Berlin ab 50…

… und jünger

„Ich lade gern mir Gäste ein…“

 Es herrscht in meiner Küche Chaos, es gibt keinen Platz mehr zum arbeiten, Töpfe und Schüsseln stehen sind wild gestapelt,  irgendetwas ist auf den Boden getropft, es ist rutschig und gefährlich, die Zeit, bis die Gäste kommen, eilt dahin und ich bin auch noch nicht umgezogen und fein gemacht. Ich schaff das nie, ich werde hektisch…! Dann denke ich, warum habe ich mir das angetan! Warum kaufe ich nicht einfach ein fertiges Rotkraut oder mach einfach nur Pasta, warum bilde ich mir ein, soviel wie möglich selbst machen zu wollen. Das nächste Mal!  Kennen Sie das? Selbst wenn ich genug Zeit einplane und Tage in der Küche stehe, kurze Momente „warum habe ich mir das angetan“ gibt’s immer mal wieder.   Irgendwann lichtet sich das Chaos, das Adrenalin sinkt  und ich bin die glücklichste Gastgeberin.

„Ich lade gern mir Gäste ein, man lebt bei mir recht fein….“  singt Prinz Orlofsky in der „Fledermaus“ . Je älter wir werden, desto öfter laden auch wir uns Gäste ein – vielleicht weil man im Alter Gastfreundschaft zu würdigen weiß. Und ich habe das Glück, einen Mann an meiner Seite zu haben, der dies mit Lust und Liebe mitmacht. Zusammen sind wir ein gutes Team. Wir genießen es,  Gastgeber zu sein (trotz des kleinen Küchenchaos) . Es ist ja nicht nur schön, mit Freunden einen gemeinsamen Abend zu verbringen, sondern sie auch zu bewirten, interessante und amüsante Gespräche zu führen,  Menschen miteinander bekannt zu machen –  bei einem guten Essen und einem noch besseren Wein. Es macht Spaß, weil man auf diese Art Freundschaft mit Genuss und guter Laune pflegt und stärkt, sozusagen mit allen Sinnen.  

Und damit meine Gäste es „bei mir recht fein“  haben, bereiten wir uns gut vor.  Schon Tage vorher planen wir, suchen Rezepte, überlegen die Speisenfolge, die manchmal einem Motto folgt  (wie „italienischer Abend“), immer aber bestimmen die Lebensmittel, die nach Jahreszeit gerade zu haben sind, die Tonart.  Also keine Erdbeeren im Winter oder Spargel im Herbst. Abgesehen davon, dass es nicht schmeckt, hat man so die Chance, manches selbst zu ernten oder pflücken  oder auf einem Markt frisch vom Feld zu bekommen. Mit Lust und Freude schreiben wir die Einkaufslisten, gehen im Spezialgeschäft (und daran ist in Berlin kein Mangel) oder auf einem Wochenmarkt einkaufen, überlegen uns die Tischwäsche und Dekoration. Neben der Menüauswahl will auch die Auswahl der Gäste bedacht sein.  Wir schaffen gerne immer wieder mal neue Konstellationen. Nicht jeder Freund funktioniert mit jedem. So gibt es zum Beispiel die Selbstdarsteller, die höchst unterhaltsam sind, solange nicht noch ein zwei dieser Spezies auch am Tisch sitzen, die sich ins Gehege kommen. Oder es gibt die, die gerne im Mittelpunkt stehen. Auch davon verträgt eine ausgewählte Runde nur einen. Und wenn sich tatsächlich mal jemand langweilt, bin ich nicht so radikal wie Prinz Orlowsky : “ Und seh‘ ich, es ennuyiert sich jemand hier bei mir, so pack‘ ich ihn ganz ungeniert, werf‘ ihn hinaus zur Tür.“  Nein, wir setzen niemanden vor die Türe, fragen uns  allerdings, was schief gelaufen ist: War ich nicht aufmerksam genug, war die Zusammenstellung der Gäste nicht gelungen, war der Abend nicht gut vorbereitet? Man hat ja als Gastgeber nicht nur die Aufgabe, zu kochen, sondern einen Abend zu gestalten. So gesehen ist eine Einladung ein Gesamtkunstwerk! Und frei nach Picasso würde ich sagen, auch diese „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“.

Am letzten Wochenende hatten wir Freunde zu Besuch, der eine feierte seinen Geburtstag, also war besondere Sorgfalt angesagt.  Wir überlegten ein Festmenü. Es gab  Pilze, Wildschwein mit Holunder, Quitten und Birnen und danach kandidierte Feigen mit Ziegencreme. Alles was Wald und Wiese hergibt.  Allein die Lebensmittel in der Küche zu sammeln und sortieren,  zu schälen und zu schnippeln – ein wahrer Genuss für Auge und Nase. Und dann braucht’s auch noch die passenden Weine! Das Geburtstagskind fand sich gut bewirtet und seinen Festtag würdig gefeiert. Jeder gelungene Abend macht uns stolz, erfreut unsere Seele viele Tage vorher und viele Tage nachher .

Wir haben im letzten Jahr diese Tradition begründet, ihm dieses  Diner zum Geburtstag zu schenken. Darüber nachdenkend, was wir im letzten Jahr geboten haben, taten sich ordentliche Erinnerungslücken auf. Ja, es war gut, es war ein lukullischer Abend, ja- aber Details? Wir haben es nicht mehr zusammengebracht. Wenn man nicht 2013_Roma 136nur ein Abendessen im Jahr macht, ist das vielleicht kein Wunder, aber schade ist es allemal.  Deshalb haben wir uns angewöhnt, eine Art Tagebuch zu führen. Da stehen die wichtigsten Eckdaten drin, mit denen wir schon die ersten, groben  Erinnerungen wieder aufleben lassen und genießen können. Ergänzt werden diese Fakten mit Fotos –  Fotos vom gedeckten Tisches,  von den  besonders fotogenen Speisen, den Gäste (nicht nur der fotogenen!) . Daraus wird ein Fotojahresbuch, das wir uns zu Weihnachten schenken und in dem wir oft, immer wieder, alleine oder mit Gästen und Freunden blättern. Es ist eine schöne Form, sich die Ereignisse des fast vergangenen Jahres Revue passieren zu lassen  – und auf die nächsten Gäste zu freuen.  

Morgen gehen wir in die Pilze, damit wir die kleinen Steinpilze einlegen können – für die nächsten Gäste als „Gruß aus der Küche“….

 go

 

 

 

 

 

 

 

Ein Kommentar

  1. Paul F.

    … und seitdem wir im Ruhestand sind, sind Gäste noch willkommener.
    Bedeutet es doch, dass wir mehr Zeit haben. Nicht auf den letzten Drücker einkaufen müssen, weil wieder einmal andere Termine plötzlich wichtig werden. Nein, wir haben jetzt Muße. Und die die dem Klima gut tut. Auch uns als Team!
    Der Koch und „Ansager“ – das bin ich (einer muss das Kommando haben, in dem Punkt bin ich gnadenlos): männlich, leicht über 70 und – das rechne ich mir hoch an, wenn’s sonst keiner tut – kein Küchenchaot.
    Für die Ideen ist meine Frau zuständig, fürs Einkaufen wir beide gemeinsam. Fürs Zuarbeiten – kleine Hilfen müssen sein, man schätze das nicht gering! – meine Frau.
    Wie gesagt: ein gutes Team.
    Das „Tagebuch“ – wer, wann und welches Menü – das haben wir ebenfalls spätestens an dem Punkt gelernt, als wir ahnten: Hatten wir das just mit diesen Freunden?
    Außerdem ist es ebenfalls ein guter Ideengeber – schon häufiger haben wir Gerichte darin gefunden, die uns entschwunden waren. Und: Was fast genau so wchtig ist: Da hinein kommt auch alles, was manche Gäste nicht mögen oder nicht vertragen. Der Gast, höflich wie er ist, mag sich nicht „outen“, der Gastgeber erfährt es vielleicht später – und ist unglücklich. Als vorher fragen, aufnotieren – und nicht vergessen.
    Aber: Fast immer haben wir ein Problem: Wie sagen ich es meinen Gästen? Dass wir Hilfe zwar (wert)schätzen, aber bitte, bitte nicht beim Abräumen und Auftragen! Denn dann bricht mit Sicherheit das Chaos aus: Teller, Schüsseln, Gläser, die sich plötzlich mit Windeseile in der Küche stapeln, müssen irgendwie aus dem Weg geräumt werden. Um Platz zu schaffen für die Vorbereitung des nächstens Ganges, das Öffnen des nächsten Weines,
    Und wenn einer beginnt, helfen zu wollen, dann hält es auch die anderen nicht mehr. Und stehen sich im Wege, uns sowieso und alle, alle meinen es gut. Und genau das ist das Problem! Eben: wie sage ich es meinen Gästen?
    Liebe Gäste, lasst die Gastgeber allein. Zum Helfen seid Ihr nicht eingeladen, sondern zum gelassenen Genießen. Wenn wir Euch einladen, wissen wir, was uns erwartet.
    Wir wünschen uns nur eines: eine lockere Runde, die ohne Zwänge sich zusammenfindet, die gelassen genug ist, nur Gäste zu sein und die sich selbst unterhalten kann, wenn die Gastgeber auch einmal zu zweit in der Küche verschwinden.
    Wie also sieht Ihr Rezept aus, Ihre Gäste vom Sitzenbleiben zu überzeugen? Das Helfersyndrom für diesen Abend zu vergessen? Schreiben Sie es mir – unser Dank wird Ihnen gewiss sein.

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