Berlin ab 50…

… und jünger

Von der Leidenschaft für das Theater

logoDie Veranstaltungen und Ausstellungen in der Akademie der Künste – ob am Hanseatenweg oder am Pariser Platz – geben in vielfältiger Weise die Möglichkeit, bekannte und interessante Literaten und Künstler live zu erleben. Wir gehen immer wieder gerne dorthin, auch weil uns die meisten Veranstaltungen zu Diskussionen über künsAkademietlerische Standpunkte und Kulturpolitik anregen. Oftmals ist der Eintritt frei bzw. sind die Karten günstig im Vergleich zu anderen „Hoch-Orten“ der Kunst.

Am 11.Januar (also einen Tag nach dem Attentat auf Charlie Hebdo) des neuen Jahres stellte nun der bekannte Theaterkritiker Günther Rühle, der mit seinen 90 Jahren eine enorme Vitalität ausstrahlte, sein neuestes, kiloschweres und 1509 Seiten umfassendes Werk „Theater in Deutschland 1945–1966“ vor.
Günther Rühle war von 1960 -1985 Redakteur und später Leiter des Feuilletons der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Mit Berlin verbindet ihn seine Zeit als Feuilletonchef des Tagesspiegels von 1990-1995.
2007 erschien der erste, ebenso umfangreiche Band über die Zeit 1887 – 1945 , den dritten Band über das Theater nach 1966 bis heute habe er in Planung. Was, wie Rühle mit einem Schmunzeln berichtet, Claus Peymann ( Intendant des Berliner Ensembles) bereits veranlasste, sich bei ihm zu melden und sein Vorhaben sehr zu unterstützen, ja, geradezu ihn dazu drängend, „weil ich (C.P.) dann darin vorkomme“.

Ulrich Matthes, der neben seinem Schauspielengagement am Deutschen Theater seit 2012 „Direktor der Sektion Darstellende Kunst“ der Akademie der Künste ist, las aus dem vorgestellten Band und wir wurden von der spürbaren Theaterleidenschaft des Autors und des Lesenden mitgetragen. Für uns kann Ulrich Matthes ja aus dem Telefonbuch vorlesen und wir werde immer begeistert sein, hier aber war er ein kongenialer Vorleser der ungemein spannenden, sprachgewaltigen Beschreibung der ästhetischen und strukturellen Entwicklungen im Theater in Ost und West nach Kriegsende. Die Liebe zum Theater füllten den ganzen Saal. Günther Rühles eigene Vorstellung der Buchpräsentation brachte das Konzept des Abends immer wieder etwas durcheinander, was dem Vergnügen für uns als Zuhörer keinerlei Abbruch tat, im Gegenteil. Es war eine große Freude, die Kraft und die Leidenschaft des alten Theaterhasen mitzuerleben. Auch Ulrich Matthias nahm es gelassen und sprang von einem Text zum anderen, anders als vorgesehen, so wie Rühle es wünschte…. Auch Hartmut Krug, der Theaterkritiker des Deutschlandfunks und Moderator des Abends, beugte sich routiniert amüsiert, aber voll Respekt der Autorität Günther Rühles. Für uns war es ein sehr heiterer und vergnüglicher Abend.

Ulrich Matthes las aus dem Buch auch eine Passage über die erste Aufführung am Deutschen Theater im September 1945 – gespielt wurde „Nathan“, mit Paul Wegener in der Titelrolle und in der Inszenierung von Franz Wisten, Bühnenbild und Kostümen von Willi Schmidt – eine Aufführung, die „Staatstheater-Künstler“ (Paul Wegener spielte zwar in einigen Nazi-Propaganda-Filmen mit, bekam aber von der Sowjetischen Besatzungsmacht sofort die Genehmigung, wieder zu spielen) und Remigranten gemeinsam auf die Bühne brachte.
Rühle unterbrach die Lesung und erzählte von Brecht, Friedrich Wolf, von Fritz Erpenbeck und der Formalismus Debatte, Brechts Erfolg mit der Mutter Courage im Osten und um Gründgens, Kortner, Hilpert, Fehling usw. im Westen. Dazwischen durfte dann Ulrich Matthes wieder eine paar Zeilen aus dem Buch lesen.
Abschließend, von Hartmut Krug und Ulrich Matthes befragt, wie er die Zukunft des Theaters sehe, analysierte Rühle, der Theaterhistoriker und ehemalige Intendant, kurz und knapp die unterschiedlichen Bedingungen des Theaters von Lessing bis heute, das mit seiner kindlichen Spielsucht Inszenierungen ohne Botschaft und Konzept hervorbringe. Das Theater muss seiner Meinung nach als Seismograph für französische botschaft ,jan.2015gesellschaftliche Entwicklung fungieren, denn es spiegelt immer auch die gesellschaftliche Realität. Und – mit Blick auf die gegenüberliegende französische Botschaft – stellte Rühle fest, dass der alte Lessing’sche „Nathan“ heute wieder ganz aktuell ist.

Das Buch ist im S. Fischer Verlag erschienen und kostet 48€. Ulrich Matthes selbst hatte schon viel darin gelesen und empfahl es wärmstens als das Werk eines emphatischen Herzblut-Theatermannes, so ganz ohne Elfenbeinturm-Theorie-Wissenschaft und hoch-spannend.

Wenn Sie also mal Lust auf eine interessante Lesung haben, schauen Sie auf der Website der Akademie nach http://www.adk.de/ – Es ist sicher auch was für Sie dabei! Wir können es nur empfehlen.

Bleiben Sie neugierig, es lohnt sich!

go/mw

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