Berlin ab 50…

… und jünger

Aufgespießt(e) 109 Euro

Das ist ein nettes Sümmchen, damit lässt sich schon etwas anfangen.

Ich kann es spenden, zum Beispiel an eines der vielen internationalen Spendenkonten; ich kann sie in Berlin belassen und der Tagesspiegel-Spendenaktion übergeben. Ich kann damit auch etwas Nettes für meine Familie oder meinen Freundeskreis tun.

Und natürlich: Ich kann es auch für mich ausgeben. Für irgendetwas, das einmal nicht ein zweckmäßiger Kauf ist (brauche ich sowieso), sondern ein lustvoller.

Das alles kann ich mit dem Geld anstellen.

Und ich kann es für etwas ganz Irrwitziges ausgeben: für ein „reality“-Erlebnis! Dahinter steckt etwas, was ich mir bislang kaum vorstellen konnte – so absurd scheint es.

Die „reality“ ist eine Nacht bzw. sind 16 Stunden in einer ehemaligen Bunkeranlage des ebenso ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit: Der Bunker – das sind

3 600 qm , in den 70er Jahren erbaut und, so heißt es auf der Internetseite, „einmalig in Ausstattung und Funktion“.

16 Stunden Programm unter Anleitung eines ehemaligen Offiziers der Stasi. Er fungiert in diesen 16 Stunden als „Major und zusammen mit anderen „Offizieren“ hat er „Befehlsgewalt“ über die Teilnehmer bzw. über „Truppe“.

Es wird eine Nacht im Jahre 1989 „nachgespielt“, originalgetreu wird das Leben im Bunker inszeniert.

Und tatsächlich: Das Programm klingt wie eine makabre Kopie der damaligen Wirklichkeit. Von der man annehmen sollte, dass sie der Vergangenheit angehört.

Von 17.30 bis zum nächsten Morgen um 10.00 ist alles durchgetaktet: Vom Ankleiden, „Tauglichkeitsprüfung“ und Beziehen der Unterkunft (Schlafraum mit 3-stöckigen Kasernen-Betten, Sanitärbereich mit separaten WCs (welch eine Luxus) und Waschbecken mit fließend (!) kaltem Wasser (nicht dass der Luxus zu weit geht!)) übers NVA-typische Abendessen und Grundausbildung (eine Stunde!) bis hin zu „Gute Nacht-Geschichte“, Wachablösung, Einweisung in die Nachbetreuung, Frühsport und Appell zum Empfang des Entlassungsgeschenks.

Und damit der nun wieder „ehemalige Soldat“ sich für die tatsächliche Realität ins Lot bringen kann, darf um 8.30 Körperpflege im Saunabereich des veranstaltenden Hotels betrieben werden mit anschließendem Frühstück ebendort.

Dieses „reality“-Erlebnis ist der Fantasie eines Hotels entsprungen, das am Rennsteig in Thüringen liegt.. Es lässt sich ab vier Personen buchen für eben die genannten 109,00 Euro (pro Person, versteht sich). Und wenn tatsächlich eine ganze Gruppe von DDR- bzw. NVA-Ostalgiker zusammenfindet, dann gibt’s Preisnachlass.

Nun frage ich Sie: Muss ich das gut finden? Muss ich sagen, dass jeder seine Zeit und sein Geld einsetzen kann wie er mag? Das muss ich wohl sagen, aber ich kann es schrecklich finden. Ich kann es als Missachtung und Verhöhnung derjenigen empfinden, die von der NVA in der Existenz bedroht waren. Ich kann es als eine Form von Belustigung werten, die einen ziemlich üblen Nachgeschmack hat.

Natürlich wird es immer Menschen geben, die der Vergangenheit nachtrauen und es ist sicher geboten ,die Gründe dafür ernst zu nehmen und sich nicht darüber zu belustigen. Aber trotzdem kann ich eine Veranstaltung „aufspießen“, die an „Gewesenes“ in einer Form erinnert, die nichts als eine Show ist – ein 16stündiges Spektakel ohne Sinn und ohne Verstand.

Wie gesagt, 109 Euro  lassen sich auch einfach nur vernichten. Am nächsten Tag ist alles vorbei.

Und als Fazit  bleibt: Erinnerungspflege ist noch lange kein Wert an sich.

Und das zweite Fazit: Es ist gut, dass es die ZeitZeugenBörse gibt, die zeigt, wie man sinnvoll und ohne Spektakel erinnern kann.

 

i.B.F.

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