Berlin ab 50…

… und jünger

Gehen Sie gerne auf Vernissagen?

Ich meine nicht jene in der Nationalgalerie, die mit der Anwesenheit von Kunstmäzenen und Politikern glänzen und über die dann die Abendschau berichtet. Gemeint sind die kleinen, weniger bekannten, die eher in kommunalen, oft privat geführten Galerien stattfinden. Ich gehe schon deshalb öfter dort hin, weil ich selbst ein kleines Bildhaueratelier betreibe und es mich interessiert, was andere Künstler so zustande bringen.

Eines Tages also lud ich vier kunstinteressierte Freunde in mein Auto, um mit ihnen eine Vernissage in Kreuzkölln zu besuchen. Ort und Ambiente stimmten, wie man so sagt, denn sie fand in einem kleinen, ehemaligen Tante-Emma-Laden statt, der jetzt den francophilen Namen La belle Antilope trägt. Ein wirklich reizvoller Ort um Kunst auszustellen, und durch eine Bodenklappe konnte man sogar hinabsteigen in den Keller, der mit seinen rohen, gekalkten Wänden einen besonderen Kontrast zu den Kunstwerken zu bieten hatte.
Man begrüßte sich, lächelte, Küßchen links, Küßchen rechts, zum Empfang ein Glas Sekt oder Orangensaft, dazu ein wenig Gebäck. Dann ein Räuspern, ein heller Klang um sich Gehör zu verschaffen, eine befreundete Kunshistorikerin hebt an zur Laudatio:

Die Künstlerin habe Raum und Zeit in eine neue Dimension erhoben. Aha, denke ich ehrfürchtig, was dem Physiker Einstein einst gelang, ist nun auch in der Kunst Wirklichkeit geworden. Sie, die Künstlerin, habe zudem – was ganz außergewöhnlich sei – Details aus ihrem Kontext gelöst, um sie zu einem faszinierenden, selbst sprechenden Kunstwerk der Gegenwart zu erheben.

Mein Blick streift ratlos über die ausgestellten Werke. Wo sind die aus dem Kontext gelösten Details? Nach der erwähnten neuen Dimension suche ich gar nicht erst, denn, das wissen wir längst aus den Büchern von Stephen W. Hawking, nicht für alle Dimensionen dieser Welt hat uns die Schöpfung ein Sinnesorgan mitgegeben, und das ist vielleicht ganz gut so.
Die Laudatorin greift inzwischen weit zurück in die Renaissance, deren Tradition in meisterlicher Form in die Gegenwartskunst übertragen worden sei. Jetzt spätestens steige ich aus, wende mich den ausgestellten Grafiken zu und nippe gedankenvoll an meinem schal gewordenen Sekt.

Auf der Rückfahrt im Auto stelle ich an meine Mitfahrer die harmlose Frage: „Wie fandet ihr eigentlich die Laudatio?“ Die Antwort (unisono): “ Schreeecklich!“
Lassen Sie sich nicht davon abschrecken, auch weiterhin die kleinen Vernissagen weniger bekannter Künstler zu besuchen. Sie müssen ja nicht bei jeder Laudatio so genau hinhören. Oder, ein Tipp: Kommen Sie einfach ein bisschen später und machen Sie sich im wahrsten Sinn des Wortes ihr eigenes Bild.

PB
P.S. Der Name der Galerie wurde verändert. Schöne Antilopen gibt’s aber im Berliner Zoo.

Ein Kommentar

  1. Barbara

    Danke für den Beitrag, ich sehe dass genau so

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