Berlin ab 50…

… und jünger

„Entschuldigen Sie bitte, wo stand denn hier die Mauer?“

Zwei junge Mädchen, Mitte zwanzig, zu Besuch in Berlin – die eine aus Perth/Australien, die andere aus Nürnberg/Franken. Beide waren noch nie in Berlin, beide wollten etwas sehen – und beide waren für 48 Stunden in der Hauptstadt.

Was interessiert junge Leute an unserer Stadt? Was zeigen wir, damit sie in dieser kurzen Zeit einen umfassenden, guten und unauslöschlichen Eindruck von Berlin bekommen? Die Highlights der Stadt, die üblichen Sehenswürdigkeiten, das preußische Berlin  oder doch die Geschichte der geteilten Stadt? Wir entschieden uns für Berlin und seine Mauer.

Holocaust Mahnmal

Holocaust-Mahnmal

Wir fuhren also zum Reichstag und zum Brandenburger Tor, versuchten einen Eindruck der geteilten Stadt zu vermitteln, indem wir auf dem im Boden eingelassenen Mauer-Band entlang bis zum Potsdamer Platz spazierten. Natürlich gab es Abzweige – zuerst den Pariser Platz, dann das immer wieder beeindruckende Holocaust-Mahnmal, das auch unsere jungen Frauen in seiner für ein Mahnmal unkonventionellen Art nicht unberührt ließ, und das Sony-Center, das jetzt dort steht, wo ehemals Niemandsland war. Um einen Blick auf die Größe der Stadt zu geben, fuhren wir mit dem schnellsten Lift Europas in 20 sec. in den 24.Stock des Kollhoff-Towers, wo  wir einen wunderbaren Panorama-Blick genießen konnten – und, wie unser Besuch fasziniert feststellte, das Holocaust- Mahnmal wie eine steinerne Welle wirkt (die Fahrt hinauf kostet 6,50 €, es lohnt sich aber unbedingt) .

Gedenkstätte Berliner Mauer

Mahnmal Berliner Mauer

Weiter im Mauerprogramm ging’s in die Bernauer Straße, zur Gedenkstätte Berliner Mauer. Dort befindet sich das letzte Stück der Berliner Mauer, das in seiner Tiefenstaffelung erhalten geblieben ist. Wir wollten unseren jungen Damen einen, sagen wir, haptischen Eindruck vom Aufbau der Grenzanlagen vermitteln, damit sie sich vor Ort ein Bild machen können von den dramatischen Ereignisse beim Mauerbau 1961 und dem alltäglichen Leben mit der Mauer. Jessica aus Perth kam aus dem Kopfschütteln nicht raus – unvorstellbar.

Und doch hatten wir Gastgeber den Eindruck, dass das „Unvorstellbar“ tatsächlich  für junge Menschen kaum –  im wahrsten Sinne des Wortes – vorstellbar ist. Die letzten Mauerreste verdeutlichen zwar noch ein wenig die Situation der geteilten Stadt, was sie aber im Alltag für beide Teile der Stadt bedeuteten, lässt sich schwer vermitteln.

Erst als wir in Yadegar Asisi’s Mauer-Panorama am ehemaligen Checkpoint Charlie standen, wurde die abstruse Situation der geteilten Stadt emotional wirklich erfahrbar. Unsere beiden jungen Frauen standen lange vor dem Gemälde, das in liebevollen Details zwischen Sebastianstraße (Fluchttunnel) und dem „Gemütlichen Eck“ in der Dresdner Straße einen fiktiven

Der offizielle Flyer

Der offizielle Flyer

Novembertag in den 80er Jahren zeigt. Der Blick des Besuchers wandert entlang der Mauer, auf der einen Seite spielende Kinder und Mauertouristen, auf der anderen Seite DDR-Grenzsoldaten, die in den Westen schauen;  von der Wagenburg , wo sich Alternative auf einem Territorium, das Ostberlin gehörte, aber auf der Westberliner Seite der Mauer lag, niedergelassen hatten und damit irgendwie im Niemandsland lebten, über das legendäre Altberliner Gasthaus „Henne“, das einen Meter von der Mauer entfernt im Westen stand. Hörproben runden den Gesamteindruck ab.

Das 60 Meter lange und 15 Meter hohe Panoramabild zeigt einen Blick von Kreuzberg (Westberlin) nach Mitte im Ostteil der Stadt. Yadegar Asisi lebte in den 8oer Jahren in Kreuzberg und „das Panorama“ sagt er, „bündelt einen Teil meiner Erfahrungen in vielen Szenen und Details“. Und das spürt man, wenn man diese Bildkomposition betrachtet. Sie erzählt die vielen kleinen Geschichten, die Zeitgeschichte verdichten und künstlerisch überhöhen und so einen intensiven Eindruck vermitteln. Gerade für junge Menschen, die kurz vor Mauerfall geboren sind und für die alles „History“ ist.

Wie schon bei seinen anderen 360° Rundbildern – zum Beispiel „1756 Dresden – Dem Mythos auf der Spur“ oder „Pergamon – Panorama der antiken Metropole“, das bis Oktober 2012 vor dem Pergamon-Museum zu sehen war – schafft Yadegar Asisi es auch hier, den Besucher auf eine Zeitreise mitzunehmen, ihn mitten ins Geschehen zu führen und so auf faszinierende Weise Wissen zu vermitteln http://www.asisi.de.
Mit einem Besuch in der realen Sebastianstraße und der Markhalle VII, eines

Markthalle VII, Dresdner Straße

Markthalle VII, Dresdner Straße

der beiden stehengebliebenen Häuser der im Krieg zerstörten Markthalle VII, dem Blick auf die „Henne“http://www.henne-berlin.de/index.html, die Michaelskirche und das neugestalteten Engelbecken, brachten wir unseren Besuch wieder in die Realität des Jahres 2014 . Mit einer Berliner Weißen und einem Knusperhähnchen in der „Kleinen Markthalle“ http://www.zur-kleinen-markthalle.de/, das zweite Haus der oben erwähnten 1888 eröffneten Markhalle, war unser Berliner Mauerprogramm beendet – und unser Besuch erschöpft, aber voll interessanter Eindrücke.

Und wir haben (wieder einmal) gelernt, dass sich  große Geschichte am besten über kleine Geschichten vermitteln lässt – egal wie alt der „Zuhörer“ ist.
Wenn Sie in den Ferien Besuch aus Nah und Fern bekommen und nicht nur die üblichen Berliner Sehenswürdigkeiten zeigen wollen, gehen Sie in Asisis Stahlrotunde. Sie werden Berlin danach neu sehen.

Bleiben Sie neugierig, es lohnt sich!

go

alle Fotos (c) mw

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