Berlin ab 50…

… und jünger

Immer Ärger mit Rudolf Wissell

Warum Namensvergaben manchmal schaden

Staumeldung von der Rudolf Wissel Brücke gehören fast jeden Tag dazu. Über 175 000 Autos werden hier täglich gezählt. Und nun erscheint, wie die Zeitungen meldeten, der Neubau der in die Jahre gekommenen Rudolf-Wissell-Brücke dringend. Eine europaweite Ausschreibung beinhaltet die Sanierung der 939 Meter langen Brücke, die zwischen 1958-1961 gebaut wurde. Im Februar 2018 wird der Gewinner bekannt gegeben. Sanierungen fanden bereits 1971 und 1984 statt. Da die Fahrbahnen von einem Überbau aus Hohlkästen, die die gesamte Breite umfassen, getragen werden, kann nicht – wie sonst üblich – eine Hälfte saniert und der Verkehr über die andere Seite einspurig geführt werden. Also sind Abriss und „innovative Lösungen“ gefragt, was immer das auch bedeutet.

Mir stellte sich die Frage: Wer ist der Namensgeber, für den da täglich mit der Staumeldung Negativ-Reklame gemacht wird? Natürlich gibt WIKI Auskunft: Rudolf Wissell (1869- 1962) war ein deutscher SPD-Politiker und Gewerkschafter. Er wurde im März 1918 in den Reichstag berufen und war mit Noske gegen die Errichtung einer Räterepublik nach russischem Vorbild, was Deutschland den Bürgerkrieg ersparte. Während der Weimarer Republik war er zeitweise Reichswirtschaftsminister (1919) und Reichsarbeitsminister (1928-30). Bei der Abstimmung über das „Ermächtigungsgesetz“ zur Errichtung der NS-Diktatur im März 1933 war er einer von 94 Abgeordneten, die gegen das Gesetz stimmten. Er kam kurz in Haft und lebte danach zurückgezogen in Berlin.

Nach 1945 beteiligte sich Wissell am Wiederaufbau der Berliner SPD. Die Vereinigung von SPD und KPD im Osten lehnte er strikt ab, RRG würde ihm vermutlich auch nicht gefallen. Er erhielt viele Ehrungen und neben der Brücke sind noch eine Siedlung und eine Schule in Berlin nach ihm benannt. Das Ehrengrab ist in Mariendorf auf dem Friedhof in der Eisenacher- Straße. Da Rudolf Wissell ja ein Berliner Politiker ist, sollte es doch weitere Spuren neben der Brücke geben.

Fündig wurde ich über einen Flyer des „neuen“ alten Museums Europäischer Kulturen (Abbildung), das sich als letzter Überlebender der Dahlemer Museumslandschaft (https://berlinab50.com/2015/12/18/abschied-von-dahlem/) ein neues Logo gegeben hat (Abbildung). Also auf nach Dahlem und die Ausstellung besucht! Der Flyer berichtet über Wissells Zeit seines Lebens währende Sammelleidenschaft für altes Handwerkzeug, in dessen Ergebnis 1929 ein zweibändiges Werk “Des alten Handwerks Recht und Gewohnheit“ (Abbildung) erschien. Die umfangreiche Sammlung ging im Krieg unter. Wissell sammelte aber weiter und diese 500 Objekte umfassende Sammlung erwarb das Museum 1966 aus dem Nachlass. Ich hoffte nun, Exponate dieser Sammlung samt Informationen über Herkunft, Verwendung und Handwerksberufe zu sehen. Leider erwies sich der Flyer als Mogelpackung: Es gibt nur eine Vitrine im Foyer (siehe Abbildung). Also auch hier Enttäuschung unter „Rudolf Wissell“. Auf Nachfrage wurde mitgeteilt, dass eine Ausstellung über die Sammlung Wissell nicht vorgesehen ist und die Exponate weiter im Fundus ruhen werden. Das hat Rudolf W. nicht verdient!

Also auch hier keine Würdigung. Und was die Brücke angeht, bei dem zu erwartenden Ärger und der hohen Frequenz negativer Schlagzeilen sollte man sie einfach umbenennen. Zum Beispiel nach Sigrid Kressmann-Zschach! Zwei Fliegen mit einer Klappe, wie man so sagt: Erfüllung der Frauenquote bei Brückennamen (sieht mau aus!) und Schonung des guten Namens von Rudolf Wissell. Ach, sie wissen nicht, wer die Dame war? Die Bauunternehmerin und Architektin (1929-1990), der der Spruch nachgesagt wird „ Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben“, war in den 60-er/70-er Jahren des letzten Jahrhunderts „die“ Größe in der West-Berliner Bauwirtschaft und an vielen Senatsprojekten als Unternehmerin beteiligt. Pleite ging sie mit dem Steglitzer Kreisel. Der Berliner Senat geriet in Turbulenzen, BER lässt grüßen. Kurz gesagt, ihr Name steht für die enge Verflechtung von öffentlichem Geld, politischen Einfluss und privatem Geschäftserwartungen- kurz „Filz“ genannt. Sie war schlechte Presse gewöhnt und könnte den zu erwartenden Ärger mit der Brücke wohl besser wegstecken. Was halten sie davon?

Meint mw

Fotos(c) mw

Bin ich nun wirklich alt?

Eigentlich hatte ich bisher das Gefühl, ich sei üblicher Durchschnitt, was meine Einstellung zum meinem Alter betrifft. Über 70 und damit eben in einem Alter, in dem Geist und Körper sich erschöpft fühlen.

Wenn ich jetzt aber vermehrt Aufforderungen lese wie z.B. diese: Bleiben Sie neugierig! Bleiben Sie dran! oder Sätze wie: Die 70-er sind die neuen 60-er!, dann glaube ich eine leise innere Stimme zu hören: Vielleicht bist Du wirklich alt, Du fühlst Dich keineswegs so neugierig und willst Du auch gar nicht immer „dran bleiben“. Und: „Du denkst doch, dass das alles nur dazu gedacht ist, das Älterwerden schönzureden“.

Denn mich machen die flotten Sprüche eher mutlos, sie verunsichern mich und vor allem: Ich fühle mich unter Druck.

Ich habe mehr als sieben Jahrzehnte hinter mir und ich merke sie: Mein Körper lässt mich häufiger im Stich als mir lieb ist. Und vor allem in einer Weise, bei der mir das Neugierigbleiben ziemlich schwerfällt. Früher konnte ich stundenlang Stadtspaziergänge unternehmen, meinen Kopf verdrehen, um zu sehen, was die Häuserfronten über mir zu bieten haben, Ausstellungen besuchen, die Bilderklärungen lesen, selbst wenn sie wenig kommod platziert waren. Und mich bei allem frei und leicht zu fühlen..

Und heute, in einer Zeit, die mir alle Freiheit lässt, Neues, Unbekanntes, Verändertes zu erkunden, fühle ich mich erschlagen, müde, und ich frage mich, ist es das wert, ändert es etwas an der Tatsache, dass die Zukunft eigentlich keine mehr ist.

Vermutlich werden viele meiner Altersgenossinnen und -genossen ihre Köpfe schütteln über diese Zweifel und Ängstlichkeiten. Aber ich kann das Gefühl nicht loswerden: Vieles passiert – für mich – zu schnell; die Moden (damit meine ich nicht die Kleidermoden) wechseln im rasanten Tempo. Die Ausstellungen, die man unbedingt gesehen haben muss (muss man?), folgen Schlag auf Schlag; der Bücherberg, der unbedingt gelesen werden muss, droht umzukippen, die Filme, die ich immer noch nicht gesehen habe, die Vorträge, die so spannend sein sollen…

Und im Hinterkopf die Mahnung: Bleib dran, nimm teil, bring dich ein, bleib neugierig

Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, frage ich mich: Warum lässt mein Körper mich so schnöde im Stich. Denn die Sehnsucht nach alledem, was früher möglich war, bleibt, sie verschwindet ja nicht so einfach, nur weil ich älter, alt werde. Aber offenbar trägt sie mich nicht mehr über die Hürden, die der Körper jetzt setzt.

Noch vor wenigen Monaten war ich begeisterte Läuferin. Zwar kein Marathon und keinen der Stadtläufe, aber immerhin ein – fast – täglicher Lauf von rund einer Stunde in den Straßen von Charlottenburg. Bei jedem Wetter!

Und jetzt, einige Monate später? Nichts geht mehr: Die Knie schmerzen schon beim Gehen, die Füße tragen nicht mehr, die Sehnen sind hart und schmerzhaft. Mit einem Wort: Verschleiß! Und der bleibt! Damit ist das Ende meiner Läuferzeit eingeläutet.

Natürlich: Ich könnte mir sagen, anderen geht es viel schlechter, sind um Vieles mehr gehandicapt. Alles richtig, und vermutlich haben sie dasselbe Gefühl, wenn sie die obigen Aufforderungen lesen.

Ganz leise sagt meine Stimme dann noch etwas: Musst Du wirklich jeder Tanzaufforderung folgen? Ist es nicht auch an der Zeit, dass Du Dich damit auseinandersetzt, wie Dein Leben zu Ende gehen soll? Was Du wirklich noch erreichen willst? Nämlich, Dich mit Dir und dem Leben auszusöhnen und das Gefühl zu gewinnen: Es war gut so, und es ist gut, wie es kommen wird.

I.B.F.

P.S. Vielleicht bin ich auch einfach nur larmoyant? Was meinen Sie?

Leseerfahrung von I.A. – sie ist total verliebt in Tom

Fünf AutorInnen von Berlinab50 bilden ein literarisches Quintett und berichten an fünf aufeinanderfolgenden Tagen über ihre ersten Leseerfahrungen in der Kindheit und wie es dann weiter ging.

Als Kind lebte ich in einer kleinen Stadt und meine Eltern hatten ein Anwesen mit einem Grundstück vor dem sich ein Fluss entlang zog, und gegenüber auf einem Berg stand ein herrliches Renaissance-Schloss. Ich hatte mir in einer von Efeu umrankten Sitzecke ein Refugium eingerichtet, in das ich mich zurückzog, um in Ruhe lesen zu können.

Zu meinen stärksten Kindheits-Leseerfahrungen gehört Mark Twains, Die Abenteuer des Tom Sawyer. Noch nie hatte ich als kleines Mädchen von derartig möglichem Rassismus in der Welt und dessen Grausamkeiten gehört, geschweige denn einen schwarzhäutigen Menschen gesehen. Nach der Lektüre war ich gestählt und voller Kampfeswillen gegen jegliche Ungerechtigkeit gegenüber anders aussehenden Menschen eingestellt. Das sollte auch so bleiben und mein Leben lang bis heute versuche ich mich für Schwächere und gegen Diskriminierung einzusetzen.

Spätestens nachdem ich die Reisebücher und -berichte Mark Twains gelesen hatte, war ich von dessen scharfzüngiger Kritik und seiner genauen Beobachtungsgabe amerikanischer sozialer Verhältnisse überzeugt. Und was für ein brillanter Erzähler er ist! Im vergangenem Jahr kaufte ich mir einen Band mit Berichten, Erzählungen, Briefen und seinen Reisebüchern in einer gerade neu erschienenen Ausgabe aus dem Allitera Verlag in München: „Mark Twain in Bayern“.

I.A.

Mit diesem Happy End ist unsere kleine Serie zu Ende.

Leseerfahrung von brd – damals war’s

Fünf AutorInnen von Berlinab50 bilden ein literarisches Quintett und berichten an fünf aufeinanderfolgenden Tagen über ihre ersten Leseerfahrungen in der Kindheit und wie es dann weiter ging.

Geschichten aus dem… nein, nicht aus dem alten Berlin, sondern aus dem Mund meiner Mutter oder Oma. Ich kuschelte mich in meine Bettdecke und lauschte der wohlvertrauten, vielleicht auch einschläfernden Stimme. Es waren Geschichten von den Gebrüdern Grimm, vom Struwwelpeter oder auch aus 1001 Nacht.

Die Jahre vergingen. Ich lernte lesen und die Bibliothek für Kinder kennen. An Enid Blyton kann ich ein wenig erinnern. Viel spannender fand ich die bunten Heftchen, die in der Klasse die Runde machten. Tarzan, Sigurd, Superman, aber auch die gar nicht so kleine Micky Maus. Das Tauschen dieser Heftchen auf dem Wochenmarkt war spannend. Motto: drei Stück geben, zwei Stück erhalten. Die ersten „Romane“, die ich kennenlernte, waren aus dem Bastei Verlag: Western von G.F. Unger. Auf einer Reise nach Hamburg entdeckte ich die Hefte von Jerry Cotton, wohl auf dem Fischmarkt und habe sie eines nach dem anderen abends im Bett regelrecht „verschlungen“ Ja, ja diese Schundliteratur…

Leider habe ich in meiner Schulzeit nicht viel „Literatur“ kennen gelernt. Eine Religionslehrerin las uns von Leon Uris Exodus vor, der mich sehr beeindruckt hat, und ich las das Werk zuhause bis zum Ende, weil in den Religionsstunden dafür keine Zeit mehr war. Irgendwann später, vielleicht auch noch in der frühen Jugend, las ich Romane von C. C. Bergius und von James Clavell, wie Der Shogun oder Tai Pan. Da fand ich das Fernöstliche sehr spannend. Irgendwie gelang auch der Roman 08/15 von Hans Hellmut Kirst in meine Hände. Ich weiß gar nicht mehr so genau ob mir mein Vater diesen Roman zum Lesen gab.

Leider habe ich mich später mit Literatur nur wenig beschäftigt. Lesen ja – aber eigentlich nur die Zeitung oder ein Magazin. Mein Studium hat mich dann ganz gefordert und zum Lesen blieb kaum Zeit.

Beim Schreiben dieser Zeilen suche ich wohl auch den Anschluss an die Literatur, den ich irgendwann verpasst habe. Zufrieden bin ich trotzdem.

Ihr brd

Morgen berichtet I.A. von einem langen ruhigen Fluss, der zu ihrem Mississippi wurde und wie es mit Tom weiterging.

Scans: Ferdinand

Leseerfahrung von AvS – ihr wurde einst angst und bang

Fünf AutorInnen von Berlinab50 bilden ein literarisches Quintett und berichten an fünf aufeinanderfolgenden Tagen über ihre ersten Leseerfahrungen in der Kindheit und wie es dann weiter ging.

Wenn ich zurückdenke hatte ich meine eigenen ersten Leseerfahrungen mit zwei sehr unterschiedlichen Büchern: Auf der einen Seite Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter mit den gruseligsten Geschichten vom Suppenkaspar, vom Zappel Phillipp, vom Hans Guck in die Luft und wie sie alle hießen. Meine Güte, mir wird heute noch Angst und Bang, wenn ich an die Bestrafungen denke, die diese Gestalten aushalten mussten. Auf der anderen Seite die beiden Anarchen Max und Moritz von Wilhelm Busch. Den Beiden war kein Schabernack zu abwegig und wenn ich heute darüber nachdenke, dann sind das schon zwei sehr unterschiedliche Lebensbetrachtungsweisen, die mir da als kleinem Kind mit auf den Weg gegeben wurden.

Weiter ging  es mit Hanni und Nanni und ihren Abenteuern im Internat. Diese Geschichten lösten bei mir eine große Sehnsucht nach dieser intensiven Art des Zusammenlebens aus.

Wer mir auch in Erinnerung geblieben ist: Tom Sawyer und Huckleberry Finn sowie die Karl May Bücher .

Ich war immer eine Vielleserin und eine kreuz und quer Leserin: ob Bruce Chatwin oder Dostojeweski, Isabel Allende oder die Manns, TC Boyle oder Dickens, Fontane oder Maarten`t Hart, Böll oder Sinclair Lewis, alle sollten mir Antworten auf die Fragen des Lebens geben. Jane Austen gab mir Halt in einer stürmischen Liebesbeziehung mit Anfang/ Zwanzig, und John Irving, denn er hat Garp erschaffen. Ich habe fast alles von ihm gelesen, aber nichts reichte an Garp heran. Garp beschrieb für mich die Sehnsucht nach einer stillen, ganz tiefen und innigen Liebe. Eine Liebe, auf die man sich verlassen kann, auch wenn das Leben noch so turbulent mit einem umspringt. Diese Sehnsucht erfüllte sich zum Glück durch meinen Mann. Dann kamen die Kinder und die Zeit fürs Lesen war begrenzt. So wurde ich zur Krimi Leserin. Am besten gefiel mir Elisabeth George. Hier ging es neben den Morden auch immer um das Zwischenmenschliche und die Abgründe des Lebens.

Als vorläufig letztes Buch las ich von Elena Ferrante über zwei Freundinnen in Neapel.

AvS

 Morgen geht’s weiter mit brd.

Leseerfahrung von go – sie widerspricht

Fünf AutorInnen von Berlinab50 bilden ein literarisches Quintett und berichten an fünf aufeinanderfolgenden Tagen über ihre ersten Leseerfahrungen in der Kindheit und wie es dann weiter ging.

Ich muss Ferdinand widersprechen: Zugegeben, nicht alles von Gabriel Garcia Marquez hat mich begeistert, aber „Hundert Jahre Einsamkeit“, „Liebe in den Zeiten der Cholera“ oder die „Chronik eines angekündigten Todes“ gehören zu den Büchern, die mich in eine faszinierend fremde Welt entführten, aber das war erst Anfang der 1980-er Jahre…

Zu meinen frühen Leseerfahren gibt es zwei Episoden zu berichten, die meine Leidenschaft für das Lesen exemplarisch belegen:

Ida Bohattas kleine Bücher – vom bösen Knollenblätterpilz, der so ähnlich aussieht wie der Champignon, von den Beerenkindern im Wald und den kranken Mäusekindern. Da war ich vermutlich 6 oder 7 Jahre alt. Neben diesen Lieblingen gab es die Pixibücher, mit denen ich den Umfang meiner ersten Bibliothek vergrößern konnte. Sie waren klein – 10x10cm – hatten wenig Text und viele schöne Bilder. Zusammen mit meiner Schwester erstellten wir unsere eigenen Pixibücher. Um ehrlich zu sein, wir kopierten sie. Wichtiger als der Inhalt war die Buchherstellung selbst – das gleiche Format, der gleiche Umfang und die gleichen Illustrationen.

Später galt meine Leidenschaft Karl May. Ich begann mit Winnetou I. Um die Lektüre wirklich zu genießen, verkroch ich mich in meine Bett-Höhle im unteren Teil eines Stockbetts, mit Decken von der Außenwelt gut abgegrenzt. In eine alte Wolldecke schnitt ich für meine beiden Hände zwei kleine Kreise so ein, dass oben viel Decke zum Abdecken des Oberkörpers und Hals blieb und meine Hände das Buch gut halten konnten. So konnte ich wohlig und warm den Kämpfen Winnetous und Old Shatterhands folgen.

Ich lese noch heute gerne im Bett und ich sammele leidenschaftlich Bücher.

go

Morgen lesen Sie wie es AvS einst angst und bang wurde.

Fotos(c) go

Leseerfahrung von Ferdinand – er liest und liest und…

Fünf AutorInnen von Berlinab50 bilden ein literarisches Quintett und berichten an fünf aufeinanderfolgenden Tagen über ihre ersten Leseerfahrungen in der Kindheit und wie es dann weiter ging.

Den Stein ins Rollen brachte Ferdinand, der deshalb den Anfang machen darf.

Märchen, ja, sie sind wohl für die meisten Kinder die erste Begegnung mit der Literatur. Meine Mutter erzählte sie mir, um mich zum Einschlafen zu bringen, Meist in „entschärfter“ Form. Märchen sind grausam, und als ich sie später selbst lesen konnte, fürchtete ich mich oft, sah bedrohliche Schatten an den Wänden, hörte Geräusche…

Dennoch wurde ich zur „Leseratte“: Fünf Freunde von Enid Blyton und natürlich Comics, wie Micky Maus und Prinz Eisenherz. Man tauschte die Hefte mit Freunden und Mitschülern. Winnetou und Old Shurehand von Karl May fand ich spannend, seine anderen Bücher begeisterten mich nicht. Jack London wurde mein Favorit.

Mit beginnender Pubertät griff ich in den Bücherschrank der Eltern, las Weltliteratur ohne es zu ahnen: Arnold Zweig, Der Streit um den Sergeanten Grischa und Margret Mitchell, Vom Winde verweht. Bei dem südamerikanischen Schriftsteller Amado Jorge (Kakao) spürte ich zum ersten Mal das Spannungsfeld zwischen Mann und Frau, und einen erweiterten Aufschluss gab mir Lady Chatterley von D.H. Lawrence.

Wie viele Bücher ich als Erwachsener las, kann ich nicht sagen. Die Liste wäre vielleicht so lang wie die Geschichten der Scheherazade: Reißer von Simmel und Konsalik, Klassiker von Hemingway bis Thomas Mann und jede Menge Biografien. Doch was immer in Erinnerung bleibt sind die Stilisten, wie Fontane oder Nabokov und die großen Erzähler, von Günter Grass (Die Blechtrommel) bis hin zu Haruki Murakami und Javier Marias. Ja, und am meisten zerfleddert: „Gantenbein“ von Max Frisch…

Und die Langweiler?: Garcia Marquez (Leben, um davon zu erzählen) und Patrick Modiano (Place de L’Ètoile, Eine Jugend). Beide Nobelpreisträger, sorry. Literatur ist eben Geschmacksache.

Ferdinand

Schon morgen geht es weiter mit go

Scans: Ferdinand

Eine vergessene Porzellanmanufaktur

„Kennen Sie Schomburg?“ wollte ich sofort PB fragen, als ich mit großer Begeisterung seinen Bericht über die Sammlerleidenschaft für Isolatoren las. Mir fiel spontan eine Ausstellung im Tiergarten ein, die vor über 20 Jahren unter diesem Motto stand. 1996 zeigte das Heimatmuseum in der Turmstraße eine stadthistorische Ausstellung des außerordentlich engagierten Museumsleiters Bernd Hildebrandt zu der in Vergessenheit geratenen Porzellanmanufaktur Schomburg am Spreebogen in Alt-Moabit. Carl Schomburg gründete hier 1853 -westlich von der Porzellanmanufaktur F.A. Schumann (auf ihrem Gelände baute nach 1886 die Meierei Bolle ihre Auslieferungszentrale)- eine Porzellanmanufaktur. Neben Haushaltsgeschirr wurde sehr bald auch Elektroporzellan hergestellt, denn die Entwicklung von Telegrafie, Telefonie (ab 1881) und Elektrizität hatten eine gewaltige Nachfrage nach Isolatoren geschaffen. Isolatoren in allen Formen und Größen wurden von Schomburg bis 1902 an der Spree produziert. Bereits 1848 hatte Werner Siemens Porzellan als geeignetes Material vorgeschlagen, es dauerte doch noch einige Zeit, bis Porzellan sich gegenüber anderen Materialien durchsetzte.

Die unglaubliche Vielfalt an Isolatoren, die in der Ausstellung gezeigt wurden und die sicher noch im Depot lagern, entstammte dem Grund der Spree. Hildebrandt gelang es, bei der Räumung des Schumann Grundstücks – hier entstand Anfang der 90iger Jahre der Focus-Teleport als Standort für Technologiefirmen- die Bauleitung zu überzeugen, Fundstücke aufzuheben. Als das Spreeufer mit Wasserbaggern bearbeitet wurde, kamen ungeahnte Schätze zum Vorschein-die Spree war die Müllhalde von Schomburg. Der Tauchclub Berlin schickte auf Anfrage zwei Taucher. Bei der Fülle der Funde kam die Idee auf, die Geschichte von Schomburg, die hier zwischen 1853 und 1902 Industrieporzellan herstellten, zu erforschen. Die Firmengeschichte, aber auch die schweren Arbeitsbedingungen der Arbeiter, die eine Lebenserwartung von nur 40 Jahren hatten (Staublunge) und der Kampf um soziale Sicherheit wurden in der Ausstellung thematisiert. 1902 musste die Firma wegen der Beschwerden der Berliner (Dreckschleuder) nach Sachsen aufs Land umsiedeln. Übrigens gibt es auf Anregung eines Schomburg-Nachfahren seit ca. 1960 eine Schomburg Straße in Marienfelde.

Das erst 1987 gegründete Heimatmuseum Tiergarten fiel der Bezirksfusion zum Opfer, Bernd Hildebrandt ging 2004 in den vorzeitigen Ruhestand. Seit 2004 ist das Tiergartenmuseum gemeinsam mit dem Weddinger- und dem Alt- Berliner Heimatmuseum im neu gegründeten „Mitte-Museum“ in der Pankstraße vereint. Das Museum im denkmalgeschützten Schulgebäude von 1864 ist seit Frühjahr 2016 für zwei Jahre wegen Sanierung geschlossen. Vielleicht kann die Ausstellung nach Wiedereröffnung noch einmal gezeigt werden? Ein seltenes, aber die Bedeutung Berlins als Wiege der Elektrotechnik schön illustrierendes Sammelgebiet sollte den Berlinern nicht vorenthalten werden.

Meint mw

 

Isoldes Filmtipps: EMPÖRUNG und´´´´´´´´´ A UNITED KINGDOM

Zwei Filme kommen jeweils im Februar und März in unsere Kinos, die in den 50er Jahren spielen. Anhand von umfangreichen Archivmaterial wird diese Epoche detailliert beschrieben und nachempfunden:

EMPÖRUNG

…die Geschichte einer jugendlichen Rebellion. Nach dem gleichnamigen Erfolgsroman (2008) von Philip Roth auf die große Leinwand gebracht. Er lief bereits während der 66. Filmfestspiele in Berlin unter der Rubrik „Panorama“.

James Schamus (Drehbuch und Regie). USA 2016. 111 Minuten

Kinostart 16. Februar 2017

Marcus Messner (Logan Lerman) bekommt die Möglichkeit an einem College zu studieren und kann sich dadurch den Sorgen seiner Eltern entziehen und muss nun vor allem nicht dem koscheren Metzgergewerbe seines Vaters nachgehen. In Winesburg, Ohio, will er unbedingt der Beste sein…, aber die Konfrontation mit dem erzkonservativen Dekan (Tracy Letts) und der verführerischen Olivia (Sarah Gadon), lassen ihn wider Willen zum Rebellen werden.

Es ist eine tragische Liebesgeschichte und eine beeindruckende philosophische Geschichte über das Dasein und die Dinge, die unser Schicksal bestimmen, tiefsinnig und komisch zugleich… Die Geschichte ist nicht autobiografisch, aber persönlich und tiefgründig, und spiegelt Roths Leben in groben Zügen wider.

Der Filmautor, lässt sich über die literarische Arbeit Roths von Texten Silvia Plaths und Allen Ginsbergs Beat-Poesie inspirieren und somit ist ein reizvoller, liebevoll nachgestalteter Film entstanden, der die Zeit vor der sexuellen Revolution in Amerika, mit ihrem Antikommunismus und ihren Hetznachrichten, dem Koreakrieg, der auf der anderen des Ozeans tobt, vor unseren Augen neu entstanden.

A UNITED KINGDOM

Regie: Amma Asante. Land: Vereinigtes Königreich. 105 Minuten

Kinostart März 2017

Der Film basiert auf außergewöhnlichen, wahren Begebenheiten. Im Jahre 1947 verliebte sich Seretse Khama, König von Bechuanaland (dem heutigen Botswana), in die Londoner Büroangestellte Ruth Williams. Ihre Heirat wurde nicht nur von ihren beiden Familien, sondern auch von den Regierungen Großbritanniens und Südafrikas abgelehnt. Doch Seretse (David Oyelowo) und Ruth (Rosamund Pike) trotzen ihren Familien und dem britischen Empire – ihre Liebe war stärker als jedes Hindernis, das sich ihnen in den Weg stellte. Sie veränderte die Geschichte, die an Spannung und Romantik unvergleichlich ist.

Die Regisseurin des Films, Amma Asante, ist in Stratham im südlichen London aufgewachsen, als Kind ghanaischer Einwanderer. Als „schwarze Britin“ konnte sie die Geschichte aus einer doppelten Perspektive betrachten, als Kind von Eltern, die in einer britischen Kolonie groß geworden sind und miterlebt haben, wie diese Unabhängigkeit erlangten.

Es ist ein außergewöhnlich spannender und reizvoller Film entstanden mit Menschen, die für ihre Überzeugungen kämpfen und nicht zulassen, dass Vorurteile zu Kultur ihrer Länder gehören.

I.A.

Alte Frau im neuen Kranzler

Ich liebe Berlins Kaffeehaus-Kultur. Sie ist für mich in den letzten Jahren immer besser und reichhaltiger geworden. Mittlerweile kann ich sogar den verplüschten Sacher-Sahne-Torten-Cafès etwas abgewinnen. Als ich in den 80er Jahren nach Berlin kam, konnte ich das noch nicht. Das Cafè Kranzler z.B. war für mich der Inbegriff der Spießigkeit. Es stand für alte Menschen, die ihre Langeweile im Filterkaffee ertränkten. Ich glaube, ich war nie dort.

Café Kranzler im Jahr 1969

2017: Luftig…

Ich war auch nicht dort, als es nach Schließung des historischen Cafès im Jahre 2000 nur noch als kleiner Ableger in der Rotunde über dem Geschäft von Gerry Weber betrieben wurde. Nun aber, nach der neuen Eröffnung im Dezember, nach dem Hype um den angeblich besten Kaffee der Stadt und den umstrittenen Betreiber aus Prenzlauer Berg, nun wollte ich es mir doch auch einmal anschauen.

Jetzt bin ich selber eine ältere Dame und endlich fühle auch ich mich im Café Kranzler gut aufgehoben. Mir hat es nämlich gefallen. Auch wenn man nur auf Hockern sitzen kann, auch wenn es keine Kännchen Kaffee gibt, auch wenn das Tortenangebot sehr überschaubar ist, auch wenn es von Hipster-Jungen-Männern betrieben wird. Oder gerade deshalb.

Beim Hineinkommen hat mich die luftige Weite und Helligkeit des Raumes überrascht. Das liegt bestimmt auch daran, dass er nicht übermäßig möbliert ist. Rund um die Rotunde sitzt man an der Fensterfront auf Barhockern an Hochtischen mit Blick auf das Geschehen rund um den Joachimsthaler Platz.

…auf Hockern

Unter den Füßen wuselte das geschäftige Großstadtleben. Ich bin keine Kaffee-Trinkerin, habe mir also einen Tee bestellt, der war ausgezeichnet. Tee und Filterkaffee werden in kleinen Glaskannen auf einem Holztablettchen serviert. Was heißt serviert, man muss sich selber bedienen. Aber auch das finde ich gut, ich mag diese Coffee-Shop Atmosphäre. Man holt seine Speisen und Getränke selber am Tresen ab und sucht sich einen schönen Platz. Entweder an den Hochtischen oder auf der kleinen Empore, dessen Stufen mit Kissen bestückt sind oder einen der kleinen Hocker vor den niedrigen Tischchen. Im Sommer wird man draußen auf dem Balkon sitzen können, was ich mir jetzt schon als sehr anregend ausmale. Das Publikum war an dem Nachmittag angenehm gemischt. Vom Vater mit Kind über einen älteren Herrn, der Zeitung las und zwei älteren Damen, die sich angeregt unterhielten bis hin zu ganz jungen Menschen, war alles vertreten. Das neue Cafè Kranzler ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Wenn man ein wenig das moderne, schnelllebige, trendige Berlin erleben möchte, ist man hier genau richtig.

AvS

Fotos(c) AvS, PB