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… und jünger

Zwischen den Stühlen – Ai Weiwei im Martin-Gropius-Bau

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Über Ai Weiwei ist viel berichtet worden, seine Biografie fast jedem bekannt, der sich für die politischen Ereignisse dieser Welt interessiert: Ein Querkopf, ein Dissident, ein Unbeugsamer, der für seine Überzeugung sogar ins Gefängnis geht. Er stellt die Hoheit des Staates in Sachen Kunst in Frage und gilt deshalb in seinem Land als gefährlich, denn gäbe es mehr von seiner Sorte, könnte womöglich das ganze politische System ins Wanken geraten.

Das, was er als seine Kunst ausgibt, ist anders als das Abbild von Schönheit, Ästhetik und Harmonie. Ai Weiwei will mahnen, bewahren und zum Zweifeln anregen, wenn nicht gar dazu zwingen.
Tausende von zurückgelassenen Hockern hat er aufgestellt – als Mahnung vor einer massenhaften Landflucht der Bevölkerung in die Anonymität seelenloser Megastädte, und alte, gewachsene Bäume hat er zersägt, um sie mit Bolzen zu neuen, bizarren, doch leblosen Gebilden zusammenzufügen, die zwar noch an Bäume erinnern, doch ohne Leben sind.
Nichts bleibt von den Jahrtausende alten gewachsenen gesellschaftlichen Strukturen. Doch wohin führt der Weg? Diese Frage kann auch Ai Weiwei nicht beantworten und so entlässt er uns nachdenklich in die Freiheit unseres eigenen Daseins, das vom neuen Potsdamer Platz herüber ragt.

Ist das eigentlich Kunst, was wir in der Ausstellung sehen? Kunst, geschaffen aus handwerklichem Können, Virtuosität und dem Gespür für Farbe, Form und Schönheit?
6000 Hocker – sie zusammenzutragen ist eine Fleißarbeit, doch dahinter steckt mehr. Sie füllen – im ursprünglichen Sinn des Wortes – den ganzen Lichthof des Museums, denn sie bilden in ihrer Gesamtheit eine wogende Oberfläche. Trotz aller Gleichheit ist jeder der Hocker ein individuelles Gebilde in seiner Größe, seiner Farbe und mit seinen Gebrauchsspuren. Generationen haben auf ihnen gesessen, gearbeitet, geruht, gelacht oder geweint. Die Hocker stammen aus Dörfern in Nordchina, deren Bewohner in die Städte gezogen sind und die es vorziehen, jetzt in modernen Stahlrohrsesseln zu sitzen. Werden sie glücklicher sein?
Verbogene Moniereisen liegen zu einem Rechteck geordnet auf dem

(c) PB

(c) pb

Boden. Jedes einzelne akribisch befreit von anhängenden Betonresten jener Schulbauten, denen sie vor dem Erdbeben in Sichuan im Jahr 2008 angehörten. Tausende Schulkinder starben in den vielen einstürzenden Schulgebäuden. Von den benachbarten Bürohäusern waren deutlich weniger eingestürzt. Ai Weiwei sieht darin ein Indiz von Baupfusch, gefördert von Korruption zwischen Behörden und Bauunternehmen. Es liegt nahe.
Ai Weiwei macht vor sich selbst nicht halt. 81 Tage lang hat er in einer Zelle zugebracht, von der Umwelt isoliert. Zwei Wärter wichen niemals mehr als 80 Zentimeter weit von seiner Seite, auch nicht auf der Toilette, bei der Körperpflege, seinen Bewegungsübungen oder beim schlichtem Auf- und Abgehen in der vielleicht vier mal sechs Meter messenden Zelle. In einem Video hat er diese Zeit filmisch nachgestellt, samt seiner damaligen Visionen, Ängste und Alpträume. Die Wärter sind allgegenwärtig, nehmen verschiedene Gestalt an, werden sogar zu Frauen in Dessous, die aufreizend durch die karge, ausgepolsterte Zelle schreiten. Ein Kind schert seine Haare und seinen Bart und zum Vorschein kommt er als ein anderer Mensch, entblößt, erniedrigt und seiner Identität beraubt. Eine Frau neben mir lacht kurz auf, als sie Ai Weiweis entblößten Schädel auf dem Bildschirm sieht.
Das ganze Werk Ai Weiweis ist voll von Anspielungen und Bedeutungen, und die Hintergründe der Entstehung seiner Werke sind so wichtig wie das Werk selbst.
Seine Kunst entzückt nicht, sie ist weder schön noch ästhetisch und sie erschließt sich dem Betrachter nicht ohne Erläuterung ihres Entstehungsprozesses. Dann aber lässt sie uns nicht los.
Die Benutzung des Audio Guides wird dringend empfohlen. Die gesprochenen Texte sind tadellos und überfordern den Hörer weder durch Abgehobenheit noch einschläfernde Länge.
Erweitern wir unseren Kunstverstand – es kann uns nur gut tun.

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau ist noch bis zum 13. Juli zu sehen. Unbedingt noch hingehen.
Eintritt 11 €, ermäßigt 8 €, Audio Guide 2 €.
PB

Ein Kommentar

  1. PM

    Vielen Dank für diesen interessanten Bericht – er hat mich neugierig gemacht!

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