Berlin ab 50…

… und jünger

Москва́ und Санкт-Петербург – Meine russischen Eindrücke

Moskau TschaikowskisaalIn einer Stadt, in der ich die Schrift nicht lesen kann – und deshalb zum Beispiel nicht auf Anhieb den richtigen Eingang zur Toilette finde – und deren Sprache ich nicht spreche, fallen mir ganz andere Dinge als sonst auf:

Das Erste, was mir in Moskau auffiel, waren die enormen Highheels – und ich spreche von mindestens 12 cm – der Damen, die „frau“ in jedem Alter und zu jeder Tageszeit trägt. Wie man damit laufen kann, ist mir schlichtweg schleierhaft – aber Moskauer Damen können das. Das gehört, wie ich von einem eingeweihten Mann erfuhr, zum rituellen Spiel zwischen Mann und HighHeelsFrau: So ist es zum Beispiel selbstverständlich, dass im Restaurant der Mann zahlt, „frau“ tut das nie, dafür trägt sie aber – um ihm zu gefallen – Highheels. Das hat für mich, die ich stolz bin auf meine Unabhängigkeit, nach altem, vor-emanzipatorischem Rollenverständnis. Gleichzeitig ist die Russin von großem Selbstbewusstsein und durchaus kein unemanzipiertes Wesen – nur offensichtlich in einer anderen Ausprägung.

In Petersburg ist das anders – dort sind Ballerinas das angesagteste Accessoire der Damen, wie in Paris oder Berlin. Da werden die Highheels erst Freitagabend aus dem Regal geholt. Selbst in der Frage der Schuhmode, der „musts“ und „no-goes“ ist man hier also europäischer als in Moskau

 

Aufgefallen ist mir auch, dass die Damen in vornehmen Cafes undIMG_0033 Restaurants Taschenfreundfür ihre Gucci-Handtaschen ein extra dafür kreiertes Möbelstück bekommen – ein Schemelchen, aufwendig dekoriert und bemalt, mit „Zaun“, damit das teure Stück nicht auf den Boden fällt. Eine tolle Einrichtung, denn man weiß ja tatsächlich oft nicht , wohin mit der Tasche. Da steht sie nun, das Prada-, Gucci-, Vuitton-Täschchen, offen und für alle sichtbar im Raum – keine der Damen scheint hier Angst vor Taschendieben zu haben.

 

Apropos aufwendig: Man zeigt gerne, dass man über Geld und Einfluss, Macht IMG_9606und Ruhm verfügt. Das sieht man nicht nur an der Markenkleidung und den Autos, es fällt einem auch auf dem Friedhof auf. Die Grabsteine sind in ihrer Inszenierung von einer so großartigen IMG_9604Selbstdarstellung, dass ich bei einem Gang über den Nowodewitschi-Friedhof kommt man aus dem Staunen kaum heraus. Oder daran, dass die Menschen, ob alt ob jung, gerne ein Tablet – im „Notfall“ auch ein Handy – mit sich herumtragen und damit Fotos machen.

 

Aufgefallen ist mir auch – ob in Moskau oder St.Petersburg -, dass Künstler einen anderen Stellenwert haben als bei uns. So kommen viele Zuschauer mit Blumen in den Konzert-,Opern- , Theatersaal. Am Ende der Vorstellung  	  Alexandrinskij Theaterlaufen Frauen, Kinder und ganze Familien zur Bühne und überreichen ihre Blumen dem von ihnen verehrten Tänzer, Sänger, Schauspieler. Was für eine schöne Geste, die von großem Respekt zeugt – einen Respekt, den die Tänzer, wie ich bei einer „Schwanensee“-Vorstellung miterleben konnte, auch einfordern. Nach jeder Tanznummer wird geklatscht, die Tänzer schweben an die Rampe und machen eine große Verbeugung …. dann gehen sie wieder zurück zur Company. Diese Unterbrechung einer getanzten Geschichte macht so einen Abend zu einer Art Nummernrevue, was auf uns ziemlich antiquiert wirkte. Auf der anderen Seite zollt das Publikum der Leistung seiner Künstler viel Respekt. Ich bin sicher, davon träumen bei uns alle Darsteller.

An diesem Theaterabend fiel mir auch auf, dass die Russen – noch mehr als die von uns dafür so gerne belächelten Japaner – ständig, immer und überall Fotos machen – so lange bis der Vorhang sich hebt, dann erst wird das Handy, der Fotoapparat, das Tablet weggesteckt. Und es scheint weniger auf den Ort oder Hintergrund anzukommen, denn man knipst ein Selfie nach dem anderen und macht Portraits, wo auch immer es sich ergibt.

Aber nicht nur die Freude am Ballett ist beeindruckend, überhaupt lieben die Russen das Tanzen. So wird immer bis 21 Uhr auf zwei Tanzflächen im Gorkipark am Ufer der Moskwa getanzt – Discofox und Swing, auf jeden Fall Paartanz. Zum guten Ton gehört es auch, Bälle zu veranstalten. Dann wird getanzt bis morgens um fünf – historische Tänze und Standardtänze wie Walzer und Slowfox, Quickstep und Tango.

IMG_9731Interessanterweise gibt es aber kaum Fitness-Clubs, es wird wenig Rad gefahren – vielleicht war genau aus diesem Grund im Nobelkaufhaus GUM eine große Werbeaktion für Luxusfahrräder.

 

Noch nie habe ich, auch das eine Beobachtung, so häufig Ellbogen gebraucht wie in den beiden Städten Moskau und St. Petersburg. Ob beim Anstellen in der Damentoilette, beim Kerzenkauf in der Kirche oder in der Metro, beim Bestellen im Restaurant oder im Museum – ohne Ellbogen kommt man nicht weiter. Auch, weil man es auf der verbalen Ebene kaum schafft, sich durchzusetzen. Denn es gibt in Moskau so gut wie keine lateinische Beschriftung oder gar englische Bezeichnungen. Weder ist der Tourismus hier sehr ausgeprägt noch will man wohl seine „Sprachheimat“ verlassen oder sich einer anderen Sprache gegenüber öffnen. Englisch können die allerwenigstens, erstaunlicherweise auch viele Jüngere nicht.

In St. Petersburg ist das ein wenig anders, wie gesagt St. Petersburg ist seit seinen Anfängen die Stadt, die sich nach Europa öffnet – und das merkt man in vielem. So ist auch der Tourismus sehr viel intensiver, vor allem zu den „weißen Nächten“. In diesen Tagen hat man das Gefühl, die Stadt schläft nicht, das Leben pulsiert , solange es hell ist – und es wird kaum dunkel.
Plakat in St.PetersburgAn allen Eingängen zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten gibt es in St. Petersburg, die viele Ältere gerne noch Leningrad nennen, auch englische Hinweise. Da hier unendliche viele Menschen sich durch die Eremitage inklusive Winterpalais, den Petershof oder das Russische Museum schieben – und ganz sicher nicht nur Russen, die ihre einstige Hauptstadt besuchen, muss die Stadt ihren Touristen etwas entgegenkommen. Es gibt noch viel mehr Gelegenheiten in dieser schönen Stadt, wo man gerne eine Auskunft haben möchte, und versucht mit Händen und Füßen, sich verständlich zu machen – leider trifft man selten auf freundliche, hilfsbereite Einheimische . Das ist ein kleiner Wermutstropfen für den Besucher in einem Land, in dem Sprache und Schrift fremd sind.

Trotzdem – und vielleicht gerade deshalb – es war eine beeindruckende Reise, die meine Gedanken noch lange beschäftigen wird.
go

 

alle Fotos (c) mw

 

Ein Kommentar

  1. be

    Vielen Dank für diesen Reise-Erlebnis-Bericht, dessen Informationen weit über die Beschreibungen in einem Reiseführer hinausgehen. Gerade die Dinge, die anders als bei uns ablaufen, machen den Bericht so interessant. Besonders angetan war ich von dem Abstell-Schemel für die Luxus-Handtaschen.
    be

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