Berlin ab 50…

… und jünger

Im Wein nach Antwort suchen

Auf meinem Heimweg vom Friedenauer Atelier nach Zehlendorf lohnt sich Siegfried (3)der Abstecher zum Rüdesheimer Platz. Dort nämlich findet in den Sommermonaten ein permanentes Weinfest statt. Schon seit 1967 bieten Winzer aus dem Rheingau hier ihre Weine an. Man kann aus vielen Sorten und Lagen – ich habe nicht nachgezählt – wählen. Ein bis zum Rand gefülltes Glas kostet zwischen 3 Euro und ungefähr 4,50, je nach Anspruch, doch mein Anspruch ist nicht besonders hoch und so wähle ich immer den Riesling mit der Nummer 1. Ein ausgesprochener Weinkenner bin ich zugegebenermaßen nicht, denn mein einziges Beurteilungskriterium ist: der Wein muss mir schmecken.

Mit den anderen Besuchern des Weinfestes kommt man leicht ins Gespräch, denn man sitzt gemeinsam auf Holzbänken oder Plastikstühlen an großen Tischen, falls man überhaupt noch eine freie Sitzgelegenheit findet. Freie Stühle werden gerne nach der „mallorquinischen Methode der Liegenbelegung“ für Späterkommende freigehalten. Eine Frau, die ich bewundernd darauf ansprach, wie sie sich einen derart reservierten Stuhl nach kurzem Wortgefecht erkämpft hatte, verriet mir ihr Geheimnis: sie gäbe Kurse in Selbstbehauptung, wieder buchbar nach den Sommerferien, alles sei eine Sache der Argumentation. Vielleicht würde sich ein solcher Kurs für mich sogar lohnen, dachte ich, wenn aWeinkönigin (9)uch nicht mehr für diese Saison.
Der Rüdesheimer Platz, von Kennern liebevoll Rüdi genannt, wird beherrscht von einem Siegfriedbrunnen. Der steinerne Held steht neben seinem sich bäumenden Ross, das er versucht zu bändigen. Von seiner Linken schaut ihm eine etwas lasziv liegende, unbekleidete Dame bewundernd zu. Sie, eine Weingöttin von wirklich beneidenswerter Gestalt, trägt ihre Haare hochgesteckt zu einem Knoten, mit der sie ihrer Schönheit besonderen Ausdruck verleiht. So jedenfalls sehe ich es , denn komischerweise wandern meine Augen immer auf ihre Frisur, von der eine besondere erotische Wirkung auszugehen scheint. Da lerne doch einer sich selbst kennen.

Doch ich bin nicht der einzige mit solchen Fantasien. Eine ältere, geschmackvoll gekleidete Dame spricht mich an. Was heißt älter – wir sind beide im Rentenalter. „Wie gefällt ihnen denn der Brunnen, jetzt, nach seiner Restaurierung?“, fragt sie mich.
Siegfried (10)„Sehr gut, der Sandstein ist jetzt viel heller, man hatte die Figuren vorher kaum noch wahrgenommen, so grau und verfallen sie schon waren“, entgegne ich höflich, und dann sagt sie, etwas gedämpft: „Der Siegfried hat doch einen tollen, knackigen Hintern, nicht wahr?“. Nach einem kurzen Blick auf den besagten Körperteil kann ich nicht widersprechen. Da stimmt wirklich alles – perfekt.
„Wissen Sie“, so fährt sie selbstbewusst fort, „heutzutage ist man so prüde, wagt kaum eine Anzüglichkeit oder gar eine Berührung“. Früher, da sei ein Klaps auf das Hinterteil einer Frau für sie ein Kompliment und keine sexistische Beleidigung gewesen, man sei doch nur einmal jung und später im Leben blieben solche Klapse von selbst aus, was schon traurig genug sei.
Perplex schaue ich in ihre Augen, suche krampfhaft nach einer Antwort. „Das hätte ich niemals gewagt“, sage ich unbeholfen, was sonst könnte ich jetzt auch erwidern? Wie stünde ich denn als Mann da, wünschte ich mir unverhohlen solche legeren Zeiten zurück? Meine Gesprächspartnerin sieht mein wohl etwas hilfloses Gesicht, zuckt kurz mit den Schultern, nickt mir freundlich zu und wünscht, schon im Gehen, einen schönen Tag. Ich schaue ihr nach. Sie hätte wohl keine Frauenbeauftragte benötigt, aber die wurde inzwischen ja auch schon wieder von einer Gleichstellungsbeauftragten abgelöst .

Ein Glas Wein habe ich die Dame nicht trinken sehen, sie war wohl nur auf der „Durchreise“, vorbeigekommen aus einer vergangenen Zeit.
PB

P.S. Der Rheingauer Weinbrunnen findet noch bis zum 22. September statt. Immer von 15:00 bis 21:30. Die Klage eines Anwohners gegen das Weinfest wurde vom Gericht abgewiesen. Eine außergewöhnliche Lärmbelästigung sei nicht festzustellen.
Die Brunnenfiguren stammen von Emil Cauer d. J. (1867 bis 1946).

Fotos (c) PB

2 Kommentare

  1. CK

    Das ist ja ein netter Artikel. Die Figuren werde ich mir jetzt auch mal genauer anschauen.
    ck

  2. Dita

    Oh, schön! Artikel und Fotos finde ich sehr ansprechende – was immer das auch heißen mag!

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