Berlin ab 50…

… und jünger

Mamor, Stein und Eisen bricht …

Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht…

Drafi Deutscher, der damals diesen Schlager zum Herzerbrechen gesungen hat, wäre vermutlich längst vergessen, wäre da nicht die Zeile „aber unsere Liebe nicht“. Sie drückt immer noch unseren Traum nach „ewig währender“ Liebe aus.

hochzeit

„Bis dass der Tod Euch scheidet“ – dieses Eheversprechen, das in der Euphorie der neuen Liebe mit voller Hingabe gegeben wird, ist deshalb auch immer heiliger Ernst. Bis die ersten Bewährungsproben kommen.

In meiner Familie gab es jüngst eine Trennung, eine besondere: Schwägerin und Schwager haben sich getrennt, für uns ziemlich unerwartet. Und durchaus ein Schock. Denn beide sind jenseits der 70, mein Schwager gar knapp über 80. Und es scheint fast so, als ginge es Beiden besser denn je – zumindest meiner Schwägerin, auch wenn sie die „Verlassene“ ist.

Früher war das im wahrsten Sinne „undenkbar“ – Paare, die es 20 oder 30, 40 Jahre ausgehalten haben, blieben auch bis zum Ende zusammen. Ob sie sich noch miteinander wohl fühlten, darum ging es gar nicht. Man trennte sich nicht und im Alter schon gar nicht (oder nur in Ausnahmefällen)..

Das war einmal, heute sieht das Bild anders aus. Die Zahlen zeigen den Trend recht deutlich:
1996 wurden rund 176 000 Ehen geschieden. Darunter waren 16 000, die immerhin bereits 26 Jahre andauerten. 2012 sah das Bild schon anders aus: Die allgemeine Scheidungsrate lag bei rund 179 000 Scheidungen. Aber 28 000 Ehen waren sogenannte „Langzeitehen“. In Prozenten wird es vielleicht noch deutlicher: Sie stiegen von 9 auf 16! Oder anders: ein Fünftel aller Scheidungen sind „späte Scheidungen“. Das ist überraschend, nicht wahr?

Woran liegt das?
Jüngste Untersuchungen zeigen, dass sich im Denken der Langzeitpaare etwas verändert hat. Sie wollen es noch einmal wissen! Die Angst, im Alter noch einmal eine Veränderung zu wagen, ist geringer geworden.

scheidung

Was hat sich verändert? Welches sind die Auslöser? Und vor allem: Was wünschen sich die, die sich wieder für das Single-Leben entscheiden oder – als Verlassene – dazu gezwungen werden?
Eine Frage, der zunehmend auch wissenschaftlich nachgegangen wird. Zum Beispiel durch die Psychologin Insa Fooken. Sie hat dafür den Namen „zweiter später Scheidungsgipfel“ geprägt.

Die deutlich höhere Lebenserwartung ist ein ganz entscheidender Faktor. Und wir sind gesünder, fitter. Das Bewusstsein, mit 60 oder gar 70 noch keineswegs am Lebensende zu stehen, führt zwangsläufig zu der Frage: Wie und mit wem will ich diese gewonnene Zeit verbringen? Sind die Lebensumstände so, wie ich sie mir wünsche? Was gibt mir die Partnerschaft noch und reicht mir das aus?
Traue ich es mir überhaupt zu, ein neues Leben zu beginnen?

Sich diesen Fragen zu stellen, ist eine noch recht junge Entwicklung, zumindest für die Jahrgänge 1940 bis 1950. Wir, die wir dazu gehören, sind eine Ehe, eine enge Verbindung immer unter der Voraussetzung eingegangen, dass sie bis zum Ende unseres Lebens Bestand hat. Begriffe wie „Lebensabschnittspartnerschaften“ gab es zu unserer Zeit noch nicht. Unser Bild von der Ehe war noch von einem sehr traditionellen Bewusstsein geprägt: Familie, Kinder – Bereich der Mutter; Beruf – Bereich des Mannes.

Dieses Bild aber empfinden wir zunehmend nicht mehr als richtig: Die Emanzipationsschübe, der 1970er Jahre, das „Vorleben“ durch die eigenen Kinder, wie es anders gehen kann, der mit dem Alter zunehmende kritische Blick auf die eigenen Lebensumstände stellen vieles infrage, was bislang selbstverständlich galt.
Und vor allem: Die gesellschaftlichen Rollenerwartungen , die sich durch die Emanzipationsbewegungen ziemlich radikal verändert haben, haben die eigenen, die persönliche Entwicklungsphasen über die Jahre nachhaltig beeinflusst. Was wiederum dazu geführt hat, dass der Kommunikation, dem Dialog zwischen Männern und Frauen eine sehr viel größere Bedeutung zukommt. Wenn diese Kommunikation nicht gelingt, wenn die Partner es nicht schaffen, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben, wenn die Beziehungen „vereisen“, stillstehen, dann ist das „Trotzdem- zusammenbleiben“ keine wirkliche Option mehr.
Eheliche Untreue, unbefriedigende Sexualität führen ebenfalls vermehrt zur Trennung, gerade auch bei langjährigen Ehen

Und ein weiterer Punkt: Die früheren Scheidungsbarrieren wie Kinder, konfessionelle Bindungen, Rücksichtnahmen auf die Familie werden abgebaut. Auf der anderen Seite bekommen subjektive Gründe (wie z.B. misslingende Kommunikation, Untreue, die Sicht auf sich selbst und auf den Partner) .eine ganz neue Bedeutung.

Es gibt auch noch Unterschiede im Trennungsverhalten und im Erleben einer Trennung zwischen der Generation der Kriegskinder (Geburtsjahrgänge um 1940) und der Nachkriegskinder (Jahrgang 1950). Sie sind sehr differenziert und wir werden versuchen, sie in einem zweiten Beitrag zu erläutern.
Eine andere wichtige Frage: Was passiert nach der Trennung? Erst einmal sagen fast alle, dass das Thema Beziehungen oder gar Ehe für sie vorbei ist.
Das ändert sich aber nach einer Zeit wieder, vor allem bei Frauen: Sie beginnen erneut zu suchen und schließen vor allem auch eine zweite Ehe nicht mehr aus. Internetportale werden dabei ganz selbstverständlich auch genutzt und natürlich die herkömmlichen Begegnungsstätten wie Tennisclub, Tanzcafes. Die Frauen suchen also ganz aktiv, wollen es nicht mehr dem Zufall überlassen. Das betrifft allerdings vor allem diejenigen, die selbst die Initiative zur Trennung ergriffen haben. Die „Verlassenen“ bleiben viel eher allein. Ihnen scheint eine schlimme Erfahrung genug zu sein.

Auch Männer suchen nach neuen Beziehungen, aber für sie scheint es schwieriger, den Verlust der Familie zu verkraften. Und sie leiden offenbar stärker unter Abhängigkeiten, die wiederum mit ihren Vorerfahrungen als Kriegs- und Nachkriegskinder zu tun haben. Und es fällt ihnen viel schwerer, eine Trennung nicht als Kränkung zu empfinden. Ihr Selbstbild lässt das nur schwer zu.

Alles in allem ein kompliziertes Geflecht, aber mit eindeutigem Ergebnis: Das Leben ist mit 60 und auch mit 70 noch nicht zu Ende.

Und unsere Familie wird hautnah erleben, was Schwager und Schwägerin mit ihrem neuen Leben anfangen.

I.B.F.

Quelle: SZ v.17./18,05,2014 Zeitschrift für Familienforschung, 15. Jahrg. Heft 3, 2004

Fotos (c) mw

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