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Bertha von Suttner – DER MENSCHHEIT HOCHGEDANKEN

Bertha von Suttner 1911

Bertha von Suttner 1911

Zum 100. Todestag von Bertha von Suttner gedachte die Berliner Urania der einstmals weltweit bekannten, heute jedoch leider weitgehend in Vergessenheit geratenen Friedensaktivistin Bertha von Suttner mit einer szenischen Lesung DER MENSCHHEIT HOCHGEDANKEN: Am richtigen Tag und am richtigen Ort – schließlich war sie 1905 schon einmal in der Urania und hielt einen viel beachteten und bejubelten Vortrag über ihre pazifistischen Vorstellungen zur Zukunft Europas – und mit vielen interessierten Zuhörern, trotz Fußball-Weltmeisterschaft.

Susanne Eisenkolb und Christoph Schobesberger, zwei österreichische Schauspieler aus Berlin, stellten den Zuhörern pointiert und humorvoll die bedeutendsten Werke Bertha von Suttners und die spannende Lebensgeschichte der adligen Pazifistin und Nobelpreisträgerin vor. Begleitet wurden sie von der jungen hochgelobten Pianistin Hemma Tuppy. Diese höchst amüsante und durchaus lehrreiche Lesung in der Urania am Vorabend ihres Todestages war übrigens die einzige öffentliche Veranstaltung in Berlin zu ihrem Todestag – und war eine würdige Gedenkfeier für diese ungewöhnliche Frau.

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Christoph Schobesberger und Susannne Eisenkolb

Bertha von Suttner wurde am 9. Juni 1843 als Gräfin Kinsky in Prag geboren. Nach drei unglücklichen Versuchen, eine „gute Partie“ zu machen, brannte die 30 jährige, bildhübsche und lebenslustige Bertha mit ihrem heimlich geheirateten (seine Eltern verweigerten die Zustimmung), sieben Jahre jüngeren Ehemann Arthur Gundaccar von Suttner nach Georgien durch (Allein diese biografischen Daten machen neugierig auf eine mutige, beeindruckende Frau –  in ihren „Memoiren“ gönnt sie uns einen Blick hinter die Kulissen). Von dort berichtete Arthur Gundaccar von Suttner über den Russisch-Türkischen Krieg und diverse regionale Kriegsschausplätze als Kriegsberichterstatter nach Europa. Unter schwierigsten Bedingungen lebte das Ehepaar dort acht Jahre und die Erfahrungen jener Zeit machten aus der kleinen naiven Komtesse eine Frau, die sich kompromisslos für den Frieden einsetzte. Zurück in Paris gelang es ihr, Alfred Nobel, den reichen Erfinder des Dynamits, zu überzeugen, einen Friedenspreis zu stiften – den Friedensnobelpreis, den sie dann 1905, fünf Jahre nach seiner Auslobung, als erste Frau erhielt.

In ihrem Bestseller „Die Waffen nieder“ (erschienen 1889, übersetzt in 12 Sprachen, 37 Auflagen) beschreibt sie eine selbstbewusste Ehefrau, die mit schlichten Worten erzählt, wie sie durch das Erleben des Krieges zu einer glühenden Pazifistin wurde.

Die Vorbereitungen zur Ersten Haager Friedenskonferenz in Den Haag 1899 wurden durch sie wesentlich gefördert. Regierungsvertreter aus aller Welt berieten dabei Fragen der nationalen wie internationalen Sicherheit, der Abrüstung und der Einrichtung eines internationalen Schiedsgerichts. Von Suttner definierte in ihren Schriften ein Recht auf Frieden und Frieden als Normalzustand. In den kommenden Jahren gründete sie Friedensgesellschaften in Österreich und Deutschland und organisierte europäische Friedenskongresse gegen einen – in weiten Teilen der Bevölkerung – immer stärker werdenden militaristischen und nationalistischen Zeitgeist.

Bertha von Suttner starb am 21. Juni 1914 in Wien, eine Woche vor dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo. Ihr Kampf um Frieden und Abrüstung, den sie angesichts der sich häufenden Krisen Anfang des 20. Jahrhunderts bis wenige Wochen vor ihrem Krebstod leidenschaftlich führte, war verloren – ihre Stimme verstummt. Am 28.7.2014 begann der Erste Weltkrieg. Ihre Asche wird im Columbarium in Gotha aufbewahrt. Und auch das hat einen ganz besonderen Grund: Sie förderte die Feuerbestattung und unterstützte den Bau des ersten Krematoriums in Deutschland, in Gotha.

Obwohl unsere Welt ohne ihren engagierten Einsatz für den Frieden nicht vorstellbar ist, geriet die Initiatorin des Pazifismus in Vergessenheit – außer einigen Schulen, die nach bei ihr benannt sind, und die österreichische 2-Euro-Münze wird die Erinnerung nicht sehr lebendig gehalten . Die SPD hatte schon zu Lebzeiten ideologische Probleme mit der adligen Pazifistin, die sich nicht in Klassenkampfschemata einordnen ließ und die gesellschaftliche Veränderungen nicht durch eine Revolution herbeiführen wollte. Aber auch von Frauenbewegungen und grün bewegten Politikern war nichts zu hören, auch nicht in den Berliner Zeitungen. Lediglich Deutschlandradio Kultur würdigte sie in einem wunderbaren Beitrag am 17.6.2014 und der ORF berichtete neben einer Würdigung von Suttners auch von der Gedenkfeier im Schloss Hartmannsdorf, dem Lebensmittelpunkt Suttners nach ihrer Rückkehr aus dem Kaukasus.

Lesung Bertha von SuttnerUmso mehr danken wir Susanne Eisenkolb für ihre Idee und Gestaltung dieses wunderbaren Abends – und die Urania hat bei uns einen großen Punktsieg gelandet.

 

mw/go

ein kleiner Nachtrag und damit wir nichts Falsches behaupten: In der Berliner Zeitung wurde am 22.Juni ein Artikel gedruckt „Die Ära der Spregnstoffe – Vor hundert Jahren starb Bertha von Suttner, die Frau, die die Friedensbewegung auf dieTitelseite puschte“  von Arno Widmann, der bereits vorher in der Frankfurter Rundschau erschien.

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