Berlin ab 50…

… und jünger

Linie 44 zur Wilmersdorfer Straße

Das Warten auf die Straßenbahn am Fehrbelliner Platz wurde mir jedes Mal zu einer inneren Wette: Welche kommt zuerst, die 3 oder die 44? Eigentlich fuhren beide in die Wilmersdorfer Straße, doch die 44 war mir lieber. Ihre Wagen (vom Typ TM 33) hatten einen Mitteleinstieg über ein breites Trittbrett aus perforiertem Aluminium und eine sich weit öffnende Doppeltür. Das war etwas anderes als die schmalen Türen der Linie 3, die an den Enden des Wagens lagen und bei denen man sich zwischen der am vorderen oder der am hinteren Ende entscheiden musste. Das alles mag einem Erwachsenen ziemlich gleichgültig sein, doch für einen zehnjährigen Jungen aus Berlin-Wilmersdorf waren das ganz elementare Dinge.

Ungefähr einmal im Monat, vielleicht auch seltener, führte der Weg vonWilmersdorfer_Str Mutter und Sohn in die Wilmersdorfer Straße, um einige Einkäufe zu machen. Die großen Kaufhauskonzerne hatten dort ihre Filialen, auch die Schuhgeschäfte wie Leiser, Stiller oder Salamander.
Ein Kind braucht relativ oft neue Schuhe, einerseits, weil sie beim Spielen – damals noch auf Trümmergrundstücken – stark verschleißen, aber auch, weil Kinder schnell aus ihren Schuhen heraus wachsen. Zudem war das Schuhe kaufen eine spannende Angelegenheit. Beim Anprobieren konnte man die Füße unter einen Röntgenapparat stellen, um die Passform zu beurteilen und dabei die Bewegung seiner Fußknochen bestaunen. So etwas wie eine Strahlenschutzverordnung gab es damals noch nicht, und sie wäre, angesichts der vielen Atombombenversuche rund um den Erdball, sowieso ein nutzloses Stück Papier gewesen.

Schirmstaenderhaus (2)Zurück zur Wilmersdorfer Straße: Damals, in den 1950-er Jahren, hatte sie ihre beste Zeit eigentlich schon hinter sich. Der Bombenkrieg hatte Lücken in die eklektizistischen Häuserfassaden aus der Gründerzeit geschlagen und was noch übrig geblieben war, wurde vielfach abgerissen und musste einer „modernen“ Architektur weichen. Man wollte die schreckliche Kriegszeit mit ihren Entbehrungen hinter sich lassen, in eine neue Zeit aufbrechen und auch das Versäumte nachholen. So entstanden neue Geschäftshäuser im Stil einer Nachkriegsmoderne, die den neuen Wohlstand, den man das Wirtschaftswunder nannte, symbolisieren sollte. Das sogenannte „Schirmständerhaus“ ist ein Beispiel dafür.

Das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf hat eine Broschüre herausgebracht, die die Geschichte der Wilmersdorfer Straße seit ihrem Entstehen als eine preußische Allee, über die Kaiserzeit, die Weimarer Republik, den Naziterror und den Wiederaufbau dokumentiert. Auf 127 Seiten wurde alles zusammengetragen, was an historischen Fotos, Dokumenten und Geschichten aufzutreiben war.
Für Kenner, auch Anwohner der Straße, eine interessante Lektüre, die viele Vergleiche zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem zulässt. Für den Aussenstehenden die typische Geschichte einer Großstadt- und Geschäftsstraße im Wandel der Zeit, ihr Aufstieg, Niedergang und ihre Wiederentstehung als Fußgängerzone in einer vom Konsum geprägten und längst davon abhängigen Gesellschaft.

Die Wilmersdorfer Straße in Berlin Charlottenburg – Geschichte, Bewohner, Architektur –  zu beziehen im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim, Schloßstr. 55, 14059 Berlin oder im Buchhandel. (ISBN 978-3-00-043177-7 ).

PB
Fotos (c) PB

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