Berlin ab 50…

… und jünger

Lili Marleen

„Vor der Kaserne bei dem großen Tor                                                           stand eine Laterne und steht sie noch davor ….“

Die Kaserne, die hier besungen wird, war die Gardefüselier Kaserne in Chausseestraße. Der Verfasser: Hans Leip.  Er musste dort 1915 Wache schieben, und dabei sind ihm diese Zeilen eingefallen. Ob die Laterne eine Aufsatzleuchte, eine Hänge- oder Schinkelleuchte war, daGaslaternes weiß ich nicht und auch nicht, ob sich das rekonstruieren lässt. Aber eines ist gewiss: Es war eine Gaslaterne. Und um eben dieses Berliner Kulturgut geht es. Denn es ist akut gefährdet und – zu einem guten Teil – auch schon der Rationalisierung und Kostenreduktion zum Opfer gefallen.

Berlin war einmal eine Stadt der Gaslaternen. Es war zwar London, das 1807/1808 die ersten Gaslaternen als Straßenbeleuchtung aufstellte, aber unsere Stadt gehörte zu den ersten Städten in Deutschland mit einer eigenständigen Gasindustrie. Allerdings: Welche Stadt nun tatsächlich als erste die Gaslaternen-Straßenbeleuchtung großflächig einsetzte – das ist wohl nicht ganz geklärt. Aber was soll’s: Berlin war auf jeden Fall ganz vorn mit dabei.
Denn: Mehr als die Hälfte der weltweit betriebenen Gaslaternen stehen bzw. standen(!) hier. Noch bis vor kurzem waren es erstaunliche 44.000! Hätten Sie auch mit einer solch hohen Zahl gerechnet?

Das Gaslaternen-Freilichtmuseum, 1978 eröffnet, habe ich viele Jahregaslaternenmuseum gar nicht richtig zur Kenntnis genommen. Obwohl es an einem Ort aufgestellt ist, der für mich meistens der „Einstieg“ für einen Rundgang im Tiergarten ist: Straße des 17. Juni/Ecke Klopstockstraße. Möglicherweise lag es auch daran, dass erst 2006 mit Tafeln darauf aufmerksam gemacht wurde und die Zahl der aufgestellten Laternen von ehedem rund 30 auf etwa 90 angestiegen ist. 90 fallen eben stärker auf als 30. Die Modelle stammen aus der Zeit von 1826 bis 1956, aus 25 deutschen und 11 europäischen Städten. Am Abend werden die Laternen entflammt (nein, nicht mehr durch einen Flammenentzünder!) und Sie werden sehen, wie weich und entspannend das Licht ist, und wie es ihm gelingt, die Umwelt ein wenig zu verzaubern (geht Ihnen jetzt die Schwärmerei zu weit?).

All dies ist in Gefahr – nicht in Zukunft, sondern schon jetzt. Fast alle Gaslaternen sollen umgerüstet und auch die rund 8.000 Gasreihenleuchten sollen bis 2018 „entsorgt“ werden.
Ganzen 3.300 Laternen gewährt man Gnade – wohlgemerkt von 44. 000!
Und das obwohl der World Monuments Funds die Berliner Gasbeleuchtung in die Rote Liste der bedrohten Denkmäler aufgenommen hat. Aber die Ignoranz, was scheren uns die Roten Listen, kennen wir zur Genüge.

Und eigentlich ist es ja merkwürdig: Auf der einen Seite wird das Schloss wieder aufgebaut und damit der Historie gehuldigt. Auf der anderen Seite wird eben diese Historie entsorgt, wegrationalisiert. Auf der einen Seite argumentiert man mit dem Tourismus, für den das Schloss ein Magnet sein soll. Auf der anderen Seite wird übersehen, wie sehr die Besucher die Gaslaternenbeleuchtung lieben. Verstehe, wer mag.

Selbstverständlich haben die Befürworter der „Modernisierung“ viele Argumente parat. Unter anderem natürlich das Kostenargument.
Aber das ist ein permanentes Totschlagargument: Einmal weil man angesichts der finanziellen Belastungen kaum etwas dagegen anführen kann, ohne unendlich viele Beispiele vorgehalten zu bekommen im Sinne von: „dann hätte man auch ….“ (beliebig ergänzbar). Zum anderen aber, weil es offenbar mehrere Kostenrechnungen gibt – je nachdem auf welcher Seite man steht.

Klar ist, dass die Umrüstung nicht gerade zur Vermeidung der Lichtverschmutzung beiträgt. Ja, die gibt es nämlich auch und sie ist sowohl für Mensch als auch Tier ein Problem.

Es gäbe noch viel zu erzählen über unsere Gaslaternen und den Kampf um sie. Zum Weiterlesen empfehle ich http://www.gaslicht-kultur.de

Warum ich gerade jetzt das Thema aufgreife? Anfang Dezember des letzten Jahres (noch schreibt sich das merkwürdig: eben gerade war es noch dieses Jahr, jetzt ist es zum vergangenen geworden) haben noch einmal 140 Geschäftsleute aus der Bleibtreu- und Giesebrechtstraße einen Brief an den jetzigen Regierenden Bürgermeister, Michael Müller, geschrieben und ihre Klage vorgetragen. Ob sie Erfolg haben wird? Nein, soviel Optimismus bringe ich auch im neuen Jahr nicht auf.

Und wie ging es mit „Lili Marleen“ weiter? Erst einmal war es ein fürchterlicher Flop. Nur wenige Platten wurden verkauft. Dann aber, durch einen glücklichen Zufall,  wurde das Lied populär, über die Maßen: „Lili Marleen“ (wegen der Anfangszeilen wird es auch „Laternenlied“ genannt) wurde zu einem internationalen Soldatenlied (sehr zum Ärger der nationalsozialistischen Führung).
Und auch nach Ende des Krieges setzte das Lied seinen Weg fort. Mit jedem Krieg, ob es um Korea, Vietnam, Israel ging, erlebte es eine Wiedergeburt.

Das Lied wird also nicht in Vergessenheit geraten. Ob es Berlin gelingt, als Stadt der Gasbeleuchtung zu gelten: Was meinen Sie?

I.F.

3 Kommentare

  1. Heidi S

    Hallo , wieder ein interessanter Beitrag. Denke jetzt ganz anders über die Gaslaternen…

  2. PB

    Das mit der Elektrifizierung der Gaslaternen sehe ich etwas entspannter, nachdem in meiner Straße die alten funzeligen Peitschen-Gaslaternen gegen neue, weitaus hellere und unauffälligere Leuchten ausgetauscht wurden. Zudem sind sie weit weniger störanfällig. In Wannsee, Ortsteil Stolpe, hat man schon vor Jahren die historischen Kandelaber elektrifiziert. Mir persönlich ist die Lichtfarbe zu gelblich geraten, doch ein Laie wird kaum Unterschiede zum Gaslicht erkennen. Meist erfreut man sich sowieso eher tagsüber an den schönen, sogenannten Schinkelleuchten, die unversehrt erhalten geblieben sind, nur dass sie eben jetzt nachts elektrisch leuchten. Und Energie sparen wollen wir doch alle. Mit dem Gas aus 40.000 Berliner Laternen ließe sich eine ganze Kleinstadt beheizen.

  3. Es wäre doch schon einige Gaslaternen zu lassen. Vielleicht Im Nikolai Viertel und um das neue / alte Schloss?

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