Berlin ab 50…

… und jünger

Die Gans und der Strom der Zeit

Wenn am ersten Weihnachtsfeiertag die Familie um den Esstisch sitzt und Mutter oder Großmutter würden – durchaus liebevoll zubereitete – Pellkartoffeln mit Quark oder Spaghetti mit Tomatensoße auftischen, dann würde das einen Sturm im Wasserglas bedeuten. Die erwartungsvoll gestimmte Festtagsseele der Sippe würde in Aufruhr geraten. Denn: An Weihnachten gehört für viele ein gerupftes Federvieh in die Bratröhre!
„Ne jute Jans is ne jute Jabe Jottes“. Der Spruch wird gern den Berli-nern angedichtet, wenn ihnen, den knusprigen Gänsebraten vor Au-gen, das Wasser im Mund zusammenläuft. Vor allem für Menschen der Generation 50 plus ist die gebratene Gans zu Weihnachten eine Tradition, an der nicht so ohne Weiteres gerüttelt werden darf. Zieht erst der köstliche Bratenduft aus der Küche heraus und in die Woh-nung hinein, erinnert sich mancher der Älteren an heile Kinderweih-nachten, an Gemütlichkeit und Harmonie unterm Weihnachtsbaum, an schneereiche Wintertage und Eisblumen auf der Fensterscheibe.

Die Feiertagsstimmung am Vormittag des ersten Weihnachtstages, die sich an keinem anderen Festtag im Jahr wiederholen lässt, schlug sich sogar im Titel einer beliebten DDR-Fernsehsendung nieder: „Zwischen IMG_2739Frühstück und Gänsebraten“ hieß sie und die ganze Familie guckte sie damals an, um sich die Zeit bis zum Festschmaus zu vertreiben.
Gebratene Gans mit Beifuß und Äpfeln oder mit Rotkohl und Klößen – wie es beliebt. Eines aber ist immer gleich: Wenn zwischen 9 und 11.30 Uhr die Vögel im Bräter vor sich hin brutzeln, steigt der Strom-verbrauch der deutschen Haushalte um rund 480 Millionen Kilowatt-stunden. Das ist rund ein Drittel mehr als an einem durchschnittlichen Wintertag.

Ein Gänsebraten benötigt rund drei Kilowattstunden, bis er gold-braun serviert werden kann. Genug Strom, um sich 15 Jahre lang einmal täglich elektrisch zu rasieren. Die Stromversorger nennen den markanten Anstieg der Verbrauchskurve zu Weihnachten ganz treffend„Gänsebratenspitze“.
gedächtniskircheAuch für den gegenüber normalen Tagen untypischen Stromrückgang um rund 10 Prozent zwischen 19.30 und 22 Uhr am 24. Dezember, Heiligabend, haben die Stromanbieter einen passenden Namen gefunden: Er heißt „Kirchgehsenke“, weil viele Menschen kurz vor Jahresende das erste und zugleich auch letzte Mal im Kalenderjahr in die Kirche gehen. Dann macht die stromverzehrende Multimediawelt in Wohnung oder Haus für ein paar Stunden am Abend Pause. Und auch der Stromzähler hat seine – kurze – Weihnachtsruhe.

Lothar Beckmann

Fotos (c) go

3 Kommentare

  1. PB

    Wenn schon, dann muss es ’ne jute, jebratene Jans sein…:-) Juten Appetit wünscht
    PB

  2. CB

    Eine nette Recherche, aber neben den Gedanken an schwankende Stromverbräuche und duftenden Gänsebraten, sollten wir uns auch die eigentliche Botschaft des Weihnachtsfestes wieder mal ins Gedächtnis rufen.
    Zur Erinnerung: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Lukas 2, 10-11
    Frohe Weihnachten
    CB

  3. AM

    Gibt es noch Gänse zu kaufen, die noch so schmecken, wie wir es in Erinnerung haben? Ich bezweifle das sehr, denn unsere Versuche waren äußerst dürftig. Zudem: Uns taten die Gänse immer leid – was natürlich inkonsequent ist, denn bei Enten, Wachteln, Hühnern wäre das selbe schlechte Gewissen angebracht.
    Also halten wir es mit Kartoffelsalat und Wiener Würstchen. Das war schon in meiner Kindheit Tradition. Und im Alter kommt man offenbar darauf zurück. Der Verbrauchsstrom dürfte wohl niederschwellig sind.
    Schöne und erholsame Feiertage.

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