Berlin ab 50…

… und jünger

Die Geister, die ich rief….

Erinnerungen – lange verdrängt, aber nicht vergessen

Mit meinem Bericht  über die erste Zeit nach dem Gehörverlust habe ich die Schleusen geöffnet für Erinnerungen. Die ich bislang verbannt hatte aus meinem Gedächtnis Ich wollte mir einfachzusätzliche Belastungen durch Erinnern und Aufarbeiten ersparen.

Der ganz normale  Alltag, aber mit neuen Vorzeichenhttps://www.rettungsdienst-ludwigsburg.de/system/html/gehoerlos-v-t-michel-8a07e6c0.jpg

Der Alltag bedeutete plötzlich Kampf! Den ich so nicht erwartet hatte und auf den ich nicht eingestellt war. Ich war über 50 Jahre normalhörend, hatte nie mit gehörgeschädigten Menschen Kontakt, denn auch mein gesamtes Umfeld war (und ist) normalhörend.

Wie also „oute“ ich  mich? Eine Vokabel, die mir damals nie in den Sinn gekommen ist, aber jetzt in der Erinnerung ist es genau das gewesen: das Eingeständnis, nicht mehr voll zu funktionieren. Damals dachte ich: Es ist alles ganz einfach, ich muss alle, die mich kennen,  über die neue Situation informieren – und dann ist  alles in Ordnung. Wie naiv war ich eigentlich? Natürlich nahm  es jeder mit großem Bedauern zur Kenntnis – „oh je, das tut mir leid, das ist ja schlimm, aber sei doch froh. Du hast ja überlebt“! Da war er, der Satz, der mich bis jetzt beschäftigt. Ja, ich hatte überlebt (womit die Ärzte eigentlich nicht so recht gerechnet hatten), aber  darf ich mich nicht fragen, ob das wirklich alles aufwiegt? Ist es undankbar, unangemessen, Zweifel daran zu haben, dass ein Leben ohne Gespräche, ohne Diskussionen, ohne verbales Herumalbern, ohne Tuscheln, vertraute Andeutungen, ohne Klang, ohne Musik, ohne Ironie und Witz  – dass ein solches Leben ohne Wenn und Aber geliebt werden muss?  Mit einer Kommunikationsmöglichkeit, die aus Ein-Sätzen  besteht und nur einen „Gesprächs“partner verträgt?

Dieses Zweifeln ist  hartnäckig und ich finde keine Antwort.

Viele Menschen müssen große Leiden (größere als meine) ertragen, und jeder ist letzten Endes damit allein. Ich kann mich nicht wirklich in einen Menschen hineinversetzen, der von einer Krebserkrankung getroffen ist, es wäre vermessen das zu glauben. Aber ich kann ihm so begegnen, dass der Kranke sein Leiden, seine Verzweiflung mitteilen, ausleben kann Ohne dass er fürchten muss,  auf oberflächliche Tröstungen zu stoßen – nach dem Motto: Es wird schon wieder. Und schau, der oder die hat es auch überlebt..

Damals habe ich all dies nicht wahrhaben wollen. Ich wollte wohl einfach die Illusion bewahren, dass es  die Hörgeräte schon richten werden.. Man kannte ja die Altersschwerhörigkeit und das Mittel dagegen: Laut sprechen – dann würde es schon gehen.

Es ging nicht, ganz im Gegenteil: Ich verstand trotzdem nichts, dafür wurde alles unerträglich laut. Und eben nur laut, das Wortverständnis blieb auf der Strecke. Ich fragte nach, die Antwort verstand ich wieder nicht. Manchmal wagte ich es noch, erneut nachzufragen, aber das Ergebnis war immer dasselbe. Ich bekam es einfach nicht auf die Reihe. Hilflose Blicke von allen Beteiligten und dann, wenn mein Mann dabei war, wurde er zum Gesprächspartner. Natürlich war das für alle Beteiligten einfacher – ich kann das verstehen, aber ich kann darüber nicht glücklich sein. Ich möchte selbst entscheiden können, was mich an dem Gespräch interessiert und nicht hören müssen: Ach, das war nicht so wichtig!

Dazu kommt noch etwas, wohl eine menschliche Schwäche, von der ich mich selbst früher auch nicht freisprechen konnte: Niemand mag es, wenn ihm ständig auf den Mund geschaut wird – was ich immer getan habe und noch tue, um durch Ablesen vom Mund wenigstens Stichwörter mitzubekommen. Dieses ständige Angeschaut-werden ist für viele eine Belastung, sie fühlen sich „angestarrt“, nicht mehr frei und unbefangen, werden gereizt. Wieder ein Grund mehr, Gespräche zu vermeiden.

Je länger der Zustand andauert, je weniger fühle ich mich als die Person, die ich einmal war. Immer noch wehre ich mich, den Hörverlust wirklich anzunehmen. Ich verhalte mich oftmals so, als könne ich hören – was manchmal fatale Folgen hat.  Aber im Innersten weiß ich, dass ich nicht mehr in die Welt der Hörenden gehöre, aber auch nicht zu der  Welt derer, die gehörlos geboren oder sehr frühzeitig das Gehör  verloren haben. Sie haben ihre eigene Welt, ihre eigene Sprache, sie können – auf sehr differenzierte Weise und hohem Niveau – miteinander kommunizieren.

Ich höre oft den Rat, die Gebärdensprache zu lernen. Was aber würde es mir helfen? Würde einer aus meinem Umfeld bereit sein, sie ebenfalls zu lernen? Ganz sicher nicht, und auch nicht meine Familie. Was ich verstehe und auch akzeptiere.

Das Schlimmste ist wohl, dass ich Menschen nicht mehr einschätzen kann: Weil ich ihre Stimme nicht höre, nicht die Nuancen in der Sprachmelodie, nicht die Ironie, den Sprachwitz, Emotionen – all das kann ich nicht mehr heraushören. Und genau das macht die Beziehung der Menschen untereinander so einzigartig.

Und ich habe Angst, dass ich meine eigene Sprache verliere, denn ich kann mich selbst ja auch nicht hören. Ob ich (zu) laut oder (zu) leise spreche, ob ich noch richtig artikuliere – das alles höre ich nicht mehr.

Aber es sind auch ganz praktische Dinge, die das Leben anstrengender machen. Zum Beispiel weil ich nicht telefonieren kann: Jeden Termin, jede Verabredung, jede Nachfrage muss ich entweder per Mail oder persönlich auf den Weg bringen. Alles, was früher in wenigen Minuten zu erledigen war, wird zur Zeitfalle.

Und das macht zusätzlich müde – je älter ich werde.

Ich will meine Erinnerungen erst einmal wieder verbannen. Wenn Sie diesen Text lesen, hoffe ich, dass Sie  ihn nicht als Anklage gegen  die Welt im allgemeinen und besonderen werten, nicht als selbstbemitleidendes Jammern. Und glauben Sie mir, dass ich Verständnis habe für das Verhalten in meinem Umfeld.

Wenn Sie mögen, setze ich meine Erzählung fort. Vielleicht haben Sie ja Lust, mir zu schreiben.

Was ich erreichen möchte, ist, dass mehr Menschen sich einfühlen können, was das Leben für Hörgeschädigte schwer macht. Erblindete oder körperbehinderte Menschen sind „erkennbar“, Hörgeschädigte und Ertaubte meistens nicht.

Das zeigt schon die Tatsache, dass zwar fast jeder das Zeichen für Blindheit und für Körperbehinderung kennt, aber wohl kaum jemand das Zeichen für „Gehörlos“.

Ingrid Burghardt-Falke

 

P.S. Ich möchte noch auf einen Film aufmerksam machen, der großen Eindruck auf mich gemacht hat. „Jenseits der Stille“ von Charlotte Link. Manche von Ihnen  werden ihn gesehen haben. Es ist ein wunderbarer einfühlsamer und emotionaler Film, der sich auseinandersetzt mit der Frage nach dem Mit- und Nebeneinander von Hörenden und Nichthörenden. Es ist auch ein Film mit  Situationskomik, und er spricht alle Sinne an (die Musik dazu muss wohl noch einmal ganz besonders schön sein) . Da er schon älter ist, wird er im Kino nur noch selten gezeigt. Aber es gibt in auf DVD (ob die Untertitelung ausblendbar ist, weiß ich allerdings nicht).  .

Ein Kommentar

  1. M.Z.

    Sehr anschauliche Schilderung!! Man macht sich die vielen Folgen des Nicht-mehr-hören-Könnens gar nicht klar. Der Artikel öffnet einem die Augen.

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