Berlin ab 50…

… und jünger

Nous sommes Charlie!

französ.botschaft 2.jan.2015Auch unser Blog hat sich zu „Je suis Charlie“ bekannt – in der großen Welle der Solidaritätsbekundungen natürlich nur ein winzig kleines Kräuseln. Aber es zählt jedes Zeichen, denke ich.

Ein paar Tage sind vergangen; die Herausgabe der ersten Nummer des Heftes nach dem Angriff war noch einmal ein Höhepunkt des Zeichensetzens der Solidarität.

Die vergangenen Tage haben uns beinahe Unfassbares erleben lassen. Unermesslichen perfiden Verrat und ebenso unermessliches gemeinschaftliches Zusammenstehen.
Die Tragödie hat in ihrem ersten Akt gezeigt, wozu Menschen im Bösen fähig sind, der zweite Akt ist eine Demonstration des Glaubens über alle Grenzen hinweg: an unzerstörbare Werte und die Wucht eines gemeinsamen Aufstehens gegen das Böse.

All das ist inzwischen vielfach gezeigt, kommentiert und als prägendes Ereignis wird es wohl in Zukunft den Beginn des Jahres 2015 in der Geschichte markieren.

Nous sommes Charlie! Dessen müssen wir uns immer wieder vergewissern. Denn eines harrt noch des Beweises: Wie lange sind wir Charlie? Wie lange hält dieser bedingungslose Zusammenhalt an? Sollte es dieses Mal wirklich anders verlaufen als bei den früheren Ereignissen, die Menschen zusammenbrachten?

Ich wage es nicht, daran zu glauben. Wenn ich an die Euphorie, an die großen Umarmungen bei der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten denke und dann feststellen muss, wie schnell sich das gemeinsame Gefühl der Freude beiderseitig verändert hat, dann fällt es mir schwer, an die dauerhafte Kraft der Demonstrationen zu glauben.
Der Vergleich hinkt natürlich, aber es ist ein bisschen so wie in der Vor- und Weihnachtszeit: Alle sind ein wenig friedfertiger, freundlicher, zugeneigter – die Stimmung, die wir aus unseren Kindertagen in die Erwachsenenzeit herüber gerettet, zeigt jedes Jahr ihre Wirkung. Nur leider: Sobald die Dekoration abgeräumt ist, das neue Jahr sich im alltäglichen Ablauf eingespielt hat, ist es mit der Freundlichkeit und Duldsamkeit vorbei. Es geht wieder zur Sache.
Wird die große Verbundenheit dieses Mal länger halten? Werden die unterschiedlichen Auffassungen, die unterschiedlichsten Religionen und Demokratieverständnisse zukünftig auf eine Weise ausgetragen, die menschlicher ist? Verständnisvoller? Weniger böse? Zu „je suis Charlie“ gibt es inzwischen deutlich andere Einstellungen – das ist verständlich. Die Frage ist nur: Wie verständnisvoll gehen wir mit unterschiedlichen Meinungen um? Das ist noch lange nicht beantwortet, auch nicht durch die Demonstrationen.

In den letzten Tagen wurde oftmals die „Macht der Bilder“ beschworen. Und in der Tat: Die Fotos von der weltumfassenden Demonstration in Paris, der sich auch Politiker aus fast allen Ländern angeschlossen haben (oder ihr vorausgingen), sind eindrucksvoll und erzählen Geschichte.
Sie erzählen aber auch etwas anderes: Wenn Politiker ganz vorn in der ersten Reihe mitmarschieren, obwohl in ihren Ländern die Meinungsfreiheit und die demokratischen Grundsätze mit Füßen getreten werden, dann wirkt hier die Kraft der Bilder auf eine pervertierte Weise. Diese Politiker schließen sich – für alle sichtbar – einer Bewegung an, die sie in ihrem eigenen Land unterdrücken. Und können dennoch mit den Bildern demonstrieren: Schaut her, auch wir sind Charlie. Sie nutzen die Macht der Bilder, um abzulenken davon, was sie in ihren Ländern praktizieren, und vorzuspielen, dass sie ein Demokratieverständnis teilen, das ihnen aber völlig fremd ist.

Bilder sind ganz offensichtlich trügerisch. Man muss ihre Botschaften entschlüsseln. Manchmal erzählen sie Wahres und sind fake zugleich.

I.B.F.

Foto (c) go

3 Kommentare

  1. silver

    hallo – gibt es in diesem interessanten blog auch etwas zum thema „pegida“ oder „muslime in berlin“?

    • I.B.F.

      Noch nicht, aber der Blog ist für jeden fairen Beitrag sicher offen.
      I.B.F.

    • I.B.F.

      An „Silver“ noch eine Ergänzung: Der Blog soll und will kein politischer Blog sein – damit wäre er überfordert. Ihm geht es vor allem um das Leben an sich, um das Leben in Berlin und noch dazu: um das Leben ab 50 (und auch jünger). Die große Politik soll anderen überlassen bleiben – was nicht heißt, dass der Blog und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter keine haben!
      I.B.F.

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