Berlin ab 50…

… und jünger

Zwei hundertjährige Geburtstage, die Berlin zu feiern weiß

Vor exakt 100 Jahren waren in Berlin zwei Geburten zu vermelden:

Die eine im September in der Auguststraße, die andere im Oktober in Charlottenburg.

Es waren Mädchen: Getauft wurden sie auf die Namen Clara, später wurde daraus Clärchen, und Meret (als Kind war sie das „Meretlein“)

Ihre Trägerinnen sind bis heute unvergessen, ja noch mehr: Ihr Glanz strahlt mehr denn je. Die eine ist quicklebendig, feiert sich selbst und wird gefeiert, die andere ist im Jahre 1985 gestorben, wird aber mehr denn je geehrt und empfängt. fast täglich viele Verehrer und Bewunderer.

Beide haben in ihrem Leben zwei große Krisen erlebt und sind daran gewachsen. Nicht Stillstand war ihr Motto, sondern weitermachen, beharrlich sein und zu neuer Kreativität erwachen.

Sie werden – so ist zu hoffen – noch weitere 100 Jahre weiterleben – für nächste Generationen, denen sie vermutlich genau so aufregend, überraschend und entdeckungswert erscheinen werden wie uns.

Wer sind die beiden Frauen?

Clärchen ist nicht  wirklich eine  Frau, sie ist das „Kind“ von Clara Habermann (sie selbst lebte zwischen 1886 und 1971) und ist ein Ballhaus: „Clärchens Ballhaus“!

Meret ist bzw. war tatsächlich eine Frau und vor allem eine große epochale Künstlerin, Malerin, Dichterin, Bildhauerin, Schmuckdesignerin: Meret Oppenheim.

 

Clärchens Ballhaus ist seit seiner Eröffnung ein lebendiger Treffpunkt für ein Publikum, das unterschiedlicher nicht sein kann: Hausfrauen, Karrierefrauen, Offiziere, Beamte, selbsternannte Frauenverführer, Studenten, Künstler jedweder Couleur, Träumer und Nostalgiker. Und natürlich Kulisse  für Film und Fernsehen.

Die große Krise  begann mit dem 2. Weltkrieg und der Zerstörung des Vorderhauses. In der Nachkriegszeit wurde es wieder eröffnet und auch während der DDR-Zeit am Leben erhalten. Das Ballhaus blieb auch in dieser  Zeit im Privatbesitz. Nach der Wiedervereinigung schien das gänzliche Aus fast sicher: Das Gebäude wurde verkauft, der Familie gekündigt und der Betrieb eingestellt.

Bis es im Jahre 2004 zum neuen glanzvollen Leben erweckt wurde. Es ist fast wie in früheren Zeiten, weil es äußerlich auch fast unverändert blieb. Selbst der legendäre Spiegelsaal wird wieder bespielt.

Das Ballhaus feiert sich – und hoffentlich Sie mit ihm – sieben Tage lang, vom 9. bis zum 15. September. Das Programm finden Sie unter www.ballhaus.de, ebenso die Eintrittspreise. Und soviel sei verraten: Es gibt jeden Abend kostenlose Tanzkurse.

Außerdem gibt es  an zwei Tagen Bier und Liköre für den Preis wie vor 50 Jahren.

Nostalgie – sei willkommen.

Meret Oppenheim ist eine Künstlerin von höchstem Format, die unbeirrt ihren Weg ging und uns heute überrascht und vielleicht sogar verwirrt. Mit einem Werk, das so vielfältig ist, dass es das Werk vieler KÜnstler sein könnte. Es ist gekennzeichnet von Brüchen, weist Widersprüche auf und schafft ständig eine neue Bildsprache. Ihr  Werk „Tasse mit Pelz“ oder die Aktfotos, die Man Ray von ihr gemacht hat, sind vermutlich vielen, zumindest vom Hörensagen, ein Begriff. Beides Werke, die Meret Oppenheim aber nur vordergründig beschreiben. Sie ist Traumdeuterin ebenso wie Maskenbildnerin, sie malt abstrakt und figürlich, dichtet und entwirft Mode.

Meret Oppenheimers Krise dauerte mehr als 17 Jahre und begann wohl im Jahre 1938. Sie fühlte sich reduziert auf ein Objekt, das von ihren Künstlerkollegen vereinnahmt wurde. Ihre Schaffenskraft verschwand – um dann in den Sechziger Jahren wieder zurückzukehren: Eigenwilliger, vielseitiger und selbstbewusster denn je. Davon zeugt ihre Dankesrede bei der Preisverleihung der Stadt Basel im Jahre 1975. Auch diese Rede ist auszugsweise in der Ausstellung nachzulesen.

Vor allem: Sie ist ständig auf der Suche nach sich selbst. „Wer bin ich, wer werde ich sein“ heißt eines ihrer Selbstbildnisse.

Berlin hat ihr zu Ehren im Martin Gropius Bau eine fulminante Retrospektive gestaltet – die zweite im übrigen; die erste fand bereits 1984 statt. Dies sei zu Ehren Berlins gesagt.

Schauen Sie sich die Ausstellung an. Selbst wenn Sie moderner Kunst, dem Surrealismus eher kritisch gegenüber stehen – Sie werden dennoch nicht umhin kommen, dieses vielfältige Werk zu bewundern und mit einem Gefühl herausgehen, das Leben einer Frau, die vom Meretlein zu Meret wurde, miterlebt zu haben.

(Die Ausstellung läuft noch bis zum 1.12.2013; Eintritt 10 €, ermäßigt 7 €. Online-Tickets: www.gropiusbau.de).

 

(P.S. Es ist schade, dass Florian Illies von diesen beiden Ereignisse in seinem ansonsten höchst informativen und amüsanten Buch „1913 – der Sommer des Jahrhunderts“ „vergessen“ hat zu erzählen. Trotzdem kann ich dieses Buch empfehlen: Sie werden viele „Aha“-Erlebnisse haben (S. Fischer-Verlag, gebunden 19,99 €)

Und noch ein Lese-, Bilderbuch: „Berlin tanzt in Clärchens Ballhaus – 100 Jahre Vergnügen von Marion Kiesow (Nicolai Verlag, 33,00 € mit 660 Abb.). Nicht gerade ein Schnäppchen, aber sicher ein gutes Geschenk für Berliner und solche, die es mit Herz werden wollen.

Bu-Fa.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: