Berlin ab 50…

… und jünger

Warum tue ich mir das bloß an?

Das frage ich mich inzwischen fast jeden Mittwoch.

Denn Mittwoch ist „Turntag“ – so nenne ich das. Ich turne natürlich nicht, sondern mache Gymnastik. Auf ganz konventionelle Art: ein ziemlich schmuckloser Raum (in einem Gemeindehaus), eine relativ  kleine Gruppe von Frauen, die sich schon zu den Kindergarten-Zeiten ihrer Sprösslinge trafen und die inzwischen schon selbst wieder Großmütter sind. Also alle nicht mehr blutjung, sondern so um die 55 bis 70. Wenn wir uns treffen, kommen schon ein paar Hundert zusammen.

Unsere „Vorturnerin“: eine junge Frau, ebenfalls schon lange dabei, schlank, hübsch, beweglich und leichtfüßig, tänzerisch ausgebildet mit nett komödiantischem Talent. Ein Glücksgriff – könnte man so sagen.

Klingt alles gut, nicht wahr? Ist es auch und wäre es auch immer noch, wenn ich nicht … ja, wenn ich nicht älter geworden wäre und immer weiter werde. Seit Beginn der Gymnastik so ziemlich genau 15 Jahre älter. Was konkret heißt: an die 70.

Und das heißt leider auch: mein Körper, meine Knochen, mein Gefühl für Bewegung, meine Konzentration – all das ist mit mir älter geworden. Und das verfluche ich nun – jeden Mittwoch. Denn bei der Gymnastik lässt sich nicht leugnen, was ich im tiefsten Innern längst weiß, aber nicht zugeben mag. Es ist nichts mehr, wie es war. Und vor allem: Es wird nie mehr so!

Wobei eine Erkenntnis noch viel schlimmer ist: Der „Mainstream“ erlaubt es mir auch gar nicht, so alt zu sein, wie ich mich manchmal fühle: Heute ist „man“ besonders „frau“ nicht alt: sondern in der dritten Lebensabschnittsphase, im „reifen“, gestandenen Alter, in den fast besten Jahren und so weiter. Wir werden geschätzt als Konsumentinnen und es gibt inzwischen Models mit 60 und darüber. Die uns zeigen, wie es geht, fast alterslos zu scheinen (!)  Die Haut wird natürlich auch nicht älter, sondern nur reifer, die Haare – nun ja, da braucht’s halt ein paar Friseurbesuche mehr, die Farben werden immer besser und grau ist sowieso „in“ (natürlich nicht das normale Altersgrau – das nun wieder nicht).

 

Wenn ich mich nun aber mittwochs turnen sehe, sehe ich mich inzwischen ziemlich genau so, wie ich bin: schon ziemlich verbraucht, der Körper will nicht mehr, so wie ich will, er streikt mit Zipperlein, fühlt sich ungelenk an und vor allem: nach kurzer Zeit „kaputt“ Die Energie ist schnell zum Teufel, schneller als die Stunde, der Schwung lässt sich nicht wirklich konservieren – allenfalls für eine kurze Weile.

Und wenn ich dann unserer Vorturnerin zusehe, wie sie uns vormacht (mit ihrem liebenswerten komödiantischen Talent), wie man es eben nicht machen soll, weil zu „lasch“ und damit nicht effektiv, dann fühlt es sich so an, als sähe ich mir selbst zu!

Und jetzt kommt das wirkliche Ärgernis:Ich bin es ja selbst, die dagegen ankämpfen will, die nicht akzeptieren will, dass das, was in all den Medien verkündet wird,  nur „pseudo“-vorgelebt, vorgeschrieben wird. Was das Leben nur  trübsinniger macht. Weil ich mich nicht „traue“, mich so zu benehmen, wie ich mich fühle. Eben wie jemand, der  nicht immer leichte  70 Jahre mit sich herumträgt.

Ich bin nicht die sonnige, zähe, glückliche alterslose Frau, die ich zu sein habe. Aber noch tue ich so, als sei ich es. Deshalb turne ich jeden Mittwoch als ginge es um mein Leben. Keine Schwäche, ja nicht nachgeben, alle Übungen genauso so oft, wie unsere Vorturnerin es ansagt. Und noch einmal. Und noch einmal. Und ein drittes Mal. Obwohl ich schon beim zweiten Mal innerlich protestieren möchte: Ich kann nicht mehr. Und vor allem: Ich will nicht mehr. Ich bin zu alt. Und ich will alt sein dürfen. Auf meine Weise!

Wann erhöre ich mich selbst? Nächsten Mittwoch auf jeden Fall noch nicht. Das ahne ich! Vielleicht – dies halte ich mir zugute – weil ich fürchte, dass mit dem ersten Nachlassen das wirkliche –  innerliche – Altern beginnt. Und noch habe ich 30 Jahre bis zum 100sten vor mir. Und 100 werden immer mehr Menschen – vor allem in Berlin.

Ein Kommentar

  1. M.Z.

    Das ist aber ein toller Artikel! So ehrlich und gefühlvoll und mit selbstkritischem Humor!
    Das wird bestimmt vielen aus dem Herzen sprechen.

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