Berlin ab 50…

… und jünger

Geburtstagsüberraschung

Wir sind eine sehr angenehme Hausgemeinschaft. Wir plaudern miteinander, wir  nehmen gegenseitig Pakete an, wir haben Hoffeste…

In unserem Haus wohnt auch eine 95jährige alte Dame, die nicht mehr vor die Türe geht, aber immer sehr gepflegt – mit Rouge auf den Wangen und Kette um den Hals – aus dem Fenster sieht, was sich in unserem schönen Hof so tut. Sie ist in diesem Haus geboren und hier wird sie auch sterben. Im Dezember letzten Jahres wurde sie 95. Zu Ehren dieses hohen Geburtstags kam eine Berliner Zeitung und machte einen Bericht, der uns alle überraschen sollte…

Frau Woelk bat einen Nachbarn, der sich ein wenig um sie kümmert, ihre diese Zeitung mit dem Geburtstags-Artikel zu besorgen. Er ging jeden Tag zum Kiosk. Nach einigen Tagen des Wartens kam eben jener Nachbar etwas bleich mit einer Zeitung die Treppe hoch – hielt sie uns hin und sagte gar nichts. „Ich war die Vorkosterin von Adolf Hitler“ stand in großen Lettern auf der Titelseite. Wir schluckten, keiner hat dies bisher gewusst, keinem hat sie dies bisher erzählt. Die Überraschung war perfekt.

Margot Woelk überraschte vermutlich auch den Lokalreporter, der nur einen kleinen Bericht für die Lokalseite schreiben sollte. An diesem Tag jedoch entschloss sich die 95-Jährige, über die schlimmste Zeit ihres Lebens zu reden. Nach 70 Jahren lüftete Margot Woelk ihr Geheimnis. Sie wollte endlich aus ihrem Leben erzählen :

Als junge Frau kam die Berlinerin nach Ostpreußen zu ihren Schwiegereltern nach Groß-Partsch und wurde sofort von der SS gezwungen, in dem wenige Kilometer entfernten Führerhauptquartier, der sogenannten Wolfsschanze, Dienst zu tun –  wo sie Hitler nie begegnete, wohl aber seinem Schäferhund.

Da Adolf Hitler große Angst hatte, vergiftet zu werden (zu Recht, wie wir wissen),  musste Margot Woelk – zusammen mit 15 anderen jungen Frauen – das vegetarische Essen vorkosten. Erst wenn die jungen Frauen die Mahlzeit überlebten, wurde das Essen serviert.  Jeder Bissen hätte also ihr Tod sein können. Jeden Tag Todesangst.  Zweieinhalb Jahre lang.

Dann kam das misslungene Attentat vom 20.Juni 1944, die Sicherheitsmaßnahmen wurden verschärft, die Vorkosterinnen durften nicht mehr nach Hause gehen, wurden in einer leer stehenden Schule untergebracht und bewacht. Als die Roten Armee immer näher kam, setzte sie ein Oberleutnant in einen Zug nach Berlin. Das rettete ihr das Leben.  Wie sie später erfuhr, wurden alle anderen Vorkosterinnen von russischen Soldaten erschossen.

Inzwischen kommen viele Fernsehteams aus dem In- und Ausland, es kommen Zeitungen und Zeitschriften, es kommen Künstler und seriöse Journalisten. Margot Woelk gibt gerne Auskunft und hat inzwischen eine große Leichtigkeit vor der Kamera entwickelt – schauen Sie doch mal auf  http://www.spiegel.de/video/video-1262441.html  oder auch http://www.youtube.com/watch?v=N64-egL655c. 70 Jahre lang hat sie es vermieden, darüber zu reden, darüber nachzudenken.70 Jahre lang plagten sie Albträume. Eine lange Zeit, jetzt wollte sie es nicht mehr mit sich herumtragen, nun wollte sie es loswerden.

Und für uns beleuchtet dieser Zeitzeugenbericht einen kaum bekannten Aspekte unserer Geschichte und dafür danke ich ihr. Für unsere Nachbarin freue ich mich,  dass sie am Ende ihres Lebens noch einmal so viele angenehme „Aufregung“ hat und es ihr offensichtlich gut tut, uns an Ihrem Schicksal teilhaben zu lassen. Und vielleicht vertreibt es auch ein wenig ihre Albträume.

go



Ein Kommentar

  1. jörg Martin

    Kommentar zu Geburtstagsüberraschung

    Schon aufgrund dieses Beitrags hat sich für mich der Blick in den Blog gelohnt (ich war vorher sehr skeptisch).
    Hier wird ein Aspekt unserer dunkelsten Zeit, Hitlers Diktatur, in Erinnerung gerufen, der einmal mehr zeigt, wie perfide, wie menschenverachtend Hitler war. Vor allem: Das wird nicht an den welterschütternden Ereignissen gezeigt, die gottseidank in fast allen Köpfen, auch der jüngeren Generationen noch vorhanden sind. Sondern an einer privaten Marotte von Hitler, die für andere Menschen tödlich sein konnte. Und die nur dazu diente, sein kleines armseliges, verachtenswertes Leben zu schützen.
    Wohlgemerkt und das wird in dem Betrag besonders deutlich: Es sind willkürlich ausgewählte junge Mädchen (immerhin wurden wohl offenbar die jungen Männer geschont – man konnte sie ja vielleicht noch „gebrauchen“). Es wurden auch keine Tiere (schon gar keine Hunde – sie waren Hitler wichtiger als Menschen) für dieses absurde Gebaren eingesetzt), sondern Menschen, junge Frauen! Sie wurden gezwungen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen und sie wussten jeden Tag, dass er der letzte sein konnte. Dies alles nur, damit „Er“ seinen Ängsten Herr werden konnte. Die Todesangst der Vorkosterinnen war für ihn kein Gedanke wert.
    Dies noch einmal nachlesen zu können, ist der eine Grund, weshalb mir der Beitrag gefällt.
    Der zweite ist, dass die Verfasserin, die ja selbst in dem Haus wohnt, zeigt, wie eine Hausgemeinschaft, die glaubt, jeden und jede im Haus zu kennen, erfährt, wer schon jahrelang unter ihnen lebt. Und wie sie reagiert. Es muss auch für die Gemeinschaft ein ganz besonderes Gefühl sein – und vielleicht auch bei manchen Gewissenserforschung bedeuten: Wenn ich früher davon erfahren hätte, was hätte ich getan? Hätte ich mich um Frau Woelk mehr gekümmert, hätte ich versucht, sie davon zu überzeugen, ihre Geschichte zu erzählen?
    Gerade dieses Erkennen, wie nah und unmittelbar die Weltgeschichte noch im privatenLeben „vorhanden“ ist, macht den Beitrag so wichtig.
    Jörg Martin, Charlottenburg

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