Berlin ab 50…

… und jünger

Aufgespießt: Wie man eine gute Idee auch einmal verwässern kann

Wenn zur Jahreswende die Nachrichtenlage für die Medien eher spärlich ist, schlägt die Stunde der Artikel, die sonst unter den Tisch fallen. Dazu gehören Überblicke, Ausblicke und Zusammenfassungen, die so manches offenbaren. Ich lese sie ziemlich gern.

Und da auch 2014 wieder ein Erinnerungsjahr ist, gab es in eine Tageszeitung eine Übersicht über all die Erinnerungs-, Gedenk- und Aktionstage, die dem Thema Gesundheit bzw. wohl eher Krankheiten gewidmet sind.

Als ich das las, war ich erst einmal nur überrascht, wie viele es sind und worum es jeweils geht. Beim Weiterlesen wurde ich erst stutzig, dann skeptisch und zuletzt fand ich, dass es  auch des Guten zu viel sein kann.

 Es gibt also einen Weltgesundheitstag. Das ist eine gute Sache, er soll uns einmal mehr darüber nachdenken lassen, wie gut es uns geht, die wir bislang von Krankheiten verschont blieben. (Für die, es genau wissen wollen, es ist der 7. April).

Vor 10 Jahren (wieder ein Jubiläum!)  hat man den „Welt-Alzheimertag“ ins Leben gerufen. Angesichts der Zunahme der Demenzerkrankungen, unter denen Alzheimer eine besonders schwerwiegende Rolle spielt, ist das ganz gewiss ein sinnvoller Aktionstag. Zumal solche Tage ja durchaus auch etwas bewegen, sei es die Anwerbung von Forschungsgeldern, das Ausrufen neuer Studien und ähnliches.

Sowieso nicht mehr wegzudenken ist der  „Weltaidstag“. Wer wollte heute noch den Gala-Abend missen? Der nicht nur für die „Adabeis“ so wichtig ist, sondern für alle Betroffenen und für ihre Sache. Beim „Herztag“ ist es ähnlich, auch er ist seit Jahren bekannt und er hat ganz gewiss einiges in den Mittelpunkt gerückt, was sonst nicht so eine große Aufmerksamkeit bekommen hätte. Der „Weltkrebstag“ – ebenfalls gut und wichtig.

 Aber sehr bald wird es, sagen wir es vorsichtig, „überraschend“: Es  gibt nämlich auch noch den Tag der Logopädie, der Nieren, des Down-Syndroms. Den Welt-Parkinson-Tag, den Darmkrebs-Tag, den Tag der Früherkennung von Allergien (er ist im April! Aber eigentlich sollte dann nach den Ratschlägen der Allergologen die vorbeugende Behandlung schon begonnen haben, vielleicht sollte man ihn vorziehen? Wenn noch Platz ist!).

Und weiter geht’s: den Tag des Schlafes, den Tag des Fußes, den Internationale Tag gegen den Lärm, Rückengesundheits-Tag,  Welthepatitis-Tag, Lungentag, Welt-Rheumatag, Welt-Frühgeborenen-Tag,  Aktionstag Bauchspeicheldrüse.

Reicht es? Nein, es gibt noch einiges mehr: durchaus Spaßiges: z.B. Welt-Lachtag (am 4. Mai – vergessen Sie das Datum nicht), Tag der Linkshänder.

Ernst wiederum wird es bei Tagen wie: Depression, Suizidprävention, Tag der seelischen Gesundheit.

Ach ja, natürlich: Genannt werden müssen der Tag der Kopfschmerzen und Migräne, der Lungentag.

Daneben gibt es noch ganze Wochen-Aktionen: die des Stillens, des Sehens (einen Tag des Hörens“ ist wohl noch nicht auf dem Programm?)

Und – damit mache ich endlich auch Schluss: Es wird noch ein Tag der Seltenen Krankheiten begangen. Seit dem 29. Februar 2008.  Ein Jahr also, das, wie Sie sich vielleicht erinnern, ein Schaltjahr war. Und das ist dann – trotz sehr ernstem Hintergrund – schon wieder lustig. Denn einen 29. Februartag haben wir ja auch nur selten. Und weil das für ein Gedenken dieses schwierigen Bereichs, insbesondere für die Betroffenen, zu wenig wäre, wird er an „normalen“ Jahren am 28.2. begangen.

 Unsere Generation ist nun sicherlich eine, die für die das Erinnern, das Gedenken zunehmend an Bedeutung gewinnt: das erste Lächeln unserer Kinder, der erste Schritt, die Erkenntnis, dass das Kind kein Kind mehr ist, die Hochzeit, der erste Todesfall in der Familie – das alles sind unsere  persönlichen Erinnerungen, die uns prägen – je älter wir werden.

Ob allerdings solche „öffentlichen“ Erinnerungstage in der Häufigkeit so viel helfen und bewirken – ich bin skeptisch. Auch eine gute Idee hat keinen Unendlichkeitswert.

IBF

(Quelle: Tagesspiegel vom 29.12.2013) 

Ein Kommentar

  1. amy

    Nicht zu vergessen,
    der gute Tag des Nichts –
    16. Januar,
    nicht mehr fern.

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