Berlin ab 50…

… und jünger

Ein leiser Abschied

 Die Ausstrahlung dieses Fernsehspiels am Montag hat uns ein wenig versöhnt mit den vielen Programmsünden, die inzwischen zur Normalität gehören. „Stiller Abschied“ war in keiner Hinsicht „normal“.

Der Film vermittelte eine so eindringliche Präsenz aus, dass es wehtat. Eine rettende Distanz gab es nicht. Die Konfrontation mussten wir aushalten – oder abschalten!

Wer das getan hat, hat ein eindringliches Stück verpasst.

Nicht nur, aber vor allem auch wegen der großartigen Leistung von Christiane Hörbiger und der anderen Darsteller, die diesen Film so heraushob.

Worum ging es? Um eine vitale starke Frau, Charlotte, eine Unternehmerin, die erkennen muss, dass sie an Alzheimer erkrankt ist. Und die, wie auch ihre Familie, diese Tatsache bis hin zur Selbstverleugnung ignoriert. Um sich am Ende geschlagen zu geben. Nein, das ist nicht das richtige Wort: Sie hat sich und ihre Krankheit angenommen.

Das klingt tragisch und ist es auch –im Film und in der Realität.

Und dieses so wahrhaftige Abbild der Wirklichkeit war und ist es, die diesen Abend noch lange nachwirken lässt.

 Charlotte hält in einem ihrer letzten klaren Momente ihre Abschiedsrede und sagt einen Satz, der sich einbrennt: Er lautet ungefähr so: Ich muss leider zweimal sterben: als die Person, die ich bisher war, und ein zweites Mal als die, die ich bald sein werde.

Das ist der Schlüsselsatz, zumindest für mich: Charlotte akzeptiert ihr „zweites“ Leben, ihr Leben als Alzheimer-Erkrankte. Diesem Satz muss man genau zuhören: Sie nennt die kommende Zeit, die sie in der Dämmerung ihres Geistes verbringen wird, ihr „Leben“.

Sollten wir das nicht auch so sehen? Und nicht, wie wir es meistens tun, das Leben als beendet betrachten, wenn wir von der Möglichkeit sprechen, an Demenz zu erkranken. Oder ist das ein (positives) Denken, das nur im Film möglich ist?

Ich glaube nicht. Denn wenn wir uns aufgeben wollen, sollten wir erkranken, nehmen wir eigentlich auch allen Erkrankten ihr Leben. Können wir so denken, dürfen wir es? Wir wissen nicht, was Demenzerkrankte fühlen, denken, wollen. Und wir sollten uns vor allem nicht anmaßen, das wissen zu können. Wir wissen nichts.
Dieses Nichtwissen wurde auch noch in einer der Schlussszenen bedrückend deutlich: Charlotte sitzt zusammen mit ihrer Familie in einem Garten, summt ein Lied und zupft eine Rose vom Strauch ab. Sie scheint glücklich und zufrieden. Plötzlich aber verändert sich ihr Gesicht: es wird zornig, wütend, verzerrt sich (eine großartige mimische Leistung von Christiane Hörbiger) und dann zerreißt sie die Rose.
Es war erschütternd. In der Subtilität und Eindringlichkeit.


Auch unsere Mutter war an Demenz erkrankt. Der Prozess allerdings war ein anderer, weniger „sichtbar“ als den, den Charlotte durchlaufen hat. Die große Vergesslichkeit haben wir so nicht erlebt, auch nicht die ganz starken Moment der Desorientiertheit. Aber wir haben Aggression erlebt, Misstrauen gegen alle und auch uns gegenüber. Wir haben große Stimmungsschwankungen miterlebt, Verweigerungen gegenüber dem, was die Welt als „normal“ betrachtet. Extreme Ruhelosigkeit und unterdrückte Wut. All diese Phasen hat unsere Mutter durchmachen müssen. 

Wir haben uns manchmal, wenn die Aggressionen sich auch gegen Wildfremde richtete – im Restaurant, auf der Straße –,geschämt. Ein Eingeständnis, das mir sehr schwerfällt. Wie kann man sich für seine kranke Mutter schämen?

Vielleicht liegt es an der Vorstellung, die wir alle immer noch haben: dass geistige Gesundheit ein „Verdienst“ ist. Jeder von kennt den Satz: „Ja, meine Eltern sind alt und körperlich auch schon schwach. Aber geistig: hellwach! Dagegen sind wir alt! “.

Schön für die Eltern – und die Kinder, die so etwas sagen können. Aber ist es ein persönlicher Verdienst? Hat derjenige, der erkrankt ist, etwas „falsch“ gemacht, ist er etwa selbst schuld? (Diese unguten Gedanken gab es bei schweren Krankheiten schon immer und sie werden nicht auszurotten sein: z.B. die Idee von der „Krebspersönlichkeit“, sie gehört in diese Kategorie.).

Unsere Mutter ist eines Tages verstummt. Warum, das wissen wir nicht und werden es auch nie erfahren. Sie hat bis zum ihrem Tod kaum und zum Schluss gar nicht mehr gesprochen. Wir haben uns mit Ja-nein-Sätzen behelfen müssen, die sie dann mit Kopfschütteln und Kopfnicken beantwortet hat. Wir haben sie also nie wirklich fragen können, wie sie sich fühlt, was sie denkt, ob sie traurig ist, ob sie Angst hat.

Das war schlimmer und belastender als jede ihrer Aggressionsphasen. Bei ihnen wussten wir zumindest: Sie ist sich ihrer selbst bewusst, sie will sich durchsetzen, vielleicht sogar kämpfen. Die Sprachlosigkeit und die Duldsamkeit waren entsetzlich.

Wir haben unsere Mutter nicht wieder erkannt.

Aber später, es hat einige Wochen, wenn nicht gar Monate gedauert, haben wir begriffen, dass wir zwar unsere „alte“ Mutter verloren haben. Aber gewonnen haben wir auch: und zwar eine ganz neue Beziehung, eine ganz andere Form der Vertrautheit, der Nähe und des Respekts. Ob unsere Mutter genauso gefühlt hat – auch das werden wir nicht mehr erfahren. Wir können nur hoffen.

An all dies hat mich der Fernsehfilm erinnert und mich versetzt in die Zeit, in der unsere Mutter noch lebte und wir uns um sie kümmern konnten.

Das ist vorbei. Ist es das wirklich? Es gibt einen Satz von Goethe, der häufig zitiert wird. Er passt auch hier: „Vorbei, ein dummes Wort“.

Bu-Fa

Ein Nachsatz: Vermutlich wäre der Film noch eindringlicher gewesen, wenn ich die Stimmen hätte hören können. Das aber kann ich nicht, ebenso wenig  wie die Musik. Die Untertitel stören im Grunde bei solchen Filmen ganz fürchterlich, zumal auf sie nicht gerade sehr viel Sorgfalt verwendet wird. Wie im übrigen auch sonst nicht. Nur ein Beispiel, und vermutlich nicht einmal das beste: Wenn eine Aufnahme einen Klavierspieler zeigt, der auch wirklich am Klavier sitzt, dann können Sie sicher sein, dass der Untertitel lautet: Klavierspiel. Dramatisches!


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