Für Paris bin ich zu alt!

oder: Wie einem eine Stadt entgleiten kann

Diese  Erkenntnis während meiner letzten Kurzreise nach Paris hat mich ziemlich getroffen. Im letzten Jahr wäre es mir nicht im Traum eingefallen, dass ich einmal so empfinden würde – dieses Jahr ist alles anders.

Warum?

(c) Pixabay

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Paris ist eine  grandiose Stadt und die Achse Berlin – Paris (und wieder zurück!) wird immer funktionieren – politische „Eiszeiten“ hin oder her. Die Stadt bleibt ein Traum all jener, die sie nicht kennen, und fast alle, die schon einmal dort waren, werden zum Wiederholungstäter. Kein Wunder, denn Paris und seine Arrondissements sind ein kleiner Kosmos. Jedes Arrondissement ist für sich eine eigene Welt mit Läden und Geschäften, die einem in ein anderes Jahrhundert versetzen. Die Museen, die Gärten, das Licht, der Mythos – all das lässt Paris einzigartig erscheinen. Und nimmt man dann noch die französische Lebenskultur, den Film, die Bistros, die Seine hinzu – bezaubernd und verzaubernd.

Und doch die Erkenntnis: Ich bin zu alt geworden, die Stadt entgleitet mir.

Denn dieses Mal habe ich offenbar nur das sehen können, was für mich den Tag – jetzt  jenseits der 65 – plötzlich  schwierig macht. Was mich frustriert, quengelig, hektisch und ungerecht macht.

Wie z.B. die Metrostationen. Als Urlauber fährt man Metro (oder geht zu Fuß, was mit dem Alter auch nicht mehr das reine Vergnügen ist . Die großen Knotenpunkt-Stationen waren schon immer eine Herausforderung, aber zu bewältigen, wenn man das System einmal durchschaut hat. Enge Gleiszugänge mit Drehkreuzen und Schwingtüren, lange Gänge, Treppen, Abzweigungen, wieder Gänge und Treppen – noch vor kurzem war  das sogar ganz spannend: bunt und  etwas hektisch, aber eigentlich niemals drängelnd, unfreundlich oder ruppig.

Dieses Mal: Plötzlich suche ich nach Rolltreppen oder Aufzügen, sie  wären jetzt im Alter durchaus eine Alternative. Aber wo und wie finden? Mir ist es selten gelungen: Rolltreppen gibt es wenige, Aufzüge sind mir völlig entgangen. Geblieben sind die Treppen und die werden – noch dazu mit Koffern – jetzt zu einer sportlichen Herausforderung, auf die ich inzwischen hätten gut verzichten können. Wie alte Menschen mit Rollatoren (niemand ist davor gefeit!), Mütter mit Kinderwagen durch die Metrowelt kommen – mir ein Rätsel .

Die Drehkreuze: Auch sie sind schwieriger zu überwinden als noch vor einem Jahr. Man darf wirklich nicht mucken, nicht zucken, was mit Koffer

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schon fast akrobatisch wird.. Die passenden Metrolinien zu finden und die richtige Richtung – das ist wie in jeder Stadt: Ohne Metropläne, kleinteilige Stadtpläne und gute Augen geht gar nichts, in Berlin ist das nicht anders. Nur dass die Stationen in Paris meistens sehr viel größer, verzweigter sind: Man läuft und steigt hinauf, läuft wieder, biegt ab, steigt hinunter und wieder hinauf – bis man endlich dort ist, wo man glaubt richtig zu sein. (Sollten Sie fragen wollen, weshalb ich kein Taxi nehme, wenn es mir zu beschwerlich wird:  Weil ich früher auch keines gebraucht habe, weil ich es genossen habe, mich wie eine Einheimische zu bewegen.)

Die Busse: Nun ja, sie sind wie in Berlin, also handhabbar. Die Berliner Diskussion über absenkbare Busse  wird es allerdings in Paris nie geben – ich habe in all den Jahren keinen Bus gesehen, der darüber verfügt

Die Kreuzungen: Unüberschaubar! Und selten ein „Kreuz“, sondern eher ein Sechseck mit vielen einmündenden Straßen. In Berlin scheinen sie  wie aus einem Baukasten entnommen: je zwei Straßen nach Norden/Süden bzw. Osten/Westen – mehr meistens nicht. Und dazu: übersichtlich mit sichtbar positionierten Ampeln, die man, wenn man will, auch sehen kann, manchmal sogar abgeschrägte Bürgersteige. In Paris: Ampeln winzig klein – für müde Augen, die man im Alter nun einmal bekommt,  kaum zu entdecken. Immer an einer anderen Stelle, so dass man vor lauter Suchen und Nichtfinden die Fußgängerphase verpasst. Einfach mitzulaufen – das ist ein Wagnis. Junge Leute laufen einfach zwischen den Autos hinüber – und kommen auch heil an. Was ich von mir in meinem Alter nicht mehr annehme.

(Seltsamer- oder vielleicht logischerweise gibt es auch kaum Radfahrer – vermutlich haben sie erkannt, dass sie – im Gegensatz zu Berlin – durchwegs den Kürzeren ziehen. Sich mit einem Touristenfahrrad auszurüsten, ist also auch keine Option.)

Zebrastreifen: Gibt es natürlich. Aber kaum ein Autofahrer scheint sie ernst zu nehmen – worauf man in Berlin ab und an hoffen kann.

Mindestens einmal am Tag landet man in einem Bistro – vorzugsweise gegen Abend, wenn alle Pariserinnen und Pariser nach Büroschluss in „ihrem“ Bistro Station machen (um zu chillen heißt es heute wohl ) Im letzten Jahr habe ich die Atmosphäre genossen: es fühlte sich so authentisch an! Bevorzugter Standort: am Tresen (was nicht nur preiswerter ist, sondern vor allem „einheimischer“).

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In diesem Jahr haben wir vornehmlich nach kleinen Bistros in den Nebenstraßen gesucht. Es gibt sie überall, wenn man sie finden will. Und sie vermitteln den Eindruck, als sei die Zeit von Monsieur Maigret noch lange nicht vorbei. Diese Suche nach dem Unscheinbaren verbuche ich  im übrigen tatsächlich als ein Plus im Alter. Man lernt, sich jenseits des „Mainstreams“ umzuschauen und nach Kleinoden zu suchen, die nicht in jedem Reiseführer stehen. Man muss nicht mehr im großen Trubel sein; das Versteckte, Alte – dafür hat man jetzt mehr Zeit. Und gerade deshalb ist es so frustrierend, dass man am Alltäglichen wie Metro, Bus, Straßenverkehr zu verzweifeln glaubt. Für manche mag alles übertrieben geschildert sein. Das kann sein. Deshalb frage ich mich (und vor allem Sie als Leser): Geht es Ihnen ähnlich bzw. können Sie sich vorstellen, auch einmal so zu denken und zu fühlen?

Und auch: Ist das wirklich Grund genug, melancholisch und ein bisschen resignativ zu werden? Ich meine ja, denn heute ist es nur eine Stadt, die mir entgleitet, morgen sind es alltägliche Dinge und übermorgen entgleitet mir vielleicht mein Leben. Das ist die wahre Erkenntnis.

 

Ingrid Burghardt-Falke

 

P.S. Berlin fühlt sich nach Paris wie eine Idylle an!

 P.S. Nr 2. Wenn Sie vorhaben, nach Paris zu fahren – tun Sie es. Unbedingt. Setzen Sie sich in den Jardin du Luxembourg mit einem Baguette, dazu eine Landpastete und schauen Sie den kleinen  Booten zu, die auf dem Wasser tanzen, ein jedes aus einem anderen Land. Und studieren Sie das Büchlein von Helen Broerken: Paris-Spaziergänge (April 2013, 9.99 €)

 

 

 

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