Berlin ab 50…

… und jünger

„Vorbei – ein dummes Wort“

Der „Tagesspiegel“ widmet dieser Zeile, die Goethe Mephisto im Faust, 2. Teil sagen lässt. eine wöchentliche Kolumne, in der jüngst Verstorbenen nachgerufen wird. Ich lese sie gern. Sicher ist auch eine Portion Voyeurismus dabei – eigentlich keine rühmenswerte Eigenschaft.

Aber inzwischen denke ich immer häufiger und intensiver über das Motto selbst nach: Ist es wirklich so, dass es dumm, also auch falsch ist, dass es kein „Vorbei“ gibt? Goethes Faust ist eine existenziell tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit, an deren Ende ein Obsiegen steht.

Meine Auseinandersetzung ist eher von kleiner Münze und eine sehr persönliche und sie hat auch einen Anlass, vom dem ich allerdings bislang nicht glaubte, dass er mich gerade jetzt umtreibt.
IMG_0857Der Anlass ist der Beginn meines siebten Jahrzehnts. Profaner: Ich werde 70!
Und das beschäftigt mich, mehr als der sonst vielbeachtete 60. oder 65. Geburtstag, mehr auch als der Beginn meines Ruhestands. Ereignisse, die viel häufiger der Grund sind, über sein Leben nachzudenken, vor allem über die Zukunft.

Habe ich mit 70 noch eine Zukunft? Das frage ich mich.
Auf jeden Fall ist die Vergangenheit länger, als es die Zukunft noch sein wird. Das zumindest wird keiner bestreiten wollen, auch die größten Optimisten nicht. Und dazu gehöre ich eher nicht: Ich bin wohl ein Mensch, dessen Glas hableer, wenn es für andere halbvoll ist. Auch deshalb fällt es mir schwer, Zukunft zu erkennen. Denn was kann ich noch bewirken, was gestalten, was weitergeben? Mir fällt wenig ein.

Das war im Alter 50 bis 60 noch ganz anders: Ich hatte Pläne für die Zeit im Ruhestand – jeder hat sie. Ich glaubte wirklich, ich kann mein Leben noch einmal neu gestalten, ihm eine neue Form verpassen, nachholen, was ich versäumt habe (und davon gab es eine Menge!).

Was ist im Rückblick aus den Plänen geworden? Ja, einige Reisen habe ich unternommen, vor allem Städtereisen, weil es jetzt – anders als zu Berufszeiten – nicht mehr auf Erholung ankam. Ein bisschen habe ich auch meinen Alltag verändert – aber eben nur ein bisschen.
Denn eines war mir nach einer Zeit klargeworden: Ich werde kein anderer Mensch. Ich kann mich nicht mehr neu erfinden. Andere Menschen mögen das schaffen und ein „zweites Leben“ beginnen – aber ich glaube, dass das einer besonderen Veranlagung bedarf. Träume umzusetzen ist ein großes Ziel – wer es erreicht, ist ein glücklicher Mensch. Aber nicht alle schaffen das.

Ich kann es offenbar nicht, das ist mir mehr und mehr bewusst geworden. Und jetzt, mit „beinahe“ 70, scheint es mir vollends, als hätte auch das Streben nach Veränderung keine so große Priorität mehr. Darüber jammere und lamentiere ich nicht. Es liegt ja an und in mir. Aber es macht mich nicht glücklich, denn die Zeit verrinnt. Sicher bleiben noch ein paar gute Jahre, Mit „gut“ meine ich, dass ich genügend Kraft und Energie habe. Aber wie viel ist genügend? Schon jetzt machen sich Lücken bemerkbar, Ausfälle. Und das ist eben auch wissenschaftlich belegt – ich kann mich also dagegen stemmen, soviel ich mag: Die Natur lässt sich für eine Weile überlisten. Aber jenseits der 70 ist es mit dem Überlisten nicht mehr so einfach.

Die Merkfähigkeit zum Beispiel lässt sogar schon mit 50 nach und das liegt an der abnehmenden Konzentrationsfähigkeit. Bewiesen hat man auch, dass es immer schwieriger wird, Wissen abzurufen. Banal ausgedrückt: Es ist im Kopf zu viel gespeichert, einzelne Informationen sind nicht mehr oder nur schwer auffindbar.
Aber das gilt eben im Wesentlichen erst für die über 60-Jährigen. Für die 55- bis etwa 60-Jährigen sieht alles noch viel besser aus: Neue Fähigkeiten entwickeln sich, so z.B. die, Informationen neu zu deuten und Zusammenhänge zu erkennen. Das mittlere Alter ist also ein gutes Alter.

Nur: Ich werde 70! Und von neuen Fähigkeiten in diesem Alter hört und liest man leider wenig.
Vor ein, zwei Jahren konnte ich noch ohne Mühe eine bestimmte, mir selbst gesteckte Laufstrecke bewältigen. Auch in einem zügigen Tempo – wie ich mir einbilde.
Ich habe auch kürzere Strecken „im Programm“, aber die habe ich bislang selten genutzt – allenfalls wenn ich in Zeitdruck war. Jetzt ist es so, dass ich immer öfter in Zeitdruck zu sein scheine – was natürlich nicht stimmt: Die Zeit würde reichen, aber ich kann die frühere Durchhalte-Energie nicht mehr so einfach abrufen.

Das Regenerieren dauert inzwischen ziemlich lange und das Aufstehen am Morgen nach einem Tag, den ich z.B. mit Golfspielen verbracht habe – ich kann mir selbst nicht dabei zuschauen! Immer häufiger kommt es zu kleinen Zipperlein, die ich noch nicht einmal richtig benennen kann! Sie sind also noch nicht einmal „Arzt-tauglich“. Gehe ich trotzdem z.B. zu einem Orthopäden, heißt es: „Keine fassbare Ursache. Und: Verschleiß – damit müssen Sie leben“.

Aber eines bleibt: Die Hoffnung!
Die Hoffnung, dass ein neues Gefühl entsteht: Das der Gelassenheit. Der Welt und den Menschen und meinem eigenes Leben mit Gelassenheit begegnen zu können – das ist noch ein großes Ziel. Eines, das lohnt. Und das vielleicht die fehlende Zukunftsperspektive kompensiert.
Ich werde mich darin üben! Und hoffen, dass mir dafür noch genügend Zeit bleibt.

Bleiben Sie mir auch in meinem achten Lebensjahrzehnt gewogen?!

Vorbei! Ein dummes Wort. Warum vorbei?
Vorbei und reines Nicht: vollkommnes Einerlei!
Was soll uns denn das ewge Schaffen?
Geschaffenes zu Nichts hinwegzuraffen?
„Da ists vorbei!“ Was ist daran zu lesen?
Es ist so gut, als wär es nicht gewesen,
Und treibt sich doch im Kreise, als wenn es wäre!
Ich liebte mir dafür das Ewigleere.

(Johann Wolfgang von Goethe,
Faust, zweiter Teil: Großer Vorhof des Palasts)

I.B.F.

4 Kommentare

  1. Renate

    Endlich mal keine Lobeshymne auf das Alter! Du sprichst mir aus der Seele mit deinen Plänen und Träumen für den Ruhestand und dem Unvermögen, ein anderes (besseres?) Leben zu führen. Ich bin zufällig auf diesen Blog gestoßen und wundere mich über die geringe Resonanz. Sind alle Ruheständler so glücklich und zufrieden mit ihrem Leben, dass sie weder Zeit, Lust noch das Bedürfnis haben, sich mit anderen auszutauschen?

  2. Lia

    Danke, etwas Ehrlichkeit tut mal gut.
    Selbst der größte Optimist wird doch sicher ab einem gewissen Alter etwas von seiner Lebenseinstellung abrücken, oder nicht?
    Ich werde alt. Wie schnell wird mich meine Kraft verlassen? Wie weit kann ich noch planen? Wie viele Dinge gibt es, die ich noch unbedingt machen wollte? Ich werde einen großen Teil davon nicht mehr schaffen.
    Die Zeit wird knapp – „scheiße verdammt“!

    Herzliche Grüße
    Lia

  3. be

    Ich glaube nicht, dass es darum geht sich das Alter schön zu reden. Es bringt auch nichts, der aktiven Vergangenheit nachzutrauern. Wichtig ist für mich das Gefühl, angekommen zu sein, mich in meinem Leben wohlzufühlen, am richtigen Platz zu sein. Und dann versuche ich, etwas von dem Guten, das ich im Leben erhalten habe, zurückzugeben. Denn jetzt ist Zeit dafür und Möglichkeiten gibt es viele.
    be

  4. I.B.F..

    Das ist eine schöne und optimistische Einstellung. Aber nicht jeder kann so empfinden.
    Deshalb geht es mir darum, das Gefühl zu vermitteln, dass auch das „erlaubt“ und normal ist. Dass man zugeben darf, deprimiert oder traurig zu sein. Ohne dass der Kommentar folgt: Es geht Dir doch gut, also freu‘ Dich … und ähnliches mehr.
    I.B.F.

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