Berlin ab 50…

… und jünger

Wenn die Welt über Nacht still wird

Und: Warum ich begann, das geschriebene Wort zu schätzen.

VON INGRID BURGHARDT-FALKE

Wer als gesunder, mit allen Sinne ausgestatteter Mensch zur Welt kommt, denkt kaum darüber nach, was es bedeutet, fühlen, hören, sehen, riechen zu können. Und schon gar nicht darüber, was es heißt, über einen der Sinne nicht zu verfügen. Erst wenn man einem Menschen begegnet, der nicht sehen, nicht riechen, nicht hören kann, beginnt man zu ahnen, was das bedeutet. Aber es ist nur eine Ahnung und vor allem: Es betrifft einen ja nicht selbst.

Ganz anders fühlt es sich an, wenn man, wie es mir passierte, über Nacht nicht mehr hören kann. Buchstäblich über Nacht, denn als mein Bewusstsein endete, konnte ich hören. Später, nach fünf oder sechs Tagen, als ich aus dem Koma wieder erwachte, hatte ich diese Fähigkeit verloren. Taub, ohne Gehör, hörgeschädigt – das war ich ab diesem Zeitpunkt Und eben nicht mehr ein „Normalhörenden“.

Schritte auf dem Flur, das Öffnen der Türen, die Stimmen der Schwestern und Ärzte und vor allen Dingen die meines Mannes – nichts von alledem kam bei mir an.

Wann ich wirklich begriffen habe, was passiert ist – ich weiß es nicht. Erst einmal schien es mir nur eine vorübergehende Störung; auch die Ärzte hielten es wohl für besser, die Wahrheit für sich zu behalten. Wenn sie überhaupt selbst wussten, wie weit die Schädigung geht – auch das ist nicht gesichert.

Ich war auf jeden Fall überzeugt: Das wird wieder! Vorläufig, in der Zeit, in der ich noch im Krankenhaus war, behalf ich mir mit einer Tafel. So, wie man sie als Kind hatte. Man konnte darauf schreiben und mit einer Handbewegung alles wieder löschen. Kennt vermutlich jeder. Diese Tafel habe ich allen, die mir etwas sagen, erklären wollten, vor die Nase gehalten und sie gebeten, es aufzuschreiben.

Klingt einfach, nicht wahr? War es aber nicht und die erste Lektion, die ich lernte war: Kaum jemand schreibt gern auf, was er normalerweise sagen könnte. Schreibblockade – so könnte man es nennen. Manchmal half auch alles Bitten nicht, zumal bei vielen offenbar die Vorstellung herrschte: Sie muss mich doch verstehen! Ich spreche doch laut (!) und die Sache ist doch ganz einfach!

Diese Lektion, dass Aufschreiben für sehr viele eine große Barriere bedeutet, gilt auch noch heute und wird gelten, so lange ich lebe. Warum das so ist – ich weiß es nicht. Und ich habe noch nie jemanden getroffen, der mir darauf eine Antwort geben konnte oder wollte.

Nach dem Krankenhaus, halbwegs wieder bei Kräften und vor allem nach der Erkenntnis, dass es nicht mehr so sein wird wie früher, dass die Schädigung bzw. Taubheit unwiderruflich ist, begann die Suche nach Hörgeräten, dem Ersatz. Eine Brille – das ist ein Hilfsmittel, das im Bewusstsein sehr vieler Menschen fast Normalitätsstatus hat. Ein Hörgerät – sehr viel weniger. Und genau so ging es mir. Weder wusste ich, wie es funktioniert noch ahnte ich, was auf mich zukommen würde. Eine Brille verändert nicht das Sehen an sich und außer Anpassung und Gewöhnung ist nicht allzu viel nötig, um damit zurecht zu kommen. Bei Hörgeräten ist das ganz anders: Das Hören muss neu gelernt werden. Töne, Klänge, Sprache – all das klingt anders: Für mich deprimierend anders. Ich konnte zwar Laute hören, aber es gelang mir nicht, diesen Lauten Wörter zuzuordnen. Darüber hinaus war alles schrecklich laut, ohne jede Melodie, eben auch ohne Sinn. Ohne Richtung und ohne jeden Filter. Und kein Satz, den ich zusammenhängend heraushören konnte.

Diagnose nach all den Versuchen: Schwerhörigkeit, die an Taubheit grenzt.
Vorläufiges Ende und Fazit dieser Geschichte, die für mich noch nicht zu Ende ist: Ohne das geschriebene Wort, ohne die Bereitschaft der Mitmenschen, zu schreiben statt zu telefonieren wäre meine Möglichkeit der Kommunikation noch mehr gegen Null gerichtet. Das Internet, die Idee, Blogs zu kreieren, die Erfindung der E-Mails – all das ist für mich fast lebenswichtig.

Und deshalb hoffe ich, dass dieser Blog zum Mitmachen und Mitteilen anregt. Schreiben Sie! Über dieses Thema oder über ganz andere. Über alles, was Sie bewegt, interessiert, worüber Sie sich austauschen, was Sie wissen wollen.
Ich werde, wenn Sie wollen, weiter berichten, was man „Nicht-Normalhörender“ lernen, akzeptieren muss, wie sich Kommmunikation steuern lässt, wie Sie in Bus, Zug, in Gesellschaft besser zurecht kommen. Und auch: wie Sie sich wehren können

Ein Kommentar

  1. Bewunderer

    Eine sehr ehrliche und tief bewegende Beschreibung über Ihren plötzlichen Hörverlust. Ihr Mut und Ihre Bereitschaft, sich auf diese Weise mitzuteilen gebühren hohe Anerkennung. Ich bin überzeugt, dass Sie damit vielen Menschen in ähnlicher Situation helfen werden. Bitte machen Sie weiter mit dem Schreiben!

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