Berlin ab 50…

… und jünger

Drehbeginn!

Seit vielen Monaten gebe ich einen Kurs „Wie schreibe ich ein Drehbuch“ in einem Seniorenclub des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Allein, dass ein solcher Kurs ins Programm kam, finde ich immer noch erstaunlich und durchaus bemerkenswert. Seit Anfang des Jahres kamen und gingen interessierte Damen und Herren, es blieb ein „harter Kern“. Fünf Damen und ein Herr.

Nachdem die Grundkenntnisse in Dramaturgie (wie zum Beispiel die Lehre vom klassischen Drei-Akte-Aufbau nach Aristoteles: Exposition, Hauptteil, Schluss), vom Aufbau der Figuren und ihrer Handlungsmotivationen, von der Kunst guter Dialogen, aber auch Formales (welches Gewerk braucht welche Angaben) wie Bildangaben, Ort- und Zeitinformationen und Regieanweisungen soweit vermittelt waren, sollte jeder eine „dramatisierte“ Geschichte in Bildern, Szenen und Sequenzen mit dem neu gelernten Rüstzeug aufschreiben… Nun haben alle Beteiligten schon viele Filme image6gesehen, manche haben schon geschrieben – meistens Prosa. Und doch, es wollte nicht so recht gelingen. Eines zumindest haben die Teilnehmer zu dem Zeitpunkt schon gelernt: so einfach ist es nicht, ein gutes Drehbuch zu schreiben und sie haben auch begonnen, Filme anders zu sehen.

Also wurde aus den Einzelkämpfern eine Gruppe, die ein gemeinsames Buch schreiben will. Wir haben uns in diesem Kurs natürlich auch Gedanken über Genres (das gehört ja zum Handwerk – wie schreibe ich z.B. eine Komödie oder eine Tragödie, wann wird es eine Satire etc. ) gemacht und hatten nun die Idee, einen Film zu entwickeln, der das Bild der Seniorenclubs (immer wieder gerne verwechselt mit „Seniorenheim“) aufpoliert. Wir wollten das Buch für einen witzigen Imagefilm machen. Denn das Image ist nicht nur ein katastrophales, sondern eben auch falsch. Die Reaktion allein auf den Begriff „Seniorenclub“ ist fast immer ein Entsetzen, man denkt an in spießigem Ambiente kaffetrinkende, kuchenessende uralte Seniorinnen – und das ist weit entfernt von dem, was Clubs heute bieten (siehe der erwähnte Drehbuch-Kurs).

Das Anliegen und Ziel unseres Buches war also klar. Jeder entwickelte nun eine eigene kleine Geschichte, aus der Fantasie oder eigenem Erleben image5heraus. Mit viel Worten, mit wenig Worten. Sehr unterschiedlich, aber vor allem mit viel Spaß. So entstand im Laufe der letzten Monate In dieser kleinen, feinen Runde, die so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt hat, ein Drehbuch mit fünf Episoden, das das staubige Image der Seniorenclubs ad absurdum führen will.

Als wir  den Eindruck hatten, die Geschichten sind rund, machten wir uns auf den Weg der Verfilmung. Der erste Schritt war, die Besetzung für die vielen Rollen zu finden. Also organisierten wir ein „Casting“ und es meldeten sich – natürlich – vor allem Frauen. Unter den über 50 Interessierte waren fünf Herren, also ein Verhältnis von 5:1. Frauen sind einfach mutiger, neugierig und aktiver.
image10Aber das will ich gar nicht erzählen, sondern dass es für mich erstaunlich war, wie viel Aktivitäten die Menschen ab 60+ unternehmen – Renaissancetanz, Computerkurse, Arabisch, Malen, Tai Chi …und das alle tatsächlich in Seniorenclubs . In den Gesprächen wurde auch deutlich, dass es viele Neuberliner gibt, die Seniorenclubs als Anlaufstelle nehmen, um in der fremden Stadt neue Menschen zu finden und ihren Interessen nachzugehen.

Und noch eins: Es meldeten sich als Darsteller für unseren Film so unterschiedliche Menschen wie ich es mir kaum vorgestellt habe – von der ehemaligen Kosmetikerin über die gerade in Rente gegangene Ärztin, von der Aufnahmeleiterin bei der DEFA bis zum persnionierten Augenoptiker. Menschen, mit denen ich sonst nicht in Berührung gekommen wäre.

Nachdem wir einige Proben hatten, verschiedene Bewerber angeschaut und unsere Besetzungsentscheidung getroffen hatten, stand unser erster Drehtag bevor – eine Episode, die auf einer Bank vor dem Friedhof spielt . Wir warenimage3 also angewiesen auf gutes Wetter und da der geplante Donnerstag regnerisch angekündigt waren, änderten wir kurzerhand die Planung. Wir zogen das gesamte Drehpensum einen Tag vor. Wir wurden belohnt mit strahlendem Sonnenschein, wenn auch kalten Temperaturen. Die Stimmung war wie an einem „richtigen“ Set – ein bisschen nervös und ein bisschen aufgekratzt, es fanden sich neue Grüppchen und neue Kontakte, man lachte und scimage11herzte, und nach Drehschluss ging man noch einen trinken…wie im richtigen Leben! Nein, Seniorenclubs sind alles andere als spießige kaffetrinkende Damen.

Ich freue mich auf die nächsten Drehtage!

go

 

alle Fotos (c) go

5 Kommentare

  1. klingt ja richtig lustig:))))

  2. A.L.

    Da in der Schilderung, die wirklich neugierig macht (gibt es einen weiteren Kurs, z.B. im nächsten Jahr?) sehr viel vom Image der Clubs zu lesen ist, möchte ich doch auch darauf eingehen: Sind es nicht die Clubs selbst, die etwas gegen dieses verstaubte Image tun sollten? Ich habe, so meine ich mich zu erinnern, kaum je einen Beitrag von denen gelesen, die die Clubs besuchen. Es scheint kein Interesse zu bestehen, z.B. auch in diesem Blog für sich selbst zu werben. Und die Stil und Aussehen der monatlichen Programmhefte tun das Ihre, um das Image altbacken aussehen zu lassen. Lesen Sie selbst einmal die jeweiligen Texte! Immer gleich, immer dasselbe Vokabular – das alles hat nach meinem Eindruck einen (zu) langen Bart. Ein bisschen Frische, ein bisschen Optimismus, eine moderne Ansprache – das alles fehlt. Dass es auch eine Frage der Mittel ist, das weiß ich, aber auch darüber könnte die Clubs ja alle zusammen ein bisschen „brainstormen“.
    A.L.

  3. Der Drehbuchkurs klingt ja sehr interessant und ich könnte mir vorstellen auch als Darsteller mitzumachen. Leider bin ich zu weit weg von Berlin.

  4. kamwaconnection

    Mit großem Interesse und Vergnügen habe ich den Bericht über den „Drehbeginn“ gelesen. Besonders hat mir gefallen, dass aus dem Drehbuch-Kurs im Laufe der Zeit ein gemeinsames Projekt entstanden ist und die Ideen jetzt auch in einem Film umgesetzt werden. Zum Beitrag von A.L.kann ich nur sagen, dass wir nicht immer nur kritisieren, sondern selbst aktiv werden und uns mit guten Ideen einbringen sollten. Wie das Projekt „Imagefilm“ zeigt, ist das mit Unterstützung der kulturellen Seniorenarbeit in Charlottenburg-Wilmersdorf nicht nur möglich, sondern auch gewünscht.
    Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf das Ergebnis und würde mich freuen, wenn es im nächsten Jahr weitergeht. Es gibt sicher noch viele interessante Themen.
    Viel Erfolg und vor allem viel Spaß!!!

    • A.L.

      Ich glaube, dass ich das so auch nicht geschrieben habe (dass nur kritisiert wird …). Eher das Gegenteil: dass die Clubs, das, was sie tun und machen, besser „verkaufen“ sollten. Moderner, offensiver. Selbstverständlich hilft Kritik allein nicht.
      A.L.

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