Berlin ab 50…

… und jünger

Glückliche alte Ehe

Es gibt sie – daran zweifle ich nicht. Aber: Ich zweifle sehr wohl daran, dass alle alten Paare, die noch zusammen sind, wirklich glücklich sind.

Die Trennungsbereitschaft im Alter hat zugenommen hat (Sie erinnern sich an unseren Beitrag „“Marmor, Stein und Eisen bricht …“), aber selbst wenn dieser Schritt nicht getan wird: Es gibt viele Paare, die nur noch die Gewohnheit oder die Angst vor dem Alleinsein, vor der unsicheren Zukunft zusammenhält. Auch religiöse Überzeugungen spielen sicher oftmals eine Rolle spielen. Und niemand sollte sich aufschwingen zu sagen: Warum tun die Beiden sich das an! Wir wissen es nicht und wir sollten uns hüten, ein Urteil zu fällen. Jedes Paar hat seine Geschichte und seine „eigenen Geister“, die loszuwerden sehr schwer ist.
Und es gibt die Ehen, von denen jeder sagt: Wie schön! Sie sind immer noch glücklich. Weil die Partner es meisterhaft verstehen, „so zu tun als ob“. Und sie treffen damit auf ein williges Publikum, denn es ist für unsere eigene Selbstgewissheit „schonender“, wenn wir uns eine heile Welt vorstellen. Trennungen in unserem Umfeld, die wir nie erwartet haben, verunsichern uns und lassen uns vielleicht auch an unserer eigenen Ehe zweifeln.

Wie aber gelingen glückliche Ehen? Eine der letzten 37-Grad-Sendungen im ZDF-Fernsehen hat eben diese Frage auch gestellt und drei Ehepaare – Beispiele für viele andere – interviewt und erzählen lassen, wie es ihnen gelungen ist, nicht nur über 50, 60 Jahre zusammenzubleiben, sondern vor allem glücklich zu sein. Ich habe die Sendung gesehen (es gibt sie immer mit Untertitel!). Weiß ich jetzt mehr? Haben sie das Geheimnis preisgegeben? Nicht wirklich – was zu erwarten auch vermessen wäre. Es gibt kein allgemein geltendes Rezept, so einfach ist das Zusammenleben nicht gestrickt, schon gar nicht in einer Ehe.

glückliche alte ehe buchcover 2

(c) I.B.F.

Eine Ehe durchzuhalten, bedeutet Arbeit: Diskussionen müssen ausgehalten werden, Selbsterkenntnisse und Zugeständnisse müssen möglich sein. Und vor allem: Wer am Festhalten an der Ehe zweifelt, dessen Einsatz ist von vornherein geschwächt.
Wer meint, eine Ehe sei nur dann gut, wenn immer Harmonie herrscht, der wird Streit und Frust nicht ertragen können. Oder anders: Er oder sie hat an die Ehe wohl nie geglaubt.
Diese Erkenntnis haben alle drei Paare der Sendung in ihren Rückblicken gewonnen; Alle drei haben Zeiten durchgemacht, die sehr hart waren. Aber aufgeben – das war für kein Paar eine Option..

Erfolg und Misserfolg einer Ehe haben auch etwas zu tun mit den Voraussetzungen, die am Anfang standen. Unter welchen Umständen und Bedingungen kam die Ehe zustande? Welche Vorstellungen bestimmten sie? Vor 30, 40 Jahren wurden Ehen noch in sehr jungen Jahren geschlossen, ein Zusammenleben vor der Ehe war eher unüblich. Und die ersten Jahre waren meistens voll bepackt mit Familiengründung, Beruf, Aufwachsen der Kinder, Etablieren der wirtschaftlichen Situation, so dass das Erleben und „Kennenlernen“ des Anderen als Partner sehr oft zu kurz kam.
Aber später, wenn alles bewältigt ist, kann man einander nicht mehr ausweichen. Auch nicht mehr der Frage: Ist das wirklich der Partner, mit dem ich alt werden kann und vor allem möchte.
Das große Anschweigen, das Nicht-miteinander-reden-können – das ist die gefährliche Falle, aus der es kein Entkommen zu geben scheint.
Spätestens dann beweist sich, ob beide den Willen haben, nach einem Ausweg zu suchen.
Der Ausweg kann nur sein: miteinander reden. Was nicht heißt: Den anderen tot zu reden. Zuzuhören, Argumente abzuwägen, eigene Positionen auch infrage zu stellen und trotzdem sich selbst nicht verleugnen, das ist die große Kunst. Und die Voraussetzung, dass eine alte Ehe auch zu einer glücklichen wird.

Streit, der bis zum bittersten Ende ausgetragen wird und immer in einer Grundsatzdiskussion endet, den verträgt keine Ehe, auf Dauer, denn häufig bleibt der Respekt vor dem anderen auf der Strecke. Wenn wir anfangen, unseren Partner als Partner infrage stellen, wird es kein glückliches Ende geben.
Auf der anderen Seite: Ein Kompromiss um des „Frieden willens“ ist auch keine tragfähige Lösung. Denn damit ist es wie mit einem Brand: Das große Feuer ist zwar gelöscht, aber in der Glut glimmt es weiter und, es braucht nur einen kleinen Funken, um das Feuer wieder anzufachen. Auf die Ehe gemünzt: Wenn der Kompromiss nicht wirklich von beiden Seiten mitgetragen wird, ist er nutzlos. Eine Entschuldigung, die Bedauern und „Reue“ ausdrückt, ist allemal die bessere Wahl.

Es gibt aber noch einen Aspekt, der gerade im Alter eine große Rolle spielt. Er ist auch der Grund, weshalb Dritte nie „gerecht“ über ein Paar urteilen können: Wenn wir unseren Partner anschauen, sehen wir nicht nur sein aktuelles Bild, Wir verbinden es mit dem, was in der Vergangenheit unser Bild geprägt hat, wie wir ihn früher gesehen haben. Es gibt also immer auch eine zweite Dimension, die nur wir sehen, kein anderer.

In der 37-Grad-Sendung, die ich eingangs erwähnte, gab es auch ein Paar, bei dem der Mann in einer Phase seines Lebens außereheliche Beziehungen hatte. Die Ehe ist daran nicht zerbrochen. Wie war das möglich? Nur durch den beiderseitigen Willen, die Ehe unbedingt weiter führen zu wollen. Weil beide wussten, dass sie sich trotz der Seitensprünge lieben. Und auch, so widersprüchlich es klingt, einander vertrauen. Die Ehefrau war zwar tief getroffen und verletzt, aber sie war stark genug, an sich (!) und an ihren Mann zu glauben.
Das ist für viele vermutlich unverständlich, aber Eifersucht und Stolz (im Sinne von „nicht mit mir“) sind kein Zeichen von Reife und Persönlichkeit.

Und eine schöne Erkenntnis zum Schluss: Die Paarforschung hat in Untersuchungen festgestellt, dass es keineswegs so ist, dass Leidenschaft und Tiefe der Gefühle der Paare mit dem Alter abnehmen – was die Forscher eigentlich vermutet hatten.
Und: Die Forscher haben das auch beweisen können – mittels Fotos von Freunden und Partner: Bei dem Foto des Partners wurden dieselben Hirnareale aktiviert wie bei verliebten jungen Paaren, ebenso wie die, die für tiefe Gefühle zuständig sind.

Fazit: Bleiben Sie einander und uns gewogen!

Ein Buch möchte ich Ihnen noch ans Herz legen. Es hat mich ungemein beeindruckt:
Rafael Yglesias, Glückliche Ehe.
Es ist ein anrührender, zu Herzen gehender und wahrer Roman, erschienen bei Klett-Cotta (auch als Taschenbuch).

I.B.F.

2 Kommentare

  1. „Ich zweifle sehr wohl daran, dass alle alten Paare, die noch zusammen sind, wirklich glücklich sind.“

    Na, da spannt Ihr aber einen weiten Bogen. „Alle“ und „wirklich“, sind doch wohl Begriffe die nicht zusammen passen. Es fehlt nur noch das Wort „immer“.

    In einer Ehe geht es zu wie mit dem Wetter. Hoch und Tief lösen sich ständig ab. Beständigkeit hat nur die Unbeständigkeit. Was bedeutet schon „glücklich sein“?
    Glück sind doch nur die Perlen an der Kette der Lebensereignisse. Ewig eitel Sonnenschein kann doch sehr eintönig sein.

    Habe ich nun Glück, dass ich mit meiner Frau Streitgespräche halten kann ?
    Oder habe ich Pech, dass ich ein streitsüchtiges Weib habe? Oder wie ergeht es ihr?

    Wenn ich meine Frau anschaue, besonders nach einer kurzen Trennung, werden auf jeden Fall die gleichen „Hirnreale“ angesprochen wie damals, vor 59 Jahren, in Berlin.

    Ich denke mal, zum Eheglück gehört das Verliebtsein, damit man die kleinen Schönheitsfehler übersehen kann.

    Wenn die Sonne wieder scheint, dann ist der Regen doch vergessen.

  2. sil

    peter, glück ist eben genau, einen partner zu haben, mit dem man GUT streiten kann – und mit dem versöhnung, synthese, gemeinsamkeit danach eben auch wieder gelingt! ganz was edles. und ganz was seltenes, was DU da anscheinend mit deiner „streitsüchtigen“ frau 🙂 zu haben scheinst. und ich stimme dem erstverfasser zu, dass sehr wohl zweifel daran erlaubt sind, dass die mehrheit der scheinbar „gut verheirateten alten paare“ glücklich ist. man dümpelt halt so vor sich hin, weil man nichts besseres mehr zu erwarten glaubt. das jedenfalls ist mein gefühl – ich sehe hier so viele durch und durch sprachlose paare mit dauertraurigen ehefrauen und dauerschweigenden ehemännern, die nach meinem gespür nichts wirkliches verbindet, wo sogar nicht mal mehr das, was da ja zumindest in der regel zu beginn mal an körperlichkeit war, auch nur als ahnung hindurchschimmert. zuletzt, mich als „junge frau“ erschüttert das am meisten: wisst ihr, wieviele ehefrauen tatsächlich NICHTS über die nazizeit ihrer männer – soldaten – wissen?? das große schweigen – das große lügen – das große nichts. aus meiner sicht geht partnerschaft so nicht. doch jedem das seine – vielleicht sind „die“ ja dennoch soweit ganz glücklich…?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: