Berlin ab 50…

… und jünger

Aufgespießt: Das Cafe am Neuen See

 

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Biergarten des Cafe am neuen See (c) mw

Genuss und Frust – für mich liegt beides nirgendwo so nahe wie hier im Cafe am Neuen See. (Tiergarten, Lichtensteinallee 2, www.cafeamneuensee.de ).

Ja, doch, ich meine genau diesen hoch gelobten Ort! Der in fast allen  Reiseführern gepriesen wird als der Bier- und Sommergarten schlechthin, als einer der charmantesten, romantischsten, idyllischsten Orte in Berlin und im Tiergarten sowieso. Der Schleusenkrug (Tiergarten, Müller-Breslau-Straße, www.schleusenkrug.de) – auch er ist genießenswert, aber seine Lage ist eben eine andere (der im Übrigen in Uwe Timms kleinem Roman „Rot“ ein beliebter Treffpunkt der Protagonisten ist).

Es vergeht kein Sommerbeginn, ohne dass die Berliner Zeitungen (und darüber hinaus) das Cafe als einen der schönsten Biergärten für Sommertage auslobt. Und so mehrt sich sein Ruf – Jahr für Jahr.

Es versteht sich von selbst, dass es regelmäßig die Location ist, die sich Event-Scouts für Veranstaltungen aller Art „ausgucken“ – der Biergarten ist promi-tauglich. Aber für mich – als ganz normaler Biergarten-Geherin – ist jeder Besuch ein Wechselbad.
Ehemals in München und im Rheinland wohnend sind Biergärten und Straußenwirtschaften ein „Muss“ – ohne sie ist ein Sommer kein Sommer. Und wie beglückt war ich, als ich das Cafe am Neuen See entdeckt habe. Eines der I-Tüpfelchen meiner Berlin-Erkundungen.
Lassen Sie mich erzählen, warum es inzwischen für mich ein ewiges Wechselbad ist – ich meine im Übrigen den Teil, in dem Selbstbedienung das Prinzip ist – nur der zählt für mich als echter „Biergarten“.

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Biergarten am Morgen (c) go

Der Genuss ist schnell erzählt: Das Cafe liegt – deshalb heißt es so – am See. Schon das ist Genuss pur. Noch dazu ist die Anlage ziemlich kongenial der Natur drum herum angepasst. Sie drängt sich nicht auf, bleibt im Hintergrund, die Bänke und Tische einfach und biergartengemäß, hohe ausladende Bäume, die ein wunderschönes Wechselspiel von Licht und Schatten zulassen. Kleine Ruderboote, Enten – alles, was zu einem See gehört. Sandkasten und genügend Freiraum für Kinder und – nicht zu verachten: ausreichend Toiletten.
Über die Angebote an Speisen lässt sich eigentlich auch nicht meckern – das ist schon biergartentauglich: Leberkäs’, Weißwürste, Hähnchen – natürlich auch Pizza, ohne die geht es inzwischen auch in einem bayerischen Biergarten nur noch selten. Und selbstverständlich: „Brez’n“. Groß und tatsächlich gar nicht schlecht (und teuer!)
Weißbier – Hefe und Champagner – auch o.k., Kaffee natürlich auch, weil es auch Kuchen gibt, und seit etwa zwei Jahren nicht nur den aus Großkannen zum Selbstzapfen, sondern zeitgemäß auch Cappuccino und Latte Macchiatto.
Klingt alles ziemlich perfekt, nicht wahr?

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Theke am Morgen (c) ibf

Wäre es auch. Wenn der Garten mit ein bisschen mehr Empathie und Freude an der Sache betrieben würde, mit ein bisschen Mehr an Professionalität und vor allem Verlässlichkeit.
Denn: Ob es das alles auch wirklich gibt – das ist das große Glücksspiel. Ob der Biergarten zu regelmäßigen Zeiten geöffnet ist – ein großes, tägliches Fragezeichen.
Es ist uns x-mal passiert, dass er an einem Tag pünktlich um 12 Uhr geöffnet und bestückt war, dass wir aber am nächsten Tag um dieselbe Zeit vor leeren Theken standen. Wenn Sie Glück haben, bekommen Sie sogar Auskunft. Dergestalt, dass heute leider erst um 14 Uhr geöffnet wird. Die Frage nach dem Warum wird lapidar beantwortet: Ein Mitarbeiter habe beschlossen, heute nicht zu kommen. Und dann läuft erst einmal nichts.

Ein weiteres Beispiel für unser persönliches Frusterlebnis? Brez’n ohne Butter geht – für uns – gar nicht. Das ist wie Currywurst ohne Curry. Gibt’s aber nicht. Haben wir nicht, geht nicht – basta!  Nächstes Beispiel: Die ersehnte Brez’n! Pustekuchen: Der Korb war leer. Aber noch waren wir guten Mutes: Es wird ja sicher gleich Nachschub geben. Weit gefehlt: Die Rohlinge wurden gerade zum Aufbacken in den Ofen geschoben. Wartezeit: rund 30 Minuten. Nein, man ist nicht auf die Idee gekommen, den Nachschub vielleicht schon dann nachzuschieben, als der Korb sich zu leeren begann. Wäre ja eine Möglichkeit, nicht wahr? Aber offenbar nicht für das Team des Cafes.
Genau so läuft es mit dem Kaffee. Es gibt zwar zwei Kannen – man sorgt ja vor! Nur leider ist eine entweder leer oder der Kaffee so bitter, dass zumindest ich ihn nicht trinken kann. Aber natürlich: Selbst schuld. Ist ja ein Biergarten und kein Kaffeegarten (Kuchen aber, wie gesagt, gibt es durchaus).

Das Personal? Aus Bayern sind wir bei Gott nicht gerade Charme gewohnt. Da geht es durchaus rau und deftig zu. Aber immer mit Engagement. Hier? Fehlanzeige. Niemand fühlt sich verantwortlich, niemand will zu viel tun – die Gäste kommen eh’.
Eine Ausnahme gibt es: Die Hilfskräfte, die fürs Abräumen und Saubermachen zuständig sind, sind akkurat, fleißig und durchaus kreativ. Was sie auch sein müssen, angesichts der mageren Putzmittelausstattung. Verdienen werden sie ganz gewiss wenig.

Und zum Schluss: Es muss nicht perfekt sein, ein gewisses Chaos kann durchaus Charme haben. Aber Verlässlichkeit und vor allem ein wenig Freude und Interesse an den Besuchern – das ist für mich unverzichtbar. Ist davon so gar nichts zu spüren, bleibt der Ort zwar schön, aber das Gefühl „hier fühle ich mich prächtig“, das stellt sich nicht ein. Finde ich.

Wenn Sie ganz andere Erfahrungen gemacht haben – wunderbar. Erzählen Sie davon. Wir freuen uns.
Aber vor allem: Bleiben Sie uns gewogen, auch wenn Sie den Frust im Genuss nicht verstehen.

I.B.F.

 

 

Ein Kommentar

  1. Angela

    Am Sonntag war ich mit meiner Familie am Neuen See und als mein Sohn mit den Weizengläsern und der Nachricht zurückkam, dass die dazu bestellten Brezeln erst wieder in 25 Minuten fertig sein werden, grübelte ich einen Augenblick, warum mir dies bekannt vorkam. Nicht nur in diesem Punkt war der Artikel sehr treffend! Herzlichen Dank, Ihr Blog ist informativ und anregend!

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