Berlin ab 50…

… und jünger

Blog Arbeit

5 Jahre

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unsere Facebook-Leser nicht mitgerechnet.

Das hatten wir uns im April 2013 nicht gedacht, als sich die Gruppe der Bloggerin formierte. Wir konnten immer wieder neue Schreiber gewinnen, die für  kurze oder längere Zeit die Kerngruppe begleiteten und die unterschiedlichsten Themen bearbeiteten. Wichtig war immer nur, dass es Spaß machte. Und dies zeigt sich an der Vielfalt der Themen.

Am 07. Mai 2013 schrieb ich meinen ersten Beitrag für diesen Blog mit dem Titel HOMMAGE AN DAS LEBEN.

Seitdem – also vor genau 5 Jahren – sind über 700 Artikel erschienen.  Die Bandbreite war groß – es erschienen Einzeltexte, aber auch Reihen, wir beschäftigten uns mit Architektur, Ausstellungen und Büchern, wir gaben Kino- und Veranstaltungstipps, wir machten uns Gedanken von „Mein Arzt spricht nicht mir“ bis „Wie wollen wir im Alter wohnen“ und wir erzählten Ihnen viel über die Stadt Berlin. Sie können alle Artikel nachlesen, wenn Sie entweder ins „Archiv“ gehen oder wenn Sie unter  „Suchen“(Sie sehen dort eine kleine Lupe) ein Thema oder den Autoren eingeben. Dann bekommen Sie eine Auswahl oder genau den Text, den Sie suchen.

Die Arbeit für einen Blog ist anspruchsvoll, interessant und genauso zeitaufwendig,  sie macht Freude  und zwingt den Autor, seine Gedanken und Empfindungen zum Thema verständlich und gleichzeitig präzise und kurz darzulegen. Gar nicht so einfach. Und sie fördert den Gedankenaustausch, gibt neuen Perspektiven und die unterschiedlichsten  Informationen.

Nach fünf Jahren ist es Zeit,  sich neuen Herausforderungen zu stellen und neue Wege zu gehen. Mal sehen, wohin die Neugier uns treibt und unsere Überlegungen uns hinführen.

Bis dahin können Sie ja in Ruhe und mit Muße alle Beiträge noch einmal lesen.

Bleiben Sie neugierig, das Leben ist bunt! 

Ihre go und das Berlinab50-Team

Pergamon im Spätsommer

Plakatmotiv, © asisi

Wenn Sie hier oben rechts bei der Lupe/ „suchen“  Asisi eingeben, werden Sie entdecken, dass wir über die wunderbaren Arbeiten von Yadegar Asisi bereits mehrmals berichtet haben. Wir haben Ihnen „The Wall“, „Dresden 1945“ und eine Zeitreise zu Luthers Thesenanschlag ans Herz gelegt.

Da ich ein bekennendes Asisi-Fan bin, möchte ich Sie bereits heute auf die neue Attraktion gegenüber der Museumsinsel aufmerksam machen – auch wenn sie erst im Spätsommer (genaues Datum gibt es noch nicht) eröffnet werden wird.

© spreeformat architekten GmbH

 

Meine Vorfreude gilt dem neuen, temporären Ausstellungsgebäude „Pergamonmuseum. Das Panorama“ gegenüber dem Bodemuseum. Bis vermutlich 2024 wird es für eine extra dafür konzipierte Ausstellung von Yadegar Asisi und der Antikensammlung genutzt, dann soll das Pergamonmuseum wieder in Gänze zugänglich sein. Das Ausstellungsprojekt „PERGAMON. Meisterwerke der antiken Metropole und ein 360° Panorama von Yadegar Asisi“ werde ich sicherlich nicht nur einmal besuchen.

© asisi

Nun werden Sie sagen, das Pergamon-Panorama haben Sie doch schon vor Jahren gesehen. Ja, und da haben Sie recht. 2011/12 stand der Vorläufer im Ehrenhof des Pergamonmuseums. Nun ist dieses Panorama von dem Künstler umfassend überarbeitet worden. Es wurden etwa 40 Szenen neu konzipiert und eingefügt und so wird ein noch stärken Bezug zum Alltagsleben im antiken Pergamon im Jahr 129 n.Cr. erreicht. Das Panorama  wird komplettiert durch eine Präsentation  der Highlights aus den Beständen der Antikensammlung –  wie zum Beispiel  der größte Teil des Telephos Frieses vom Pergamon, die Tänzerin aus dem Palast, die Prometheus Gruppe oder die Kreuzband Athena zu sehen.

(c) asisi

Ein Schwerpunkt der Ausstellung besteht in der Verbindung der ungefähr 80 Skulpturen aus Pergamon  mit dem Panorama – und die künstlerische Umsetzung von Originalen und dem  Panorama  wird deutlicher als im Jahr 2011/12 ineinander greifen. Eine virtuelle Visualisierung des Pergamonaltars wird ein weiterer Höhepunkt sein. Sie werden ihn in einer 15 minütigen „Wanderung“ einmal um den Altar spazieren können, zu Tages- und Nachtzeiten.

Y.Asisi auf der Vorab-Pressekonferenz 26.04.2018 (c) go

Die schon in der Antike für ihre besondere Qualität berühmten pergamenischen Skulpturen, die neu gestalteten digitalen Animationen des Altars und natürlich die intensive Bildwirkung des Asisi-Panoramas sollen sich zu einem einzigartigen Gesamtkonzept fügen, das möglicherweise zukunftsweisend sein wird. Das originale Erscheinungsbild der antiken Metropole Pergamon wird so auf fast 2000 qm eindrucksvoll nacherlebbar.

Halten Sie also die Augen offen, um dieses wunderbare Ausstellung nicht zu verpassen und bleiben Sie vor allem neugierig!

go

 

„…….nur für die nacktesten Bedürfnisse allein“

Modernes  Bauen in Berlin

War der Wohnungsbau bis 1920 durch eine historisierende Formensprache mit Rückgriff auf ältere Stilrichtungen in kosten– und zeitaufwendiger Stein-auf-Stein Bauweise geprägt, so versuchten die Architekten nach dem 1.Weltkrieg  europaweit mit Baumaterialien wie Stahl, armierten Beton und Glas eine neue funktionsbetonte Ästhetik im Wohnungsbau umzusetzen, die auf  Schmuck und Ornament verzichtete. Gleichzeitig war Bauen ein soziales Programm gegen die Wohnungsnot. Die Bauhausbauten der 20iger Jahre  in Dessau und später Tel Aviv sind bis heute der Inbegriff moderner Architektur geblieben und nach Meinung von Architekturkritikern hat sich seitdem kein neuer Baustil dauerhaft halten können.

Mit der industriellen Fertigung und dem Einsatz von Baustoffen wie  Beton, Metall und Glas und der Erfindung des Flachdachs beginnt aber auch die Eintönigkeit, die das Bild modernen Bauens wesentlich  prägt.  Berlin-Marzahn, Halle Neustadt  und die Gropiusstadt lassen grüßen. Es wurde und wird seitdem  viel Architektur produziert, die an den ästhetischen Bedürfnissen der Bewohner vorbeigeht. Es mag viele Gründe und ökonomische Zwänge geben, warum die hier beispielhaft abgebildeten Häuser so gebaut wurden, klar ist jedoch, dass sie für die meisten  Betrachter – nicht für die in ihnen mit Komfort lebenden Mieter – als ästhetisch nicht gerade gelungen gelten dürften.

Aber es sind nicht nur die Einzelbauten, sondern auch gerade die Quartierbauten der Moderne, die den historischen Stadtbegriff als Einheit von Wohnen, Einkaufen und Arbeiten ad absurdem führen.  So droht dem als  „Europacity Berlin“  benannten Neubaukomplex nördlich vom  Hauptbahnhof,  der auf dem ehemaligen Bahngelände errichtet wird, das gleiche Schicksal wie dem Europaviertel in Frankfurt/Main: Büros und  Kapitalanlagen-Eigentumswohnungen werden am Abend hier die Lichter ausgehen lassen. Ein totes Areal. Aber es sollen  ja auch 42 geförderte Wohnungen für Mieter entstehen. Was die vom Senat geforderte sogenannte “urbane Dichte Packung mit Lebensqualität“  mit Lebensqualität zu tun haben wird, wird in 5 Jahren zu sehen sein.

Halle Neustadt, Planungsentwurf

Und noch ein gewichtiges Argument der Befürworter der modernen Bauten:  moderne Architektur locke Touristen. Bei  Solitären wie der  Kuppel des Reichstags , dem Jüdischen Museum oder dem Pei-Anbau am DHM sicher. Aber die in Beton und Glas  gegossene Trostlosigkeit des Leipziger Platzes wohl kaum. Warum sind dann nicht die Musterstädte  Eisenhüttenstadt (DDR, 1950)  oder Wolfsburg (1938) heute Traumziele für Architekturliebhaber, hatten doch die Wohnbauten für ihre Erstbezieher unbestreitbar eine hohe Wohnqualität in grüner Umgebung bedeutet?

Schinkel beschrieb bei seiner Englandreise 1826 beim Anblick  der neunstöckigen Fabrikgebäude in Manchester in seinem Tagebuch einen „schrecklichen unheimlichen Eindruck einer ungeheuren Baumasse von Werkmeistern ohne Architektur, nur  für die nacktesten Bedürfnisse allein“. Schinkel fehlte die bauliche Schönheit.

Schönheit lässt sich aber nicht von der Baubehörde verordnen, auch da die Vorstellungen über „schöne Architektur“ weit auseinandergehen. Bauherren und Architekten müssten vorher prüfen, ob ihr geplantes Haus als Individuum in das durch viele Häuser gebildete Straßen-, ja sogar Stadtbild passt. Und da steht der Renditegedanke oftmals dagegen. Und das bedeutet weiter  Trostlosigkeit.

Meint mw

Fotos (c) mw

 

Bilbao ist Genuß für alle Sinne

Lässig angelehnt stehe ich hier an einem Pfahl, nein Baum, nein es ist ein Bein! Ich gucke nach oben und merke, ich stehe an einem riesigen Spinnenbein aus Bronze. Tatsächlich – eine Spinne, neun Meter hoch acht Beine und an ihrem Körper hängt sogar ein Beutel mit 26 Marmoreiern. Ihr Name „maman“ französisch für Mutter. Weshalb stehe ich hier? Ich blicke auf eine, auf mehrere Wände aus Titan. Die Oberfläche glänzt im Sonnenschein, je nach Einfall der Sonne und der vorüberziehenden Wolken. Hell, freundlich und einladend.

Plötzlich befinde ich mich mitten in einem unfassbaren Nebel, der heraufzieht und mir den Blick auf dieses – ja es ist tatsächlich ein Gebäude – fast vernebelt. Es ist der FOG! Die ersten drei Buchstaben, eine Homage an den Architekten und Designer Frank O. Gehry: Das Guggenheim Museum, sein Werk.

Kaum ist der Fog wieder verschwunden entdecke ich einen bunten Blumenstrauß:  die Tulpen „tulips“. Sieben wunderbare farbige Tulpen als liegender Strauß aus Chrome-Edelstahl mit einer transparenten glänzenden Farbbeschichtung von Jeff Koons. Seine bunten Ballons konnten wir auch schon in Berlin bewundern.

Eine ebenso glänzende silberne Skulptur, in Baum-ähnlicher Anordnung ist „Tall Tree & The Eye“,dreiundsiebzig große silberne Kugeln, die nicht zufällig angeordnet sind, sondern nach komplizierten mathematischen Formeln berechnet wurden, damit sich die ganze Umgebung hier in diesem Werk vom indischen Künstler Anish Kapoor  widerspiegelt

Jetzt wird es Zeit das Museum auch von innen zu besichtigen. Am Eingang begrüßt mich ein Hund. Natürlich kein gewöhnlicher Hund,. Irgendwie erinnerte ich mich an meine Kindheit und das Brettspiel „Spitz pass auf“. So sah er auch aus – aber zwölf Meter groß, mit einem ganz besonderen Fell. Nicht im klassischen Weiß, nein mit herrlich bunten, echten Blumen. Fast zwanzigtausend Stiefmütterchen (nicht gezählt – aber beschnuppert). Sein Name „Puppy“ (Welpe). Es steht nicht geschrieben, aber eigentlich sollte das Kunstwerk, ebenfalls von Jeff Koons, nach der Eröffnung des Museums wieder abgerissen werden. Aber Bilbaos Einwohner, die mit der modernen Kunst gerne leben, hatten etwas dagegen und so ist uns „Puppy“ erhalten geblieben.

Nun geht’s ins Innere des Museums. Ein lichtdurchfluteter  Raum – das Atrium. Von hieraus in die Stockwerke der Ausstellungsräume. Fahrstühle, Treppen und Gänge in luftigen Höhen bilden die Adern des Gebäudes zu den einzelnen Sälen. Kein Saal ist in einer der uns bekannten geometrischen Form.

Pop Art, Minimalismus, abstrakter Minimalismus und Expressionismus. Die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Vielfältigkeit findet der Besucher auf über elftausend Quadratmeter in 20 Galerien. Moderne Werke u.a.von Warhol, Beuys, Rauschenberg und Bourgeois, um nur einige wenige bekannte Künstler zu nennen. Auch die spanische und baskische Kunst wird den Besuchern präsentiert. Ausgesuchte einzelne Kunstwerke möchte ich hier nicht beschreiben, da jeder Betrachter eine eigene Interpretation zulassen wird.

Zum Schluss genieße ich noch einen frisch gepressten Orangensaft auf dem Geländepark von Guggenheim, mit einem perfekten Blick auf das Gebäude aus überwiegend Titan, etwas Glas und Kalkstein.

Mit der Straßenbahn, Haltestelle direkt vor Guggenheim, geht es noch zu den Markthallen des Mercado de la Ribera in Bilbao. Die Halle wurde 1929 im Art Deko Stil erbaut. Die größte überdachte Markthalle Europas. Im Inneren ein vielfältiges, sehr appetitliches Angebot von Meeresfrüchten und Fleisch in ebenso großer Vielfalt –  und vom Preis her alle Produkte deutlich günstiger als in deutschen Hallen.

Mit der Straßenbahn ging es nach diesem Besuch weiter durch die schöne Altstadt und mit dem Taxi – der Füße wegen – zum Hotel.

Am nächsten Tag lockte mich noch einmal die wunderschöne Altstadt. Die „Sieben Straßen“ geben den Bezirk seinen Namen „Siete Calles“. Viele moderne, aber auch ganz besondere, traditionelle Geschäfte laden zum Bummeln, Stehenbleiben und Gucken ein.

Ich suchte den kleinen Laden Gorostiaga, der seit über 100 Jahren ganz berühmte Kopfbedeckungen verkauft. Der Laden klein, mit Holz getäfelt und voller Kartons gestapelt mit den „Berühmtheiten“, den  Txapelas, den Baskenmützen. Diese Mütze wird in vielen Farben, sogar in Modefarben für die Damen, hergestellt. Wir kennen sie nur in schwarz oder dunkelblau. Die Art, sie auf dem Kopf zu tragen, kann jedoch sehr vielfältig sein: nach vorne, rechts oder links, Ohren bedeckt oder nur einfach aufgestülpt. Der Individualität sind keine Grenzen gesetzt. Ich erinnerte mich jedoch an den sogenannten Ernst Reuter Piependeckel, wie ihn mir mein Vater damals erklärte. Auch Heinrich Böll und Che Guevara erinnerte mich immer wieder mal an diese Baskenmütze. Vielleicht der Grund, weshalb ich auch eine solche, am Originalort der über hundert Jahre alten Geschichte, erstehen musste.

Gleich um die Ecke ist der Platz „Plaza Nueva“, das Wahrzeichen der Altstadt. Ein Säulengang ringsherum und in den Häusern Restaurants, Cafés und Bars. Wie in Bilbao üblich kann man überall die Pintxos, die kleinen aufgespießten Häppchen genießen. In vielen Varianten werden sie zu jeder Tages- und Nachtzeit in den Bars angeboten. Immer frisch und äußerst köstlich. In der Bar von Victor Montes (auch seit 1849) –  mit einer reich verzierten Fassade und einer exquisiten Innenausstattung –  genoss ich zwei Pintxos bei einem guten Glas Weißwein.

Übrigens die Gastronomie, gut zu essen, gehört in Bilbao zur Lebenskunst. Junge baskische Köche, sogar zwei Sterneköche, bevorzugen die regionalen Spezialitäten. Das sind Kreationen aus Fisch und Meeresfrüchten, aber auch die landwirtschaftlichen Produkte werden nicht vergessen. Für Feinschmecker wirklich ein Grund, Bilbao zu besuchen.

An diesem Abend genoss ich ein Abendessen im Restaurant Jandiola im Azkuna Zentroa im Herzen von Bilbao. Dieses Zentrum wurde im Jugendstil 1909 erbaut, diente viele Jahre als Weinlager und wurde grundlegend 1999 restauriert. Eine sehr schöne Terrasse befindet sich auf dem Dach des Gebäudes mit einem fantastischen Ausblick über Bilbao. Dazu ein Apperol Spritz – köstlich! Sie könnten auch einen Calimocho (Rotwein und Cola – Halb & Halb) geniessen.

Es war die „Semana Santa“ die Karwoche. Unten auf der Straße waren plötzlich von Ferne Trommeln und Trompeten zu hören. Sie kamen immer näher, gespenstisch und unheimlich. Vermummte, mit spitzen Kaputzen und Sehschlitzen und sogar barfuß. Es war eine Prozession mit sehr langer Tradition zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria.

Der letzte Tag führte mich zum Meer, genauer zur Biskaya Brücke mit der ältesten Schwebefähre der Welt. In 50 Metern Höhe kann man nach einer atemberaubenden Fahrstuhlfahrt im gläsernen Aufzug die Brücke überqueren. 160 Meter geschützt von Gittern in alle Richtungen, wie auch mit Ausblicken bis zur Biscaya und hinein nach Bilbao. Mit der Metro erreicht man die Brücke mit zwei Linien rechts oder links vom Fluss bis nach Gexto oder Portugalete. Beim Rückweg über die Station Portugalete können Sie endlose Laufbänder erleben, die Sie nach oben zur Metrostation bringen. Die Metroeingänge sollten uns Berlinern bekannt vorkommen. Sie wurden aus Stahl, Beton und Glas in muschelförmiger Form gebaut. Ihr Name: die Fosteritos. Genau: im Design vergleichbar mit Sir Norman Fosters Reichtagskuppel. Auch ein Highlight.

Der letzte Abend gehörte natürlich auch wieder einem Restaurantbesuch, in der Marisqueria Rimbombin. Typisch baskische Küche. Ein wunderbarer Abschlussabend einer tollen Städtereise bei bezahlbarem Seeteufel und baskischen Weißwein. Eine Kurzreise für Kunstliebhaber, Genießer, Städteliebhaber, mit Sinn für schöne Anblicke: einfach hin (Direktflug), genießen und erinnern.

Lesen Sie vielleicht als Einstieg den Roman von Dan Brown: ORIGIN. Eine Empfehlung vom Baskenmann.

Ihr brd

 

Le rouge baiser – der rote Kuss

In meinem online-Postkasten hatte ich vor Ostern unter vielen Oster-Super-Sonder-Angebote auch eines von AVON – es fiel mir deshalb besonders ins Auge, weil für mich diese Firma gar nicht mehr im Bewusstsein war. Es war fast ein kleines Déjà-vu. Denn erst ein paar Tage vorher war ich zu Besuch im einzigartigen privaten LIPPENSTIFTMUSEUM, wo mir ein Original AVON-Musterkästchen auffiel.

Kindheitserinnerungen aus den 60er Jahren kamen hoch:  Eine Nachbarin von uns war als AVON-Vertreterin unterwegs  und auch meiner Mutter führte sie  die Kollektion vor und überlies ihr ein paar der winzig kleinen Lippenstift-Muster. Gekauft hat meine Mutter, zumindest meiner Erinnerung nach, wenig. Aber die Besuche der AVON-Nachbarin mit Pröbchen und vor allem diesen winzigen Lippenstifte haben sich mir tief ins Gedächtnis eingeprägt.

Aber zurück zum Museum.  Hier in der Helmstedter Straße in Wilmersdorf macht der Besucher eine Zeitreise durch die interessante Geschichte der „Roten Verführung “ –  von den Anfängen des inzwischen 135 Jahre alten Lippenstifts (1883 wurde ein in Seidenpapier gewickelter Stift aus gefärbten Rizinusöl, Hirschtalg und  Bienenwachs auf der Amsterdamer Weltausstellung präsentiert – happy birthday!) bis in unsere Zeit. Es ist einzigartig und vermutlich die weltweit größte Sammlung dieses wichtigen Schönheitsaccessoires.

Der Herr über alle die bezaubernden, hoch erotischen Exponate mit so wundervollen Puder-Zigaretten-Lippenstift-Täschchen  von Marlene Dietrich bis zum Lippenstift von Judy Winter oder „Mary“ ist der Star Visagist René Koch.

Als  Geburtsstunde dieser außergewöhnlichen Sammlung bezeichnet René Koch seine fast reflexartige Rettung eines von Hildegard Knef weggeworfenen Lippenstifts. Dies und so viele andere Anekdoten berichtet der Lippenstift-Sammler bei einer Führung durch sein Museum. René Koch sammelte all diese kleinen, ach so wichtigen Kosmetikutensilien, in allen nur möglichen roten Schattierungen und den unterschiedlichsten Hülsen seit nunmehr 50 Jahren.

Es ist wirklich ein Schmuckkästchen, dieses Museum, das nicht nur viel Erhellendes zum Lippenstift zeigt, sondern auch viel erzählt über Kundinnen und Kunden aus der Highsociety. René Koch war 21 Jahre lang Visagist bzw. Chefvisagist bei Charles of the Ritz und Yves Saint Laurent.

Neben seiner Sammelfreude widmet sich René Koch einem weiteren, beeindruckenden Spezialgebiet , der „Camouflage“. In seinem Cosmetic & Camouflage Centrum Berlin hat der umtriebige Make-up-Künstler für Menschen mit Unfall- und Brandwunden sowie  Hautkrankenheiten  ein spezielles Make-up entwickelt und berät kompetent. Auch für Blinde  und schwer Sehbehinderte engagiert er sich und gibt  spezielle Schminkkurse, damit auch diese Menschen sich  schön und attraktiv schminken können.  Zu Recht hat er 2013 den Verdienstorden des Landes Berlin bekommen.

(c) Dieter Stadler

Ich kann Ihnen nur empfehlen, gönnen Sie sich einen Besuch in diesem Museum. Sie müssen sich allerdings vorher anmelden  – mittwochs bis freitags 11 bis 19 Uhr – unter  Tel. 030/854 28 29  und einen Termin vereinbaren.  Für mehr Informationen lesen Sie sich durch die schön und ansprechend gestaltete Website  http://www.lippenstiftmuseum.de

Vielleicht schenken Sie sich und Ihren Freundinnen  auch eine Lesung mit dem Starvisagisten – René Koch liest aus seinem Buch „Abgeschminkt“ und erzählt über die 60er bis 90er Jahre in Berlin. Seine Geschichten und Anekdoten lassen Sie nicht nur den Siegeszug des Lippenstifts, sondern auch die großen Stars miterleben.

Bleiben Sie neugierig

go

 

(c) Dieter Stadler

Lippenstiftmuseum:

Besuche & Besichtigungen nur nach vorheriger Terminvereinbarung – mittwochs bis freitags 11-19 Uhr:  Tel. 030/854 28 29
Helmstedter Str. 16, 10717 Berlin email: info@lippenstiftmuseum.de

 

 

Fotos (c) mw

 

 

BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (7)

Aus dem Berliner Theaterleben nach dem Krieg: „Ein Pressezeichner macht eine Theaterkritik sehbar“

Aus dem täglich erscheinenden Zeitungsdschungel setzte sich eine Zeitung durch ihre herausragende Feuilleton-Seite bemerkenswert ab. Der Abend.

Gespannt waren meine Eltern, die theaterinteressiert und kulturbegeistert waren, und ich auf die kritischen Berichte über eine Theater- oder Operninszenierung, die nicht nur unterhaltsam, sondern auch produktiv und kompetent geschrieben waren. Und als Kopf jeder Berichterstattung sah man erst einmal in ganzer Satzbreite einen optischen Eindruck eines Pressezeichners, der mit gekonntem Strich das Wesentliche des Bühnenbildes in die Mitte setzte und links und rechts in feiner Manier die Protagonisten karikierte. Signiert mit dem schräg geschriebenen Wort Ring.Denn das war sein Signet. Sein vollständiger Name war Paul Gehring.

Geboren wurde er 1917 im Rheinland, kam 1928 nach Berlin, machte eine Lehre, wurde Soldat und übte nach dem Krieg den Beruf des Retuscheurs und Karikaturisten aus. Wie es sich für einen Karikaturisten gehört, war er selbst ein ideales Objekt für Karikaturen. Sein Kopf mit der großzügig gelichteten Stirn, von letzten spärlichen Locken umflattert, mit der spöttisch geschürzten Unterlippe eines beträchtlichen und sehr berlinisch funktionierendem Mundwerk, gekrönt von einem spitzen Nasen-Monument. Das war dann auch der Auslöser für sein weiteres Schaffen für die Presse. Hinzu kam noch seine Theaterbegeisterung, sein messerscharfer Blick für das Wesentliche. Und so wurden die Herausgeber der Tageszeitung Der Abend auf ihn aufmerksam.  Aber seine Theaterkarriere entstand auf eine lockere Art. Der gelernte Positiv-Retuscheur fand 1947, dass er eigentlich „mal so’n bisschen Presse-zeichnen“ wollte und als er diese „blödsinnige Idee“ in die Tat umgesetzt hatte, blieb er auch schon dabei. Sein eigenwilliger Blick, stets von oben nach unten zielend, ist das Resultat eines fast 35-jährigen Trainings – immer von der ersten Parkettreihe hinauf zur Bühne. Nur im Dunklen, wenn das Licht im Saal ausging, konnte Paul Gehring aktiv werden. Dann skizzierte er mit charakteristischen Strichen die Darsteller der Hauptrollen und hielt die Umrisse des Bühnenbildes fest. Mehrere Stunden verbrachte er dann hinterher, die Entwürfe zu einem „Gesamtwerk“ zu stilisieren. Am späten Abend noch oder am frühen Morgen brachte er dann sein „Werk“ in die Redaktion.

Von 1947 bis 1981 hat er diese künstlerisch so hochwertigen Arbeiten gegen das geringe Salär, das ihm der Zeitungsverleger zahlte, verrichtet – mit Phantasie und Liebe, mit Präzision und Disziplin, eine Institution nicht nur bei den Abend-Lesern, sondern auch bei den Theaterleuten. Das war nicht nur aus ökonomischen Gründen eine entsagungsvolle Tätigkeit: Generalproben der jeweiligen Theater, die für Paul Gehring schon zur Premiere wurden, uferten oft endlos aus. Seinen Etat besserte er durch Buchillustrationen und auch Bühnenbildentwürfe auf.

Heute kann man sagen, Paul Gehring war der Letzte eines fast ausgestorbenen Metiers. Auch in den deutschen Feuilleton-Stuben ist die Lust an dieser betont individuellen Illustrationsform geschwunden. Aber seine Zeichnungen flechten den Mimen der Vergangenheit nun immer noch die Kränze und erinnern an Siege und Niederlagen.

 

Prof.Michael Goden

Industriedenkmale entdecken

Brandenburger Industriedenkmale entdecken

21 Museen und  Besucherzentren im Land Brandenburg und  zwei in Sachsen (Knappenrode und Margarethenhütte) haben im Juli 2017  das „Touristische Netzwerk Industriekultur“ gegründet, um die Originalschauplätze zur  Lausitzer Industriegeschichte für Besucher bekannter und leichter zugänglich zu machen.  Auf der ITB im März wurde nun das daraus entstandene Portal „Energie-Route-Lausitzer Industriekultur“ vorgestellt, das zu 11 Stationen der ENERGIE-Route und in die Geschichte des Braunkohle-Abbaus und der Energiegewinnung führt (https://www.reiseland-brandenburg.de/aktivitaeten-erlebnisse/kultur/industriekultur/energie-route-lausitzer-industriekultur/).

Die Stationen verbinden dabei Angebote wie Radfahren, Städtetourismus oder Wassersport mit den Industrie-Sehenswürdigkeiten und sollen vor allem uns Berliner ansprechen.  Die Stationen sind alle über die regionalen Radwege  wie z.B. Fürst-Pückler-Weg oder Seenland-Weg erreichbar. Bergbau und Energiegewinnung bestimmen seit über 150 Jahre das berufliche und gesellschaftliche Leben der Lausitz. Die zwei Milliarden Tonnen Braunkohle, die im Tagebau aus bis zu 60 Metern Tiefe gefördert wurden, haben eine geschundene Landschaft aus aufgelassenen Tagebauen und Abraumhalden hinterlassen. Seit 40 Jahren wird versucht, die Landschaft schrittweise zu  renaturieren. Aus stillgelegten Tagebaugruben, die geflutet wurden und noch werden, entsteht die größte von Menschenhand geschaffene Wasserlandschaft Europas: das Lausitzer-Seenland. Die Stationen der Energie –Route zeigen diesen Wandel vor Ort und  verbinden die Orte der Industriegeschichte, die räumlich beieinander liegen.

 

Besucherbergwerk F60 (c) Tourismusverband Lausitzer Seenland / Nada Quenzel

In der Internetpräsentation sind die Orte in drei Kategorien nach Denkmalpriorität und gebotenem Komfort  gegliedert: Kategorie „Highlights“ – Touristische Attraktionen mit allem Komfort; Kategorie „Empfehlungen“ – Erlebnisreiche Orte und Kategorie „Geheimtipps“ – Besondere Kleinodien. Neu ist, dass sich die  Tourenvorschläge rund um die  Stationen der ENERGIE-Route als PDF herunter laden lassen und damit jeder selbst auf Entdeckung gehen kann.

Zu den „ Highlights“ gehören das Besucherbergwerk F60  mit der 500m langen und  80 Meter hohen Abraumförderbrücke und das sächsische Industriemuseum Energiefabrik Knappenrode, wo über die Arbeitsbedingungen der Berg- und Energiearbeiter berichtet wird und sich Sachsens größte Ofen- und Feuerstättenausstellung befindet.

Brikettfabrik Louise     (c) Tourismusverband Lausitzer Seenland / Nada Quenzel

Zu den „Empfehlungen“  gehört die zwischen Bad Liebenwerda und Doberlug-Kirchhain gelegene Brikettfabrik Louise. Sie  ist die älteste Brikettfabrik Europas, die noch bis 1991 betrieben wurde. Ein ganz besonderes Erlebnis ist hier die Vorführung der historischen Brikettpresse im Echtdampfbetrieb am „Tag des Bergmanns“  am 1. Juli und  an drei weiteren Terminen in diesem Jahr.

Das Erlebnis –Kraftwerk Plessa ist das älteste Kraftwerk der Welt, das in seiner ursprünglichen Bausubstanz (1927) vollständig erhalten ist und bis  1992 genutzt wurde.

Zu den „Geheimtipps“ zählen die „Biotürme“ in Lauchhammer. Die Türme sind der Rest einer einst riesigen Kokereianlage – der ersten ihrer Art weltweit. Hier wurde Braunkohle zu Hochtemperaturkoks verarbeitet, mit dem Eisen geschmolzen werden kann. Mitte der 50ziger Jahre wurden die Türme  zur biologischen Reinigung der bei der Kokserzeugung entstehenden Prozessabwässer, die Phenole enthielten, errichtet. Die Groß-Kokerei wurde 1991 stillgelegt und 1994 abgerissen. 2002 gingen die Biotürme außer Betrieb.

Ja, wenn man das so liest, drängt sich schon der Eindruck auf, dass die DDR eigentlich ein riesiges Industriemuseum war. Der Westberliner/Westdeutsche  musste ja dafür auch Eintritt zahlen (Zwangsumtausch 25  DM in 25 DDR Mark). Der Zutritt zu den in Nutzung befindlichen industriellen Museen war damals natürlich nicht gestattet – jetzt ist alles begehbar.

Ein weiterer Geheimtipp ist die Gartenstadt „ Marga“, Deutschlands erster Gartenstadt. Sie wurde  zwischen 1907 und 1915  als Werksiedlung für Bergleute der Ilse Bergbau AG durch Georg Heinsius von Mayenburg errichtet und ist heute noch heute ein begehrter Wohnort.  Beim Stöbern auf der Webseite bekam ich Lust, sofort loszufahren.

Die Informationen zur Anfahrt, zu den Öffnungszeiten, zu Führungen und zur jeweiligen Geschichte des Ortes sind präzise, sehr gut lesbar  und haben mich immer wieder begeistert.

Sobald die Sonne scheint, werde ich mich auf den Weg machen- kommen sie mit!

Meint mw

Von Fadenkaro und blauen Punkten

Eine Zeitlang konnte ich an keinem HB-Geschirr vorbei gehen, ohne nicht wenigstens ein kleines Stück mitzunehmen. Ihr Geschirr ist für den Alltag  konzipiert, formschön und fröhlich. Mir jedenfalls bereiten die Formen, Farben und Muster immer gute Laune. Ich war ganz verliebt – und bin es immer noch – in Hedwig Bollhagens blau-weiße Schöpfungen.

Aus diesem Grund stand ein Besuch im neu gestalteten Hedwig Bollhagen Museum in Velten schon lange auf dem Programm.  Endlich konnte ich mir diesen Wunsch erfüllen  und mir die vielfältigen Entwürfe dieser bedeutenden Keramikkünstlerin  des 20. Jahrhundert ansehen.

In dem im Juli 2015 eröffneten  neugestalteten  Museum, das sich gleich gegenüber dem Ofenmuseum befindet (vgl. Beitrag von mw am 07.04.2018),  werden nun auf über 300 qm ca. 500 Exponate aus dem Nachlass von HB gezeigt und somit kehrt ihr Werk quasi an seinen künstlerischen Ursprungsort zurück.

(c) Sigrid König, Berlin

In einem lichten, großzügig gestalteten Raum vermittelt die Ausstellung  Hedwig Bollhagens Leidenschaft für Keramik, aber auch  ihren Lebensweg, ihre künstlerische Entwicklung genauso wie ihren  unerschöpflichen Erfindungsreichtum.

Die  1907 in Hannover geboren HB arbeitete von 1927 bis 1931 in Velten in der Steingutfabrik Velten-Vordamm, nach 1934 wirkte sie über 60 Jahre in ihren  Werkstätten im benachbarten Marwitz und entwickelte ihren unverwechselbaren Stil der zeitlosen Gebrauchskeramik.

Neben HB-Geschirr sammelte ich auch das Gmundner Geschirr aus der Serie „Tüpferl Muster“, das interessanterweise  HB’s  Muster „Blaupunkt“  sehr ähnlich ist. Ich habe leider  nicht herausfinden können, welches zuerst war…

 

 

 

 

 

ist mir aber auch eigentlich egal, ich liebe sie beide.

Auf nach Velten, wenn auch Sie mehr über Hedwig Bollhaben und ihr Oeuvre wissen möchten.

Und bleiben Sie auf jeden Fall neugierig!

go

Hedwig Bollhagen Museum, Wilhelmstr. 32/33, 16727 Velten.  Info über Öffnungszeiten, Sonderausstellungen und vieles mehr finden Sie unter http://okmhb.de

Fotos (c) go

 

Wolken und andere Erscheinungen …

„Wolken und andere Erscheinungen“ heißt ein im Wettermuseum Lindenberg (südöstlich von Berlin, zwischen Storkow und Beeskow) gezeigtes Buch des englischen Naturforschers Thomas Ignatius Maria Forster (1798-1860), der neben dem deutschen Physiker Ludwig Friedrich Kämtz (1801-1867) an der Entwicklung der heute noch gültigen Wolkenklassifikationen in Schichtwolken, Haufenwolken und Schleierwolken beteiligt war. 

Ja, sie haben richtig gelesen- es gibt ein Wettermuseum! Es ist das einzige Wettermuseum Deutschlands und befindet sich in dem seit 113 Jahren arbeitenden Meteorologischen Observatorium Lindenberg. Das Observatorium wurde in Berlin-Tegel  1900 gegründet und in Anwesenheit des Kaisers eröffnet, aber dann 1905 aus Sicherheitsgründen – Gefährdung des Verkehrs und der Hochspannungsleitungen durch die Wetter-Ballons und Drachen sowie der Zeppelin-Luftschiffer –  durch seinen Gründer und ersten Direktor Richard Aßmann nach Lindenberg verlegt. Aßmann war übrigens gemeinsam mit  dem Franzosen Léon-Philippe Teisserence de Bort Entdecker der Stratosphäre, der zweiten Schicht der Erdatmosphäre.

Ausschlaggebend für die Wahl des Standorts Lindenberg war die Abwesenheit zivilisatorischer Einrichtungen, die den Messbetrieb stören könnten und so ist es bis heute. Heute gehört das “ Meteorologische Observatorium Lindenberg “ zum Deutschen Wetterdienst und ist neben dem Meteorologischen Observatorium Hohenpeißberg bei München  in die internationale Atmosphärenforschung integriert. Neben dem Monitoring von Klima- und Umweltprozessen werden hier Forschungsarbeiten zur experimentellen Erfassung und Interpretation der physikalischen Struktur der Atmosphäre vom Boden bis in die Stratosphäre durchgeführt. Der Deutsche Wetterdienst ist eine Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur mit Sitz in Offenbach am Main. Seine hoheitlichen Aufgaben sind über ein Gesetz („Gesetz über den Deutschen Wetterdienst“) definiert. Soweit die nüchternen Zahlen zu einem Ort, der vielen Berlinern und auch mir –  bisher nicht bekannt war.

Was erwartet Sie in dem kleinen, mit viel Engagement betriebenen Museum, das sich in der 1936 errichteten und 2007 denkmalgerecht restaurierten Ballonhalle befindet? Geräte zu den historischen Aufstiegstechniken in der freien Atmosphäre wie Drachen und Radiosonden, Methoden und Geräte zur Temperaturmessung , röhrenbestückte Radiosonden, militärische Höhenwindradare und Geräte zur Feuchtemessung und viele Zeitzeugnisse im Bild.

Im Winter ist das Museum für Meteorologie und Aerologie nur in der Woche geöffnet, aber jetzt ab April wieder von Sonntag bis Donnerstag von 10:00 -16:00 Uhr.

Besucher haben die Möglichkeit, nach vorheriger Anmeldung im Rahmen einer Führung, einem Ballonaufstieg beizuwohnen. Sechs Mal täglich steigt ein Ballon mit Sonde für aktuelle Messungen in die Atmosphäre auf. https://www.wettermuseum.de/

Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Wettermuseum Lindenberg bequem zu erreichen. Mit der Regionalbahn RE 2  vom Berliner – Hauptbahnhof, Friedrichstrasse, Alexanderplatz oder Ostbahnhof bis Königs Wusterhausen, dann  umsteigen in den Triebwagen der ODEG Richtung Frankfurt/ a. Oder und  bis Lindenberg fahren. Ein ungewöhnlicher Ort, der einen Ausflug wert sein sollte

meint mw

PS: Beschwerden wegen schlechten Wetters werden übrigens vom Wettermuseum nicht bearbeitet.

 

Fotos (c) Wettermuseum

BERLINER THEATER LUFT – Erinnerungen (6)

Aus dem Berliner Theaterleben nach dem Krieg:  „Boleslaw Barlog – ein Theatererneuerer mit naiver Begeisterung“

(c) Deutsches Fotoarchiv

Was war das doch für eine Leistung von einem einzelnen theaterbesessenen Menschen, im Trümmer-Berlin 1945 den Wiederaufbau der Berliner Theaterlandschaft zu wagen? Erst in alten Kinos, dann im noch teilweise funktionstüchtigem Schlosspark-Theater in Steglitz, mit „einem Darlehen von 40.000 Papiermark als Anfangskapital“.

Durch die beengten Verhältnisse dort und dem Willen, auch große Schauspiele aufzuführen, übernahm er nach dem Wiederaufbau das Schillertheater – 1943 durch Brandbomben völlig zerstört – und eröffnete es am 6.September 1951 mit Schillers „Wilhelm Tell“.

Was für Erinnerungen werden da in mir wach! Als Schüler in den 50er Jahren waren wir durch die Institution „Theater der Schulen“ fast in jeder Produktion. Und später bis in die 60er, als Kunststudenten, waren wir in fast jeder Generalprobe.

Das waren so eindrückliche Erlebnisse, die unterschiedlichsten Regisseure in ihrem Umgang mit den Schauspielern bei der letzten Probe vor der Premiere zu erleben, ihre Eigenarten, ihren Humor in den ernstesten Situationen kennen zu lernen. Ob nun der temperamentvolle Barlog als Hausherr inszenierte oder der feinsinnig sensible Willi Schmidt in seinen ästhetisch kalkulierten Bühnenbildern und Kostümen oder der vitale Karl Paryla.

Den Respekt, den Barlog vor den ganz Großen des Theaters hatte, bezeugte er ihnen gegenüber auch und lud sie ein, an seinem Haus zu inszenieren. Da erlebten wir noch Gustaf Gründgens und den zynisch und anekdotischen Kortner, den hoch gelobten und verdienten Jürgen Fehling und den Theatererneuerer des 20.Jahrhunderts Erwin Piskator.

Aber auch die Jungen, die nachstrebenden, erhielten von Barlog ihre Chance: Hans Lietzau, Hans Neuenfels, Peter Zadek, Walter Henn, Werner Düggelin, Helmut Käutner z.B..

(c) Berliner Festspiele 1956

Doch zusätzlich holte er eben auch internationale Autoren an sein Haus und übertrug ihnen die Inszenierung ihrer eigen Werke, teilweise Uraufführungen: Samuel Beckett mit „Warten auf Godot“, John Osborn mit „Blick zurück im Zorn“, Edward Albee mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“.

Sein sicheres Gefühl und seine begnadete Kenntnis der Schauspielkunst sowie eine Nase für Begabungen ließen ihn ein Ensemble zusammenführen, wie es kein Zweites an deutschen Theatern gab. Zeitweise bestand es aus siebzig Damen und Herren. Es mussten ja auch drei Bühnen bespielt werden: Das Schiller-, das Schlossparktheater und die Werkstatt als Experimentier-Theater.

Und was für Größen sahen wir auf den Bühnen: Walter Franck, Berta Drews, Wilhelm Borchard, Horst Caspar, Martin Held, Clemens Hasse, Joana Maria Gorvin, Luitgard Im, Erich Schellow, Rolf Henninger, Tilly Lauenstein, Aribert Wäscher, Antje Weißgerber, Johanna von Koczian, Klaus Kammer. Die Liste wäre endlos, sie alle aufzuführen, die an den Erfolgen und

dem internationalen Ruf des Hauses beteiligt waren. Ihnen allen sollte die Nachwelt nicht genug Kränze der Verehrung flechten.

Nach siebenundzwanzig Jahren gab Barlog 1972 die Geschicke in die Hände seines Nachfolgers Hans Lietzau. Er musste noch erleben, wie durch politischen Willen 1993 SEIN Theater geschlossen wurde. – Am 17.März 1999 starb Boleslaw Barlog in Berlin.

Auch er erhielt ein Ehrengrab der Stadt Berlin auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof.

Prof.Michael Goden