Berlin ab 50…

… und jünger

„Mein Auschwitz“

Heute vor 70 Jahren, am 27.Januar 1945, wurde das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Der SPIEGEL widmet in der aktuellen Ausgabe seine Titelgeschichte den „letzten Zeugen“ und interviewt 19 Auschwitz-Überlebende, die alle zwischen 80 und 92 alt sind. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass beim nächsten „runden“ Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers noch Zeitzeugen leben und uns von Auschwitz berichten können. Umso bedeutender empfand ich den Abend amindex 20.Januar im ver.di Bildungs- und Begegnungszentrum Clara Sahlberg: Das „Haus der Wannsee-Konferenz“ lud anlässlich des 73.Jahrestages der „Besprechung über die Endlösung der Judenfrage“ (die später so genannte „Wannsee-Konferenz“) zu der bewegenden Buchpräsentation „Mein Auschwitz“ mit dem Auschwitz-Überlebenden Władysław Bartoszewski ein.

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Prof. Monika Grütters

Frau Staatsministerin Prof. Monika Grütters begrüßt die Gäste zu dieser Gedenkveranstaltung und stellte Buch und Autor vor. Mit einfühlsamen Worten beschrieb sie die Bedeutung seines Berichts über „sein“ Auschwitz. Wladyslaw Bartoszewski, 92 Jahre alt, spricht schnell, in fließendem Deutsch und mit viel Emphase. Er erzählt – im Gespräch mit Prof. Gesine Schwan – viel über andere, wenig über sich, denn „es ist Normalität, dass man die Opfer ehrt, nicht sich selbst“, er erzählt vom unerträglichen Lager-Alltag, erinnerte an Leidensgenossen und Täter. Bartoszewski , katholischer Christ, wurde als 18jähriger junger Mann inhaftiert und ins Lager Ausschwitz gebracht, das er durch die Intervention des Deutschen Roten Kreuzes in Genf nach 199 Tagen am 8.April 1941 wieder verlassen konnte. Das ihm so „geschenkte“ Leben wollte er nun – angeregt durch seinen Beichtvater – für die einsetzen, „die noch viel ärmer dran waren“. Es muss ja einen Sinn machen, dass er „frei“ war (soweit das im von Deutschland besetzten Polen überhaupt möglich war). Bartoszweski ging in den Widerstand.

Wladyslaw Bartoszewski, Prof. Gesine Schwan

Wladyslaw Bartoszewski, Prof. Gesine Schwan

Ab 1942 arbeitete er im Untergrund , im „Rat für die Unterstützung der Juden“, der sog. „Żegota“ und half, tausende Juden in Sicherheit zu bringen. 1991 wurde er dafür Ehrenbürger Israels. Bartoszewski, der demnächst 93 Jahre alt wird, sprach sehr klar, sehr eindringlich und voller Empathie von der Mitverantwortung jedes Menschen für die Gestaltung einer humanen und solidarischen Gesellschaft und stellte fest, dass es nicht den „Jemand“ gibt, der etwas gegen Unrecht tun müsse, wir selbst, jeder einzelne muss etwas tun. Ein großer Appell an die Menschlichkeit, getragen von einem starken Glauben, den er trotz sechsjähriger Haft in der Stalinzeit und erneuter Inhaftierung 1981 nie verloren hat.
Es war eine wahrlich bewegende Veranstaltung mit einem bewundernswerten Zeitzeugen, der immer für ein freiheitliches, demokratisches Polen kämpfte, der ehemaliger polnischer IMG_2990Außenminister und Botschafter in Österreich war und heute noch als Staatssekretär und Berater von Präsident Tusk aktiv ist. Die Lektüre dieses sehr persönlichen Buches lohnt sich – 282 Seiten, Verlag Ferdinand Schöningh GmbH; Auflage: 1. Aufl. 2015 (20. Januar 2015), 29,90 €.

Seit 1994 veranstaltet die Gedenk- und Bildungsstätte „Haus der Wannsee Konferenz“ am 20.Januar jährlich eine Feier und Gedenkstunde, in der Zeitzeugen zu Wort kommen. Besonders im Gedächtnis ist mir der 20.Januar 2007 geblieben : Im Nebenraum des Konferenz-Zimmers, mit Blick auf den „Tatort“ und die Fotos der Täter, sprach Gabriel Bach, der stellvertretende Ankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann, anlässlich des 65. Jahrestages. Ein hochemotionales und unvergessliches Gespräch.

Das „Haus der Wannsee –Konferenz“ wurde am 19. Januar 1992, am Vorabend des 50. Jahrestages der Wannsee-Konferenz eröffnet. Die ständige Ausstellung ist dem Völkermord an den europäischen Juden und der Wannsee-Konferenz gewidmet. Wechselnde Sonderausstellungen berichten derzeit über die Geschichte der Villenkolonie Alsen und über die Spurensuche von NS-Verfolgten in Berliner Archiven. Es lohnt sich, einmal dort vorbei zu gehen , mehr Infos unter http://www.ghwk.de.

Bleiben Sie neugierig, es lohnt sich!
mw/go

Fotos (c) go

Ein Kommentar

  1. I.B.F.

    Es ist schon überwältigend, mit welcher Flut von Gedenkveranstaltungen, Lesungen, Gesprächen, Dokumentationen diesem Tag gedacht wurde und wird. Vor allem ist es überwältigend, dass es die Kinder und Enkel sind, die sich der Geschichte stellen wollen.
    Deshalb ist auch die Ausstellung, die derzeit in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand gezeigt wird, so wichtig.
    „Vergiss Deinen Namen nicht – die Kinder von Auschwitz“ – so lautet der Titel.
    Die Ausstellung basiert auf Gesprächsprotokollen, die der Autor Alwin Meyer über viele Jahre mit deportierten Kindern geführt hat. Die jahrelange Suche nach ihrer Identität, nach ihrer Familie, ihr Leben nach der Befreiung, das alles schildert er in bewegenden Geschichten. Sie machen einmal mehr deutlich, wie sehr die Gegenwart für diese Kinder immer noch – bis zu ihren Wurzeln hin – von Auschwitz besetzt ist.
    Die Ausstellung läuft bis zum 29. März in der 2. Etage, Sonderausstellungsbereich in der Gedenkstätte (Stauffenbergstr. 13-14). Informationen: http://www.gdw-berlin.de).Mo-Mi. 9.00 bis 18.00 Uhr. Do 9.00 bis 20 Uhr. Sa, So u. Feiertag 10.00 bis 18.00 Uhr
    I.B.F.

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