Berlin ab 50…

… und jünger

„Honi soit qui mal y pense“

Wissen Sie, wo dieser geflügelte Satz steht? Wenn ja, dann kennen Sie Ihre Stadt ziemlich gut. Und für die, denen es noch nicht eingefallen ist, ein weiterer Hinweis: Ball Paradox!

Des Rätsels Lösung: Beides steht über dem Café Keese. In der

(c) I.B.F.

(c) I.B.F.

Bismarckstraße. Nicht gerade ein glamouröses Umfeld!
Es ist kein „normales“, sondern ein Tanzcafé. Gibt es heute noch so etwas? In der Zeit der Clubs und Discos?
Aber ja und genauso lebendig wie zu seiner Gründungszeit. In seiner Art ist es konkurrenzlos und es wird es auch weiterhin geben, weil es ein Bedürfnis erfüllt: zu tanzen und zwar richtig! Auf Tanzschulen-Niveau. Foxtrott, Walzer, Cha-Cha-Cha, Tango und natürlich: Rock’-n’Roll!

Café Keese hat alles: Türsteher, Platzanweiser, diskrete Ober und natürlich DJs!
Vor allem hat es sein Publikum. Sie können es schon beim Anmarsch erkennen, auf der Wegstrecke zwischen U-Bahn Ernst-Reuter-Platz und Ziel: Wenn Sie auf zwei oder drei Damen treffen, elegant gekleidet, mit viel Glitzer und manchmal im Stil der 60er Jahre, begleitet von einer üppigen Duftwolke aus Parfum und Haarspray und mit einer Plastiktüte bewaffnet, dann können Sie sicher sein – ihr Ziel ist: Café Keese. Wenn Sie ein Pärchen sehen, ihn mit „Schlips“, dunkelfarbigem Hemd, etwas eng geraten, mit kariertem Sakko und vor allem im Sommer gern weißen Slippern, der sie, frisch frisiert und toupiert, fürsorglich am Arm führt, vielleicht den Plastikbeutel tragend,

(c) I.B.F.

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– dann wissen Sie: Café Keese.
Und der unruhig herumtrippelnde Mann, der ständig auf die Uhr schaut? Er wartet auf seine Verabredung –Treffpunkt Café Keese.
Frauen, die allein kommen, sind nicht (mehr) sehr häufig, aber es gibt sie natürlich, sie waren zur Gründungszeit das eigentliche Stammpublikum (warum, das erklärt sich aus der Gründunggeschichte, die wir Ihnen natürlich nicht vorenthalten werden). Sie erkennt man, weil sie – vor allem im Sommer – im Schutz der Straßenüberdachung noch einmal ein bisschen Deodorant versprühen, einen Spritzer Parfum, um dann einzutauchen in die Tanzwelt, in der sich für ein paar Stunden die Welt vergessen lässt.

Was es mit den mitgeführten Plastiktüten auf sich hat, haben Sie vermutlich erraten: Darin sind die Tanzschuhe verstaut, denn Straßenschuhe und Tanzschuhe, das sind nun wirklich zwei Paar Schuhe.

Im Café Keese kennt man sich! Aber es kommen auch immer wieder

Neulinge, die umstandslos akzeptiert und in die Gebräuche eingeführt werden. Das Klima ist fröhlich, locker, es geht nicht um Wettbewerb (wer schleppt wen ab), sondern darum, einen netten Nachmittag, einen amüsanten Abend zu verbringen. Natürlich gibt es ab und an den, der jammert, dass seine Frau ihn so gar nicht versteht, aber damit gewinn „man“ hier keinen Blumentopf, auch keinen Tanz.

Tanz

Postkarte (c) Plaizier/Coll.-Verz.Salemi

Es sind im Übrigen nicht nur ältere Jahrgänge vertreten, sondern durchaus auch jüngere. Von 30-Jährigen, die einfach einmal wieder richtig tanzen wollen, bis hin zu 70 und vermutlich darüber. Und (fast) alle Schichten der Gesellschaft; Angestellte, Handwerker, Akademiker, Hausfrauen – es gibt keine Vorbehalte.

Und es gibt noch etwas Besonderes: Tischtelefone! Sie wurden bereits 1992 installiert und sind immer noch in Gebrauch, wenn auch nicht mehr ganz so häufig. Aber sie gehören zum Bild von Café Keese.

Zum Schluss erzähle ich Ihnen, was es mit „Ball paradox“ auf sich hat. Dahinter steckt eine großartige Idee für die damalige Gründungszeit: Café Keese wurde 1945 in Hamburg etabliert (in Berlin gibt es das Café erst seit 1966 – seit 1989 wird es in eigener Regie geführt -, ist also „nur“ eine Kopie!). Der Hamburger Gründer, Wilhelm Bernhard Keese, wollte nach dem Krieg die jungen Frauen, die plötzlich Witwen geworden waren, teilweise traumatisiert und ihre Weiblichkeit so lange nicht ausleben konnten, wieder aufbauen, ihnen
wieder das Gefühl geben, Frau zu sein. Und seiner Meinung nach war der beste Weg, den Frauen beim Tanzen die Partnerwahl zu überlassen. So entstand „Ball paradox“! Eine ganz und gar revolutionäre Idee zur damaligen Zeit.

Um jede noch so geringfügige Anrüchigkeit auszuschalten, gab es in Hamburg eine Art Hausgesetz, das jeder“man(n)“ klarmachte, an was er zu denken hat: „Denken Sie stets an die These, es regiert die Frau Keese“!
Oder anders: Honi soit qui mal y pense! Ein Schuft, wer Übles dabei denkt!

Kommen Sie, geben Sie sich einen Schubs, suchen Sie ein Paar Tanzschuhe heraus, packen Sie sie ein und auf geht’s: zu Frau Keese.

Wann was los ist, finden Sie gebündelt unter: http://www.cafekeese.de

I.B.F.

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