Alles so urban hier

In der Zeitung lese ich, Urban gardening sei ein neuer Trend. Großstädter THF_(1)[1]ringen der Stadt Anbaugebiete für ihre Tomaten und Kürbisse ab, suchen und finden Brachland, Baumscheiben oder Hinterhöfe, auf denen sie sich mehr oder minder illegal einen kleinen Garten anlegen. Solange sich niemand darüber beschwert oder gar Eigentumsrechte geltend macht, geht’s ja.

Also mache ich mich auf die Suche nach jenen anarchistischen Gärtnern, wobei mir das Fahrrad das geeignetste Verkehrsmittel zu sein scheint. Irgendwie steckt ja im städtischen Gärtnern auch die Idee der Nachhaltigkeit. Auto ginge da gar nicht.
Ich werde fündig: Am Moritzplatz die Prinzessinnengärten. Dort geht es schon ein bisschen kommerziell zu. Imbiss- und Kuchenstände, Getränke, daneben auch Pflanzen zum Verkauf. Entspricht nicht ganz meiner Erwartung.
Also weiter durch Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Hier und Onkel_Tom_(1)[1]da ein „Baumscheiben gardening“ mit Blumen, aber auch mal einem Kürbis oder einer Tomatenstaude. Eingezäunt mit Karnickeldraht in der vagen Hoffnung, beinhebende Hunde fernhalten zu können. Mir fällt ein, gelesen zu haben, dass irgendein Ordnungsamt einen Kampf gegen illegale Baumscheibenbepflanzer führt. Das sei eben illegal, auch wenn es eigentlich niemandem schade. Haben Ordnungsämter nichts Wichtigeres zu tun?
Für heute habe ich genug.

Am nächsten Tag ein Neustart. Ah – am U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte haben sich die urbanen Gärtner gleich mehrerer öffentlicher Pflanzkübel bemächtigt und manifestieren ihre Absicht auf einer beschrifteten Onkel_Tom_(2)[1]Holzscheibe: „PFLÜCKE und SCHMECKE, Mach mit – wir freuen uns auf DICH!“. Das Wort „dich“ in Großbuchstaben. Mir fällt das Kriegsplakat ein „Uncle Sam wants YOU“. Ein bisschen abwegig vielleicht, doch finde ich in den verwilderten Pflanzkübeln nichts was mir schmecken könnte und schwinge mich wieder auf meinen Drahtesel.

Jetzt will ich es wissen: wenn überhaupt Urban Gardening, dann auf dem Flughafen Tempelhof.
Der weite Weg auf verkehrsreichen Straßen und schließlich über die Landebahn hat sich gelohnt. Urbaner als hier geht Gardening nicht. Kleine Parzellen, abgegrenzt mit Euro-Paletten oder offen, Hochbeete mit Gurken THF_(7)[1]und Rhabarber, Tomatenstauden in Blechdosen, Eimern, Körben oder in (geklauten) Transportboxen der Deutschen Post. Dazwischen kleine, selbst gezimmerte Bänke zum Rasten und Ruhn. Ein Solarpanel und eine improvisierte „Windkraftanlage“. Sie sollen Energie liefern , wo eigentlich keine gebraucht wird. Abfälle werden kompostiert. Dann eine kleineTHF_(3)[1]r Stich: Eine Tafel mit Bekanntmachungen, wie man welche Abfälle wo entsorgt, Ordnung hält und was freundlichst alles zu beachten sei. Menschliches Zusammenwirken braucht Ordnung – also auch hier. So, stelle ich mir vor, wird einst die Kleingartenkolonie entstanden sein – als eingetragener Verein mit Satzung, Vorstand und Kassenwart.

Rückblende: Wir schreiben das Jahr 1948. Berlin ist von jeglicher Versorgung auf dem Landweg abgeriegelt: Kalter Krieg – Berlin Blockade. Die Stadt wird über eine Luftbrücke versorgt. Nur das Notwendigste kann auf diese Weise herbeigeschafft werden, kaum frisches Gemüse oder Fleisch. Man ernährt sich von Kartoffelmehl und Konserven. Auch Brennmaterial ist Mangelware. Alles was brennt wird verheizt.
Meine Eltern haben im abgeholzten Berliner Tiergarten ein Stück Land ergattert. Gleich neben dem Luisendenkmal, dem einstmals schönsten Platz Luise_(1)[1]im weitläufigen Park. Der Blick geht weit über kahles Feld bis zum ausgebrannten Reichstag und zum neu errichteten Sowjetischen Ehrenmal. Dazwischen noch Reste von Lastwagen, Panzern und einer Haubitze. In der Brücke auf die Luiseninsel gähnt ein Loch, doch man kann sich am Geländer entlang hinüber hangeln. Das „Grundstück“ ist umzäunt mit alten Bettgestellen. Ein Kopf- und Fußteil sowie der Federboden ergeben zusammen zirka vier Meter Zaun. Holzpaletten gab es damals nicht und hätte es sie gegeben, so wären sie als Heizmaterial gestohlen worden, wie auch die angebauten Tabakpflanzen und Kartoffeln. Was bis zur Ernte stehen blieb waren nur der Rhabarber und die Zuckerrüben. Aus letzteren wurde in einem Waschkessel Zuckersirup gekocht, ein köstlich schmeckender Brotaufstrich. Ich esse ihn noch heute gerne. Übrigens auch Rhabarberkompott.
Auf unseren Garten herab blickte Luise, die legendäre preußische Königin und sie tut es noch heute. Ich habe sie erst kürzlich wieder besucht.

PB
Luise_(3)[1]

P.S. Die Luise wurde von Erdmann Encke (1843–1896) aus Carrara-Marmor geschaffen und am 10. 3. 1880 enthüllt. Jahrelang durch einen Betonabguss ersetzt, steht sie seit 2013 wieder als restauriertes Original an ihrem Platz. Nur bei sehr genauer Betrachtung erkennt man noch die Einschüsse und Beschädigungen aus der Kriegszeit.

alle Fotos (c) P.B.

4 Gedanken zu “Alles so urban hier

  1. Lieber P.B., Ihre Schnitzeljagd ist nett zu lesen. Nur weiß ich am Ende immer noch nicht, was Gardening nun wirklich bedeutet. Was steckt hinter dem Trend und was sind es für Menschen, die sich da offenbar zusammenfinden? Und: Sprechen Regeln gegen den „Geist“ des Gardening? Auf die Einsicht der Menschen zu vertrauen – das hieße blind sein. Ohne Regeln würde nichts funktionieren. Auch das Gardening nicht. Finden Sie nicht?
    Ist der Wedding nicht eigentlich auch ein Tipp für die Suche?
    A.M.

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  2. Ein sehr toller Bericht und vor allem auch ein interessantes Thema. Ich finde das echt sehr toll und könnte mir das persönlich auch gut vorstellen, warum denn auch nicht. Da sollte man echt dranbleiben.

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  3. Ein sehr toller Bericht und vor allem auch ein interessantes Thema. Ich finde das echt sehr toll und könnte mir das persönlich auch gut vorstellen, warum denn auch nicht. Da sollte man echt dranbleiben.

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  4. Das ist merkwürdig. Da gibt es zwei Kommentare mit exakt demselben Wortlaut. Einer stammt vom November 2014 und ist mit Kevin überschrieben; der andere datiert auf den Januar 2018 (genauer auf heute) und stammt von Andreas.
    Was es nicht alles gibt?
    Thomas

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