Schwaben in Berlin

Als die ersten schwäbischen Floßfahrer die Stadt an der Spree erreichten, wurden sie von deren Einwohnern überaus zurückhaltend betrachtet: So also sehen Schwaben aus.
Flossfahrer (1)Entgegen ihrer Gewohnheit waren diese Floßfahrer nicht über zahlreiche Flüsse und Kanäle nach West-Berlin gekommen, sondern per Tieflader über die Transitautobahn. Floßfahrer nämlich können sich nur mit dem Strom treiben lassen und nicht dagegen, und das hätten sie zwangsläufig müssen, wollten sie auf dem Wasserweg von der Donau nach Berlin reisen, zumindest das Stück über Havel und Spree. Ausserdem waren diese Floßfahrer aus Beton und zudem noch Kunst.
Schon die Grenzposten im Transitverkehr der DDR hatten die Floßfahrer skeptisch betrachtet und auf ihre eventuelle Hohlheit abgeklopft. Schön waren sie ja nicht, diese Schwaben mit ihren schweineähnlichen Gesichtern. Sozialistische Kunst jedenfalls sah anders aus.
Die Floßfahrer reisten weiter durch West-Berlin, bummelten auf ihrem Tieflader ein wenig durch die Stadt, weilten einige Monate auf dem Kurfürstendamm, ließen sich fotografieren und von der Bevölkerung und ihren Pressevertretern beschimpfen. Nachdem neben den Berlinern auch einige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Skepsis gegen die Zuwanderer geäußert und sich daraufhin sogar der Regierende Bürgermeister Richard von Weizäcker eingeschaltet hatte, wurden sie schließlich auf das Gelände der Lungenklinik Heckeshorn verbannt, wo man ihnen Asyl gewährte. Dort, unter märkischen Kiefern, wurde es still um sie. Irgendwann einmal war das Interesse der Öffentlichkeit an ihnen erloschen. Inzwischen jedoch wurden sie noch einmal klammheimlich umgesiedelt, und man findet sie jetzt, ein wenig versteckt, auf dem Gelände des Zehlendorfer Behring-Krankenhauses. Kein Schild weist auf ihre Herkunft oder ihren Schöpfer hin.

Wesentlich deutlicher im Blickfeld stehen die sieben Schwaben auf dem Mittelstreifen des Hohenzollerndamms, gleich am Fehrbelliner Platz. Ob sie von den vorbeieilenden Berlinern wirklich noch beachtet werden, ist eine andere Sache. Zu sehr hat man sich in den Jahrzehnten seit 1978 an ihre Anwesenh7_Schwaben (2)eit gewöhnt. Sieben Schwaben, in traditioneller schwäbischer Tracht, bewegen sich vorsichtig sichernd auf den belebten Verkehrsknotenpunkt zu, ihren Spieß zugleich als Waffe und Halt benutzend. Fürchten sie als Fremdlinge den Zorn oder gar Übergriffe der Ureinwohner? Seit dem Jahr 1978 stehen sie nun schon in dieser Haltung, und kein Leid ist ihnen seitdem geschehen. Zufall, oder sind auch sie inzwischen längst akzeptierte Bewohner der großen Stadt?

Der Strom der Zuwanderer aus Schwaben riss auch im wiedervereinigten Berlin nicht mehr ab und heute findet man sie in durchaus beachtenswerter Population im Stadtteil Prenzlauer Berg, wo sie offensichtlich jenen Boden fanden, auf dem sie prächtig gedeihen.7_Schwaben (1)
Ihrer sprichwörtlichen Sparsamkeit scheinen sie weitgehend abgeschworen zu haben, denn sie leben dort in Luxus sanierten und teuren Wohnungen. Auch ihr Ritual der Kehrwoche haben sie längst einem Facility Management übertragen.
Die Berliner sollten ihre Skepsis gegenüber den Schwaben endlich aufgeben, denn jene haben sie wirklich nicht länger verdient. Spätzle und Maultaschen sind längst Teil der Berliner Küche geworden und haben die „Sättigungsbeilagen“ auf wohltuende Weise bereichert. Und solange man im Bäckerladen frei zwischen der Berliner Schrippe und dem schwäbischen Weggle wählen kann, steht einem friedlichen Nebeneinander eigentlich nichts mehr im Wege.
PB

P.S. Die Schwäbischen Floßfahrer stammen von dem Nürnberger Peter Lenk (*1947), einem sozialkritischen Künstler, der häufig Personen des öffentlichen Lebens auf bissige Weise aufs Korn nimmt. Sein Relief „Friede sei mit Dir“ befindet am taz-Gebäude gegenüber der Springer-Zentrale.
Von Hans-Georg Damm, dem Schöpfer der Sieben Schwaben, hat man nichts mehr gehört. Im Internet ist er nicht auffindbar, auch weitere Werke sind nicht bekannt.

3 Gedanken zu “Schwaben in Berlin

  1. Ich war mit der Familie Brigitte u. Hans-Georg Damm befreundet. Er schenkte mir die große Pusteblume, und die Skizze vom Kohlenträger aus Kreuzberg mit persönlicher Widmung. Bevor er starb, lebte er in Friedenau in der Rubensstraße.

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  2. Hallo!
    Es gibt andere Werke von Hans-Georg Damm, z. B. eine Gruppe mit einer störrischen Ziege und dem hilflos wirkenden Onkel Tschukei mit einem Stöckchen. Wir haben sie 1979 vom Bildhauer erworben, jetzt befindet sie sich nicht mehr in meinem Besitz.
    Ingrid R.

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