Berlin ab 50…

… und jünger

Der verschollene Gepard

Dies ist nicht die Geschichte von einer dem Berliner Zoo entlaufenen Großkatze. Nein, dieser Gepard ist – besser war – aus Bronze und stammte von dem Tierbildhauer Hans Joachim Ihle (1919 – 1997). Gestanden hat er im Foyer des Hotel Grunewald, gleich an der sogenannten Spinnerbrücke in Nikolassee.

Wahrgenommen habe ich ihn dort eigenartigerweise nie, obwohl ichGepard_reduziert2 schon lange in der Nähe wohne und in diesem Hotel einige Male Gäste untergebracht hatte. Es gäbe auch kein Foto des Geparden, berichtete mir eine Angestellte. Eines Morgens im Jahr 2006 sei er einfach nicht mehr da gewesen. Vielleicht habe ihn ein Kunstliebhaber “mitgehen” lassen. Ich tippe jedoch eher auf einen Metalldieb. Ein Kilogramm Bronze bringt im Schrotthandel ungefähr 4,20 Euro und 40 Kilo könnte der Gepard gewogen haben. Schrotthändler sind nicht unbedingt Kunstliebhaber.

Es gibt aber auch andere Gründe für das Verschwinden von Kunstwerken aus der Öffentlichkeit. Ein Leser von berlinab50 erinnerte Karriereleiter_reduziert2an die Karriereleiter, die einst an der Fassade der Investitionsbank an der Spichernstraße lehnte. Die satirische Skulptur stammte von dem Bildhauer Peter Lenk (*1947) und zeigte drei Männer im “Aufstiegskampf” auf eben dieser Leiter, nach dem Prinzip „Nach oben buckeln und nach unten treten“.
Eines Tages war die Leiter weg. Einige Mitarbeiter und Vorgesetzte des Unternehmens hatten keinen Spaß verstanden oder sich zu sehr an die Umstände ihres eigenen Aufstiegs erinnert gefühlt, so dass die Skulptur kurzerhand auf einem Schrottplatz landete. Wie eine staatliche Bank den teuren Ankauf eines Kunstwerks und dessen Entsorgung zum Schrottpreis in ihrer Bilanz verbucht, wäre interessant zu erfahren. Kann man Kunstwerke eigentlich steuerlich abschreiben?

Der Mensch baut seine Stadt, so heißt eine Bronzeskulptur des in Ekbatane_reduziert2Frankreich lebenden rumänischen Künstlers Jean Ipoustéguy (* 1920). Im Ursprung hieß sein Werk Alexander der Große betritt die eroberte Stadt Ecbatane. Die Stadt wird auch als Ekbatana beschrieben und lag im heutigen Iran. Der Name passte irgendwie nicht zu Berlin und Ipoustéguy schuf eine vergrößerte Version und fügte ein paar Berliner Stereotypen, wie den Eckensteher Nante, einen Berliner Bären sowie einen behelmten Bauarbeiter hinzu. Da konnte er gegenüber den Berlinern nichts falsch machen, denn einen Interessenten für eine solch riesige Skulptur zu finden, ist nicht ganz einfach. Schließlich ist das Werk stattliche 7 m hoch und 16 m lang.
Eine halb kniende Männerfigur zerstört mit dem Fuß die eroberte Stadt Ecbatane. Sollte dies an die Zerstörung Berlins am Ende des Zweiten Weltkriegs erinnern? Der dem Bären und dem Eckensteher beigeordnete Bauarbeiter könnte gleichzeitig auch den Wiederaufbau Berlins symbolisieren. Nun, das alles ist nur Spekulation, doch was bleibt einem übrig – Ipoustéguy hat keine Gebrauchsanweisung für seinen Ekbatane, wie ihn die Berliner knapp nannten, mitgeliefert. Da stand er nun vor dem Kolossalbau des Berliner ICC und wurde trotz eigener Wucht kaum wahrgenommen. Sowohl die Berliner als auch die Touristen standen etwas ratlos davor und selten nur zückte jemand seinen Fotoapparat, um ihn im Bild festzuhalten. Es gab einfacher zu deutende Motive, den benachbarten Funkturm beispielsweise.
Auch den Managern der Messegesellschaft und den Politikern schien Ekbatane nicht zu gefallen und so benutzte man ein fadenscheiniges Argument, die Skulptur verschwinden zu lassen: Der Beton des Fundaments sei brüchig geworden und dessen Erneuerung zu teuer.
So lagert der rätselhafte Zerstörer einer Stadt, der zugleich ihren Wiederaufbau symbolisiert, seit Jahren teilzerlegt in einem Depot der Messegesellschaft und wartet auf seine Wiederentdeckung.

Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Eine einst zerstörte und geteilte Stadt wurde und wird weiter aufgebaut, und internationale Koryphäen der Architektur versuchen, ihr ihren Stempel aufzudrücken. So wie Ekbatane, aufbauend und zugleich zerstörend.
Mein Vorschlag wäre, ihm irgendwo in der leblosen Weite des Regierungsviertels einen neuen Platz zu geben, dort mit seinen beiden vorgestreckten Armen mahnend, und mir fallen Worte Ernst Reuters ein: “Ihr Völker der Welt – schaut auf diese Stadt”… und seht, was Stadtplaner und Architekten aus ihr gemacht haben.

PB

P.S. Der Gepard auf dem Bild ist nicht der verschollene. So aber könnte er ausgesehen haben. Weitere Werke des Tierbildhauers Hans Joachim Ihle kann man an der Fassade des Berliner Aquariums an der Budapester Straße bewundern und dabei erfahren, was ein Triceratops ist.
Peter Lenk ist ein provozierender Künstler, der nicht davor zurück schreckt, Personen des öffentlichen Lebens auf bissige Weise aufs Korn zu nehmen. Sein Relief Friede sei mit Dir befindet am taz-Gebäude gegenüber der Springer-Zentrale.
Wer in Berlin ein Werk von Jean Ipoustéguy sucht, so findet er den Mann mit drei Beinen (1963) auf dem Campus in Berlin-Buch.

Zeichnungen von PB

3 Kommentare

  1. Monika

    Ein charmant geschriebener Beitrag – mit dosiert gesetzten Spitzen, die hoffentlich niemand überlies. Sie sind das Salz in der Suppe.
    Im übrigen: Ich habe mir vor einigen Wochen aus Neugier über die Webadresse des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf/Abt. Kultur eine Liste ausgedruckt, die alle (?) Skulpturen und Denkmale in Berlin erfasst. Und dort finde ich unter „Gepard“ von Ihle den Standort „Pestalozzistr. 91. Aus dem Jahre 1972. Ist das der Gesuchte?
    Die „Karriereleiter“ von Lenk wiederum ist noch unter dem Standort IBB, Bundesallee gelistet, was nun definitiv falsch ist. Zwei Merkwürdigkeiten, die einmal mehr unterstreichen, wie sorgfältig die Stadt ihre Kunstwerke bilanziert.
    mo

  2. PB

    Danke für den netten Kommentar 🙂
    Der Gepard in der Pestalozzistraße ist ein anderer als der verschollene. Ich habe ihn allerdings als Modell für meine Skizze benutzt. Es gibt mehrere Verzeichnisse über Skulpturen in Berlin. Am besten finde ich dieses: http://www.bildhauerei-in-berlin.de/, doch leider wird es schon seit längerer Zeit nicht mehr aktualisiert. Meine diesbezügliche Anfrage blieb unbeantwortet.
    PB

  3. I.B.F.

    Peter Lenk und die Karriereleiter
    Peter Lenk hat sich heute im Tagesspiegel in einem Leserbrief zu Wort gemeldet. Seine Aussage ist es Wert, auch hier im Blog festzuhalten – stützt sie doch die Vermutung des Autors „PB“.
    Dass die Skulptur auf Veranlassung des Vorstandsvorsitzenden, Ulrich Kissing, der IBB abmontiert wurde, ist die eine Sache und so weit bekannt. Die Begründung seines Sprechers allerdings, wie sie Peter Lenk jetzt zitiert, ist es nicht. Es hieß, die Leiter „wäre einem interessierten Unternehmen ausgeliehen worden“!!! So so!
    Nach Peter Lenk gibt es dann von Seiten des Sprechers noch folgende Aussage: Wir haben das Kunstwerk abbauen lassen, weil wir es nicht als Visitenkarte des IBB sehen und es nicht unserem Leitbild entspricht“.
    Im Endeffekt bleibt es bei dem Skandal: Die Leiter rostet auf dem Schrottplatz vor sich. Hinzu kommt nun aber das Wissen, dass die ganze Aktion von Lug und Trug begleitet ist. Wie schon vermutet!
    I.B.F.

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