Berlin ab 50…

… und jünger

Studium mit 50plus – Ein Weg, um alt zu werden und jung zu bleiben

Ich habe letzte Woche meine Bachelorurkunde abgeholt
Es war ziemlich unspektakulär: Ich ging ins Sekretariat, bekam meine Papiere und bestätigte den Empfang. Die Sekretärin gratulierte mir anstandshalber und verabschiedete mich. Naja … Erleichtert verließ ich das Nebengebäude, ging noch einmal ins Hauptgebäude und ließ die Atmosphäre ein letztes Mal auf mich wirken. Geschafft!
Das klingt zunächst banal – ist es aber nicht, wenn man ein 52-jähriger promovierter Historiker ist …
und nun habe ich zusätzlich einen Bachelor Recht und Management (B. A.).

Warum habe ich das getan?
Das Jura- und Wirtschaftsstudium hat mich fasziniert. Es handelt sich dabei um einen juristischen Studiengang mit Schwerpunkt im Wirtschaftsrecht und starken wirtschaftswissenschaftlichen Komponenten (das Verhältnis SAMSUNG CSCJura/Wirtschaft ist etwa 70/30).
Im Rückblick kann ich sagen, dass mein (erstes) Geschichtsstudium das Bessere war. Jura als Herangehensweise hat dennoch für mich eine besondere Bedeutung erhalten. Es hat sich die Überlegung bewahrheitet, dass man oft gar nicht inhaltlich argumentieren muss, um etwas zu erreichen, sondern dass die formale, juristische Argumentation in der Regel stärker ist. Die Herangehensweise von Juristen (und Wirtschaftsleuten) ist eine ganz spezielle und ich bin froh, das kennengelernt zu haben.
Ich hatte das Gefühl, dass ich nach der Kinder- und Familienzeit noch etwas nachzuholen hatte. Diesem Gefühl bin ich nachgekommen und ich bin sehr zufrieden damit.
Nicht gern gesehen und gehört wird das Argument des Älterwerdens, das mir in verschiedenen Zusammenhängen immer mehr ins Bewusstsein rückt: Ich will nicht jung werden (um Gottes Willen!), aber ich will die Jüngeren in ihrer Andersartigkeit verstehen, den Anregungen, die sie mir liefern, offen gegenüberstehen, und einiges von diesen Anregungen für mich übernehmen. Bei vielen meiner Altersgenossen ist das nicht der Fall. Das Studium ist also auch ein Weg, alt zu werden und jung zu bleiben, und die Midlife-Krise gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ich fühle mich deutlich jünger als die 52 Jahre, die mir mein Ausweis zeigt.

Das Studium – emotional schwierig
Wie kann man als älterer Mensch das Studium gegenüber den jungen Kommilitonen bewältigen? Ich war das Lernen schon seit vielen Jahren nicht mehr gewöhnt und es fällt im Alter sicher auch schwerer (Lernen war aber ehrlich gesagt schon immer eine meiner Schwachstellen).
Als 50jähriger ist man deutlich disziplinierter und zielgerichteter. Ich hatte neben dem Studium noch meine (selbständige) berufliche Tätigkeit in vollem Umfang und meine Familienarbeit zu erledigen (von zeitweise großen Umbau- und Renovierungsarbeiten zu Hause mal ganz abgesehen). Ich habe das Studium in der Regelstudienzeit von 6 Semestern absolviert. All das ist tatsächlich zu bewältigen. Als junger Mensch schafft man das wahrscheinlich nicht.
Sehr überraschend und intensiv waren die monatelangen Angstgefühle vor den Klausuren, die mir besonders in der Anfangszeit sehr, sehr zu schaffen gemacht haben. Das möchte ich nicht noch einmal erleben. Unter dem Strich war es in den drei Jahren eine Höchstbelastung, die man eine Zeitlang durchhalten, die aber nicht zum Dauerzustand werden kann.

Fazit
Trotz vieler Zweifel und Unwägbarkeiten, trotz der Ängste und der Möglichkeit des Scheiterns war es ein erfolgreicher Aufbruch zu unbekannten Ufern und ich bin froh und stolz diesen Schritt gewagt und geschafft zu haben. Ich habe eingefahrene Wege verlassen und mich auf die Suche nach Neuem gemacht. Ich weiß nicht, wohin mich diese Suche noch weiter führen wird. Ich habe das Gefühl, dass Dinge in Fluss geraten, und bin neugierig.
Mal sehen, wie es weitergeht …!

Hans Jacobs

5 Kommentare

  1. St.H.

    Ihre Leistung ist ohne Zweifel großartig. Ihr Bericht ist für mich noch aus zwei Gründen interessant: Zum einen wegen Ihres „Geständnisses“ Ihrer Furcht vor den Klausuren. Das ist doppelt erstaunlich. Würde man doch annehmen, dass das Alter, die Erfahrung, die bisher erbrachte Leistung vor dieser Angst geschützt hätte. Hat es aber nicht. Warum eigentlich nicht? Was ist zu befürchten? Eine wichtige Frage, wie ich denke.
    Zum Anderen: Die Einschätzung über die juristische Wissenschaft scheint mir ein wenig kurz gegriffen und macht- vielleicht unbewusst und ungewollt – deutlich, was ein Bachelor-Studium eben doch nicht leisten kann (und wohl auch nicht soll): Das wirkliche Eindringen in eine Wissenschaft, die ganz gewiss mehr ist als formale Regeln. Und dafür braucht man nicht gleich zu den Grundrechten zu greifen, um das zu erkennen. Es genügen sicher schon das Erbrecht oder das Familienrecht, Gebiete, bei denen von der Rechtswissenschaft mehr geregelt wird als formale Strukturen.
    Last but not least die Frage, wie Sie mit Ihren Kommilitonen zurecht gekommen sind. Waren Sie Außenseiter? Oder spielt Alter in dem Umfeld wirklich keine Rolle?
    St.H.

  2. Angst ist etwas Unkontrollierbares, Unerklärliches, Irrationales! So etwas passiert mir eigentlich nicht und darum war es ja so überraschend. Ihre Argumente gegen die Angst stimmen voll und ganz (!) und ich habe sie mir ja auch selbst vorgebetet – es hat nur nicht geholfen 😉 Im Laufe des Studiums ist es etwas besser geworden.

    Mein Verständnis von „formal“ kann ich in diesem Zusammenhang am Beispiel einer befreundeten Ärztin erklären, die sich für psychisch Kranke einsetzt und immer wieder an juristische Grenzen stößt. Sachlich hat sie in Ihren Argumenten (z. B. für mehr, bessere, andere Betreuung) sicher recht, aber die entsprechende Behörde oder Krankenkasse holt den entsprechenden Paragraphen raus und setzt sich durch. Zack! Das ist für sie formal und frustrierend. Und darum ist es wichtig, dem auf der anderen Seite auch juristischen (= formalen) Sachverstand gegenüber zu stellen.

    Zum wissenschaftlichen Standard des Jurastudium hatte ich hier gerade eine Menge geschrieben, dann aber gemerkt, dass der Rahmen gesprengt wird. Bitte erlauben Sie mir den einen kurzen und spitzen Satz, dass im Vergleich der beiden Studiengänge bei den Historikern und angrenzenden Geisteswissenschaftlern vom ersten Semester an ein deutlich höherer wissenschaftlicher Standard und eine deutlich größere Nähe zur Forschung besteht. Das ist übrigens auch einer der Hauptgründe, aus denen ich im Nachhinein mein Erststudium als das Bessere bewerte.

    Ich hatte nur mit einigen wenigen Studierenden zu tun. Der Altersunterschied war sehr groß und ich war ein Exot (Außenseiter). Ich hatte aber auch wenig Zeit, um zu quatschen oder in der Cafeteria zu sitzen, da ja zu Hause u. a. meine Arbeit auf mich wartete. Die Studierenden waren so alt wie meine Söhne 🙂

    • I.B.F.

      Tatsächlich ist der Blog ja nicht dazu gedacht, Privatunterhaltungen zu führen – das stimmt wohl. Und auch nicht zu ausschweifend zu sein – eigentlich schade.
      Aber lassen Sie mich als Antwort auf Ihren – wirklich sehr – spitzen Satz (ein Bachelor-Studium ist vermutlich nicht zur Gänze zu vergleichen mit einem vollem juristischem Studium, an dem am Ende das 2. Staatsexamen steht) einen Hinweis geben, der Sie vielleicht(!) überzeugt: Lesen Sie, wenn Sie Zeit haben, das Buch von Uwe Wesel „Fast alles, was Recht ist. Jura für Nicht-Juristen“.
      I.B.F.

  3. Inge

    Lieber Hans Jacobs – ich finde Ihren Bericht ehrlich, erfrischend und gleichzeitig sehr inspirierend und ermutigend. Vielen Dank!
    Und die ausführlichen Kommentare dazu finde als Ergänzung wirklich interessant.
    Inge

  4. sil

    heutige bachelorstudiengänge sind halt wesentlich „inhaltsleerer“, als die „richtigen“ studiengänge, die wir früher absolvierten. ich kenne selbst beides, mit abschluss. trotzdem, als „älterer“ nochmal zu lernen, das ist eine tolle sache, gratulation! nun wünsche ich ihnen aber, dass sie in berlin (!) dafür demnächst auch entsprechend entlohnt werden für die zusatzquali….denn arm ist ja gar nicht sexy. doch in berlin eben ganz gewöhnlich…egal wie qualifiziert…:-( leider geht diese stadt vollkommen achtlos und respektlos mit menschen um, die viel wissen. ein trauerspiel…deswegen flieht die geistige elite ja auch. alles gute!

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