Eine Zeitreise in das „russische“ Berlin der 1920er Jahre

Katalog

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Berlin in den 20erJahren des letzten Jahrhunderts. Damals hieß Charlottenburg im Volksmund „Charlottengrad“ (eine Bezeichnung die auch heute wieder aktuell ist), weil viele der russischen Emigranten sich hier niederließen. Unter den vierhundertfünfzigtausend Russen, die nach der Oktoberrevolution nach Berlin flohen, waren zahlreiche Künstler. Auch wenn ihr Aufenthalt oft nur vorübergehend war, sie belebten das kulturelle Leben der russische Exil-Gemeinschaft und bereicherten die Berliner Avantgarde in Musik, Tanz, Literatur, Theater und in der bildenden Kunst.

Berlin wurde nach 1920 zum „größten Versuchslabor des literarischen Exils“ (Zitat aus dem Ausstellungskatalog). So lebte zum Beispiel Maxim Gorki – IMG_9999wie auch Boris Pasternak – von 1921 bis 1923 in Berlin. Majakowski war zwischen 1921 und 1929 oft hier. Maria Zwetajewa wohnte, neben anderen russischen Künstlern, in der damals berühmten „Pension Schmidt“ am Pragerplatz. Vladimir Nabokov kam 1922 zu seinen aus Moskau vor der Oktoberrevolution geflohenen Eltern nach Berlin. Nabokovs erste Dichtungen und Romane erschienen hier und fanden ihre Leserschaft vor allem unter den Exilrussen, die in Westeuropa lebten. Sein erster Roman „Maschenka“ erschien 1926 im russischen Verlag Slowo in Berlin. Eine Gedenktafel in der Nestorstraße 22 erinnert an den Literaten. Bereits 1919 fand die erste russische Theateraufführung im Deutschen Theater statt, eine Vielzahl von Kleinkunstbühnen, die sowohl in Deutsch als auch in Russisch die Stücke aufführten, folgten. Auch gab 1922 hier über 48 Verlage, die insgesamt 147 russische Tages- und Wochenzeitungen publizierten. 1926 war die deutsche Erstaufführung des Revolutionsfilms „Panzerkreuzer Potemkin“ von Sergej Eisenstein im Berliner Apollo-Theater in der Friedrichstraße. Olga Tschechowa kam 1921 nach Berlin, Fjodor Schaljapin gastierte in Berlin.

„DAS RUSSISCHE KULTURLEBEN im Berlin der 1920er Jahre“ ist eine informative und gut gemachte Ausstellung über russischen Emigranten und ist derzeit in der „Botschaft der Russischen Förderation in der Bundesrepublik Deutschland“, Unter den Linden 63-65, zu sehen.
Der Sammler Dr. Wilfred Matanovic, der schon 2009 die Berliner mit der Ausstellung „ Die Ansichtkarte als Zeitzeuge deutscher Geschichte. Berlin im Mittelpunkt von Politik, Kultur und Wissenschaft “ im Museum für Kommunikation erfreute, hat in den letzten 5 Jahre seine Sammelleidenschaft auf dieses Thema gelenkt und über 600 Exponate zusammengetragen. Vorwiegend Druckerzeugnisse, Zeitschriften, Fotos und Postkarten, Skizzen und Gemälde belegen den gegenseitigen kulturellen Austausch und berichten über das Leben und Schaffen verschiedener Künstler aus Russland, die zwischen 1919 und 1930 das Berliner Kulturleben bereicherten. Eine extra Abteilung widmet sich dem Maler Nikolaus Sagrekow, der 1921 in Berlin seine neue Heimat fand und blieb.
Die Ausstellung ist Teil des „Jahres der deutschen und russischen Sprache und Literatur 2014-2015“.

Ein wunderbar ausgestatteter, informativer Katalog (25 €) bietet die Möglichkeit, die vielen – zum Teil auch kleinen – Einzelobjekte, die man beim Besuch der Ausstellung kaum alle erfassen kann, zu Hause noch einmal in Ruhe (auch mit der Lupe) anzuschauen und noch viel darüber hinaus zu entdecken.

Die Besichtigung der Ausstellung ist noch bis zum 19. Dezember 2014 nach Voranmeldung per email kultur@russische-botschaft.de bzw. nach telefonische Anmeldung 0162/2505565 möglich. Durch den Besuch der Ausstellung ist die Gelegenheit gegeben, den prächtigen Eingangsbereich der zwischen 1949 und 1951 im „Sozialistischen Klassizismus“ errichteten Botschaft zu erleben.
Der Ausweis ist beim Betreten der Botschaft vorzuzeigen.

Eine interessante Zeitreise, die ich Ihnen sehr empfehlen kann. Es ist ein interessanter Blick auf das Berlin vor fast 100 Jahren.
mw

Ein Gedanke zu “Eine Zeitreise in das „russische“ Berlin der 1920er Jahre

  1. Ich habe mich sehr über die Beschreibung der Ausstellung und der Publikation „Das Russische Kulturleben im Berlin der zwanziger Jahre“ gefreut und gehe davon aus, dass mich der Autor auch persönlich ganz gut kennt. Ich würde mich freuen zu erfahren, wer der Verfasser des Artikels ist.

    Im übrigen finde ich diese Aktivität im Internet sehr gut und halte sie in anderen Städten für nachahmenswert.
    Mit freundlichen Grüßen
    Wilfried Matanovic

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