Berlin ab 50…

… und jünger

Dank an meine Lebensretter: Musik – Berlin – Ehrenamt

Dass man (Frau/Mann) ab dem 50. Lebensjahr angeblich alt ist, aber nicht sein muß, ist ja mittlerweile sicher bekannt.

Ich selbst, Charly genannt, fühlte mich mit 50 Jahren steinalt – meine Frau war tot, kurze Zeit später verlor ich meine Arbeit; trotz intensiver Suche wollte mich niemand als Koch einstellen – das Alter!

Ich war in einer desolaten Lage, traurig, allein.

Das einzige, was mich aufrecht erhielt war meine ehrenamtliche Arbeit, die ich bereits während meiner Erwerbstätigkeit ausübte. An den Wochenenden kochte ich in einer kirchlichen Einrichtung für 200 – 250 Obdachlose. Sieben Jahre lang erfüllte mich diese Aufgabe und ich erfuhr viel Lob und auch Dankbarkeit.

Trotzdem konnte ich in Hamburg nicht mehr Fuß fassen, ich suchte in Frankreich mein Glück – erfolglos!

Dann lernte ich einen Berliner Straßenmaler kennen. Er überzeugte mich, dass Berlin eine Reise wert sei und er hatte Recht. Ich empfand auf Anhieb, dass ich hier akzeptiert werde, dass mir Möglichkeiten offen stehen, die ich in einer anderen Stadt nicht habe. Der raue, aber herzliche, spontane Berliner Umgangston war mir anfangs fremd, schien mir aber ehrlich. Auch wenn dies nur ein Gefühl war – und immer noch ist – es hat mir geholfen. Und die Musik, die mich überall begleitete, die es in Berlin an vielen Orten live und zu bezahlbaren Preisen zu hören gibt. Die Songs, die im Rock so hart klingen, die Texte, die das Leben so drastisch beschreiben und die auch oft so zärtlich sind.

Als 54jähriger startete ich in einer Berliner Band als Perkussionist, betreute die Technik, übte mich an den Conga. Es ging bergauf, aber nur kurze Zeit – dann hatte ich wieder Pech: mehrere Bandscheibenvorfälle mussten operiert werden, ich saß im Rollstuhl. Zwei Jahre lang hörte ich nur Musik und machte stoisch meine Bewegungs-übungen. Als ich den Rollstuhl verlassen konnte und es mir leidlich besser ging, erinnerte ich mich an die aufbauende Kraft von ehrenamtlichem Engagement.

Vor sieben Jahren begann ich in einem Charlottenburger Seniorenclub, die Gäste mit musikalischer Unterhaltung aus der Retorte zu unterhalten.plattenspieler2JPG

Schnell hatte ich eine interessierte Gruppe von Senioren gewonnen, die sich als begeisterte Hörer von Rockmusik outeten.

In der Konsequenz gibt es seit zwei Jahren ein Mal monatlich die Kiezdisco*  von 20.00 Uhr  – 1.00 Uhr, die ich als Discjockey organisiere.

Das Stammpublikum, ca. 50 Musikfans im Alter zwischen 30 und 70 Jahren, tanzen nicht nur auf AC/DC, Led Zeppelin und Deep Purple, sondern zur Abwechslung auch auf Salsa, Zumba, Cumbia und Soulmusik.

Es gibt auch immer für einen bestimmten Zeitraum die Möglichkeit des „Wunschkonzerts“. Auf über 2000 Titel kann sofort zugegriffen werden, bei ein bisschen Vorbereitung steht ein Archiv von über 10 000 Titeln zur Verfügung.

Mittlerweile gestalten auch die Besucher selbst  mit: Sie bringen eigene Musikstücke mit, brennen CDs, tragen zur Unterhaltung mit bei. Wir klopfen Sprüche und wenn nötig auch auf die Schulter. Es ist eine intensive, herzliche, persönliche Atmosphäre im Club. Mittlerweile finden sich bis zu 80 Gästen ein – Tendenz weiter steigend!

Da mir die Besucher auch gut tun, ich mich als über 60-jähriger ganz schön jung fühle, freue ich mich natürlich über alle „Neuen“.

Euer Charly

* Kiezdisco im Seniorenclub, Nehringstraße 8 (Tel: 9029-24328)

2 Kommentare

  1. Antje

    Der raue berliner Umgangston war für mich als Hamburgerin am Anfang auch sehr gewöhnungsbedürftig, inzwischen komme ich gut damit klar und fühle mich sehr wohl hier. Schade, dass die Disco für mich zu weit entfernt ist, ich wohne in Treptow, aber vielleicht kann hier ja etwas ähnliches entstehen. Schön, dass Du so viel Mut und Kraft hattest, um im wahrsten Sinn des Wortes wieder auf die Beine zu kommen.
    Grüße Antje

  2. merian

    Es ist sicher schön dort, aber die Termin scheinen größter Geheimhaltung zu unterliegen… 🙂

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