Berlin ab 50…

… und jünger

Made in Germany

Kürzlich erschien im „Kunstverlag“ eine Publikation, die einen Gesamtüberblick über alle 227 in Berlin befindlichen Museen gibt (Hiller von Gaertringen „Eine Geschichte der Berliner Museen in 227 Häusern“). Keine Angst, es wird hier keine Fortsetzungsreihe über alle 227 werden, aber  auf  ein ganz besonderes Museum möchten wir  Sie aufmerksam machen: Das „Museum der Dinge“.

Das 1972 gegründete und bis 2002 im Gropius-Bau beheima201408_WBA_Presse_BehrensKessel1_72dpitete Museum befindet sich seit 2007 in Kreuzberg und beherbergt das „Archiv des Deutschen Werkbund“ mit über 20.000 Design- und Alltagsprodukten.

Die aktuelle Sonderausstellung Made in Germany – Politik mit Dingen. 201409_WBA_Presse_Cover_72dpiDer Deutsche Werkbund 1914 im „Museum der Dinge“ in der Oranienstraße 11 in Kreuzberg erinnert noch bis zum 16.März 2015 an die vom Deutschen Werkbund zwischen 1907 und Kriegsbeginn 1914 betriebene Reformbewegung. Gegründet von Künstlern und Industriellen wollte er die Exportfähigkeit des Deutschen Reiches fördern, indem er deutsche Alltagsprodukte durch materialgerechte, zweckmäßige und standardisierte Gestaltung zu 201408_WBA_Presse_BehrensKessel1_72dpibesserer Qualität verhilft. Die Kennzeichnung „Made in Germany“ wurde vom englischen Gesetzgeber 1887 verordnet, um die schlechte Qualität eingeführter Waren aus Deutschland für den Verbraucher kenntlich zu machen. Es war das Bestreben, das Label „Made in Germany“ zu einem Gütesiegel zu verwandeln  – und es war erfolgreich, wie wir heute wissen. Seinen Designer – u.a. Peter Behrens, Henry van de Velde und Lucian Bernhard –  ging es um Ästhetisierung von Warenkultur und Werbestrategie in der industriellen Massenproduktion, was der Runge und Scotland 1906Besucher dieser Ausstellung anhand vieler interessanter Exponate nachvollziehen kann. Ganz nebenbei erfahren wir auch, woher die Bezeichnung „08/15“ kommt, die heute Massenware ohne Qualitätsanspruch im Volksmund kennzeichnet. Es gibt mehrere Erklärungsansätze, die aber alle auf das deutsche Maschinengewehr 08/15 aus dem 1.Weltkrieg zurückgehen. Entwickelt 1908 und großer Stückzahl 1915 produziert (daher 08/15), wurden die Soldaten in der Benutzung gedrillt und hatten damit tägliche Routinen zu absolvieren. Der Durchbruch des geflügelten Wortes für etwas Banales, Alltägliches kam mit der 1954/55 erfolgten Veröffentlichung der Ersten Weltkriegs-Romantriologie „08/15“ von H.H. Kirst.

Wer die Ausstellung im Bröhan-Museum „Kunst und Keksdose201409_WBA_Presse_GibsonGirlDandy_72dpi. 125 Jahre Bahlsen“ und „1914 – Das Ende der Belle Époque“ besucht hat, wird hier viele Objekte wiederfinden, ebenso einigen patriotischen Nippes und Zigarettenmarken, deren Namen eingedeutscht wurden, von 1914 aus der Ausstellung im DHM „Der Erste Weltkrieg“.

Höhepunkte ist jedoch der Nachbau des Glashauses von Bruno Taut – er ist der Architekt z.B. der Hufeisensiedlung in Britz oder der „Tuschkasten“-Siedlung in Treptow-Köpenick – im Maßstab 1:20, das auf der Werkbundausstellung 1914 am Kölner Rheinufer gezeigt wurde. Die Konstruktion aus Glas, Stahl und Beton war den Org201409_WBA_AK_Deutsche_Werkbund_Ausstellung_1914_72dpianisatoren so spektakulär, dass sie dem Gebäude einen Platz abseits des Ausstellungsgeländes, in die Nähe des Vergnügungsparks zuteilten (an einem Modell des Ausstellungsgelände können wir uns schnell orientieren, wie die 50 exemplarischen Bauten verteilt waren). Bruno Taut hatte für sein Vorhaben zwar die Glasindustrie gewinnen können, musste aber trotzdem privates Geld hineinstecken, damit der Bau überhaupt fertiggestellt werden konnte. Noch dazu musste die Werkbundausstellung, die im Mai 1914 eröffnet wurde, wegen des Kriegsbeginn im August wieder seine Tor schließen. Dank der mit endoskopischen Technik aufgenommenen Filmaufnahmen aus dem Inneren des Modell ermöglicht uns diese 3D-Technik heute einen Spaziergang durch das spektakuläre, in Licht und Farbe gehüllte Gebäude. Wir bestaunen die 201409_WBA_Presse_Taut-Konstr2_72dpiTreppenaufgänge, die Glaskuppel, Mosaikwände und einenWasserfall 201409_WBA_Presse_Taut_Jahrbuch15_S77_72dpi(„Das bunte Glas / zerstört den Hass…“, diese Zeilen von P.Scheerbarth auf dem Fries unter der Kuppel zu lesen). Es ist wie eine Zeitreise. Allein für dieses Erlebnis lohnt sich ein Besuch.
Wenn Sie mehr über dieses kleine Museum erfahren wollen, schauen Sie nach unter http://www.museumderdinge.de/stand_der_dinge.
Bleiben Sie neugierig, es lohnt sich.

mw/go

 

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