Berlin ab 50…

… und jünger

Meine Freundin Lotta

Jede Woche treffe ich meine Freundin Lotta in Charlottenburg. Wir tauschen Klatsch, trinken Kaffee und lachen viel.

Lotta hat funkelnde blaue Augen und  perfekte Haut, ist blitz schnell and liest gerne. Ich kenne sie seit einem jahr und wir reden wie Schwestern mit einander. Ich bin 26 Jahre alt und Lotta 94.

Als ich letztes Jahr von Irland nach Deutschland gezogen bin habe ich mich entschlossen eine ehrenamtliche Tätigkeit aufzunehmen. Zu Hause hatte ich Asylbewerber Englisch Unterricht gegeben und war überzeugt dass das “volunteering” mir (und hoffentlich anderen auch) gut tut. Ausserdem wollte ich neue Leute kennenlernen. Ich war ein wenig einsam.

Ich habe Kontakt mit einem Pflegeheim in meiner Nähe aufgenommen und habe mich erkundigt ob man dort vielleicht Hilfe brauchen könnte. Mir wurde gesagt dass es eine Dame gäbe die einen Wochentlichen Besuch wilkommen würde. Sie habe nur noch eine lebende Verwandschaft; eine Nichte die in einer andere Stadt wohne. 

Bäume im Schlossgarten

Bäume im Schlossgarten

Wir machten einen Termin für unser erstes “Blind” date.

Als ich Frau Bienkowski (damals war Sie noch nicht “Lotta”) zum ersten Mal sah, sass sie in einem grossen Sessel beim Fenster. An ihrem Schoss lag ein Vergrösserungsglas, auf dem Tisch vor ihr waren ein paar Vitamin bonbons und etliche Zeitungen.  Wir betrachteten uns gegenseitig.  Sie hatte ein lebendiges Gesicht, war schick gekleidet und hatte volles, lockiges  weisses Haar.

Ich habe mich langsam und deutlich vorgestellt. Wenn ich zurück denke, muss ich darüber lachen. Lotta hat mich wahrscheinlich für ein wenig merkwürdig gehalten.

Der Rock!

Der Rock!

Es dauerte nicht lang bis wir uns mit einander wohl fühlten. Frau B wollte alles über meine Heimat in Irland erfahren und fragte wie es sein könne dass meine zwei ältere Schwestern und ich immer noch nicht geheiratet haben. Ich war genau so neugierig über ihr Leben.

Lottas Familie stammt aus Ostpreussen. An der Wand hängt ein grosses Schwarz-weisses Bild:  Lottas Grosseltern feiern den Silbernhochzeitstag. Vorne recht sitzt ein kleines Maedchen mit Schnallenschuen und kurzes Haar.

“Das bin ich!” sagt Frau Bienkowski. Sie zeigt mit ihren Zeigefinger auf die anderen Familienmitglieder. “Er ist umgekommen,” sagt Sie. “Sie auch, und er… sie hat überlebt.. ”

Sie schweigt kurz. “Tja, und nun sind alle tot.”

Frau Bienkowski  ist in Charlottenburg aufgewachsen und hat  von da aus  die Vor- und Nach-Kriegszeit , die Luftbrücke, Mauer,  Wiedervereinigung und nun das neue, offene multi-kulti Berlin erlebt.

Sie erzählt mir wie die Strassen erweitert worden, um die Nazi Versammlungen zu dienen. Als Teenager fanden es viele aufregend. Man wusste nicht was kommt. Nach dem Krieg war der Schlossgarten  leer – die Leute haben die Bäume für Feuerholz benutzt.

Die Amerikanische Soldaten waren die nettesten, sagt sie. Für die Luftbrücke ist Sie bis Heute dankbar. “Wir hatten nichts, Katechen,” sagt sie.

Inzwischen kann die Frau B nicht mehr so gut sehen. Deshalb habe ich mir ein Buch aus der Otto Suhr Bibliothek ausgeliehen von dem ich ihr jede Woche ein paar Seiten vorlese.

Es ist ein Irisches Buch von Una Troy und handelt sich um zwei grantige alten Nonnen. Es bringt Frau B jedes Mal zum lachen.

Frau B ist gelernte Schneiderin. Sie hat Jahre lang in einer Schneiderei am Kudam gearbeitet.  Den profesionellen Blick hat sie nie verloren . Sie merkt jedes Mal was ich trage und wie es geschnitten  ist. Sie zieht sich auch jedes Mal wenn ich komme besonders fein an.

“Wer merkt das denn sonst?” fragt sie mit einem Schmunzeln.

Vor ein paar Wochen merkte  Frau B dass mein roten Rock nicht mehr zu gut fiel wie zuvor.  “Bring es nächtes Mal mit und ich nähe ihn um,” sagt sie.

“Ach, nein,” erwidere ich mit Schuldgefuhl dass ich so eine alte Dame mit meiner ungeschniegelte Bekleidung belästige. Aber sie bestant darauf.

Als ich das nächste Mal kam, nam sie den Rock in die Hand und  fasste den Saum schnell an. Mit Geschick und Leichtigkeit die man mit einer halb so Alten verbindet, fing sie an zu arbeiten. Nadel und Faden schwebten als ob sie mit einander tanzten.

Zehn Minuten später war sie fertig. “Probiere mal, Katechen,” sagte Sie.

Ich drehte mich im Kreis und wir lachten.

Dann sagte sie: “Katechen,sag doch “du” zu mir. Und nenn mich nicht mehr Frau Bienkowski. Für dich bin ich jetzt Lotta.”

 KKF

PS.  „Einen Besucherdienst auf ehrenamtlicher Basis organisiert in Charlottenburg-Wilmersdorf die FreiwilligenAgentur. Infos erhalten Sie unter www.ehrenamt.charlottenburg-wilmersdorf.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Kommentare

  1. GL

    Liebe KKF. Ich finde Ihren Beitrag so erfrischend, weil generationsübergreifend, von Respekt und Humor getragen; reizend und äußerst charmant die Möglichkeit, über Rechtschreibung und Interpunktion die Internationaltät der Beiden zu verdeutlichen.
    Ich möchte eigentlich merh von und über Si eund Lotta erfahren. Vielen Dank im Voraus!
    GL

  2. B. Mayr

    Lotta dürfte so vermutlich manchem Leser ans Herz wachsen und ihre „Berichterstatterin“ nicht minder. Vielleicht mögen ja Beide uns auch weiterhin mit ihren kleinen Geschichten Freude machen.
    B.M.

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  1. Mit 26 bei ‘Berlin ab 50’ – Warum eigentlich​? | Berlin ab 50

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