Berlin ab 50…

… und jünger

Keine Zeit!

Ich fahre durch die 30-Zone meiner Wohnstraße, der Tacho zeigt 40. SAM_00250.2Langsamer zu fahren würde ich mich kaum trauen, um nicht zum Verkehrshindernis für eiligere Autofahrer zu werden. Allerdings auch nicht schneller, denn zweimal hatte man mich hier schon geblitzt, beide Male mit 37.
Ein Kleinwagen hinter mir schließt schnell auf, „kriecht“ dann mit gefühlten zwei Meter Abstand hinter mir her, wagt trotz mehrerer Versuche wegen des Gegenverkehrs nicht, mich zu überholen. Lichthupe. Einmal, zweimal, dann wütendes Dauerblinken. Was, wenn ich an der nächsten Rechts-vor-links-Kreuzung schärfer bremsen muss?

Die Autofahrerin hinter mir scheint’s nicht zu kümmern. Endlich – der Gegenverkehr lässt eine Lücke, sie tritt durch und der Kleinwagen zischt an mir vorbei. Geschwindigkeit – ? Naja, zum Entzug des Führerscheins hätte es locker gereicht. Bei mehr als 30 zu viel wäre er erst einmal weg, so sagt man. Die Gebärde, die sie mir durch ihre Heckscheibe zeigt, ist nicht gerade als Schmeichelei zu deuten.
An der nächsten Ampel sehen wir uns wieder, denke ich. Doch falsch, sie ist inzwischen weit voraus, schafft es noch bei Dunkelgelb, über die Kreuzung zu kommen.SAM_0122

Was für eine Einstellung, so ärgere ich mich, andere Leute, in diesem Fall mich, zu nötigen, gegen die Verkehrsvorschriften zu verstoßen. Im täglichen Leben erlebt man solche Bedrängungen oft, nicht nur im Straßenverkehr, auch auf Rolltreppen oder an der Kasse des Supermarkts. Möglicherweise ist man auch selbst einmal derjenige, der meint, es eiliger zu haben als andere. Eine üble Anmaßung, zu glauben, die Zeit anderer Menschen wäre weniger wertvoll als die eigene.

Die besagte Ampel zeigt jetzt rot und zwingt mich zum Stillstand, doch nicht zu dem meiner Gedanken. Was wird die eilige Autofahrerin mit der gewonnenen Zeit einer Ampelphase und vielleicht noch ein, zwei weiteren anfangen? Wird sie sie sinnvoll nutzen? Hatte sie vielleicht SAM_0164.aeinen Arzttermin oder eine Verabredung mit einer Freundin?
Im Wartezimmer eines Arztes würde sie höchst wahrscheinlich eine Weile ungeduldig sitzen müssen, bevor sie drankäme. Ein leeres Wartezimmer ist kaum vorstellbar, genau so wenig wie ein Arzt, der seine Patienten im Minutentakt behandelt.
Ihre Freundin hingegen verspätet sich womöglich um einige Minuten mit der lapidaren Entschuldigung, die S-Bahn sei ihr vor der Nase weggefahren oder sie habe keine Parklücke gefunden. Irgendwas ist schließlich immer, das uns daran zu hindert, unsere Ziele pünktlich zu erreichen.
Wahrscheinlich wollte die Autofahrerin einfach nur schnell nach Hause. Kein Arzttermin, keine Verabredung. Einfach ausruhen nach einem stressigen Arbeitstag, den Zeitgewinn nutzen. Alles von sich werfen und auf die Couch, einen Drink, eine Zigarette oder – falls sie Nichtraucherin ist – den Fernseher an. Der Verkehr war heute einfach wieder nervenaufreibend…

Sind wir uns über den Grund unserer Hektik eigentlich immer im Klaren, sind wir selbst ihre Verursacher oder bilden wir sie uns gar nur ein? Vielleicht kommen wir uns im Zustand der Eile einfach nur viel wichtiger vor.Britta 006

“Der Berliner hat keine Zeit. Er hat immer etwas vor, er telefoniert und verabredet sich, kommt abgehetzt zu einer Verabredung und etwas zu spät – und hat sehr viel zu tun” [Tucholsky, 1919].

Ferdinand

alle Fotos (c) H.-J.Prüfer

2 Kommentare

  1. Moni

    Die Szene ist uns allen wohl bekannt. Aber, lieber Ferdinand, allzu wohlbekannt ist auch, dass immer (junge) Frauen in Kleinwagen herhalten müssen, um diese Szene zu beschreiben. Männer, ob alt oder jung, kommen in Ihrer Erfahrungen (?) offenbar nicht vor.
    Und natürlich treffen diese Frauen danach ihre Freundinnen oder gehen zu Arzt – da liegt die Vorstellung nicht weit, dass es sich um Frauen handelt, die das Geld ihrer Männer ausgeben und sich wichtig nehmen.
    Deshalb: eine rosarote Karte für Ihre Frauen“schelte“.
    Moni
    P.S. Manche Frauen gibt es, die weder sofort zur Zigarette greifen noch gleich den Fernseher anschalten.

  2. PB

    Liebe Moni,
    bei mir mussten noch nie Frauen für etwas „herhalten“ und am wenigsten habe ich die Dame am Steuer gescholten. Im Gegenteil: sie schalt mich, weil ich ihr zu langsam fuhr. Der Artikel basiert auf einem wirklichen Ereignis, und dass am Steuer eine Frau saß, ist ein Zufall. Hätte ich aus ihr einen Mann machen sollen, um dem Vorwurf des Chauvinismus von vornherein auszuweichen? Was soll das? Ich stellte lediglich die Frage, was wir (ich beziehe mich ein) mit solcherart gewonnener Zeit eigentlich anstellen. Meine These: nichts.
    Ferdinand

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