Berlin ab 50…

… und jünger

Haben auch Freundschaften „Halbwertszeiten“?

 

In der Freundschaft müssen beide Teile gleich viel geben und empfangen können. Jedes zu große Übergewicht von einer Seite, alles, was die Gleichung hebt, stört die Freundschaft.

Adolph von Knigge

 

In letzter Zeit habe ich oft darüber nachgedacht, warum Freundschaften, die erst in der Mitte des Lebens geschlossen werden, oftmals weniger Bestand haben als die, die wir in jungen Jahren erleben.
Oder stimmt das so nicht?

Lassen Sie mich erzählen von einer Freundschaft, die im doppelten Sinne „anders“ war als die, die wir meinen, wenn wir von Freundschaft reden.

Begegnet sind wir uns durch unsere jeweiligen Berufen: Sie war Fachautorin, ich Lektorin und gemeinsam haben wir etliche Buchprojekte erarbeitet. Sie war rund 10 Jahre jünger, wir hatten aber beide schon die 40 gut überschritten. Unsere Zusammenarbeit spielte sich zum größten Teil bei Email ab; getroffen haben wir uns vielleicht einmal, höchstens zweimal im Jahr, immer dann wenn es in die Endphase eines Buches ging. Und das war gut so. Denn etwas unterschied uns ziemlich gravierend: Sie war hörend, ich nicht oder kaum hörend. Das machte die mündliche Kommunikation nicht eben einfach.
Per Email aber ging es wunderbar. Und je länger unsere berufliche Zusammenarbeit andauerte, umso öfter kam es auch zu persönlichen Bemerkungen. Und wir entdeckten immer mehr Anknüpfungspunkte. Dazu kam, dass es sich bei den gemeinsamen Buchprojekten um Themen handelte, die sehr nahe „am Leben“ waren: Das Älterwerden und Sterben der Eltern, das selbst „in die Jahre kommen“, das Erwachsenwerden der Kinder, seelische Störungen und das Suchen nach Wegen, mit ihnen zu leben. Bei diesen Fragen konnte es nicht ausbleiben, dass in die gemeinsame Arbeit auch persönliche Ansichten und Gefühle hineinspielten.
Trotzdem blieb es während der beruflichen Zusammenarbeit bei einem überwiegend der Sache geschuldeten Mailaustausch.

Das änderte sich mit meinem Ausscheiden aus dem Beruf – mit 60. Wir hielten die Gewohnheit aufrecht, uns Mails zu schreiben. Und wir kamen jetzt tatsächlich zu ganz persönlichen Themen. Unser Leben, unsere Jugend, die Beziehung zu unseren Eltern, die Konflikte und vor allem die uns beide belastenden „Geister der Vergangenheit“ – davon zu erzählen wurde uns wichtig. Es waren sehr persönliche Gedanken, die wir miteinander teilten
Aber es gab zwischen uns nie das Gefühl, Grenzen zu überschreiten oder die andere zu belasten oder gar zu „missbrauchen“ als Abladestation für unsere seelischen Tiefs.
Es war ein schönes Gefühl, zu wissen, es gibt jemanden, dem ich vieles, was ich vermutlich nur ganz wenigen offenbaren würde, schreiben kann.

Merkwürdig war deshalb eine Erfahrung, die uns beide überrascht hat. Einmal haben wir uns privat getroffen. Und was passierte? Wir hatten uns nichts zu sagen! Oder treffender: wir konnten uns nichts sagen. Es war eine Fremdheit zwischen uns, die wir nicht überwinden konnten. Wir wussten es beide und waren beide auch ein wenig verstört.
Später haben wir dann auf unserem üblichen Weg des Schreibens versucht, zu verstehen.
Und es fiel uns keine andere Begründung ein als die, dass unsere Freundschaft nur möglich war aus der Ferne.
Und das funktionierte auch weiterhin. Auch über Schicksalsschläge hinweg trug sie uns – ihr Sohn erkrankte an Krebs und starb nach vielen Monaten des Bangens und Hoffens -, die Gespräche wurden dadurch noch intensiver. Gerade in der akuten Zeit der Trauerarbeit.

So hätte es weiter gehen können – glaubte ich. Aber das ging es nicht. Fast unmerklich wurden die Mails seltener, kürzer und oberflächlicher. Was machst Du, wie geht es Dir, wie geht es den Töchtern, Deinem Mann – alles Fragen und Antworten, die an der Oberfläche blieben. Aber keine von uns sprach das an.

Warum nicht? Ich weiß es nicht. Und das führt mich wieder an den Anfang zurück. Liegt es daran, dass wir uns „zu spät“ kennen gelernt haben? Oder war es ein Strohfeuer, das erloschen ist, weil anderes wichtiger wurde? Fehlte es unserer Freundschaft an der Bindung, die sich einstellt, wenn man die Jugendzeit miteinander teilt und erlebt? Oder ist es einfach so, dass zu einer dauerhaften Freundschaft auch die Begegnung gehört, die Anwesenheit, die körperliche Nähe. Dass eine nur auf Briefen (bzw. Mails) basierende Freundschaft keine wirkliche ist, weil man dem anderem nicht in die Augen sehen kann. Weil man eben doch sein Schutzschild aufrecht erhält. Das geschriebene Wort ist immer ein bisschen neutraler als das gesprochene.

Wie gesagt, ich weiß es nicht. Und ich bin ratlos und immer noch traurig.

I.B.F.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: