Die letzte Umarmung

Sie waren alte Freunde. Beide weit über 80, ein Jahr jünger der eine.

Es war keine Jugendfreundschaft, die sie verband. Sie lernten sich erst im Krieg kennen – und schätzen – und der Zufall führte sie später, als sie im Ruhestand waren, wieder zusammen.

Die früheren gemeinsamen Erfahrungen, die Erinnerungen und wohl auch ihre besondere politische Einstellung, die nicht unbedingt dem „Mainstream“ entsprach, ließen die alte Vertrautheit wieder aufleben.

Auch ihre Frauen kannten sich, aber das war etwas anderes. Sie spielten in der Beziehung der Beiden zueinander auch keine große Rolle – es war wohl eine andere Ebene.

Einmal in der Woche trafen sich die beiden Freunde, aber immer in einer größeren Runde– eine Runde, die sich ebenfalls eher zur Vergangenheit als zur Gegenwart bekannte. Das, war einmal gewesen war, war auch immer das große Thema; Die Zukunft sollte sich, so ihre Meinung, anders entwickeln, als sie es ihrer Meinung nach tat.

Die Stadt, in der sie wohnten, war eine gut bürgerliche Kleinstadt, eine Residenzstadt, in der dieser politisch motivierte Kreis eine gesellschaftliche Rolle spielte – so wie der Tennis- und der Rollschuhclub (ja, damals war Rollschuhlaufen als „Kunstsport“ sehr viel verbreiterte als das Eislaufen – es ist eben lange her).

Es gab also einige jährlich wiederkehrende gesellschaftliche Ereignisse, zu denen sich die Freunde ebenfalls einfanden. Dann war es selbstverständlich, unausgesprochen, dass man einen gemeinsamen Tisch saß. Und auch dann spürte wohl jeder, dass sie sich besonders zugetan waren.

Trotzdem trafen sie sich nie außerhalb solcher Ereignisse und schon gar nicht zu zweit.

Mit einer Ausnahme: Einer von ihnen, der jüngere, hatte am 1. Januar Geburtstag.

An diesem Tag kam der Freund zur Gratulation. Jedes Jahr und ohne Ausnahme.

In den ersten Jahren nach ihrer Wiederbegegnung, als beide noch jünger waren, war die Besuchszeit immer genau 12 Uhr und natürlich waren in dem Fall die Frauen dabei.

Und es war Tradition, dass der Jüngere einen Imbiss vorbereitete: Immer auf die gleiche Weise. Hätte sich etwas ändern müssen, es wäre für alle nicht mehr dasselbe gewesen. So musste es ablaufen, so war es richtig.

Das ging viele Jahre so. Bis der Jüngere mit seiner Frau in ein Pflegeheim umziehen musste.

Damit wurde alles anders, denn auch an den wöchentlichen Treffen konnten Beide nicht mehr teilnehmen; sie waren zu alt geworden, der Körper wollte nicht mehr und auch das Interesse war nicht mehr dasselbe. Wichtiger wurde das tägliche „Über“-Leben, die Bewältigung der neuen Situation, das Zurechtfinden im neuen Umfeld – und wohl auch das Trauern um das, was nun endgültig verloren war: Unabhängigkeit und Zukunft.

Eines aber blieb: Der Ältere, der mit seiner Frau bei seiner Tochter lebte und versorgt wurde, kam jedes Jahr – wie all die Jahre vorher – zur Gratulation. Nie ließ er sich abhalten. Statt seiner Frau begleitete ihn seine Tochter – allein hätte er das nicht mehr bewältigen können.

Der Jüngere konnte auch nichts mehr vorbereiten, ein Glas Wein vielleicht, ein paar Kekse, mehr war nicht möglich.

Die Besuchszeit änderte sich: Sie lag am frühen Nachmittag.

Wenn Beide nach einer Ruhepause Kraft geschöpft hatten.

Sie trafen sich im Zimmer im Pflegheim des Jüngeren, gingen aufeinander zu und umarmten sich. Diese Umarmungen waren anders als früher, das spürte alle, die dabei waren. Sie mussten beide gestützt werden, aber dann hielten sie sich in den Armen. Wortlos und beide, die früher wenig Gefühle zeigen konnten, hatten Tränen in den Augen. Sie blieben eine ganze Weile umarmt stehen, hielten sich aneinander fest. Dann setzten sie sich einander gegenüber, immer so, dass eine Berührung – am Arm, an der Hand – möglich war. Sie sprachen nicht miteinander, denn beide hatten damit Schwierigkeiten Sie nickten sich zu, lächelten und hörten der Unterhaltung derjenigen zu, die dabei waren.

Nach einer guten Stunde war die Zeit des Aufbruchs – er wurde immer mühseliger, das Aufstehen fiel schwer, das Anziehen des Älteren, die ersten Schritte.

Und dann die letzte Umarmung zum Abschied. Sie war genau so innig und für andere bewegend wie zu Anfang des Besuchs. Vermutlich waren sich Beide bewusst, dass es die letzte sein konnte. Sie wirkten traurig und einsam – in ihrer Zweisamkeit. Ein Abschied auf Raten.

Zur Jahreswende 2009 war es wirklich der letzte Besuch. Damals wusste es keiner, es gab keine Anzeichen. Der Jüngere ging zuerst. Und der Ältere schaffte es noch, ihm auf dem Friedhof Adieu zu sagen. Auf seine stille Weise.

4 Gedanken zu “Die letzte Umarmung

  1. Eine sehr berührende Geschichte. Vielen dank, dass Sie ihr mit uns geteilt haben. Man kann nur hoffen, dass man auch so eine lebenslange Freundschaft erlebt.

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  2. Diese Geschichte ist sehr ergreifend. Ja, das zeichnet wahre Freundschaft aus.
    Sehr treffend beschrieben, wie das Alter in einem neuen Umfeld beschrieben wird und
    wie ein Mensch sich so ganz allmählich verändert.

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