Berlin ab 50…

… und jünger

Sie kennen doch sicher den Renée-Sintenis-Platz

Nein -?

Ganz einfach: er liegt im Herzen von Friedenau. Ganz hübsch, diese Gegend, mit ihren Häusern aus der Gründerzeit und einem imposanten Postgebäude. In der MitteSintenis (2) des Platzes steht sogar ein Fohlen. Wer aber war die Dame, nach der dieser Platz benannt wurde? Persönlich dürfte sie Ihnen kaum begegnet sein, doch kennen Sie bestimmt den Berliner Bären, der uns seit Jahrzehnten bei unserer Heimkehr in Dreilinden auf dem Mittelstreifen der Autobahn Fohlen (2) begrüßt. Der nämlich stammt von der Bildhauerin Renée Sintenis (1888-1965), wie auch das erwähnte Fohlen. Im Kolbe-Museum gab es gerade eine Ausstellung über sie mit einer beeindruckenden Fülle von Tierskulpturen. Eine Tierbildhauerin also. Das Fohlen, übrigens, könnte Ihnen auch im Düsseldorfer Hofgarten wieder begegnen und der Bär in verkleinerter Ausführung als Goldener Bär bei der Berlinale.

Den Entenbrunnen vor dem Renaissancetheater kennen Sie mit Sicherheit. Seine Enten stammen von August Gaul (1869-1921). Einmal, vor Jahren, hatten Metalldiebe die sympathischen Wasservögel einfach abgesägt und nur noch ihre Füße waren zu sehen. Eine schändliche Tat – doch zum Glück hatte man Gipsformen, aus denen Nachgüsse angefertigt werden konnten. Vor Vandalismus, Graffitischmiererei oder gar Zerstörung ist leider kein öffentlich ausgestelltes Kunstwerk gefeit. Es wäre schade, müsste man sie deshalb aus dem Stadtbild in Lapidarien verlagern, wie dies schon geschehen ist.
August Gaul trifft man auch im Garten der Villa Liebermann in Wannsee, dort aber als Otter.

Im Vorgarten der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel zielt eine wohl proportionierte Bogenschützin auf ein unbekanntes Ziel. Hat man die nicht schon einmal woanders gesehen? Ja, natürlich, auf dem Hohenzollernplatz vor dem S-Bahnhof Nikolassee. Da steht die „Bogenspannerin“ ein zweites Mal. Sie wurde von dem Bildhauer Ferdinand Lepke (1866-1909) geschaffen. Zwar ist sein Name fast vergessen, doch war er immerhin so geachtet, dass man ihm gleich zwei exklusive Berliner Aufstellungsorte für seine Bogenspannerin zubilligte. In Wilhelmshaven soll die Bogenspannerin auch gesehen worden sein.

Ein Ausflug nach Halle lohnt sich auch für Berliner. Die Stadt ist wunderbar Grzimek (2)restauriert und glänzt mit alter und neuerer Architektur, zudem ist sie lebhaft und quirlig, eine Universitätsstadt eben. Und als besondere Attraktion wird natürlich die Himmelsscheibe von Nebra im Museum ausgestellt. Grzimek_GrabSchlendert man aber über den Innenhof der Moritzburg, so steht man plötzlich vor einer beeindruckenden bronzenen Skulptur, die an die Opfer des Faschismus erinnert. Eine Frau schaut auf einen gepeinigten, am Boden liegenden Mann. Auch sie kommt einem bekannt vor. Ein Déjà-vu, eine Sinnestäuschung? Keineswegs. Die Dame steht auch auf dem Dahlemer Dorffriedhof und blickt dort auf das Grab ihres Schöpfers: Waldemar Grzimek (1918-1984).

Besucht man irgendwann einmal das Schleswig-Holsteinische Gottorf (2)Landesmuseum im Schloss Gottorf bei Schleswig, so wundert man sich vielleicht über die dort im Park liegenden großen Kugeln, Ringe und Stäbe, mit denen die Kinder von Riesen gespielt haben könnten, bevor sie sie achtlos übereinander warfen. Doch als Berliner wundert man sich nicht lange: Solche konstruktivistischen Spielereien kennt man von Bernhard Heiliger (1915-1995), der ähnliche Skulpturen im Berliner Stadtbild hinterlassen hat. Vor der Schaubühne amLehniner Platz beispielsweise und an der Philharmonie. Doch bemerkenswerter sind sein Großer Phönix im Lichthof des ZDF-Gebäudes Unter den Linden und die Flamme am Ernst-Reuter-Platz, auf der Ecke des Architekturhauses. Die Flamme hatte in den 60-ern für Aufsehen gesorgt, weil sie den Berlinern wohl zu abstrakt war. Da wussten sie allerdings nicht, was an moderner Kunst später noch auf sie zukommen würde.

Vor dem Fernsehturm am Alex sprudelt, ach was, rauscht und schäumt der Neptunbrunnen von Reinhold Begas (1831-1911). Man sieht ihm die Auftragsarbeit für Kaiser Wilhelm I gleich an. Über dessen Kunstgeschmack und den seines Nachfolgers muss man nichts mehr schreiben. Zu Begas‘ Entlastung könnte man immerhin anführen, er habe wahrscheinlich keine andere Wahl gehabt, wollte er weiter lukrative Aufträge bekommen. So jedenfalls sieht Auftragskunst aus. Schauen wir einfach den planschenden Kindern zu, wie sie von einer Fontäne zur anderen springen und beneiden wir Neptun um seine Wassernymphen. Vielleicht finden Sie noch ein paar andere Werke von Begas im Stadtbild. Ein Tipp: einfach den Großen Stern umkreisen.

Zurück zur modernen Kunst: Bei einem stolzen Eckhaus aus der Gründerzeit, am Kaiserdamm Nr. 6, hat die Turmspitze Flügel bekommen. Moment mal – so was ähnliches gibt’s doch am Ku‘-damm auch. Hier nämlich zeigt sich, von allen Seiten schön, eine Turmfigur auf einem Neubau mit der Nummer 46. Und wie sie aussieht, so heißt sie auch. Schöpfer der beiden Turmskulpturen ist der zeitgenössische Metallbildhauer Karl Menzen, dessen Werke man an vielen Orten bewundern kann, so in Tempelhof an der Manfred-von Richthofen-Straße, am Tempelhofer Damm, in Domlinden in der Stadt Brandenburg und wieder einmal am Schloss Gottorf.

Natürlich ist meine Aufzählung der öffentlich ausgestellten Künstler nicht annähernd vollständig, dazu ist Berlin viel zu groß, doch was ich sagen will: Schärfen Sie mit mir Ihren Blick, gehen Sie an keiner Skulptur, an keinem Denkmal vorbei, ohne daran das Schild mit dem Namen des Künstlers zu entdecken, ihn sich gegebenenfalls aufzuschreiben und näheres über sie oder ihn zu erfahren. Kunstwerke „leben“ erst durch ihren Schöpfer und ihre Entstehungsgeschichte.

Wer hat eigentlich diese verknautschte Blechkiste vor dem langweiligen Gebäude der Investitionbank an der Kreuzung Bundesallee und Spichernstraße geschaffen? Finden Sie es heraus!
Ich verspreche Ihnen manche interessante Wiederbegegnung, nicht nur innerhalb unserer Heimatstadt, nein, manchmal sogar Tausende Kilometer von Berlin entfernt. Wenn Sie dann immer öfter sagen können: „Den oder die kenne ich doch ! Die Skulptur ist von…“, dann haben Sie es geschafft, die Handschrift eines Künstlers zu lesen.

PB

alle Fotos (c) PB

3 Kommentare

  1. Schmargendorfer

    Danke für diesen das „Sehen und Verstehen “ erhellenden Beitrag. Eine Fortsetzung wird dringend gewünscht!

    PS: Die „verknautschte Blechkiste“ vor der Investitionsbank in der Bundesalle stammt von dem deutsch-niederländischen Künstler Ewerdt Hilgemann (geb.1938), der in Amsterdam sein Atelier hat. Die völlig abstrakte Metall-Skulptur mit vier vertikalen Kanten von 8m Höhe erinnert an eine zerdrückte Zigarettenschachtel und stammt aus dem Jahr 2000. Sie trägt den Namen „Cerberus“, nach dem Höllenhund der griechischen Mythologie, der den Eingang zum Hades bewacht. Der Künstler experimentierte hier mit einem luftdicht verschweißten Edelstahl-Hohlkörper, in dem pneumatisch ein Vakuum erzeugt wurde, so dass sie regelrecht implodiert.
    Und 6500 km von Berlin entfernt werden am Freitag, den 1.8.2014 in New York auf dem Mittelstreifen der Park Avenue eine Reihe von Edelstahlskulpturen von Hilgemann, die mit diesem Verfahren geschaffen wurden, unter dem Titel „Moments in a Stream“ gezeigt.

    Und noch etwas Erhellendes zum Zusammenhang von Kunst,Geschäft und Macht von der Investitionsbank: Seit 2007 befand sich an der Fassade die Skulptur „ Karriereleiter“ des Nürnberger Bildhauers Peter Lenk, ein Ankauf der Bank. Lenk interpretierte darin seine Sicht auf Gier und Macht. Doch dem späteren Vorstandsvorsitzenden gefiel diese Interpretation nicht und er ließ sie im Dezember 2012 auf den Schrottplatz entsorgen, noch bevor er Anfang 2014 als Vorstand selbst „entsorgt“ wurde.

    http://peter-lenk.de/skulpturen/andere-bundeslaender/mitte/karriereleiter.html

    • Danke sehr herzlich für die ergänzenden Informationen. An die Karriereleiter erinnere ich mich gut, und sie ist nicht das einzige Kunstwerk, das aus der Öffentlichkeit verschwunden ist. Eine Fortsetzung wird es sicher geben. Bis bald!
      PB

  2. I.F.

    Noch ein Hinweis zu Peter Lenk: Schauen Sie sich die Ostseite von dem Gebäude an, in dem das taz-Cafe ist (Rudi Dutschke Str.). Dort finden Sie noch ein Werk von ihm, das damals für sehr viel Aufregung sorgte. Es heißt – ob offiziell oder halboffiziell, das weiß ich nicht – der „Pimmel über Berlin“. Eine Provokation, die auch bei mir zwiespältige Gefühle hervorruft.
    I.F.

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