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… und jünger

Das erste Weihnachtsfest im Pflegeheim

Viele von uns haben das bereits erlebt, andere werden es möglicherweise bald erleben müssen: Die Eltern müssen in ein Pflegeheim umziehen.

Welche Gründe auch immer dazu geführt haben – ganz freiwillig geschieht ein solcher Umzug nie. Auch dann nicht, wenn die Eltern es selbst wollen oder zugestimmt haben: Die Erkenntnis, das Leben nicht mehr allein meistern zu können, bedeutet doch auch, dass wir wissen, dass wir einen Teil unserer Selbstbestimmung abgeben müssen.

Unsere Eltern und uns, die Töchter, traf es unvorbereitet: Die Aufgabe ihrer Wohnung hatten sie immer abgelehnt und wir haben uns wohl nur zu gern beruhigen lassen, zumal es schien, so war unser Eindruck bei unseren Besuchen, als würde alles gut laufen.

Eine akute Lungenentzündung unseres Vaters veränderte aber plötzlich alles. Der Umzug in ein Heim war der einzige Möglichkeit, das Leben wieder in den Griff zu bekommen. Und der „weiche“  Übergang – Kurzzeitpflege zu Rehabilitation  – schien allen ein guter Anfang zu sein. Fast allen, denn unsere Mutter hat  die Realität trotz der schweren Erkrankung ihres Mannes ausgeblendet und sah überhaupt keinen Grund, das Alleinleben aufzugeben.

Der neue Lebensabschnitt, das Leben im Heim, begann zu Anfang des Jahres und war – natürlich vor allem für unsere Mutter – emotional nur schwer zu bewältigen. Sie hat es lange nicht als ihr „Zuhause“ akzeptiert; sie klammerte sich an ihre Überzeugung, dass alles nur ein böser Spuk sei, den wir uns für sie ausgedacht haben. Unserem Vater fiel es leichter, er war sehr schnell einverstanden, fühlte sich wohl und befreit. Von Verantwortung, von Pflichten, von Sorgen um seine Frau und sich selbst. Die Zeit war wohl für ihn reif. Aber eben nicht für unsere Mutter. Es war eine belastende Situation. Und es dauerte lange, bis sie sich hineinfand in die Situation und eine für sie wichtige Routine gefunden hat.

Nun  stand das erste Weihnachtsfest im Heim an. Ein ganz anderer, neuer Ablauf als noch vor einem Jahr: ein „verordnetes“ Gemeinschaftsfest statt eines gemeinsamen Abends mit dem  Bruder bzw. Schwager. Keine wirklichen Rückzugsmöglichkeiten, eine ungewohnte Nähe zu „Fremden“ (denn das waren die Bewohner und das Pflegepersonal damals noch immer für sie)  –  das alles hat ihnen wie uns vorher Sorgen gemacht. Die keiner von uns aber je dem anderen gegenüber geäußert hat, vermutlich um uns gegenseitig zu „schonen“.

Viele Jahre früher, als wir noch Kinder waren, war das Weihnachtsfest ein ziemlich großes Ereignis und wurde von unseren Eltern mit all dem zelebriert, was damals zur Tradition gehörte – auch in einer nichtreligiösen Familie: Adventskranz und Weihnachtsbaum, traditioneller Weihnachtsschmuck mit viel Lametta (das jedes Jahr einzeln abgenommen, geglättet und für das nächste Jahr aufbewahrt wurde (!)), das Singen sämtlicher Weihnachtslieder vor (!) der Bescherung. Unsere Eltern, vor allem unsere Mutter, konnten wunderbar singen und taten es mit viel Ausdauer (damals sehr zu unserer Betrübnis) und Freude. Ein Weihnachten also, das hoffentlich viele von uns so erleben konnten.. Und wenn nicht, dann war es ein trauriges Kinderleben.

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Später als wir eigene Familien hatten, reisten die Eltern zu uns – die Traditionen wurden  fast unverändert weitergeführt. Unsere Mutter sang immer noch sehr schön und gern und kein  Liedvers ist  ihr je abhanden gekommen.

Noch viel später fielen die Reisen aus. Sie wurden zu beschwerlich, es war alles viel zu überlaufen, die Enkelkinder  fingen an, ihr eigenes Leben zu führen – die Zeit war wohl vorbei.

Wir haben dann neue Rituale gefunden: Den 24. verbrachten wir in unseren Familien, unsere Eltern luden den Bruder für den Abend ein, und wir kamen jeweils am 25. bzw. 26., um diese beiden Tage mit ihnen zu verbringen. Eine Lösung, die vielleicht hätte besser sein können, aber sie entsprach wohl unserer „Familienentwicklung“.

Und jetzt die dritte Phase: Weihnachten in der großen Gemeinschaft. Wie würden unsere Eltern darauf reagieren? Würde es noch einmal ein bitterer Tag der Erinnerung sein? Und des erneuten Spürens, dass sie jetzt nicht mehr über den Ablauf frei entscheiden konnten? Dass sie in eine „Heim-Tradition“ eingebunden sind, auf die sie keinen Einfluss nehmen konnten  (ein „Ausbrechen“ ist in einer solchen Situation nicht mehr möglich – das zu glauben, wäre die Realität zu leugnen). Natürlich war verabredet, dass wir  an den beiden folgenden Feiertagen sie besuchten.

Wie sehr haben wir uns umsonst Sorgen gemacht! Schon die Adventszeit haben die Beiden genossen: Es gab wieder einen Adventskranz, den weihnachtlichen Schmuck; es wurde jeden Sonntag ein gemeinsamer Adventskaffee zelebriert. Natürlich mit Gesang und Klavierbegleitung, weihnachtliche Geschichten wurden vorgelesen – es war wie ein Aufleben der alten Zeit. Die Erinnerung war stärker als das Gefühl des Verlusts der vorherigen „Zwei- bzw. Dreisamkeit“.

Und Weihnachten selbst war dann noch einmal etwas ganz Besonderes: Auch für unsere Eltern. Sie konnten noch einmal der Erinnerung nachspüren, sich vorstellen, wie sie als junge Eltern mit uns Weihnachten gefeiert haben; sie konnten den Geruch von Kerzen, Tannen und Weihnachtsgebäck wiedererkennen. Die Gegenwart war für diese wenigen Stunden ausgeblendet.

All das hätten wir nicht bieten können. So ehrlich mussten wir sein. Wir konnten unser schlechtes Gewissen ein wenig beiseite legen. Und vor allem: Wir konnten, als wir an den beiden Weihnachtstagen bei ihnen im Heim waren, es miteinander erleben. In der Gemeinschaft all derer,  die jetzt unsere Eltern alltäglich um sich haben, mit denen sie jetzt leben.

Warum ich Ihnen die Geschichte erzählen, die ja eine sehr private ist? Vielleicht um Ihnen über die „Schwelle“ zu helfen. Die Sorge zu zerstreuen, dass Weihnachten im Heim etwas ganz Schreckliches sein müsse.

Wir, meine Schwester und ich,  haben daraus gelernt, die Dinge nicht mehr aus unserer Warte zu sehen, sondern aus der unserer Eltern. Und für sie war es jetzt gut so, wie es war. Die Zeit und das hohe Alter waren uns wohl eine (ungewollte) Hilfe.

I.B.F.

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