Weltschmerz

Ein Schmerz im Oberbauch der immer wiederkehrt, eigentlich schon seit Jahren. Ein widerwilliger Arztbesuch. Im Ultraschall entdeckt er Krankenhaus (6a)helle Flecken, die er nicht deuten kann. Er dreht den Bildschirm in meine Richtung. „Da, schauen Sie mal, hier, da ist etwas“. Ich blicke aus denkbar ungünstiger Perspektive auf ein verschwommenes Bild, das wie eine Störung in einem Schwarzweißfernseher aussieht. Er hätte genauso gut ein Stück Schweinebauch beschallen können…
Während ich mich noch von den Resten des schleimigen Kontaktmittels befreie, telefoniert er schon: „Ich hätte einen neuen Patienten für Sie…“, und zu mir: „Melden Sie sich am Mittwoch um 8:40 Uhr an der Aufnahme des Klinikums, nüchtern, man wird sie ein paar Tage dort behalten“.

Das hat mir gerade noch gefehlt! Doch Gesundheit ist wichtig, dafür sollte man sich nun wirklich Zeit nehmen. Ich mache mir auch ein wenig Sorgen – was genau hat der Arzt gesehen?
Am besagten Mittwochmorgen ist alles Routine. Zuerst der Papierkram, Krankenkasse und so weiter. Ein Behandlungsvertrag muss unterschrieben werden und gleich mehrere Erklärungen, dass ich über alle Risiken dessen, was man mit mir vorhat, aufgeklärt worden bin. Dann Blutabnahme und EKG. Die routinierten Handgriffe der Schwester sind beruhigend. „Was haben Sie für Schmerzen?“, fragt sie mich halb abgewandt. „Diffuse Bauchschmerzen“, antworte ich, „schon lange“.
„Man wird etwas finden“, sagt sie und fügt dann sibyllinisch hinzu, „sie finden immer etwas“, um dann doch noch zu relativieren, „die sind richtig gut, da unten“, womit sie zweifellos ihre ärztlichen Kollegen ein Stockwerk tiefer meint.
Krankenhaus (8a)Eine Stationsschwester weist mich ein: „Hier das Bad. Ihr Bett ist das am Fenster. Den Schrank immer schön abschließen, bevor sie das Zimmer verlassen“. Ein Zimmergenosse grüßt mit matter Handbewegung. Es geht ihm offensichtlich nicht gut, er hängt am Tropf.
Mit mir hat man nicht mehr viel vor an diesem ersten Tag. Ich verlasse das Räderwerk des Krankenhauses, laufe durch herbstliche Villenstraßen, setze mich in ein Straßencafé, bestelle einen Cappuccino und leiste mir ein Stück Mohntorte. Ohne Schlagsahne, man sollte jetzt nicht übertreiben. Vielleicht werde ich in Zukunft eine Diät einhalten müssen.

Wieder zurück. Meinem Zimmergenossen geht es gerade etwas besser. Wir stellen uns vor, machen einen Small talk. Er hat die Angewohnheit, viel und laut zu telefonieren, wie ich später feststelle, den Lautsprecher dabei auf „Max“, so dass ich auch jedes Wort seiner Gesprächspartner mitbekomme. Ich will ihn nicht auffordern, das Handy leiser zu stellen, er ist schon übel genug dran.
Es gibt einen Aufenthaltsraum, den ich „Wohnzimmer“ nenne. So ist es auch eingerichtet: Eine Schrankwand mit zerlesenen Büchern, ein Fernseher, ein bequemer Sessel. Nach den Abendnachrichten dann noch ein Film bei RTL. Zu Hause gucke ich wegen der langen Werbepausen nie RTL, doch hier gilt es, Zeit tot zu schlagen, bis die notwendige Bettschwere erreicht wird. Trotzdem liege ich nachts lange wach, lausche dem Schnarchen meines Bettnachbarn. Ich kann ihm nicht böse sein in seiner Situation…

Zum Frühstück bekomme ich nichts außer der Nachricht, um 10:10 Uhr ginge es los. Ein Pfleger würde mich abholen, im Bett. Der Einwand, meine Beine seien tadellos, den Weg vom dritten Stock in den Keller könne ich ohne Schwierigkeiten meistern, gilt nicht: „Im Bett!“ Drei weitere Risikoaufklärungen sind zu unterschreiben.
Der Pfleger erscheint auf die Minute genau, rollt mich über endlose Gänge. Die Arbeit mache ihm großen Spaß, erzählt er, nichts sei Routine. Er grKrankenhaus (2a)üße immer alle die ihm begegnen, ob Arzt, Schwester oder Patient. Das sei wichtig für das Betriebsklima. Vier Sprachen beherrsche er, Deutsch, Englisch und Arabisch, dazu Französisch als seine Muttersprache. Er sei Marokkaner und wünsche mir alles, alles Gute. Ich nehme es nicht als Phrase, er ist wirklich ein netter Kerl.
Die Schwester, die mich für die Untersuchung vorbereitet, ist dieselbe wie gestern bei der Aufnahme. Diesmal sagt sie: „Sie können es sich noch überlegen und nein sagen“. Ihre gestrige Bemerkung, „man wird etwas finden“, geht mir durch den Kopf. Ich bleibe beim Ja und liege jetzt in einem Hi-tech Operationssaal.

„Guten Tag, ich bin ihr Behandler“, begrüßt mich der eintretende Arzt und stellt sich namentlich vor. Seine Frage, „was haben Sie beruflich gemacht?“ entpuppt sich erst später als ein rhetorischer Trick, um mich von den Apparaten und dem vorbereitenden Treiben der Schwestern abzulenken. Ich misstraue ihm nicht und beantworte seine Frage in dem Glauben, er würde sich wirklich dafür interessieren.
„Ich werde sehr genau in sie hineinschauen“ sagt er, „und jetzt legen Sie sich mal ganz entspannt auf die Seite“. Das genau muss der Moment gewesen sein, an dem mich jemand ohne Vorwarnung in Narkose versetzt hat. Innerhalb einer hundertstel Sekunde, es gab nicht einmal einen Moment dämmriger Müdigkeit. Einfach weg. So müsste man sterben – irgendwann einmal…

Als ich aufwache, befinde ich mich in einem anderen Raum. An einem Monitor sehe ich meine Herzkurve, den Blutdruck und die Pulsfrequenz. „Sind Sie wach?“, fragt mich eine junge Schwester. „Ja, wie heißen Sie?“, frage ich höflich zurück. „Jasmin, obwohl ich den Duft von Jasmin gar nicht mag“, antwortet sie überrascht. Wahrscheinlich ist sie es nicht gewohnt, dass einer der Patienten nach ihrem Namen fragt. Ob sie den Film von Woody Allen, “Jasmine” gesehen habe, frage ich sie. Ich spreche den Titel englisch aus. „Erzählen Sie mir den Inhalt“, sagt sie. Ich erzähle… und sie, die eben noch geschäftig zwischen den Betten der aufwachenden Patienten hin- und herlief, hält inne, hört mir zu, fragt nach – ein magischer Moment.
Der marokkanische Pfleger unterbricht uns, schiebt mich auch schon weg in Richtung Fahrstuhl. „Alles Gute“, ruft Jasmin mir nach, und „danke, dass Sie sich so nett mit mir unterhalten haben!“ Das tut gut.
Viel später: Der Stationsarzt kommt vorbei, unterrichtet mich über das Ergebnis der Untersuchung. Es sei nichts Auffälliges festgestellt worden. Man hat also doch nichts gefunden, wie mir die Aufnahmeschwester eigentlich prophezeit hatte. Und meine Schmerzen – ? Der Stationsarzt zuckt mit den Schultern, während er den Befund unterschreibt: “Morgen können Sie gehen”.

Heute habe ich in der Zeitung gelesen, es gäbe auch Schmerz ohne Ursache. Das physikalische Grundprinzip von Ursache und Wirkung scheint dieser Art von Schmerz folglich schnurzegal zu sein. Vielleicht sollte ich mir diese Haltung zu eigen machen: Schnurzegal – auch wenn’s weiter wehtut.
Ferdinand

alle Fotos (c) Ferdinand

2 Gedanken zu “Weltschmerz

  1. Schmerzwelt!
    … oder Pech gehabt! Nach der neuesten Schmerzforschung gibt es m.E. durchaus Schmerzen ohne körperliche Ursachen, also unspezifische Schmerzen. Denn auch eine psychosomatische Ursache ist eine Ursache. Gerade Oberbauchschmerzen sind ein solcher Fall: die Ursache erschließt sich auf bildgebende Weise nicht, es gibt aber irgendwo, irgendwie eine. Und sei es, wie gesagt, psychosomatisch. Was auch heißt: Der Schmerz bleibt erst einmal. Und das ist dann eigentlich kein so großes Glück.
    A.L.

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