Berlin ab 50…

… und jünger

Die Pforte des Orients….

buchcoverDas Jahr 2014 war voller Jubiläen: Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, der zweite vor 75 Jahren, 25 Jahre Mauerfall… In meinem persönlichen Kalender standen weitere Daten: So wäre mein Vater dieses Jahr 110 Jahre alt geworden, sein Todesjahr jährte sich zum 25 Mal und sein letztes Buch, ein Wegweiser durch die Türkei*, erschien vor 50 Jahren. Er liebte dieses Land Zeit seines Lebens und war ein großer Verehrer Atatürks. Er zog mit seiner Familie Anfang der 50er Jahre nach Istanbul und hat sicher nicht umsonst seiner dort geborenen Tochter einen türkischen Vornamen gegeben.

Grund genug, meinen Geburtstag in der Türkei zu verbringen. Im Gepäck der kleine Reiseführer „Türkei – Pforte des Orients“ . Wir hatten eine günstige (organisierte) Busreise gebucht, die uns zuerst nach Antalya und dann weiter im Bus 1700 km durch Kleinasien führte.

Das Stadtwappen von Demre/Myra

Das Stadtwappen von Demre/Myra

Die erste Station war Myra, wo der Heilige Nikolaus als Bischof wirkte und im 6. Jhd. n.Ch. eine christliche Kirche bauen ließ, nachdem er, der Legende nach, ein Heiligtum der Artemis eigenhändig niederriss. Weitere Sehenswürdigkeiten sind ein römisches Theater und lykische Felsengräber. Die Türkei hat so viele „alte Steine“, dass sie kaum nachkommt, alles auszugraben, was von der Zeit und verschiedenen Erdbeben seit Jahrtausenden unter der Erde verschüttet liegt. Das beste Beispiel ist die Geschichte der Ausgrabungen von Aphrodisias.

sebasteion

Sebasteion in Aphrodisias

Dort machte Anfang der 60er Jahre ein Fotograf eine interessante Beobachtung – in herrlich geschmückten, gut erhaltenen römischen Sarkophagen wuschen die Frauen ihre Wäsche, Männer saßen auf römischen Marmorbänken am Rande ihrer Felder, Säulen stützten Balkone und Wände – und er war sich sicher, unter dem Dorf liegt eine antike Stadt. Die türkische Regierung lehnt ab, Geld für Grabungen zu geben. Wie gesagt, die Türkei hat unendlich viele antike Stätten – Ephesos, Pergamon, Milet, Priene, Aspendos, um nur einige zu nennen – , die zu pflegen, zu erhalten und weitere Grabungen zu finanzieren die Haushaltkasse stark belastet .

Der Fotograf wandte sich also an ein amerikanisches Magazin, das dann nach einigem Hin und Her einen türkischen Archäologen engagierte, um tatsächlich Aphrodisias, eine offenkundig reiche römische Stadt Kleinasiens, zu bergen. Zum Vorschein kam, bisher – die Ausgrabung braucht noch viel Geld und Zeit -, ein vollständig erhaltenes Theater, ein Sebasteion, ein riesiges Stadion, Thermen und Tempel vom Feinsten. Da es dort auch eine Ausbildungsstätte für Bildhauer gab, sind besonders schöne, handwerklich beeindrucke Beispiele von Skulpturen und dekorativen Elementen erhalten geblieben.

aphrodisias sarkophag

Sarkophag in Aphrodisias

Wenn man die Antike pur sehen will, sollte man nach Kleinasien fahren. Da sind Rom und Griechenland nichts dagegen. Hier haben sich ganze Städte mit Parlament, Stadion, Marktplätzen, Hanghäusern, Freudenhäusern, Bädern mit angeschlossenen Latrinen aus Marmor, Prachtstraßen, Bibliotheken erhalten. Da kann man nur staunend davor stehen und voll Bewunderung sein, was Griechen und Römer an Wissen hatte – z.B. Bodenheizung. Gab es damals schon in Ephesos.

Unsere Reise an der Küste entlang, ins Landesinnere und dann über das Taurusgebirge zurück nach Antalya war wohl organisiert. Die türkische Regierung subventionierte diese Reisen, damit die Hotels auch im Winter ausgelastet sind und das Personal nicht entlassen werden muss. Davon profitiert der deutsche Reisende . Mein Vater hat in dem besagten Wegweiser bereits vor 50 Jahren den Fremdenverkehrsbüros geraten „die Reiselustigen darauf aufmerksam zu machen und diese nicht nur in den Sommermonaten in die Türkei zu bringen, sondern gerade Vorfrühlings- und Spätsommerzeit zu propagieren. Die Monate März-April-Mai und Oktober-November- Dezember sollten als türkische Hauptsaison gelten, denn in dieser Zeit ist das Land am zaubervollsten.“ Sein Aufruf hat, sieht man sich z.B. Antalya und Umgebung an, gewirkt.

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Antalya

Ich kann dem nur zustimmen, auch wenn ich November-Dezember nicht als „Spätsommerzeit“, sondern als Winter bezeichnen würde. Aber wir hatten Temperaturen zwischen 20 und 24°, meistens Sonne, ein Regenschauer und ein Gewitter haben wir in dieser Zeit erlebt, beides war innerhalb einer Stunde wieder vorbei. Also eine herrliche Reisezeit.

Entlang der Küste, Berge rauf und Berge runter, durch Orangenhaine und Olivenplantagen, mussten wir uns um nichts kümmern. Wir mussten nur pünktlich im Bus sitzen und den sehr engagierten Ausführungen des kompetenten, blendend deutsch sprechenden türkischen Reiseführers lauschen . Er informierte uns über die moderne Türkei genauso wie über das antike Kleinasien. Und trotzdem gab es viele unzufriedenen Gäste. Vielleicht sollte die TürkIMG_2471ei ihre touristischen Angebote teurer verkaufen, vielleicht würden deutsche Reisende die Sonne, das Meer und die Gastfreundschaft dieses Landes dann mehr wertschätzen. Doch die Türkei wird das Risiko nicht eingehen, möglicherweise damit viele Gäste zu verlieren – der Tourismus ist einer der wichtigen Einkommensquellen – und steckt damit in einem echten Dilemma.

Eines will ich noch schnell erzählen: Wir sind vielen Türken begegnet – alle so um die 30-40 Jahre alt – , die blendend Deutsch sprechen (weit weg von der hierzulande gepflegten Kanak Sprak). Sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen – in Baden-Württemberg, in Köln oder in Berlin, wie wir unschwer an ihrem Akzent erhören könnten. Oft gingen die Familien zurück in die Türkei, als die Mädchen 16 Jahre wurde (um die mögliche Heirat mit einem Deutschen zu vermeiden). Dank ihrer Zweisprachigkeit sind sie in guten Positionen im Tourismusgeschäft. Die Türken begegneten uns mit großer Freundlichkeit und Herzlichkeit und wir sollten, auch wenn uns ihre Gastfreundschaft manchmal ein wenig aufdringlich erscheint, dies – zurück in Berlin – nicht vergessen. Eine Reise in südliche Länder ist ja nicht nur eine Fahrt in die Sonne, sondern ermöglicht uns auch, Mentalitäten und Verhaltensweisen neu zu beleuchten. Wir jedenfalls haben sehr lustige, sehr interessante und freundliche Gespräche mit Einheimischen geführt und haben unsere Zeit dort sehr genossen.

Nach dieser Reise verstehe ich meinen Vater wieder ein Stückchen mehr und bin sicher, mich Gül (übersetzt bedeutet es „Rose“)  zu nennen, war nicht nur eine „originelle“ Idee, sondern eine Verneigung vor diesem Land.

Bleiben Sie neugierig, es lohnt sich!

Gül O.

* Es gibt ihn immer noch antiquarisch zu erwerben.
„Türkei – Pforte des Orient“ , Ein Wegweiser von Maxim Osward, Verlag H.Aigner München, 1964

 

Fotos (c) go

Ein Kommentar

  1. B.B.

    „um die mögliche Heirat mit einem Deutschen zu vermeiden“

    Ein schöner Reisebericht mit viel Herzblut!

    Auch in meiner Familiengeschichte gab es einige Auswanderer, insbesondere nach Lateinamerika. Auch ich war einer von ihnen.

    Die Eheschließungen mit Einheimischen war in den nicht seltenen deutschen Parallelgesellschaften in Chile und Argentinien unerwünscht. Man schickte auch deshalb die Jugendlichen irgendwann nach Deutschland, zumal Deutschland all jenen in Lateinamerika geborenen Kindern ab dem ersten Hahnenschrei als Beispiel von Fleiß, Pünktlichkeit und all den sonstigen uns zugeschriebenen Tugenden zugeflüstert wurde.

    So mancher, der es wagte in der Ferne eine Eingeborene zu heiraten, wurde nicht selten kritisch beäugt. Wenn mein nach Guatemala ausgewanderter Großonkel begleitet von seiner Frau, einer Maya, die Verwandtschaft in Deutschland besuchte, war man von ihrer fremden Austrahlung verzaubert, aber hielt doch einen gewissen Abstand.

    Inzwischen hat sich einiges geändert, wir sind globaler geworden. In der jüngsten Generation meiner Familie fießt nun guatemaltekisches, senegalesisches, japanisches, brasilianisches, mexikanisches, russisches und sonstiges Blut.

    Für Berlin würde ich mir wünschen, dass gegenseitige private Gastfreundschaft zwischen den parallelen Gesellschaften – so wie das in der Türkei und auch in Lateinamerika gelebt wird – noch mehr Einkehr erhält. So hatte mir einmal eine türkische Dame offenbart, dass sie gerne deutsche Freunde hätte, aber nicht wisse wie man diese bekommt. Schlug ihr vor, die deutschen Eltern der Freunde ihrer Kinder beim nächsten Elternabend zu sich einzuladen. „Und sein Sie sicher“, meinte ich, „die Gegeneinladung kommt wie das Amen in Kirche und Moschee“.

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