Berlin ab 50…

… und jünger

Ein enger Ausstellungsraum mit eindrucksvoller Wirkung

Warlam Schalamow  im Literaturhaus Berlin

Zugegeben, ich bin ein Fan des Literaturhauses samt Cafe in der Fasanenstrasse. Ich fühle mich dort gut aufgehoben, liebe den Garten und die intime Atmosphäre, die der gesamte Komplex ausstrahlt. Und ich schätze alles, was dort geboten wird.

Ich bin also nicht objektiv, aber darum geht es auch nicht. Sondern darum, Sie aufmerksam zu machen: Auf eine Ausstellung über und mit Warlam Schalamow, der wie kaum ein anderer die Schrecken und die Zerstörung durch den Gulag miterlebt und in Worte gefasst hat (sie läuft noch bis zum 8. Dezember). .

Die Ausstellung trägt den Titel „Leben oder Schreiben“ – vielleicht noch deutlicher ließe sich das, was Schalamow angetrieben hat , mit seinen eigenen Worten beschreiben: Leben sei für ihn das Wiedergewinnen der Sprache.

Schalamow, 1907 geboren, hat 17 Jahre auf der Kolyma verbracht. Von seinem Schwager denunziert und bis zu seinem Lebensende unter permanenter Beobachtung hat er es geschafft, über sein Erlebtes, über den unfasslichen Schrecken des Gulags zu schreiben. Zuerst Gedichte, später Prosa.

Mit Alexander Solschenizyn verband ihn ein tragischer unversöhnlicher Konflikt, Boris Pasternak wurde für ihn zum „Retter“ – er machte ihm Mut, weiterzuschreiben, was ihm – wenn auch im Innern  zerstört – aber immerhin half, weiterzuleben.

Das alles lässt sich in der Ausstellung nachlesen und vor allem nachempfinden. Der Hauptraum, in dem der zweite Teil der Ausstellung – mit Dokumenten, Fotografien, Briefen – gestaltet ist, trägt  mit seiner besonderen Konzeption sehr viel dazu bei. durch ein bis fast an die Decke reichendes Lattenlabyrinth wird die Enge doppelt visualisiert.  Die Raumenge, verstärkt durch das Labyrinth spiegelt das Leben von Warlam Schalamow, das darin ausgebreitet wird, auf bedrückende Art.

Und es gibt einen zweiten (oder ersten?) Höhepunkt in der Ausstellung. Den ich nur aufgrund der Kritiken beschreiben kann, weil er akustischer Natur ist. Und dank meiner Hörschädigung bleibt es mir versagt, es zu hören: Vor ausladenden Panoramabildern in einem sonst leeren weißen Raum hören Sie Texte von Schalamow, die von Hanns Zischler vorgetragen werden. Wenn Sie Glück haben bzw. zur richtigen Zeit kommen, sind Sie allein mit der Stimme, den Texten und den  Fotografien von Tomas Kizny, die eine Einsamkeit und Trostlosigkeit ausstrahlen, dass es wehtut.

Ich will es dabei belassen. Schauen Sie sich die Ausstellung an – sie zeigt eine Zeit des zutiefst verstörenden Grauens, die ebenso wenig vergessen werden darf wie die Zeiten des Nationalsozialismus.

Und wenn Sie das alles in sich aufgenommen und verarbeitet haben, dann sollte ein Apfelstrudel mit warmer Vanillesoße nebenan im Cafe tröstlich und auch moralisch „korrekt“ sein.

 

I.B.F.

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