Fluxus – alles fließt

Als die Nackte Maja mitten auf dem Rathenauplatz enthüllt Cadillacswurde, empörten sich die Berliner. Das hatten sie noch nicht gesehen: Zwei einbetonierte Cadillacs in Form der Nackten Maja. Irgendwie hatten sie wohl das Bild von Francesco de Goya im Kopf gehabt, der übrigens seine Maja später noch einmal bekleidet malte, um dem Zorn der Kirche zu entgehen. Wolf Vostell war dieses Risiko gar nicht erst eingegangen, denn er hatte seiner Maja gleich ein Betonkleid verpasst. Da standen die Berliner des Jahres 1987 also kopfschüttelnd vor den beiden teilbetonierten Luxusautos und suchten vergebens nach einer irgendwie verborgenen nackten oder wenigstens halbnackten Schönheit. „Das soll Kunst sein?“, fragte jemand empört den Fernsehreporter, der aber auch keine Antwort wusste. Ein anderer dagegen hätte sich solch einen Cadillac eher gewünscht, um damit ein paar Mal den Kreisverkehr des Rathenauplatzes zu umkreisen und sich an neidischen Gesichtern zu erfreuen. Damals guckte man protzigen Autos noch hinterher und ausserdem war der Sprit billig.

Wolf Vostell (1932-1998) war ein Aktionskünstler, der aus Leverkusen stammte und der es geschafft hatte, internationalen Ruhm zu erlangen. Ihm kam es darauf an, tradierte Vorstellungen über Kunst in Frage zu stellen, so, wie auch anderen Künstlern jener Zeit. Der Name Beuys ist in diesem Zusammenhang noch heute jedem bekannt und so ist es nicht verwunderlich, dass auch die Beiden zueinander gefunden hatten. Zusammen mit weiteren Künstlern, wie June Paik, Daniel Spoerri oder Emmett Williams veranstalteten sie ein Internationales Fluxus-Festival an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, das im Februar 1963 stattfand, und sie starteten von dort aus zu einer internationalen Fluxus-Tournee. Irgendwie sollte sich alles auflösen, was man bisher unter Kunst verstanden hatte und in neue Ideen einfließen. Man wandte sich gegen „elitäre Hochkunst“ und erfand den Begriff der Dé-coll/age – alles sollte aus dem Leim gehen und zu einer neuen, schöpferischen Idee zusammenfließen. Fluxus wurde so der zweite Angriff auf jegliche kunsttheoretische Festlegung nach dem Dadaismus Anfang des 20sten Jahrhunderts.
Doch die Fluxus-Bewegung wurde auch politisch. In Happenings wandte man sich gegen gesellschaftliche Phänomene wie Massenkonsum und auch gegen den Vietnamkrieg.

Das alles klingt ziemlich schräg, doch am Ende schafften es die Fluxus-Künstler, die Vorstellungen der Nachkriegsgesellschaft über Kunst nachhaltig zu erschüttern und die bisherige Betrachtungsweise, Kunst müsse sich in einem gegenständlichen Kunstwerk manifestieren, zu verändern.
Fluxusmuseum (1b)Zurück zu den zwei einbetonierten Cadillacs auf dem Rathenauplatz. Diesen Kreisverkehr umrunden täglich Zehntausende von Autos, ganz zu schweigen von den Hunderttausend auf der darunter liegenden Stadtautobahn, dem meistbefahrenen Straßenabschnitt Deutschlands. Für die Anwohner der einmündenden Halenseestraße ist der Rathenauplatz längst zur Hölle geworden und die einbetonierten Cadillacs zum Menetekel. Die Autofahrer, die den Platz umkreisen, nehmen sie schon längst nicht mehr wahr, geschweige denn eine irgendwo verborgene Nackte Maja .

Wer mehr über Fluxus erfahren will, sollte das Fluxus-Museum in Potsdam besuchen. Es befindet sich auf dem Gelände des Hans-Otto-Theaters, in der Schiffbauergasse. Man kann dort auch am Wasser sitzen, der Havel beim Fließen zuschauen, dabei einen Cappuccino trinken und über die Frage nachdenken, was ist eigentlich Kunst?
PB

PS. Das Fluxus-Museum in Potsdam findet man hier: http://www.fluxus-plus.de.
Auf dem Dachgiebel der Gloria-Passage / Kurfürstendamm tront, weitestgehend unbeachtet, Nike in strahlendem Gold.
1989 eröffnete das Art’otel Berlin Kudamm, eigentlich Joachimsthaler Sraße: „Wohnen mit der Kunst von Wolf Vostell“.

Fotos (c) P.B.

2 Gedanken zu “Fluxus – alles fließt

  1. „Diskobol“ : Wenn ich von unserer Terrasse gerade aus und ein bisschen nach rechts schaue, erkenne ich die Umrisse einer Skulptur. Auch aus der Ferne wirkt sie ungemein kraftvoll und dynamisch. Das Dach, auf dem sie steht, gehört zu einem Hotel. Und dieses Hotel ist eine einzige Hommage an Wolf Vostell. Wobei wir bei dem Beitrag sind bei „alles fließt“ sind.
    Wenn Sie also einmal auf dem Kudamm bzw. der Tauentzienstraße unterwegs sind (ich verkneife mir eine Bemerkung zu der kuriosen Idee, sie umbenennen zu wollen. Wir habe ja gerade das „h“ in der Joachimstaler Straße schlucken müssen), biegen Sie in selbige, jetzt mit „h“ , ein und schauen Sie sich das „art’otel“ an (auf der linken Seite). Von oben bis zum Keller eine umfassende Ausstellung von Werken, die Vostell dem Hotel anvertraut hat: Skulpturen, Materialbilder, Drucke, Collagen … Den „Diskobol“ hat Vostell im übrigen noch eigenhändig (natürlich mit Hilfe) auf das Dach gesetzt.
    Ich liebe meinen Blick auf die Skulptur! Vostells Motto: Kunst ist Leben, Leben ist Kunst.
    Via Internet können Sie eine kleine Führung durch das Hotel und seine Kunst anschauen (www.artotels.com/berlin-de)
    Jörg Martin

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  2. Ich erinnere mich noch an die Aufregung und auch Ablehnung, die diese Skulptur damals erregte!
    Als Reaktion kreierte/installierte eine Initiative in einer Nacht- und Nebelaktion eine „Trabant“-Skulptur!
    Dieses Spektakel erfreute doch viele!
    Dita

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