Berlin ab 50…

… und jünger

„Die Stecknadel im Heuhaufen“ …

… eine treffendere Formulierung kann man kaum finden für das, was Jutta  Hertlein für die  ZeitZeugenBörse bewerkstelligt. Sie sucht – und findet – Zeitzeugen für fast alle Themen, die an die Börse herangetragen werden.

Damit Sie wissen, wovon wir sprechen, erst einmal eine „offizielle“ Definition:  „Die ZeitZeugenBörse fördert den Austausch zwischen den Generationen und schaffet eine Öffentlichkeit für persönliche Erinnerungen“.

Das klingt alles viel zu trocken und abstrakt, deshalb haben wir uns mit Jutta Hertlein, die aktiv in der Börse mitwirkt, unterhalten: Was hat es mit der ZeitZeugenBörse auf sich hat und natürlich auch, weshalb sie sich dort schon seit rund drei Jahren ehrenamtlich engagiert.

Und wenn Sie als Leser sich fragen, warum wir in unserem Blog das Thema aufgreifen: Wir, die über 50Jährigen sind und werden eine Generation sein, die Zeitzeugen sind. Die Nachkriegszeit, die DDR und deren Untergang, das Leben in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung, das Leben als Migrant  – das alles sind Zeiten, die festgehalten und von denen erzählt werden muss. Und: Es ist November – ein Monat, der mit  Erinnerungen vollgepackt ist. Das fügt sich, um die ZeitZeugenBörse zu befragen.

Frau Hertlein, was war der Grund für Sie, sich bei der ZeitZeugenBörse zu engagieren? Das hängt eng zusammen mit meinem Interesse für Geschichte (habe ich mal studiert) und mit meiner Biografie. Ich bin mit 13 Jahren  – das war 1953 – zusammen mit meiner Mutter aus Ost-Berlin weggegangen. Die Mauer stand ja noch nicht, wir stiegen einfach in die S-Bahn, aber Republikflucht war schon verboten, und wir haben selbst unseren Plan auch Verwandten nicht gesagt, um sie nicht zu gefährden. Der Grund war, was ja keine Seltenheit war, dass ich in der DDR kaum eine Chance gehabt hätte, ein Gymnasium zu besuchen. Mein Vater war schon im Dezember 1945 an den Folgen russischer Kriegsgefangenschaft gestorben, aber ich galt als Kapitalistenkind, dem trotz guter Noten die Oberschule verschlossen bleiben sollte. Meine Familie war sozialdemokratisch geprägt und strikt antikommunistisch. Ich habe das Ulbricht-Regime als bedrohliche Diktatur erlebt und mich im Erwachsenenalter bewusst für die Demokratie und in der Politik engagiert. Ich war neun Jahre Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und habe durch einen Kollegen die ZeitZeugenBörse kennengelernt.

 Und warum ist aus diesem Kennenlernen eine nun ja schon recht  kontinuierliche Zusammenarbeit geworden? Ich glaube, das war vor allem die Erfahrung, dass es so viel Unwissenheit gab und gibt  über das Leben in der DDR. so viele falsche Vorstellungen vom Leben dort. Ich war ja immerhin schon 13, als wir ausgereist sind und habe eine Menge mitbekommen. 1965 kehrte ich mit meinem Mann nach West-Berlin zurück und habe bis zum Fall der Mauer wohl 100 Mal die Grenze überschritten, um Freunde und Verwandte in Ost-Berlin, im Brandenburgischen und in Dresden zu besuchen. Und obwohl ich die DDR seinerzeit bewusst und mit guten Gründen verlassen hatte, erfuhr ich in den Jahren bis 1989 vieles, was ich dort gut und vernünftig fand. Deshalb wehre ich mich gegen den einseitig negativen Blick auf die DDR, aber ebenso gegen die so genannte Ostalgie.  Deshalb war es für mich ein kleines Aha-Erlebnis, als ich die Ziele der ZeitZeugenBörse mitbekommen habe. Genau darum ging es ja: Erfahrungen weitergeben, auch Dinge zurechtrücken. Mit denen diskutieren, die glaubten zu wissen, wie es wirklich war. Persönliches einbringen – das war mir vor allem wichtig.

Wir haben einleitend schon grob erklärt, was die Börse ist. Aber damit wissen wir noch viel zu wenig. Wir sollten also ein bisschen Entstehungsforschung betreiben – und wer könnte besser Auskunft geben als Sie. Wie Sie schon gesagt haben, die Gründung liegt 20 Jahre zurück. Und: Das ist überhaupt das Bemerkenswerteste: Es waren Senioren – und das muss auch einmal gesagt werden, es waren vor allem die Frauen -, die von Anfang an dabei waren und die Initialzündung gaben. Zusammen mit Erwachsenenpädagogen und Wissenschaftlern fing man 1992 an, nachzudenken über „oral history“ (zu übersetzen in etwa mit „erzählte, mündliche Geschichte“) und auch über Zeitzeugen. Im Laufe der Diskussionen – es gab auch Workshops und Tagungen, also eine ganz gezielte Aufbauarbeit gerade auch vonseiten  den Senioren – entstand die Idee eines Vereins, der dann 1993 (es war im Februar) gegründet wurde Nur nebenbei: So schnell würde so etwas heutzutage wegen all der Bedenkenträger und Einflussnahmen nicht mehr gehen.

Sie haben bereits angedeutet, um was es damals ging und auch heute noch geht: Um Erinnerung und vor allem, Erinnertes weiterzugeben. Aber: So einfach es klingt, ganz so leicht ist es wohl nicht. So etwas braucht ja eine Struktur, eine Definition, was am persönlichen Erleben „erinnerungswürdig“ ist und damit  auch würdig und wichtig, das weiterzugeben. Natürlich, das stimmt. Es geht nicht, jemanden hinzustellen und ihm zu sagen: Wie war das denn nun, erzähl’ mal. Das funktioniert nicht, jedenfalls nicht bei jedem. Deshalb gab und gibt es Seminare und vor allem vorbereitende Gespräche mit potenziellen Zeitzeugen, in denen sie das Rüstzeug bekommen, Zeitzeuge zu sein. Also auch auszuwählen, welche Erfahrungen und Erlebnisse überhaupt taugen, vermittelt zu werden. Wie sich das am besten strukturieren lässt. Und es geht natürlich auch darum, grundsätzlich abzuklären, welche „Position“ der Zeitzeuge einnehmen wird. Die Erinnerungsarbeit an die DDR ist dafür ein gutes Beispiel: Beide Seiten, Anhänger wie Opfer, können Zeitzeugen sein.

Und dann wird man sofort in den öffentlichen Auftritt geschickt? Nein, so schnell nicht. Es gibt so etwas wie eine Generalprobe vor den erfahrenen Zeitzeugen. Man kann auch Wünsche äußern: gerne vor jüngeren, lieber vor älteren Schülern, lieber im kleinen Kreis oder zu Hause.

Wir wollen jetzt auf den fast wichtigsten Punkt kommen: Welche Themen und Bereiche deckt die ZeitZeugenBörse ab? Ich übertreibe ein bisschen, aber im Grunde stimmt es: fast alle  Um Ihnen einen Anhaltspunkt zu geben: Es gibt sieben große Themenblöcke. Sie reichen von Berlin in der Weimarer Republik, Berlin in der NS-Zeit, Zweiter Weltkieg, Berlin in der Nachkriegszeit, Ostberlin und DDR, Westberlin bis hin natürlich zu Berlin nach der Wiedervereinigung. Das sind aber nur die großen Blöcke, es gibt viele Einzelaspekte, für die Zeitzeugen zur Verfügung stehen. Knifflige Anfragen veröffentlichen wir in unserem monatlichen Zeitzeugenbrief, denn wir können einfach nicht alle Erfahrungen kennen, die unsere Zeitzeugen in ihrem Leben gesammelt haben. Wir sind wirklich sehr flexibel. Und es kommt vor allem auch vor, dass Themen an uns herangetragen werden, bei denen wir erst einmal selbst nicht wissen, wovon wir Zeugen sein sollten.

Ein Beispiel: die Ruetli Schule hat um eine Zeitzeugin gebeten, die etwas zum Thema Geld erzählen sollte. Und wissen Sie, worum es u.a. ging: Um Taschengeld – wie viel wir in den 50er/60er Jahren zur Verfügung hatten (gar nichts natürlich), wie viel Lebensmittel gekostet haben, wie viel verdient wurde und so weiter. Die Zeitzeugin damals war höchst beeindruckt, wie interessiert und vorbereitet die Schüler und Schülerinnen waren. Und manchmal gibt es auch Einzelanfragen. Zum Beispiel hat ein Student, der seine Masterarbeit geschrieben hat, sich zwei Tage lang mit einem Zeitzeugen unterhalten können und so seiner Arbeit die notwendige Authentizität geben können. Auch von Medien bekommen wir häufig Anfragen. Zum 60. Jahrestag des Mauerbaus 2011 gab ich einem Fernsehsender in Bogota per Skype ein Interview, englisch mit spanischen Untertiteln. So etwas ist für uns natürlich auch nicht alltäglich. 

 Sie haben uns vorher erzählt, dass es auch Veranstaltungen mit  ausländischen Gästen gibt. Wie kommt das zustande und vor allem: Wie kommen sie bei den Gästen an? Ausgesprochen gut. Was natürlich auch damit zusammenhängt, dass der Kontakt ja von den Gästen ausgeht Das heißt dann schon, dass ein grundsätzliches Interesse vorhanden ist. Wir müssen das nicht erst noch schaffen. Sehr häufig sind es Studentengruppen und Reisegruppen, die im Rahmen ihres Berlinaufenthalts einmal etwas anderes suchen als die üblichen Besuchermagneten, Die persönliche Begegnungen wünschen. Sehr aktiv ist da z.B. ein Hotel am Rosenthaler Platz, das seinen Gästen regelmäßig Zeitzeugen-Abende anbietet. Mit Erfolg – im übrigen.

Vielleicht sollten sich das andere Hoteliers als Beispiel nehmen – offenbar scheint es ja eine gute Marketingidee zu sein.  Das denke ich auch, und es ist wirklich so, dass die Gäste begeistert sind.  Im übrigen arbeiten wir auch mit der Senioreneinrichtung „Haus Birkholz“ zusammen. Gerade die Senioren, die viel erlebt haben und jetzt gezwungenermaßen nicht mehr sehr aktiv sein können, sind glücklich über diese Gesprächsrunden. Und für uns als Zeitzeugen ist es eine spannende Aufgabe, sie dazu zu bringen, selbst zu erzählen, ihre Erinnerungen wieder aufzuspüren – und auch den Mut haben, sie weiterzugeben. Das ist ein tolles Gefühl.

Also auch hier: zur Nachahmung empfohlen?  Wir wären froh darüber.

Wir könnten vermutlich stundenlang weiterfragen, aber irgendwann muss ja auch Schluss ein. Zumal: Das alles und noch viel mehr ist in einer Festschrift zusammengetragen, die anlässlich des 20jährigen Bestehens aufgelegt wurde. Es lohnt sich, sich weiterzuinformieren (info@zeitzeugenboerse.de)

Aber eine ganz wichtige Frage muss noch sein: Es liegt ja in der Natur des Vorhabens, dass es für manche Zeiten keine Zeugen mehr geben wird. Menschen sterben und damit wohl auch ihre ganz persönlichen Erinnerungen. Das bewegt uns im Verein natürlich schon lange und wird es immer tun. Zum einen wollen wir das DVD-Archiv ausbauen. Das heißt, so lange es noch möglich ist, die Erinnerungen zu dokumentieren und zu bündeln. Das ist eine große Aufgabe, die wir natürlich nur  mit Hilfe anderer schaffen können. Zum anderen: Es ergeben sich neue Themen. Die wichtig sind. Zum Beispiel zum großen Themenblock „Migrationshintergrund“.  Wir denken und das gilt natürlich auch für mich: Die ZeitZeugenBörse hat eine beeindruckende Entwicklung hinter sich und wird sich ebenso beeindruckend weiter entwickeln.

Frau Hertelin, es war schön, das alles von Ihnen als aktives Mitglied zu erfahren. Dass viele Aspekte offen geblieben sind, ist klar. Aber eben auch der besonderen Form geschuldet: Wir wollten als Blog-Team aufmerksam machen und den Rest unseren Leserinnen und Lesern überlassen. Und vielleicht hat jetzt einer oder eine von ihnen dieses Aha-Erlebnis – und meldet sich bei Ihnen.


P.S. Bleiben Sie „dran“ an unserem Blog: Wir werden Ihnen in Kürze von einem ganz merkwürdigen Erinnerungskult erzählen – es wäre schade, wenn Sie das verpassen würden.

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