierte Kritik in Schnellsprechweise im damaligen Sender RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor). Er wurde zu einer Institution und war über 40 Jahre lang der bekannteste deutsche Theaterkritiker.

1947, Quelle: WELT 2000

Ich weiß nicht, was aus uns Exil-Berliner geworden wäre, hätte es nicht diesen Friedrich Luft gegeben:  Nach dem Kriege in die Provinz (oder, schlimmer noch, aufs Land) verschlagen, abgenabelt von unseren städtischen Theatern, informierte uns der Mann mit der schnellen Zunge jeden Sonntag eine Viertelstunde lang im Eiltempo darüber, was wir gesehen hätten, wenn wir es hätten sehen können. Mittags, Viertel vor Zwölf, saßen meine Eltern und ich als Schüler vor dem Rundfunkempfänger und es sprang zuverlässig im „RIAS“ Lufts Eil-Rede an und machte ihn und uns atemlos. Luft besaß nur eine Reiseschreibmaschine, stellte sie auf die herausgezogene Schublade seines Nachttischs, setzte sich auf die Bettkante und hämmerte los, so berichtete die Presse. Er war lustig. Und listig war er natürlich auch. Einmal erzählte er Folgendes: Seine geliebte, bewunderte Elisabeth Bergner pflegte er mit dem immer gleichen schlichten Shakespeare-Zitat zu preisen. Nun wollte jemand gern wissen, woher dieses Zitat denn stamme. Ohne zu erröten, gestand Friedrich Luft, er erfinde immer alle Zitate. Am einfachsten sei es, sich die von Oscar Wilde auszudenken. Der Vorteil der schlankweg erfundenen Zitate sei übrigens, dass sie, ohne dass man lange habe herumblättern müssen, stets passten. Einmal nur habe ihn ein Leser um die Herkunft seiner Shakespeare-Zitate angehauen und er habe den unersättlichen Alles-Wissen-Woller auf eine apokryphe, unveröffentlichte Folio-Ausgabe im Besitz des Hauses Windsor verwiesen. Danach sei glücklicherweise wieder Ruhe gewesen.

Luft war mehr als ein Kritiker: er war ein begnadeter Feuilletonist. Das machte seine spurtschnellen Kritiken derart lesbar. Sie sprangen die Leser geradezu an. Sie machten süchtig. Sein journalistischer Jungdachs, der Musikkritiker Klaus Geitel, soll versucht haben, dem alten Hasen Luft ein Artikelchen wegzuschnappen – über den ersten Berliner Auftritt Marlene Dietrichs nach dem Kriege im Jahr 1960. Das fiele doch schließlich, wie auch immer Marlene sänge, in die Kategorie Musik. Luft soll, dem Bericht zu folge, beinahe mitleidig geschaut haben: „Darauf habe er an die 30 Jahre gewartet, die Dietrich endlich willkommen zu heißen“, feixte er nur als Antwort. „Jetzt sei der große Augenblick da, und es sei fraglos sein Augenblick“. Recht hatte er. Als kurz nach dem Eintreffen der Diva bei Luft das Telefon klingelte und eine ihm seit langem von der Kinoleinwand vertraute Stimme ins Ohr hauchte: „Marlene Dietrich“, fiel ihm – so wird berichtet –  fast der Hörer aus der Hand. Sie war seit langem Lufts Leserin. Das machte ihn glücklich und sicherlich auch stolz. Aber für Stolz war er nicht geschaffen.

Er war ein Mann voller Eigenschaften, doch ohne Einbildung. Musil hätte ihm einen Roman widmen können. Staunend und erschrocken lasen wir in der Zeitung von Lufts erstem dienstlichen Theaterbesuch im noch rauchenden Trümmer-Berlin, als Wegelagerer ihn im abgeholzten Tiergarten ausraubten, zusammenschlugen und über Nacht liegen ließen. Mancher meint heutzutage vielleicht, das sollte Kritikern ruhig mit einiger Regelmäßigkeit wieder geschehen. Doch nicht einem Manne wie Friedrich Luft, den man, obwohl er nie auf dem hohen Ross saß und Unter den Linden entlang ritt, mit einigem Fug und Recht „Friedrich den Großen“ nannte. Er hat jeden Theaterabend mit Herzblut genossen und gerecht beurteilt, ohne zu verletzen. Friedrich Luft  hat auch die Ostberliner Theater besucht und wurde auch im Ostteil der Stadt von seinen Zuhörern geliebt. Er wiederum hat die Künstler geliebt, produktiv kritisiert, Ahnung gehabt von Regie, Bühnenbild und Schauspielkunst. Und wenn er sich mal wieder über einen gelungenen Theaterabend herzlich gefreut hat –  bei professionellen Theaterkritikern eine eher seltene Gabe -, so folgte nach einer sorgfältigen Analyse plötzlich der populäre Satz: „Ich habe mich, liebe Hörer, in meinem Parkettsessel amüsiert wie Bolle auf dem Milchwagen.“

Friedrich Luft hat die Wiedervereinigung noch erlebt und starb am 24.12.1990 mit 79 Jahren in Berlin. An seinem Wohnhaus am Nollendorfplatz in der Maienstrasse 4, in dem er fast 50 Jahre wohnte, befindet sich eine Gedenktafel, ebenso wie am ehemaligen RIAS-Gebäude in Schöneberg. Er wurde auf dem Waldfriedhof Dahlem begraben, ein Ehrengrab der Stadt Berlin. Und wer seinen berühmten Abschiedssatz seiner sonntäglichen Kritiken noch einmal hören will, wird auf YouTube fündig.

Ich werde auf dem Blog weiter über das West-Berliner Theaterleben nach dem Krieg berichten.

In diesem  Sinne „gleiche Stelle, gleiche Welle“, herzlich auf Wiederlesen !

Prof. Michael Goden

 

Wegen Krankheit geschlossen

Liebe Blogleser, bitte wundern Sie sich nicht, wenn hier für ein paar Tage keine neuen Beiträge erscheinen. Der Grund ist….   und da fällt mir das wunderbare Gedicht von Christian Morgenstern ein (wohlwissend, dass es in einem anderen Kontext gecshrieben wurde):

Das Knie

Ein Knie geht einsam durch die Welt.

Es ist ein Knie, sonst nichts!

Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!

Es ist ein Knie, sonst nichts. …..

 

Deshalb muss ich für einige Zeit den Schreibtisch mit dem Krankenbett wechseln und da sich der Blog von der Klinik aus nicht sehr bequem betreuen und editieren lässt, wird es eine kleine Pause geben. Sobald ich meinen Laptop wieder hochfahren kann, gibt es neues Lesefutter und neue Artikel in der dem Blog eigenen Vielfalt.

Bleiben Sie trotzdem weiter neugierig

bis bald

go

Isoldes Kinotipp: DIE GRUNDSCHULLEHRERIN

DIE GRUNDSCHULLEHRERIN

Ein Film von Helene Angel

Frankreich 2016, 105 Min., Kinostart 15.2. 2018

 

Florence ist eine Grundschullehrerin, die leidenschaftlich ihren Beruf ausübt und aus Überzeugung einfühlsam und voller Hingabe die Kleinsten der Gesellschaft unterrichtet. Doch privat sieht ihr Leben chaotisch aus. Alleinerziehend, fehlt ihr oft die Zeit für ihren Sohn, der deshalb gerne zu seinem Vater ziehen will. Und dann kommt noch der kleine Sascha in die Klasse,  aus sehr schwierigen Verhältnissen. Er fordert von der Lehrerin vollstes Verständnis und so muss sie den Spagat zwischen Arbeit und Privatem meistern und endlich Ordnung in ihr eigenes Leben bringen.

Die Lehrerin wird gespielt von Sara Forestier („Der Name der Leute“) und ist verdient eine zweifache Cesar-Preisträgerin geworden. An ihrer Seite steht Vincent Elbaz („Madame Mallory und der Duft von Curry“).  Neben diesen großartigen Schauspielern spielt eine Schar junger Laiendarsteller, deren  Spielfreude so spürbar wird, dass man sich in das Geschehen hineingenommen fühlt und der Mitveranwortung am Weg  a l l e r  Kinder in eine erfolgreiche, glückliche Zukunft nicht entziehen kann.

Ich möchte diesen Film nicht nur Eltern, Großeltern und Erziehern ans Herz legen, sondern auch jedem, der seiner Aufgabe in unserer Gesellschaft diesbezüglich gerecht werden will.

Darüber hinaus ist der Film spannend und so warmherzig gelungen, dass er noch lange nachklingt. Die Zeit der Kindheit, in der die Schule unser Leben prägte, geht vorbei, was aber bleibt sind auch Erinnerungen an  d i e  Lehrer, die uns halfen ins Erwachsenenleben zu kommen.

Besonders wertvoll!

I.A.

 

 

Isoldes Kinotipp: ALLES GELD DER WELT

Was ist der Preis für ein Leben

Drehbuch David Scarpa, Regie Ridley Scott. USA 2017. 132 Min., mit Michelle Williams, Mark Wahlberg, Christopher Plummer, Romain Duris und Charlie Plummer. Nach wahren Begebenheiten und einem Sachbuch von John Pearson

3 GOLDEN GLOBE Nominierungen!

Ab 15. Februar im Kino!

 

1973 wird der 16jährige Paul, ein Enkel des Ölmagnaten J. Paul Getty (Christopher Plummer), in Rom entführt. Die Entführer verlangen 17 Millionen Dollar Lösegeld, was der ‚reichste Mann der Welt‘ aber nicht zu bezahlen gedenkt, da er das Ganze  als Inszenierung betrachtet und Nachahmer fürchtet.

Pauls Mutter Gail (Michelle Williams) kämpft um das Leben des Sohns, versucht den alten Getty umzustimmen und verbündet sich mit dem Sicherheitsberater, dem Ex-CIA Mann Fletcher Chace (Mark Wahlberg). Ab da an läuft das Ultimatum…

Paul Getty, Ölmagnat, Kunstsammler und Begründer eines illustren Familienimperiums, zählt zu jenen seltenen Unternehmerspezies, die man zugleich bewundert und bemitleidet, fürchtet und verehrt. Brisant ist dabei, das Getty eigentlich von Kevin Spacey gespielt werden sollte, Ende Oktober 2017 platzten jedoch die ersten Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen den zweifachen Oscar-Preisträger in die Postproduktion, auf die – wie schon im Fall Weinstein –  zahlreiche weitere folgten. So kam es im November zu einem Nachdreh, bei dem Spacey komplett durch Plummer ersetzt wurde.

ALLES GELD DER WELT ist großartig ausgestattet und erzielt ein meisterhaft inszeniertes Zeitgefühl der 70er Jahre. Es ist ein packender Entführungsthriller von einem nervenzerreißenden Realismus entstanden. Man kommt mehrfach nicht umhin, nicht hinschauen zu wollen, was meiner Meinung nach  s o  zu zeigen nicht notwendig gewesen wäre.

Die Fragen nach Macht, Geld und was ein Menschenleben wert ist, werden unaufhörlich gestellt.

I.A.

 

 

 

 

Prinzessinnen-Träume

Wollten Sie in Ihrer Kindheit auch mal Prinzessin oder Prinz werden? Oder waren Sie es zumindest mal im Fasching?  Oder haben Sie lange auf den Prinzen gewartet oder nach der Prinzessin Ausschau gehalten?

Um ehrlich zu sein, ich  weiß es nicht mehr. Aber sicherlich dachte ich in Kindertagen, dass es den Königen gut geht, dass sie sich Burgen und Schlösser bauen können – wie unser bayerischer Ludwig II oder die preußischen Könige – oder Schönheits-galerien anlegen wie Ludwig I in Nymphenburg  oder in wunderschönen Gärten wie dem Park Charlottenburg spazierengehen können. Jedenfalls dachte ich sicher, sie haben keine Sorgen.

Seitdem ich nun begonnen habe, Biographien zu lesen – angefangen von der  höchst empfehlenswerten über Maria Theresia * über Friedrich II und seine Schwestern** bis hin zu Augusta von Sachsen -Weimar-Eisenach, der Gemahlin Kaiser Wilhelm I*** – bin ich von diesem Kinderglauben völlig geheilt.

Nicht, dass ich es mir romantisch-paradiesisch vorgestellt hätte, davon bin ich weit entfernt gewesen, aber was ich in den Biografien von aristokratischen Frauen der letzten 300 Jahre gelesen habe, hat mich entsetzt und tiefes Mitleid ausgelöst.

Prinzessin Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern, spätere Königin von Preußen, Gemahlin Friedrich II.

Das Stichwort heißt „Zwangsheirat“ –  im Dienste der Staatsräson. Nicht nur die Frauen sind Spielball in der dynastischen Überlegung ihrer Eltern, meistens ihrer Väter, auch für die Söhne sind  – im Sinne des machtpolitischen Interesses –  die zu vollziehenden ehelichen Verbindungen angebahnt worden. Und dies betrifft durchwegs alle Kinder, also nicht nur die Kronprinzen. Es gibt kaum eine Liebesheirat.

Gräfin Lichtenau, geb.Wilhelmine Encke, Mätresse Friedrich WIlhelm II

Für die Herren der Schöpfung bedeutet dies, man hält sich Mätressen, für die Damen ist dies undenkbar und wenn es eine gewagt hat, wurde sie verbannt. Dies ist für alle Seite kein angenehmer Zustand. Einige haben es besser, manche schlechter verkraftet und sich mit dieser Situation arrangiert, aber diese Zwangsheiraten waren noch bis zum Anfang des 20.Jahrhunderts  gang und gäbe. Liebesehen haben sich erst langsam durchgesetzt, erst in der 2.Hälfte der 20.Jahrhunderts waren zum Beispiel königliche Ehe mit Bürgerlichen  überhaupt vorstellbar – erinnern Sie sich an den Skandal mit Edward VIII und der Amerikanerin Wallis Simpson? Da war noch undenkbar, was 40 Jahre später für Carl Gustaf von Schweden möglich war: Er heiratete die bürgerlich Sylvia Sommerlath, die er 1972 in München als Hostess bei den Olympischen Spielen kennen und lieben lernte…

Also alles noch nicht so lange her. Die meisten der „arrangierten Ehen“ verliefen entsprechend unglücklich und die daraus hervorgegangen Kinder müssen vermutlich ziemlich traumatisiert gewesen sein. Nichts, was meinen Blick hinter die Kulissen des Hochadels neidvoll werden ließ. Und ob es Maria Theresia oder Friedrich II , ob es Friedrich Wilhelm II oder ein kleiner Provinzfürst war – alle mussten sich dem Diktat der Monarchie beugen.

Eines hat sich mir wieder bestätigt, nämlich wie hart erkämpft unsere Freiheit und unsere Gleichberechtigung ist, die wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollten.

Und sollten auch nicht vergessen, dass es unsere Vorfahren – egal ob Adel, Bürger oder Bauer  –  weitaus schlechter getroffen haben.

Nachdem ich nun so viel über unglückliche Ehen gelesen habe, bin ich dankbar, einen  „Traumprinzen“ gefunden zu haben –  ohne auf irgendeine Familienräson achten zu müssen.

Ich hoffe, es geht Ihnen ebenso.

go

* Barbara Stollberg-Rilinger, Maria Theresia – Die Kaiserin in ihrer Zeit, 2017, C.H.Beck

** Karin Feuerstein-Praßer,  „Friedrich der Große und seine Schwestern, 2016/2.Auflage, Piper

*** Karin Feuerstein-Praßer, „Die deutschen Kaiserinnen 1871-1918, 2016 6.Piper

**** Karin Feuerstein-Praßer, „Die preußischen Königinnen“, 2015/5.Auflage, Piper

Mein Arzt spricht nicht mit mir!

Den ersten Teil meines Beitrags habe ich mit  dem Hinweis auf das Problem „Sprechstunde!“ beendet.  Daran möchte ich heute anknüpfen,  es geht mir um den Dialog mit meinem Arzt. Die Überschrift: „Mein Arzt spricht nicht mit mir“ ist zugegeben ziemlich provokant.

Aber wenn ich überlege, wie die Sprechstunden meistens ablaufen, dann ist die Zuspitzung gar nicht so falsch.

Wenn ich einen Arzttermin habe, bereite ich mich inzwischen vor (ein bisschen wie in der Schule bei einem Test), aber es hilft nicht allzu viel. Der Arzt (es könnte auch „die Ärztin“ hier stehen) fragt nach dem Grund meines Besuchs und ich setze an, um zu berichten ….  und was macht mein Arzt: Er wendet sich dem Computer zu. Aber ich sitze vor ihm;  um mich und meine Beschwerden sollte es erst einmal gehen!

Visite zum vierten
 „Herr Doktor, diese Geräusche –„
„Bin Pfleger, kein Arzt.“
„Frau Doktor, diese Geräusche
am Herzen -“  „Bin Praktikantin.“
„Als ob da ein Tierchen
an den Gefäßen nagte – “
„Fragen Sie Ihren Arzt oder Kammerjäger!“ *

Stattdessen habe ich das Gefühl, ich rede mit dem Computer. Denn in erster Linie schreibt der Arzt  Dann fragt er zwar weiter nach, aber auf eine Weise, die mich unsicher macht, ich habe den Eindruck, ich würde zuviel seiner Zeit beanspruchen. Also warte ich auf seine Nachfragen, denn ich denke, dass er doch für seine Diagnose noch mehr wissen muss. Zum Beispiel wann die Schmerzen auftreten, ob  es einen äußeren Grund dafür geben könnte, wie stark sie sind. Und so weiter. Aber der Arzt scheint schon alles zu wissen. Und schreibt wieder etwas in den Computer. Vielleicht klopft er noch hier und da ab – allerdings ohne mir zu sagen, weshalb er das tut.

Und im Grunde war es das schon – die ärztliche Sprechstunde. Ich bekomme die Diagnose, die mehrheitlich aus Fachbegriffen besteht, und ein Rezept. Oder eine Überweisung für eine weitere Untersuchung: MRT, Tomografie, Röntgen.  Was die Diagnose „übersetzt“ bedeutet, muss ich erfragen. Wie sie einzuschätzen ist, ebenfalls. Was es mit dem Medikament auf sich hat, auch das muss ich nachfragen. Ebenso warum weitere Untersuchungen notwendig sind bzw. was die Zusatzuntersuchungen zeigen sollen. Ob es Alternativen gibt, welche Nebenwirkungen bei den Medikamenten auftreten können – erst einmal Fehlanzeige. Und vor allem: Ich werde gar nicht gefragt, ob ich noch andere Medikamente nehme. Was ich für fahrlässig halte, gerade weil ich älteren Jahrgangs bin und inzwischen klar ist, dass im Alter ein Medikamenten -Mix nicht ganz ungefährlich sein kann.

Möglicherweise sagen Sie, dass ich übertreibe. Sicher, es ist nicht immer so,  aber immer häufiger. Das Hauptproblem scheint die Zeit zu sein. Obwohl es auch Ärzte gibt, die erkannt haben, dass sie viel Zeit sparen, wenn sie erst einmal ohne Druck zuhören.

Für mich ist auch der Computer, der immer dabei ist, ein Problem.  Manchmal noch ergänzt durch eine Mitarbeiterin, die den Befund gleich mitschreibt. Da stört mich ebenfalls, denn ich will mit dem Arzt sprechen und  zwar ohne Zuhörer, der mir noch dazu meistens unbekannt ist.

Damit Sie mich nicht missverstehen: Ich habe keineswegs etwas gegen Computer im Sprechzimmer, aber ich habe etwas dagegen, dass der Arzt mehr Zeit verbringt, alles, was ich sage und auch das, was er sich denkt, aufzuschreiben, als mir zuzuhören, nachzufragen und mich eben auch als Menschen wahrzunehmen, Nicht nur als Patientin.

Nur wenn es zu einem Dialog kommt, lässt sich das erreichen, was ich mir  im vorangegangenen Beitrag  gewünscht habe: mit dem Arzt auf Augenhöhe zu sein.

Das gilt besonders, wenn die Diagnose wirklich besorgniserregend ist. In dieser Situation möchte ich mehr von meinem Arzt als nur die  Vermittlung der Ergebnisse.

Wie ich das ändern  will und hoffentlich werde? Ich werde freundlich hartnäckiger sein. Ich werde mich nicht so einfach unterbrechen lassen, und ich werde auch meine Fragen in aller Ruhe stellen, bis ich mich informiert fühle. Bis hin zu Alternativen und Aussichten. Ob es klappt? Ich denke schon, denn ich weiß es ja: Die Ärzte wollen mir ja Gutes tun; wie das am besten gelingt, das werde ich ihnen jetzt sagen.

Vorläufiges Fazit
 Das Leben hat mir
die Instrumente gezeigt.
Ich habe genickt,
zum Zeichen, dass ich begriffen habe.
Seither sinne ich,
wie ich das Leben austricksen kann.
Beifällig nicht dazu Gevatter Tod.*

 

Bevor ich mich von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, für heute verabschiede, noch eines: Wundern Sie sich nicht, wenn es am Ende eines jeden Quartals schwierig wird, einen Facharzt-Termin zu bekommen. Das hat einen ziemlich schnöden Grund: Das Budget für das Quartal ist erschöpft. Rund 70 Prozent aller Untersuchungen werden von den gesetzlichen Kassen nur bis zu einer bestimmten Obergrenze bezahlt. Ist dieses Limit erreicht, gibt es weniger Geld. Mit der Folge, dass Sie auf den Bereitschaftsdienst verwiesen werden. Zu Beginn des neuen Quartals steht  dann alles wieder auf Start.

Um der Genauigkeit willen muss ich noch ergänzen: Ambulante Operationen, Impfungen und die Behandlung von Krebskranken und Schwangeren sind davon nicht betroffen.

Vielleicht haben Ihnen die beiden Beiträge etwas genutzt – es würde mich freuen.

Und: Bleiben Sie gesund!

Paula

*Robert Gernhardt, „Herz in Not – Tagebuch eines Eingriffs in einhundert Einträgen“, Ausgabe 1998 HAFFMANNS VERLAG

 

 

 

 

… und vor allem Gesundheit!

Gerade zu Jahresbeginn hat dieser Wunsch Konjunktur. Und auch sonst wünschen wir uns und allen anderen, gesund zu sein und dies auch zu bleiben. Denn es ist ja wirklich so: Ohne sich gut zu fühlen, ist alles nichts.

Aber manchmal frage ich mich: Was heißt es eigentlich, „gesund“ zu sein?

Das ist eine spannende Frage, die viele Interpretationen aus den unterschiedlichsten Ecken hervorgebracht hat.

Ich habe mich für eine Definition entschieden, die mich beim Lesen spontan überzeugt hat:

Gesundheit  ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.  (Definition der Weltgesundheitsorganisation).

Sie hilft mir sehr, damit umzugehen, dass mit zunehmendem Alter das gänzliche Fehlen von Krankheiten oder Gebrechen ein fast unerreichbares Ziel ist. Trotzdem kann es mir mit dieser weiter  gefassten Definition gelingen, mich im Sinne der WHO „gesund“ zu fühlen: Dann, wenn ich es schaffe, mich damit abzufinden, dass ab und an die altersmüden Gelenke steif sind und auch schmerzen. Wenn ich es schaffe, mein Umfeld so zu gestalten, dass es mich  sozial und geistig befriedigt.

Dass mich eine ernste und mein Leben einschränkende Krankheit treffen kann, das weiß ich. Und es ist mir auch klar, dass ich dann ohne medizinische bzw. ärztliche Hilfe verloren bin.

Wofür ich allerdings immer kämpfen werde, ist, dass ich Frau meiner Entscheidungen bleibe, den Ärzten auf Augenhöhe begegnen kann  und mich keinesfalls dem früher üblichen ärztlichen Paternalismus unterwerfen werde. Ich kann es auch knapper formulieren: wenn ich auch als kranker Mensch meine Entscheidungen selbstbestimmt treffen kann. Und es  somit in der Hand habe, ob ich mich als Kranke oder Gesunde sehe.

Diese Selbstbestimmung braucht allerdings einen „Partner“, denn ich kann sie nur dann „leben“, wenn ich von ärztlicher Seite darin unterstützt werde. Ich muss den Arzt auf meiner Seite haben. Er muss ehrlich und vor allem verständlich aufklären, Alternativen aufzeigen, abwägen und mich als ganzen Menschen sehen. Er muss auch entscheiden. Entscheiden insofern, als er mir nur die Behandlungen anbieten soll, die fachlich angeraten sind.

Auf der anderen Seite hat meine Autonomie auch Grenzen: wenn ich offensichtlich  Unsinniges meine erreichen zu wollen, wenn es zu einem Gesetzes-  oder auch Gerechtigkeitskonflikt kommen kann.

Dass die Ärzte aufklären müssen – das ist nicht neu, sondern Standard. Trotzdem gibt es einen Haken, der im Übrigen auch bei den Beipackzetteln der Pharmafirmen auftaucht: Aufklärungen sind mittlerweile so umfassend und jedes noch so kleine Detail beschreibend, dass ich kaum noch entscheiden kann, was wirklich in meinem speziellen Fall relevant sein kann. Weshalb das so ist? Ganz einfach: Ärzte und Pharmaunternehmen missbrauchen die Aufklärung  zu ihrer rechtlichen Absicherung. Mit der Folge, dass ich als Patient verwirrt zurückbleibe und mich keine Spur aufgeklärt fühle im Sinne von Entscheidungskompetenz.

Er betrachtet sein Herz via Katheter
 Das ist mal was Neues!
Mein Herz auf dem Bildschirm!
schwarz-weiß, doch der Arzt
sieht auch so schon genug:
„Das sieht nicht gut aus
und da nicht und da nicht –
was ist? Ist Ihnen nicht gut?“ *

Was ich daraus schlussfolgere: Die Ärzte müssen akzeptieren, dass ihre Patienten nur dann selbstbestimmt handeln können, wenn sie ihrerseits bereit sind, eine Aufklärung zu betreiben, die den Namen verdient. Es muss zu einem wirklich partnerschaftlichen Verhältnis kommen.

Wozu vor allem gehört, das Gespräch zwischen Arzt und Patienten vom Abfragen auf Dialog umzustellen.

Was hier aus meiner Sicht falsch läuft und wie sich das ändern lässt, das möchte ich mit  Ihnen in einem weiteren Beitrag diskutieren. Wenn Sie „dran“ bleiben.

Bis zum zweiten Teil.

Paula

* Robert Gernhardt, „Herz in Not –  Tagebuch eines Eingriffs in einhundert Einträgen“,  Ausgabe 1998 HAFFMANNS VERLAG

 

 

 

 

Neu gelesen (11): König Dame Bube von Vladimir Nabokov

Über die Bücherkiste in der Stadtbücherei Westend stolperte Ferdinand zwar nur einmal, doch gleich zwei Bücher fielen ihm dabei in die Hände. Außer dem bereits besprochenen Titel Animal triste von Monika Maron auch eine gebundene Ausgabe von König Dame Bube von Vladimir Nabokov, 1960 erschienen im Bertelsmann Lesering.

Es handelt sich um eine klassische Dreiecksgeschichte, die ihren Ursprung auf einer Bahnfahrt in die Hauptstadt hat, bei der es sich wahrscheinlich um Berlin handelt. Das liegt insofern nahe, da Nabokov das Buch im Jahr 1928 während seines Exils in Berlin schrieb.

Der junge Franz ist auf dem Weg in die Hauptstadt, um eine Lehrstelle anzutreten und er lernt im Abteil zweiter Klasse ein Ehepaar kennen, ohne zu ahnen, dass es sich bei dem Ehemann, Herrn Drayer, dessen Vornamen wir nicht erfahren, um seinen zukünftigen Lehrherrn und zugleich um einen entfernten Verwandten handelt.

Am folgenden Tag, an dem sich Franz seinem Lehrherrn vorstellt, begegnet man sich also erneut, ist gegenseitig überrascht, doch wegen des verwandtschaftlichen Verhältnisses wird der Lehrling auch in das Privathaus der Drayers eingeladen.

Herr Drayer besitzt ein Kaufhaus, ist wohlhabend, jovial und geschäftstüchtig und viel unterwegs. Seine Frau Marta, Mitte dreißig, genießt die häufige Abwesenheit ihres Mannes  in einer Villa am Rand der Stadt, ausgestattet mit Gärtner, Köchin, Dienstmädchen und Chauffeur. Sie kümmert sich um den Speiseplan, führt den Hund spazieren, schikaniert ein wenig das Hausmädchen und sorgt sich im wesentlichen um ihre Frisur und die Garderobe. Da ist es ganz willkommen, dass der junge Lehrling etwas Abwechselung bringt, regelmäßig zum Essen kommt und nach einiger Zeit sogar an den Wochenendaktivitäten des kinderlosen Ehepaars teilnimmt.

So überrascht es nicht, dass sich Franz und Marta näher kommen und eine Affäre miteinander beginnen. Marta projiziert auf den jungen Mann alle ihre Hoffnungen auf Anerkennung, Liebe und Zweisamkeit, die sie in ihrer Ehe mit dem robust-unsensiblen Drayer vermisst.

Aus einer anfangs schüchtern begonnenen Liebesbeziehung wächst schließlich ein unstillbares Verlangen und Marta fasst den perfiden Plan, Drayer zu beseitigen, um mit Franz ein neues Leben zu beginnen.

Eigentlich eine ganz triviale Geschichte, wie sie tausend Mal in der Literatur vorkommt und doch von Nabokov in meisterhafter Sprache erzählt. Schon die Schilderung der Bahnfahrt, die Beobachtungen von Franz, seine Assoziationen und Gedanken fesseln den Leser von der ersten Seite an. Erst spät merkt man, mit welcher Raffinesse die scheinbar sanfte Marta den jungen Franz manipuliert, um ihren Plan zu verwirklichen. Und so viel sei verraten: Drayer überlebt ohne jemals das Geringste von dem mörderischen Komplott bemerkt zu haben.

König Dame Bube mit dem dramatischen Untertitel Ein Spiel mit dem Schicksal gehört zu den frühen Werken Nabokovs und erreicht noch nicht die Qualität seiner späteren Romane und seines Bestsellers Lolita, mit dem er berühmt und zu einem der großen Stilisten in der Weltliteratur wurde. Dennoch ist König Dame Bube facettenreich, gut erzählt, spannend und deshalb lesenswert.

***

In Neu gelesen sind bisher erschienen (alle zu erreichen über das Suchfeld):
(1) Gabor von Vaszary: Monpti
(2) Erica Jong: Angst vorm Fliegen
(3) Gerhart Hauptmann: Buch der Leidenschaft
(4) Franz Werfel: Der veruntreute Himmel
(5) Françoise Sagan: Bonjour Tristesse
(6) Vicky Baum: Hotel Shanghai
(7) Hermann Sudermann: Frau Sorge
(8) Eine Auswanderin

(9) Jack London: Martin Eden

(10) Monika Maron: Animal triste

 

 

 

Ein kulinarische Reise um die Welt

Gerade komme ich von einem Besuch auf der Grünen Woche zurück. Alle zwei, drei Jahre gehe ich mir diese riesige Genussshow ansehen, die mich trotz Menschengedränge fasziniert.

Die ersten zwei Stunden nehme ich die vielen unterschiedlichen Angebote wahr und es ist wie eine Reise um die Welt: von Russland nach Thailand, von Georgien nach Portugal, von Dänemark nach Finnland, von Frankreich nach Ungarn, von Marokko nach Bayern. Nach einer Weile sehe ich allerdings nur noch in ständiger Wiederholung Honig -, Schinken-, Käse- und Fischstände, Bier-,Wein- und Schnaps-Angebote. Dann wird es Zeit, die Messehallen wieder zu verlassen – und mit einer „reichen Beute“ nach Hause zu fahren. So sind meine Taschen heute gefüllt mit steirischem Kren und bayerischen Semmelknödel, mit Tee aus Nepal, Käse aus vielen verschiedenen Ländern, Honig aus Rumänien und Bulgarien, Rosenwasser und Dörrpflaumen ebenfalls aus der Schwarzmeer-Region  – und vielen interessanten Prospekten mit Information über die verschiedensten Länder und ihre Küchen.

Dieses Jahr ist Bulgarien  das Partnerland der  83. Auflage (seit ihrer Premiere im Jahr 1926) und ist mit dem verheißungsvollen Slogan „Aroma der Sonne“ vertreten.  Bulgarien gilt nicht nur als weltgrößter Produzent von Rosenöl, sondern produziert auch jede Menge Obst und Gemüse, das unter „natürlichem Sonnenlicht wächst und dadurch mehr Vitamine und Nährstoffe“ entwickelt. Klingt gut.

Auch die restlichen 1.659 Aussteller aus 65 Ländern zeigen eine Leistungsschau aus Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau. Japan, Russland, Schweden (inkl. Ikea!) und die Slowakische Republik sind in diesem Jahr wieder dabei. Katar stellt erstmals eine Auswahl seiner Nahrungsmittel vor.

Die Blumenhalle zieht mich an, auch wenn sie für meine Geschmackstour etwas abseits liegt, aber sie ist immer wieder eine Oase der Farben und Dürfte.  Auch auf dem „Bauernhof“  traf ich auf echte Kälbchen, begegnete riesigen Ungetümen und lernte auch etwas über Küchenhygiene. Für Kinder sind diese Hallen Landwirtschaft, Natur und Tiere ein riesiger Spielplatz – kein Wunder, dass es viele Schulklassen ihren Weg hierher finden.

Natürlich können Sie nicht nur flanieren, einkaufen und Musik hören, Sie können sich von einer Weinverkostung zum nächsten Gourmettempel durchprobieren…. selten ist etwas umsonst, aber es ist meist günstig und vor allem nicht alltäglich. Ich habe mich in „Erding“ niedergelassen und ein sehr köstliches Rehragout mit Haubling (ein Schmalzgebäck) konsumiert. Allein das war schon die Reise wert.

Noch bis zum Sonntag können Sie gucken gehen,  morgen können Sie um 10.00 Uhr starten und haben an diesem Freitag, 26.01.2018, bis  20:00 Uhr  Zeit; am Wochenende, 27. und 28.01.2018,  von 10:00 – 18:00 Uhr.  Mehr Infos unter https://www.gruenewoche.de/FuerBesucher/

Vielleicht haben Sie ja Lust auf eine kleine kulinarische Reise um die Welt.

Bleiben Sie neugierig, es lohnt sich,

meint go

 

Fotos (c) go

Isoldes CD-Tipp: UHREN GIBT ES NICHT MEHR

Vor Weihnachten des vergangenen Jahres gab es in der Sendung „Zeitpunkte“ des RBB eine Rätselfrage zu „Barbara“, einer französischen Sängerin, die durch ihr Chanson „Göttingen“ in Deutschland bekannt geworden ist. Die Lösung gab ich im Funkhaus in der Masurenallee ab und hoffte auf einen Gewinn aus der vorgestellten Literaturliste, wobei ich vor allem auf die CD von André Heller, „Uhren gibt es nicht mehr“, spekulierte und dann, welche Freude, in dem noch jungen Jahr eine Postsendung erhielt, die eben diese beinhaltete.

Ein Hörbuch mit zwei CD’s und einem schönen Booklet. André Heller führt Gespräche mit seiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr. Die Gespräche wurden im Arbeitszimmer von André Heller aufgenommen, wobei die Schauspielerin Elisabeth Orth, die Rolle der Elisabeth Heller übernommen hat. Daraus ist eine faszinierende Lesung entstanden, die über ein Jahrhundert Zeitgeschichte spiegelt und das Porträt einer Frau zeichnet, das in seiner Originalität und Klarheit verblüfft und helfen kann, dem eigenen Altersprozess mutig entgegenzugehen.

André Hellers Fragen sind von einer sanften, melancholischen Art, keinesfalls indiskret, aber mit einem beherzten Humor gestellt, dem sich die Mutter nicht entziehen kann.

Im Laufe der Gespräche bittet Heller die Mutter auch um Verzeihung für  seine Kränkung und Aggression, die er ihr oft entgegengebracht hat und sie erwidert, dass sie seinen Mut zu wenig gewürdigt hat. Aber das ganz Besondere offenbart sich in den Gesprächen über den Tod und was danach kommen könnte. Die Mutter spricht u.a. von einem „Durchschlupf“, einen Ausgang für die Seele, den man benützen kann oder nicht und wenn er kommt, will sie ihn benutzen.

Sie erinnert sich an den Eifelturm als grandioses Bauwerk und an den Marmorfußboden im Markusdom, an das Feuerwerk in Lissabon, das André Heller initiierte, an die Großmutter von Romy Schneider, an den Kaiser und an Gustav Mahlers schwarzen Zähne und jeder sollte  hin und wieder einen Sternenhimmel betrachten, um sich nicht zu überschätzen und in Bescheidenheit und Güte sein Leben führen. Sie gibt Hinweise auf das Wesentliche und wenn man ‚durch‘ ist, ist man  ‚draußen‘ .

Aber ich will nicht alles verraten, hören Sie, geneigter Leser, selbst!

I.A.

Doppel-CD erschienen bei  LÜBBEAUDIO, die Buchausgabe von „Uhren gibt es nicht mehr“ bei Paul Zsolnay Verlag.