Berlin ab 50…

… und jünger

Aufgespießt: „Wurstgift“ oder, wenn Ihnen das besser gefällt, „Sausage Poison“

Beides macht keinen so guten Eindruck, nicht wahr?  Und trotzdem macht dieses Gift eine rasante Karriere.

Wenn Sie den lateinischen Namen lesen, wissen Sie, warum: Es  geht um „Botox“, genauer „Botulinumtoxin“. Wurstgift heißt es, weil es sich um Bakterien handelt, die vorzugsweise in verdorbenen Wurst- und  Fleischkonserven entstehen. Botulismus war früher eine gefürchtete Lebensmittelvergiftung,  die fast immer tödlich ausging. Sie tritt auch noch heute auf, allerdings seltener.

Dass dieses Gift inzwischen in aller Munde ist und von vielen heiß geliebtbotox 2 wird, war vor gut 20 Jahren noch kaum vorstellbar. Inzwischen gehört es fast zum guten Ton, sich regelmäßig Botoxbehandlungen zu „gönnen“.

Denn Falten zu haben –so scheint es -, ist so ungefähr er größte Makel, den wir uns jenseits der 50 vorstellen können. Wir können zwar nichts dagegen tun, dass wir alle 12 Monate in der Zählerreihe ein Jahr nach oben rücken. Aus 50 werden ziemlich schnell 60 und dann 70 und danach zählen wir sowieso nicht mehr (was allerdings nichts an  der Tatsache ändert).

Aber eines können und wollen wir offenbar beeinflussen: Man soll uns das Alter nicht ansehen. Auf keinen Fall. Deshalb wird  jede Falte zu einem Feind. Der „gekilled“ werden muss – mit der Giftspritze  Und die heißt  Botox.

Die Giftwirkung beruht auf der Hemmung der Signalwirkung von Nervenzellen. Botox ist das stärkste bekannte Gift. Stärker als Arsen. Seit etwa 1980 wird es als medizinischen Mittel vornehmlich bei neurologischen Bewegungsstörungen eingesetzt. Und über weitere Anwendungen wird geforscht, z.B. im orthopädischen Bereich.

Etwa 1992 begann seine kosmetische Karriere, damals noch als „off label“-Mittel – es fehlte die offizielle Zulassung für diese Anwendung. Was aber weder manche Ärzte noch Patientinnen zu stören schien (zu Beginn waren es wohl vornehmlich Frauen, denen Glattheit vor Risiko ging). 2002 gab es dann die Zulassung – und damit  begann der „Run“ auf Botox erst richtig.

(Und nebenbei: Botox gilt als Biowaffe und es ist keineswegs sicher, dass sie nicht tatsächlich einmal genutzt werden könnte, z.B. von terroristischen Vereinigungen.)

Botox hat natürlich Nebenwirkungen (oder sagen wir besser „unerwünschte Wirkungen“? Denn Nebenwirkungen hat jedes Medikament, ohne sie gäbe es keine Wirkung – so ein geflügeltes Wort).

Und die sind bei der Faltenunterspritzung ein „“frozen face“, wie es in Hollywood immer dann  hieß, wenn fast keine Mimik mehr möglich war. Ganz so schlimm ist es jetzt  nicht mehr, aber es bleibt die Unmöglichkeit, z.B. die Stirn zu runzeln oder zu lächeln. Was offenbar die „Dauer-Anwenderinnen“ schon gar nicht mehr stört.

Die Wirkung lässt nach etwa drei bis sechs Monaten nach bzw. verschwindet ganz. Eine Wiederholung muss her. Denn inzwischen haben sich die Frauen so an ihre „äußerliche Glattheit“ gewöhnt, dass sie kaum noch anders können, als die Behandlung fortzusetzen.

Und das ist jederzeit möglich. Denn inzwischen wird vielfach geworben mit „Botox to go“.

Also einfach das Mittagessen ausfallen lassen, stattdessen „einmal „Botox to go“. „Gesellschaftsfähig“ (so nennen es die Botox-Institute!) sind Sie danach sofort: Sie können also Ihren Kollegen und Kolleginnen nach der Pause mit einem faltenfreien Gesicht begegnen.

Ach ja, die Preise: Die schwanken.: zwischen 200 bis 400 €, je nach Arzt und Umfang. Aber keine Sorge: Selbstverständlich ist Ratenzahlung möglich und manchmal gibt es Sonderaktionen mit Preisnachlass. Wer will da noch „nein“ sagen?!

Und weil es ja nicht nur die Falten im Gesicht sind, die verräterisch sind, werden die Hände auch gleich mitbehandelt.

Jetzt frage ich mich: Wie soll es weitergehen? Werde ich irgendwann einmal mitleidig angeschaut, weil ich meine Falten nicht wegspritzen lasse?  Z.B. weil ich es nicht will. Oder weil ich es mir nicht leisten kann? Ist das dann die neue Trennlinie zwischen „arm und reich“? So wie es jetzt schon graue Haare sind, die nicht den Vorteil haben, silbrig-grau und schimmernd zu sein, sondern ganz banal ein undefinierbares „mausgrau“, ein Altersgrau eben. Wenn ich mir das Färben nicht leisten kann oder will, scheint das ein klares Signal zu sein: nicht erfolgreich!

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es geht nicht um die Frauen (und Männer), die unter ihrem Aussehen leiden, die depressiv werden, unglücklich sind, sondern um die, die ihr ewiges jugendliches Aussehen einfrieren wollen – möglichst auf immer und ewig. Die süchtig werden auf „Glattheit“.

Um Fairplay zu spielen: Es gibt inzwischen eine Reihe von Ärzten, die davor warnen, dass Botox zu oft und zu viel angewendet wird. Aber vermutlich hört denen kaum jemand zu.

Bleiben Sie uns gewogen.

I.B.F.

Quelle: Wikipedia/SZ vom 22./23.02.2014  

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