ROM

Den Befund schon einmal vorab: Rom ist mir zu kalt! (Damit meine ich nicht das Wetter, das war ganz wunderbar!)

Sie erinnern sich? Für Paris fühlte ich mich zu alt, meinem Mann ging es nicht anders. Der Schwur: Nie mehr eine europäische Großstadt, die noch dazu Touristenmagnet ist.

Aber – wir Menschen sind offenbar geneigt, schnell zu vergessen – es hielt nicht allzu lange vor. Die Vorstellung, mit gerade einmal rund um die 70 nicht noch einmal die deutschen Grenzen zu überschreiten, schien uns nun doch ein wenig absurd.

Und: Wir wollten uns auch selbst etwas beweisen: Dass wir sind zwar im „Winter des Lebens“ gelandet sind (eine schöne Formulierung von Paul Auster, nicht wahr?), aber dass wir trotzdem noch nicht „erstarrt“ sind.

Also Rom. Warum? Eine gute Frage: Vielleicht weil wir schon zweimal dort waren. Das erste Mal vor vielen Jahren in Rom selbst – im „Sommer des Lebens“. Das zweite Mal zwar nicht in Rom, sondern in Ostia und das war eine grandiose Fehlentscheidung. Aber das ist eine ganz andere Geschichte ….

Außerdem ist Rom ist eine Stadt mit einer unendlichen Geschichte und einer Gegenwart, die reichlich Dramatik und soziale Veränderungen aufweist. Wir wollten wissen, wie es sich jetzt in der schwierigen Situation darin lebt. Vielleicht dachten wir auch, so etwas wie der „heilige Geist“ würde die Stadt durchwehen und alles ruhiger, weiser machen. An die Touristen dachten wir nicht.

Vorausschauend haben wir  uns vorher entschieden, was wir in Rom erleben wollten. Denn wer wie wir nur vier Tage eingeplant hat, und das noch dazu ziemlich spontan, muss vorher wissen, was er will  – andernfalls, das ahnten wir, würden wir  ständig mit schlechten Gewissen herumlaufen: Sollten wir nicht doch … hätten wir vielleicht besser …müssten wir….  . und so weiter … Außerdem: Mit rund um die 70 sind Ruhepausen unumgänglich, andernfalls würden wir uns selbst ein Bein stellen.

Wir wollten „Flaneure“ sein – das klang uns gut in den Ohren (was ein Flaneur ist und tut, das haben wir bei Hanns-Josef Ortheil ((Rom, eine Ekstase)) abgeguckt)

Keine Touristen, die ein „Must be“ nach dem anderen abhaken – das auf jeden Fall nicht. Denn das hieße: sich einem fähnchenschwingenden Dompteur anzuschließen und in einem Pulk hinterher zu trotten zusammen mit all denen, die dasselbe tun. Und in der zehnten Reihe auf einem Platz,  vor einem Gebäude, einer Statue, einem Brunnen zu stehen – und nichts zu verstehen und nichts wirklich zu sehen. So – hatten wir den Eindruck – geht es in Rom all denen, die sich trauen, sich einer Führung anzuschließen.

Und am Abend, wenn die Gruppen – 2013_Roma 283meist dunkel gewandet (ist nicht Rom eigentlich die Stadt des Lichts?) – an den Hauswänden entlang gen vorgeschriebenem Restaurant wandern, wirken sie mit ihren leuchtenden Handys in der Hand (die könnten gut als kleine Laternen durchgehen) wie eine Statistentruppe in einer der Dan Brown- Verfilmungen. die zum geheimen Treffen der ebenso geheimen Bruderschaft eilen.

Wir wollten das Rom der Gegenwart. Herumwandern! Kein wirkliches Ziel, das wir unbedingt am Abend abhaken mussten, keine Besichtigung staatstragender Monumente. Sondern nur der Laune folgend, wonach uns heute ist.

Zum Beispiel ein Durchstreifen der unendlich vielen Gassen und Gässchen rund um die Piazza Navona. Ein hübsches Vorhaben, nur leider undurchführbar. Wenn man wie wir nicht gerade Frühaufsteher ist: Touristen all über all. Nicht einzeln, nein, in Massen, im Pulk  (siehe oben!) und hartnäckig ihren Weg verteidigend. Es war nahezu selbstmörderisch, einfach einmal stehen zu bleiben oder gar zu verweilen.

Schade, denn die Läden, die fast jedes Haus hat, sind eine Sehenswürdigkeit an sich. Sie sind  winzig klein, nicht größer als ein Wohnzimmer. Es sind keine Boutiquen, wie wir sie meistens von Berlin kennen. Sie sind nicht „gestylt“. Manchmal war uns gar nicht klar, was eigentlich verkauft werden sollte: Masken, Schmuck, Antikes, Gerätschaften, Taschen, Tücher, Kleider, Bilder, Miniaturen, Möbel, Lampen, Armaturen, Puppen,  – oftmals alles miteinander. Es gab dort Dinge, die wir nur noch in der Erinnerung gespeichert haben; hier haben wir sie leibhaftig gesehen.

Aber: Fast immer  schien es so, als wollte der Besitzer gar nichts verkaufen. Als wollten  sie unter sich bleiben. Als seien die Touristen und auch die Flaneure lästiges Beiwerk. Vielleicht verständlich – wir aber fühlten uns wie störende Zuschauer.

Man kann es natürlich auch so sehen: Ist es nicht viel amüsanter, mit der Nachbarin gegenüber ein bisschen klatschen, nebenan einen caffe crema zu trinken? Und die Touristen Touristen sein lassen, die. vermutlich eh’ nichts kaufen.

Später haben wir uns in ein Cafe am Platz selbst gesetzt und die Szenerie wie in einem Theater auf uns wirken lassen:: Gaukler, lebende Denkmäler, Artisten, Maler, Porträtisten, Tänzer – der Platz ist eine öffentliche Bühne. Jeder buhlte um sein Publikum (oder – so schien es uns:: um dessen Cents und Euros) – aber es fehlte die wirkliche mitreißende Begeisterung. Oder anders: Sie berührten nicht wirklich. Zuviel verlangt? Ganz sicher, aber enttäuscht waren wir trotzdem.

Die Maler (es sind ziemlich wenige Frauen darunter) wirken resigniert – sie wissen, dass sie das Meiste am Abend wieder einpacken werden. Und sie sehen, wie achtlos an ihren Werken vorübergegangen wird. Eis-schleckend, kauend und essend – die Touristen kennen kein Erbarmen und kein wirkliches Interesse. Sie haken die Stände ab – gesehen und fotografiert.

Wir wussten aus den Reiseführern – die Piazza Navona ist einer der schönsten Plätze in Rom. Touristen und Gaukler machen es allerdings schwer, seine Schönheit zu erkennen. Es ist ein lichter weiter Platz, früher einmal ein Stadion, mit eine deutlichen Längsausrichtung und den beiden markanten Brunnen.

Wenn Sie den Platz also in seiner Ursprünglichkeit sehen wollen, müssen Sie früh aufstehen – bevor er von den Touristen erobert wird.

Als wir genug hatten vom Trubel, haben wir uns auf den Weg gemacht zu unserer ganz persönlichen Entdeckung (natürlich haben wir es nicht wirklich selbst entdeckt): zur Caffeteria Chiostro del Bramante. Wenn Sie  in Rom sind, gehen Sie dort hinein. Eine Oase der Stille, kühl, unaufgeregt und – meistens ziemlich leer. Wie gut!

Natürlich haben wir uns auch die Cafes, Bäckereien, Eisdielen angeschaut, die die Reiseführer füllen: Das Eustacio, die Bäckerei Antico Forno Roscioli samt ihres Ablegers Roscioli, die Gelaterie Giolitti und so weiter. Aber irgendwie war das alles nicht das, was wir erhofft haben. Es war Geschäft, touristisch. Kaum etwas von dem Charme, den alle diese Orte einmal besessen haben müssen.

Wir waren auch – ganz zufällig –  in einer der vielen unbekannten Kirchen. Und fanden etwas Merkwürdiges: Wir hörten eine Stimme und in den ersten Reihen stand eine Handvoll Gläubiger, die offensichtlich einem Vorbeter bzw. den Fürbitten zuhörten und darauf antworteten. . Es gab auch einen schwarz gewandeten Organisten – er langweilte sich und  blätterte seine Zeitung ziemlich ungeniert durch.  Wen wir nicht sahen, war derjenige, dessen Stimme wir hörten. Es gab ihn schlicht nicht. Es war ein Vorbeter vom Band! Nennt man das Zeitgeist? Oder Auswuchs der Sparmaßnahmen? Wir fanden es nur traurig.

Es war sicher ein Einzelfall – so zumindest sagen es all die, denen wir davon berichtet haben. Dann hatten wir eben Pech.

Lassen Sie mich noch von dem Museum der Moderne erzählen. Das MAXXI! Architektin ist Zaha Hadid. Eröffnet wurde es 2009 mit einer Gastvorstellung von Sasha Waltz!. Berlin war also prominent vertreten! Mir hat es sehr gefallen, das Haus selbst, seine Umgebung, seine Idee. Unstrittig ist es nicht – wie wohl alles, was Hadid bislang wirklich gebaut hat. Man muss so etwas mögen. Ob man sich daran gewöhnen kann – ich glaube nicht. Entweder ja oder nein!

Das Zweite, noch mehr  umstritten: Ara Pacis. Von Richard Meier ersonnen und nach seinen Plänen erbaut. Ein gläsernes mit Travertin kombiniertes Haus für den Friedensaltar des Augustus. Auch das war  für uns ziemlich atemberaubend (der Bau war und ist so umstritten, dass der damalige Bürgermeister im Jahre 2008 sogar mit seinem Abriss drohte!)

Ach ja, Campo de’Fiori: Auch dort waren wir und haben ein köstliches panino mit großzügig abgeschnittenem Porchetta aus der Hand gegessen. Himmlisch!

Das war also Rom! Eine Impression. Unsere Impression. Ihre kann anders sein. Was zu wünschen wäre.

Ingrid B.

P.S. Noch eines, was wir richtig gut fanden: In allen Trattorien, in den wir zu Abend gegessen haben, servierte der Kellner am Schluss einen kleinen Teller meist wohlschmeckendes Gebäck. Und zwar ohne dass wir einen caffe, einen espresso geordert hatten. Einfach nur so.

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