Berlin ab 50…

… und jünger

Aus dem Rhythmus

Seit fünf Tagen gehe ich auf zwei Krücken durch die Welt und bin damit plötzlich aus meinem gesamten Tagesrhythmus – gefühlt: aus meinem Lebensrhythmus – geworfen.

Die mobile Behinderung ist ja schon einschränkend genug – ich habe ja im Moment weder zwei voll einsatzfähige Beine, noch zwei freie Hände. Nicht nur, dass ich viel langsamer unterwegs bin: Ich brauche plötzlich für einen Weg, den ich sonst in 5 Minuten gehe, ungefähr fünffach soIMG_1261 lang. Ein Geduldspiel! Allein die „Morgentoilette“ erfordert akrobatische Fähigkeiten; meinen morgendliche Gang auf den Balkon kann ich zwar machen, aber Blumengießen? Wird schon wieder schwierig, selbst wenn eine gefüllte Gießkanne dasteht; die gemütliche Tasse Tee? Schwierig, weil zwei Krücken und eine heiße Tasse Tee sich nicht zusammen tragen lassen, usw. …. Alles, was bis jetzt selbstverständlich war, geht nicht. Jeder Handgriff geht nur mit angelehnten Krücken und auf einem, dem gesunden belasteten Bein – und der Radius ist damit gerade mal eine Armlänge. Ich habe ja nicht nur ein nur bedingt einsatzfähiges Bein, ich habe ja auch durch die Krücken keine freien Hände. Kurz: eigentlich kann man nichts machen – außer die Menschen um mich herum um Hilfe bitten.

Und damit bin ich beim zweiten Punkt meiner Gedanken: Neben der eingeschränkten Mobilität wird mir die Abhängigkeit von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen um mich herum deutlich, sehr deutlich. Ein großer Teil meiner Selbstständigkeit ist abhängig von meiner Gesundheit. Kaum funktioniert ein noch so kleines Rädchen in diesem komplexen Räderwerk „Mensch“ nicht mehr , schon läuft er nicht mehr rund – im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Erkenntnis produziert aber nun wiederum psychischen Stress. Denn ich brauche Menschen, die nicht bei jeder Bitte „..würdest Du bitte…“ oder „könntest Du mir vielleicht…“ zusammen- oder gar zurückzucken. Denn das Gefühl, Bittsteller zu sein, hat man ja sowieso. Interessanterweise spaltet sich mein Freundes- und Bekanntenkreis plötzlich in Egoisten und Nicht-Egoisten, in Menschen, die ohne große Aufhebens helfen und zupacken und solche, die ungern konfrontiert werden mit Krankheit und Behinderung oder damit nicht umgehen können. Und ich meine nicht die Gedankenlosen, was ja auch bei einem Mensch mit Krücken schwer zu glauben ist.

Nun bin ich in einer paar Tagen meine Krücken wieder los, hoffentlich. Trotzdem macht mir diese Erfahrung deutlich, dass bei reduzierter körperlicher Einsatzfähigkeit – was ja das Alter, und sei man noch so fit, mit sich bringt – der gute Umgang miteinander noch wichtiger wird. Gleichzeitig habe ich im Alltag den Eindruck, dass Bedeutung und Wichtigkeit von sozialer Verantwortung abnimmt. Ist es wirklich so, dass diese Schere immer weiter auseinandergeht – je älter unsere Gesellschaft wird, desto geringer ausgeprägt ist die soziale Kompetenz bei der jungen Generation ? Werden wir für die Jungen immer mehr diejenigen, die ihre Rentenbeitrage wegnehmen und ihnen nichts mehr übriglassen? Eine Erkenntnis, die mich etwas erschreckt. In fünfzehn, zwanzig Jahren (wenn ich optimistisch denke) werde auch ich mehr Hilfe brauchen – helfen wir Alten uns dann gegenseitig oder werden unsere Kinder und Enkel dann doch freundlich und hilfsbereit mit uns umgehen?

Das erinnerte mich wieder an den Test, in dem Studenten der FFH Münster/Fachbereich Pflege und Gesundheit, vor zwei Jahren mittels eines Spezialanzugs, dem sogenannten „Age Explorer“, die Gebrechen des Alters nachspüren konnten. Wie schwierig manch simple alltäglichen Aktionen wie Schuhe zu binden sind, hat die Anzug-Testerinnen verblüfft. Nicht nur für die spätere Tätigkeit in den Pflegeberufen ist dieses Erleben am eigenen Leib hilfreich, um die sich Probleme älterer Menschen hineinzuversetzen – eigentlich sollte jeder dies einmal versuchen. Schließlich wird es ihn, aller Wahrscheinlichkeit nach, auch erwischen….
Ein wichtiges Experiment, das spielerisch schon im frühen Alter sensibilisieren könnte. https://www.fh-muenster.de/hochschule/aktuelles/pressemitteilungen.php?pmid=5393&imgid=9329

Ich bleibe optimistisch und neugierig

go

 

Ein Kommentar

  1. Martin Burkard

    Das Wissen um die Abhängigkeit von anderen – das ist ja tatsächlich das eigentlich große Thema dieser Gedanken von „go“ – ist es wohl auch, das uns das Alter manchmal so bedrohlich erscheinen lässt. Denn es müssen schon besondere Menschen sein, denen es gelingt, uns, die wir abhängig sind oder werden, das Gefühl zu vermitteln, mit innerer Anteilnahme und Selbstverständlichkeit zu helfen und beizustehen. Auch unter Zurücknahme der eigenen Person, auch wenn es einmal Opfer kostet (seien es Zeit oder eigene aktuelle Wünsche) Werden wir das selbst können? Der Beitrag von „go“ sollte uns darüber nachdenken lassen.
    Und vor allem: Wie gehen wir mit Behinderten um? Gleichberechtigt, geduldig, sich der Behinderung anpassend, jederzeit und immer? Ich persönlich habe meine Zweifel., Die Bereitschaft ist sicher bei vielen Menschen vorhanden. In Gedanken! In der Praxis, im Alltag – da fehlt es vielfach an dem Bewusstsein und „Hineindenken“, was Behinderung für die Betroffenen bedeutet.
    Der Beitrag macht im Kleinen deutlich, welche Herausforderung auf uns zukommt.
    Martin Burkard

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